Deutschland hustet wieder analog
Es gibt politische Entscheidungen, die wirken, als hätte jemand im Ministerium eine Challenge gestartet: „Wie können wir den Alltag der Menschen maximal unpraktisch gestalten – aber so, dass es nach verantwortungsvoller Politik klingt?“
Die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ist das aktuelle Gewinnerprojekt dieser Challenge.
Denn offenbar hat man in Berlin beschlossen:
Wer krank ist, soll das auch beweisen – und zwar durch körperliche Präsenz im Wartezimmer, der ultimativen Bazillen-Hüpfburg und dem natürlichen Habitat des Erregers.
Die telefonische Krankschreibung war ein seltenes Einhorn deutscher Bürokratie:
- Sie funktionierte.
- Sie war sinnvoll.
- Sie war menschlich.
- Sie hat Arztpraxen spürbar erleichtert
- Und sie war – Gott bewahre – bequem.
Also: weg damit!
Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ist also vor allem eines:
Ein Liebesbrief an die analoge Welt.
Ein Zeichen dafür, dass Deutschland weiterhin fest daran glaubt, dass echte Gesundheit nur durch echte Wege entsteht – am besten mit Busfahrt und/oder einem kleinen Spaziergang durch herbstlichen Regen, sowie Wartezimmer und dem traditionellen Begrüßungsritual: „Haben Sie Ihre Versichertenkarte dabei?“
Spaßig wird die ganze Sache dann, wenn man auf dem Land wohnt und für den Arztbesuch noch den zuverlässigen Service der Deutschen Bahn in Anspruch nehmen darf. Bisweilen kann ein zugiger Bahnsteig eine großartige Motivation sein, sich anstatt dessen vielleicht doch lieber zur Arbeit zu schleppen.
Stattdessen kehrt Deutschland zurück zu seiner Lieblingsdisziplin: Leidensoptimierung.
Der Patient mit 39 Grad Fieber, Husten mit einem Kilo blutigem Auswurf und Verdauungsstörungen, die das Tragen einer Windel rechtfertigen darf wieder raus, um sich beim Arzt in einen Stuhlkreis aus kranken Menschen zu setzen, die aussehen, als hätten sie gerade ein Casting für „The Walking Dead“ verloren.
Die Regierung nennt das „Missbrauch verhindern“.
Die Realität nennt es „Infektions-Bingo“.
Natürlich wird das Ganze mit „Missbrauchsgefahr“ begründet.
Dieses Argument ist in Deutschland so universell einsetzbar wie WD‑40 oder Sauce Hollandaise zum Sonntagsbraten:
Wenn etwas funktioniert, sprüht man „Missbrauchsgefahr“ drauf, und schon quietscht und knarzt es wieder.
Die Realität freilich ist simpler:
Die telefonische Krankschreibung war ein kleiner Schritt Richtung Moderne.
Und Modernes wird hierzulande oft behandelt wie ein verdächtiges Paket ohne Absender.
Also zurück in die analoge Welt.
- Zurück zu Versichertenkarten, die beim ersten Versuch in der Regel nicht erkannt werden.
- Zurück zu Wartezimmern, die wahlweise als inoffizielle Trainingslager oder Hüpfburg für neue Virusvarianten gelten.
- Zurück zu dem Gefühl, dass man sich seine Krankschreibung erst verdienen muss – durch körperliche Präsenz und die Bereitschaft, sich mindestens eine zusätzliche Krankheit einzufangen.
Die telefonische Krankschreibung war ein kleiner Schritt Richtung Moderne – und die geplante Abschaffung ist ein großer Schritt zurück in die vertraute Umarmung der Bürokratie.
Deutschland bleibt sich treu:
Wenn es kompliziert geht, warum sollte man es einfach machen. Wenn es sinnvoll ist, ist es gefährlich.
Und wenn es Menschen entlastet, muss es weg.
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