Das Lokalradio: Unerträgliche Belanglosigkeit und „Das beste der 80er, der 90er und von heute“

image_pdfPDF erstellenimage_printDrucken

So don’t become some background noise
A backdrop for the girls and boys
Who just don’t know or just don′t care
And just complain when you′re not there

Radio GaGa, Queen, 1984

Es gibt in Nordrhein-Westfalen viele Dinge, die erstaunlich zuverlässig funktionieren: der Regen im Juli, Baustellen auf der A1 und die Fähigkeit der Lokalradios, aus Hunderten Jahren Musikgeschichte immer wieder dieselben 25 seichten Titel auszuwählen.

Wer durch NRW fährt und zwischen den gefühlten 1.200 Lokalsendern umschaltet, erlebt ein faszinierendes Experiment. Auf dem Display steht zwar jedes Mal ein anderer Sendername, musikalisch befindet man sich jedoch im selben Paralleluniversum. Das Programm bleibt selbstverständlich unverändert. Dort laufen seit etwa 1998 dieselben Songs in einer gnadenlosen Zeitschleife. Irgendwo singt Bryan Adams, kurz darauf kommt Pink, dann folgt Ed Sheeran. Nach einer Werbepause meldet sich die Moderatorin, die wie Heidi Klum auf Ecstasy klingt, mit der sensationellen Nachricht, dass es heute warm, nass oder abwechselnd warm und nass werden könnte. Und das mit geiler Musik trotzdem für gute Laune gesorgt wird.

Denn überall läuft „der beste Mix aus den 80ern, 90ern und von heute“. Eine Formulierung, die vermutlich irgendwann in einem unterirdischen Radiolabor entwickelt wurde. Dort sitzen grenzdebile Musikredakteure in weißen Kitteln und erforschen, wie oft ein Mensch denselben Phil-Collins oder Bryan Adams-Song hören kann, bevor er mit dem Autoradio zu verhandeln beginnt.

Jeder Sender wirbt stolz mit dem Slogan: „Das beste der 80er, der 90er und von heute.

Das klingt zunächst in der Tat nach enormer musikalischer Vielfalt. Tatsächlich bedeutet es: „Wir spielen exakt die gleiche Soße wie alle anderen, aber in einer leicht veränderten Reihenfolge.

Man fragt sich manchmal, was mit dem Rest der Musikgeschichte passiert ist.
Jazz? Zu kompliziert.
Afrobeat? Zu interessant.
Elektronische Experimente? Könnten gegebenenfalls Neugier auslösen.
Weltmusik? Was sollen die Leute denn denken? Dass Radio zum Entdecken neuer Klänge da ist?

Nein, Sicherheit geht vor.

Das moderne Lokalradio behandelt Musik wie eine Versicherungsgesellschaft Risiken. Alles, was auch nur den Verdacht erweckt, überraschend zu sein, wird sofort aussortiert. Übrig bleiben jene Lieder, die so oft getestet wurden, dass niemand sie wirklich mag, aber auch niemand aktiv hasst.

Zwischen den Titeln werden dann die ganz großen Themen unserer Zeit verhandelt.

Zum Beispiel:
“Eine Katze saß heute Morgen auf einem Garagendach in Wanne-Eickel.”

Oder:
“Der Verkehrsfluss auf dem Feldweg zwischen Niedermörmter und Obermörmter ist auf Grund diverser Kufladen leicht beeinträchtigt.”

Oder mein persönlicher Favorit:
“Jetzt gewinnen Sie einen Einkaufsgutschein im Wert von 50 Euro für Brunhildes Batik- und Bastelstudio!”

Es gibt auch Wortbeiträge. Etwa die wichtige Frage, ob man beim Grillen lieber Würstchen oder Steak isst, und ob das Zeug darüber hinaus auch vegan sein darf. Hörer dürfen anrufen, abstimmen und dabei unbeabsichtigt beweisen, dass die Demokratie vielleicht doch hin und wieder Grenzen braucht.

Hinzu kommen Wetter, Verkehr und lokale Meldungen. Der Bürgermeister hat ein Band durchschnitten. Im Gewerbegebiet wurde ein Schlüsselbund gefunden. Auf eine Baustelle ist ein Spaten umgefallen. Beim Stadtfest tritt eine Coverband auf, die keine Sau kennt und die „die größten Hits aus den 80ern, 90ern und von heute“ intoniert, selbstverständlich mit freundlicher Unterstützung des Scheunenradios Niederrhein und den Theken-Freunden Oer-Erkenschwick.

Endlich Synergie.

Vielen Dank für diesen enormen journalistischen Kraftakt.

Kulturelle Hintergründe, internationale Perspektiven, gesellschaftliche Debatten oder längere Gespräche wären natürlich auch möglich. Allerdings könnten solche Inhalte dazu führen, dass jemand zuhört, nachdenkt oder sogar eine neue Musikrichtung entdeckt. Dieses Risiko möchte man offenbar nicht eingehen.

Irgendein Siegerländer Birkenwld-Sender hat es sogar geschafft, am 20.August 2026 in den sozialen Medien Ralf Hütter von Kraftwerk zum 80. Geburtstag zu gratulieren und sein Lebenswerk zu würdigen. Wie schön, warum hört man bei denen dann keine Musik von Kraftwerk, wo diese doch House, Techno, Hip-Hop, Electro und was weiß ich nicht noch was erfunden haben? Dazu reicht der Mut offensichtlich nicht. Statt dessen wird der Sicherheitsgurt angelegt und der Airbag aktiviert, damit auch ja nichts passiert.
Summer of 69 von Bryan Adams oder It’s my life von Bon Jovi sind hier die beste Unfallverhütung!

Umso auffälliger wird der Kontrast zu Sendern wie WDR Cosmo. Dort scheint man auf die vollkommen beknackte Idee gekommen zu sein, dass Hörer vielleicht tatsächlich neugierig sein könnten!
Plötzlich hört man Musik aus Lagos, Bogotá, Berlin oder Beirut. Menschen sprechen über Kultur, Migration, Kunst, gesellschaftliche Fragen oder neue Musikströmungen, teilweise gar auf Englisch, Türkisch oder französisch. Die Sendungen vermitteln den Eindruck, die Welt sei größer als das Einzugsgebiet des örtlichen Kirmesplatzes oder einer Sparkassenfiliale.

Für manche Radiostrategen scheint das ungefähr so bedrohlich zu sein wie die jährliche Steuerprüfung. Das kann natürlich irritierend sein. Schließlich besteht die Gefahr, dass Hörer etwas Neues entdecken.

Dabei lebt gerade Radio doch von Überraschungen. Früher schaltete man ein, um etwas zu hören, das man noch nicht kannte. Heute schaltet man ein und denkt: „Ah, dieses Lied über Agathe Bauer (für Insider: I‘ve got the power von Snap). Wieder. Das habe ich vor zwölf Minuten bereits auf dem anderen Sender gehört.“

Vielleicht wäre es ehrlicher, wenn die Lokalsender ihren Werbeslogan anpassen würden:

„Unerträgliche Seichtheit: Die gleichen 80er, die gleichen 90er und die gleichen Songs von heute wie alle anderen.“

Oder noch präziser:

„Lokalradio NRW: Weil kulturelle Vielfalt anstrengend ist.“

Dabei wäre Lokalradio eigentlich eine großartige Idee. Es könnte regionale Künstler vorstellen, kleine Kulturveranstaltungen begleiten, migrantische Communities hörbar machen, lokale Konflikte vertiefen und Menschen zu Wort kommen lassen, die sonst selten im Radio auftauchen oder anderswo keine Stimme bekommen.

Stattdessen gibt es häufig akustisches Hintergrundrauschen im Farbton stützstrumpf-beige:
freundlich, vorhersehbar und so sorgfältig von jeder Irritation befreit, dass selbst ein überraschender Basslauf vermutlich vorher von der Programmleitung genehmigt werden müsste.

Vielleicht braucht NRW nicht weniger Lokalradio. Vielleicht braucht es einfach ein Lokalradio, das sich wieder etwas traut.

Bis dahin bleibt immerhin die Gewissheit, dass irgendwo im Sendegebiet gerade jemand mit großer Begeisterung ankündigt, jetzt komme wieder einer der größten Hits aller Zeiten.
Vom Bryan Adams natürlich …

Und man kennt ihn bereits.

image_pdfPDF erstellenimage_printDrucken

Danke, dass Du diesen Beitrag gelesen hast. Vergiß bitte nicht, diesen Blog zu abonnieren!

 


Entdecke mehr von Casual Conversations

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.