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Willich – mein Seelenort am Niederrhein

Es gibt Städte, in denen man wohnt. Und es gibt Orte, die einen irgendwann von innen heraus geformt haben, ohne dass man es gemerkt hat. Willich ist für mich Letzteres geworden. Seit 2011 lebe ich hier, und was als ganz normaler Umzug begann, ist mit den Jahren zu etwas geworden, das ich nur als Seelenort bezeichnen kann – ein Fleck Erde, an dem ich zur Ruhe komme, an dem ich mich zu Hause fühle.

Eine Stadt aus vier Herzen

Was viele von außen nicht wissen: Willich, wie wir es heute kennen, ist noch gar nicht so alt. Erst 1970 haben sich die vier eigenständigen Gemeinden Willich, Schiefbahn, Anrath und Neersen zur heutigen Stadt zusammengeschlossen. Man merkt das bis heute – jeder Stadtteil hat seinen eigenen Charakter, sein eigenes Tempo, seine eigenen kleinen Traditionen behalten. Genau das mag ich an diesem Ort: Er ist keine homogene Einheitsstadt, sondern ein Geflecht aus kleinen Städten und Nachbarschaften, in denen man sich noch grüßt, wenn man sich auf der Straße begegnet.

Der Ort, an dem die Zeit langsamer wird: Schloss Neersen

Wenn ich jemandem erklären soll, warum Willich für mich mehr ist als ein Wohnort, führt kein Weg an Schloss Neersen vorbei. Das dreiflügelige Wasserschloss mit seinen Wurzeln bis ins Mittelalter liegt eingebettet in einen weitläufigen Schlosspark – und dieser Park und seine Umgebung ist für mich so etwas wie ein Ventil geworden. Ein Spaziergang oder eine Radtour zwischen den alten Bäumen, vorbei am Skulpturenpark, mit Blick auf die historische Fassade, oder über die weiten Felder im der Umgebungreicht oft schon aus, um den Kopf freizubekommen.

Im Sommer verwandelt sich das Schloss dann in eine ganz andere Bühne: Bei den Schlossfestspielen, die es schon seit den 1980er-Jahren gibt, wird der Innenhof zur Freilichtbühne. Theater unter freiem Himmel, vor jahrhundertealten Mauern – das hat eine Magie, die man erst versteht, wenn man einmal selbst dort gesessen hat, während die Dämmerung einsetzt.

Kleine Wunder am Wegesrand

Willich ist nicht die Stadt der spektakulären Sehenswürdigkeiten, und genau das schätze ich. Es sind die leiseren Orte, die sich einem erst mit der Zeit erschließen: die Kapelle Klein-Jerusalem, die Herrenhäuser Broich und Stockum, die alten Kirchen in den Stadtteilen und das historische Stahlwerk Becker mit seinen alten Industriegebäuden. Nichts davon schreit nach Aufmerksamkeit – man muss diese Orte fast schon kennen, um sie zu suchen. Und genau dieses Entdecken, Jahr für Jahr ein Stück mehr, hat aus einer fremden Stadt langsam meine Stadt gemacht.

Dazu kommt die Lage: Willich liegt am Niederrhein, nah an Düsseldorf, Krefeld und Mönchengladbach, aber doch spürbar außerhalb ihrer Hektik. Man hat die Großstadt in Reichweite, wenn man sie braucht – und die Ruhe der Region, wenn man sie sucht.

Warum ein Ort zum Seelenort wird

Ich glaube, ein Seelenort entsteht nicht durch Postkartenmotive. Er entsteht durch all die kleinen, wiederkehrenden Momente: der immer gleiche Weg durch den Ort und über die weitläufigen Felder nach einem anstrengenden Tag, das Schützenfest im Sommer, das man irgendwann nicht mehr missen möchte, die Jahreszeiten, die man an denselben Bäumen und Feldern vorbeiziehen sieht, Jahr für Jahr. Seit über einem Jahrzehnt lässt Willich mich das erleben. Es ist nicht die Stadt, die auf den ersten Blick beeindruckt – es ist die Stadt, die einen leise, aber beständig hält.

Wer heute fragt, warum ich noch immer hier lebe, obwohl es näher an den Rhein oder mitten in eine der großen Städte gezogen hätte, dem antworte ich mittlerweile ganz einfach: Weil manche Orte einen nicht loslassen. Und weil manche Orte, wenn man ihnen genug Zeit gibt, zu einem Teil von einem selbst werden.


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