Die Knäckebrot-Telefonierer sind unter uns
Das Titelbild in diesem Beitrag wurden mittels KI generiert.
Früher hielt man ein Telefon ans Ohr. Das war allerdings zu einfach, zu unauffällig und vor allem viel zu privat. Heute hält der fortschrittliche Mensch sein Mobiltelefon waagerecht vor den Mund, als wäre es ein besonders dünn belegtes, fragiles Knäckebrot, dem er vertrauliche Informationen zuflüstern möchte.
Dabei ist der Lautsprecher selbstverständlich aktiviert. Schließlich wäre es ausgesprochen egoistisch, das Gespräch nur mit der Person am anderen Ende zu führen. Die wartenden Fahrgäste, Restaurantbesucher und Supermarktkunden haben ebenfalls ein Recht darauf zu erfahren, dass Kevin schon wieder nicht zurückgerufen hat, die Hautärztin erst im November einen Termin frei hat, dass es ein Mittel gegen Scheidentrockenheit gibt, dass Torben-Wirsing mal wieder anderen Frauen hinterher schaut und dass Tante Gisela „wirklich unmöglich“ ist.
Besonders elegant wirkt diese Telefontechnik in öffentlichen Verkehrsmitteln. Während andere Menschen aus dem Fenster schauen oder still über ihre Lebensentscheidungen nachdenken oder einfach nur die Fahrt geniessen, übernimmt der Knäckebrot-Telefonierer kostenlos das komplette Unterhaltungsprogramm. Eine Stimme kommt aus dem Smartphone, die andere schallt direkt durch den ganzen Bus. Stereo, aber ohne Kopfhörer.
Die Haltung verlangt höchste Präzision: Das Gerät muss ungefähr zehn Zentimeter vor dem Mund schweben. Zu nah wäre ein normales Telefonat, zu weit entfernt könnte der Gesprächspartner nicht mehr jedes Schmatzen und jeden Windstoß genießen. Gelegentlich wird das Smartphone auch leicht schräg gehalten, vermutlich damit das WLAN besser abtropfen kann.
Warum man das Gerät nicht ans Ohr hält, bleibt eines der großen Rätsel unserer Zeit. Vielleicht gelten Ohren inzwischen nur noch als dekorative Halterungen für kabellose Kopfhörer, die man ausgerechnet beim Telefonieren nicht benutzt. Vielleicht ist die klassische Telefonhaltung auch einfach zu wenig sichtbar. Wer privat spricht, riskiert schließlich, von der Umgebung gar nicht wahrgenommen zu werden.
Dabei beweist der Knäckebrot-Stil vor allem eines:
Privatsphäre ist ein Gemeinschaftsprojekt.
Persönliche Probleme sollten nicht hinter verschlossenen Türen bleiben, wenn man sie auch zwischen Tiefkühlpizza und Waschmittel diskutieren kann.
Konflikte mit dem Arbeitgeber gewinnen deutlich an Qualität, sobald zwölf Fremde in der Kassenschlange mithören und innerlich Position beziehen.
Natürlich könnte man Kopfhörer verwenden. Oder leiser sprechen. Oder kurz nach draußen gehen. Doch das wäre Rücksichtnahme, und Rücksichtnahme ist bekanntlich eine veraltete Technologie, die mit modernen Smartphones offenbar vollkommen inkompatibel ist.
So bleibt uns nur, dankbar zu sein. Dankbar für jedes ungefragte Hörspiel im Regionalzug. Dankbar für jede öffentlich ausgetragene Beziehungskrise.
Und dankbar für die Erkenntnis, dass man ein Smartphone zwar immer intelligenter machen kann, seinen Besitzer aber offenbar nicht automatisch mitaktualisiert.
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