Happy Birthday, Neil Tennant

Now I sit with different faces
In rented rooms and foreign places
All the people I was kissing
Some are here and some are missing
In the 1990s

Being Boring, 1990

Heute ist ein ganz besonderer Tag für die Welt der elektronischen Popmusik. Wir feiern den 72. Geburtstag von Neil Tennant, der Stimme und dem lyrischen Genie hinter den Pet Shop Boys.

Seit über vier Jahrzehnten prägt Tennant (* 10. Juli 1954 in North Shields, England) mit seinem unverkennbaren Stil – einer Mischung aus intellektuellem Understatement, messerscharfen Beobachtungen und unwiderstehlichen Synthesizer-Melodien – die Musiklandschaft.

Ein Mann, ein Geist, ein Sound

Neil Tennant ist kein gewöhnlicher Popstar. Vor seinem musikalischen Durchbruch arbeitete er als Journalist beim Musikmagazin Smash Hits. Während seiner Zeit bei Smash Hits führte er unter anderem ein wegweisendes Interview mit Dusty Springfield, was später zur Zusammenarbeit an dem Hit “What Have I Done to Deserve This?” führte. Diese journalistische Vergangenheit spürt man in jedem Songtext: Tennant schreibt keine bloßen Liebeslieder, er erzählt kleine, oft melancholische Kurzgeschichten über das Leben in der Großstadt, Sehnsüchte, gesellschaftliche Beobachtungen und den flüchtigen Glamour des Ruhms.

Bild: Raph_PHPSBHydePark150919-77, CC BY 2.0, Link

Gemeinsam mit seinem Partner Chris Lowe hat er ein Universum geschaffen, das sowohl die Tanzflächen der Welt als auch die intellektuellen Feuilletons bedient. Von Hymnen wie “West End Girls” bis hin zu zeitlosen Klassikern wie “It’s a Sin” oder “Always on My Mind” – Tennants prägnante, fast gesprochene Gesangsstimme ist das Herzstück, das diese Songs zu zeitlosen Meisterwerken macht.

Warum er heute noch so wichtig ist

Was Neil Tennant und die Pet Shop Boys so bemerkenswert macht, ist ihre Beständigkeit. Während viele Bands der 80er Jahre in der Nostalgie gefangen blieben, haben sich Tennant und Lowe stets weiterentwickelt, neue Sounds integriert und bleiben doch immer zu 100 % “Pet Shop Boys“. Er outete sich 1994 in der Zeitschrift Attitude als homosexuell und gilt seitdem als prominente Stimme für LGBTQ+-Themen in der Musikindustrie.

Tennant schreibt oft wie ein Flaneur oder ein Dokumentarist. Er beobachtet das soziale Gefüge, die Anonymität der Großstadt (besonders London) und die kleinen, oft unbedeutenden Momente, in denen sich große Lebensgeschichten abspielen.

Beispiel: In „West End Girls“ verwebt er sozialkritische Beobachtungen über Klassenunterschiede in London mit einem fast filmischen, düsteren Unterton. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Distanz. Seine Texte handeln oft von dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein, der das Geschehen beobachtet, anstatt mitten darin zu stehen. Dies verbindet er häufig mit einer sehr distanzierten, fast kühlen Sicht auf Begehren, Einsamkeit und das „Anderssein“.
Tennant ist ein belesener Songwriter. Er scheut sich nicht, komplexe Themen wie Religion, Politik oder historische Ereignisse in den Kontext eines Drei-Minuten-Popsongs zu setzen.

  •  Religiöse Ambivalenz: „It’s a Sin“ ist eine brillante Auseinandersetzung mit der katholischen Erziehung, Schuldgefühlen und dem daraus resultierenden Rebellionstrieb, verpackt in eine mitreißende Hymne.
  • Politischer Kommentar: Lieder wie „Left to My Own Devices“ oder „Opportunities (Let’s Make Lots of Money)“ spielen mit gesellschaftlichen Erwartungen und dem britischen Klassensystem.

„Wir schreiben Texte, die eigentlich traurig oder nachdenklich sind, legen diese aber über eine euphorische, tanzbare Produktion.“

Neil Tennant

Dieser bewusste Bruch zwischen dem Inhalt (Text) und der Form (Musik) verleiht den Liedern ihre tiefe Resonanz. Man kann zu den Songs tanzen, ohne den Text zu hinterfragen – oder man kann in die Texte eintauchen und eine bittere, oft satirische Gesellschaftskritik entdecken.
Tennant nutzt oft eine dialogische Erzählweise. Er lässt die Songs wie kleine, abgeschlossene Kurzgeschichten wirken, in denen Charaktere miteinander sprechen oder über ihre Situation reflektieren. Das macht seine Lieder sehr persönlich, ohne dass sie in den bei Popstars oft üblichen „Selbstmitleid-Kitsch“ abrutschen.

Ein Beispiel für seine lyrische Meisterschaft:

In „Being Boring“ verarbeitet er das Älterwerden und den Verlust von Freunden während der AIDS-Krise der 80er Jahre. Es ist einer der persönlichsten und bewegendsten Texte der Popgeschichte, der das Thema Vergänglichkeit mit einer bemerkenswerten, fast schon nüchternen Eleganz behandelt.

An seinem 72. Geburtstag erinnert uns Neil Tennant daran, dass Popmusik keine Frage des Alters ist. Es ist eine Frage der Haltung:

  • Neugier: Er zeigt uns, wie man sich künstlerisch ständig neu erfindet.
  • Intelligenz: Er beweist, dass Mainstream-Erfolg und lyrische Tiefe sich nicht ausschließen müssen.
  • Stil: Er bleibt sich treu, ohne jemals in die Falle der Selbstkopie zu tappen.

Die Top 3 “Neil Tennant”-Momente

Wenn wir heute auf sein Werk zurückblicken, dürfen diese drei Meilensteine in keiner Playlist fehlen:

  • West End Girls (1984):
    Die Geburtsstunde eines völlig neuen, urbanen Pop-Sounds
  • It‘s A Sin (1987):
    Ein dramatisches, kathartisches Meisterwerk über Schuld und Befreiung.
  • Being Boring (1990):
    Vielleicht einer der ehrlichsten und bewegendsten Songs über das Älterwerden und die Vergangenheit.

Neil Tennant hat das Genre des elektronischen Pop maßgeblich mitdefiniert und bleibt ein Vorbild für Generationen von Musikern. Er zeigt uns, dass man die Welt mit einem ironischen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Melancholie betrachten kann – und dabei verdammt gut tanzt.

Alles Gute zum Geburtstag, Neil! Wir freuen uns auf alles, was da noch kommen mag …

Weil es für mich der schönste Song der Pet Shop Boys ist – Being Boring als Video:




Kraftwerk – Pop Art

Der Tod von Kraftwerk Mitbegründer Florian Schneider führt einmal mehr vor Augen, welchen enormen Einfluss die Gruppe aus Düsseldorf auf die Musikgeschichte hatte.
Als Mitglieder des gehobenen Bürgertums in Deutschland suchten Kraftwerk im Nachkriegsdeutschland eine neue Identität und nutzten die Pop-Musik, um die Avantgarde der Jahre vor dem 2.Weltkrieg wiederzubeleben. Futuristische Musik sowie Bilder und Videos aus den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts waren ihr Rezept dazu.

Die Gruppe aus Düsseldorf hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Musiker wie David Bowie, Michael Jackson, OMD, New Order oder Anthony Rother. Ebenso beeinflussten die Musiker aus Düsseldorf die Detroiter Techno- und Houseszene um Juan Atkinson und Derek May, sowie Hip Hop-Künstler wie Afrika Bambaata.

Sehr schön dargestellt wird das in einer Dokumentation des Fernsehsenders arte, die am 29.Mai 2020 um 23:45 Uhr ausgestrahlt wird, jedoch auch über YouTube abrufbar ist.

 




Mein Album 2016

Leute, die wie ich in den 80er Jahren groß geworden sind, können mit dem Begriff “Album” noch etwas anfangen. Als unsere Heroen etwas Neues herausbrachten, gab es zunächst eine Single, später dann ein Album, von dem wir es kaum erwarten konnten, es in den Händen zu halten, bzw. es auf den Plattenteller zulegen.
Leider sind diese “Alben” heutzutage aus der Mode gekommen und den Playlisten auf Spotify und Apple Music gewichen. Jeder kann so seine Lieblingssongs aneinanderreihen. Ein Argument dafür ist sicherlich der technische Fortschritt, nicht weniger jedoch die Tatsache, dass kaum jemand noch richtige “Alben” produziert.

Eines davon entdeckte ich Mitte des Jahres 2016 mehr oder minder zufällig auf Bandcamp, einer Seite, auf der jeder seine Musik feilbieten kann. Das Album heißt “Atlas” und stammt von FM-84 und ist der Kategorie “Retrowave” zuzuordnen.

Das hörte sich schon mal vielversprechend an, da ich sowohl 80er Synth-Pop und die Sonne Kaliforniens mag.
Auf dem Album befinden sich sowohl Instrumentalstücke als auch Songs mit Gesang von unterschiedlichen Sängern, u.a. Clive Farrington von der 80er Jahre Band “When In Rome”.
Schon die ersten Takte des Eröffnungsstückes “Everything” machen klar, wohin die Reise geht. Knallige Drums mit viel “Gated Reverb”, wie ihn Phil Collins bei “In The Air Tonight” das erste mal nutzte. Sein Ingenieur Hugh Padgham erfand diesen mehr oder weniger zufällig bei den Aufnahmen des Stückes im Londoner Townhouse Studio, guckst hier.
Nach wenigen Takten findet man sich auf einer imaginären Reise über die Boulevards von Los Angeles bis an die Strände von Santa Monica, an denen man dann einen standesgemäßen Sonnenuntergang genießt.

Die Qualität der Stücke ist gleichbleibend konstant, man erkennt keine Ausreißer oder Lückenfüller. Ein Highlight ist zweifelsohne der Song “Running In The Night”, auf dem der britische Sänger Ollie Wride aus Brighton den Gesang beisteuert. Das Stück ist absolut charttauglich und wäre das zweifelsohne auf 30 Jahre vorher gewesen, was für die Qualität des Sängers und des Stückes spricht.

Das zweite Highlight für mich ist der letzte Song des Albums, “Goodbye”, bei dem der o.g. Clive Farrington den Gesang beisteuert. Würde man eine Zeitreise zurück in der 80er Jahre machen, würde dieser Song in Filmen wie “Top Gun” oder “Footloose” zuweilen eine bessere Figur machen, als das damalige Material.
Nach 11 Titeln und rund 47 Minuten ist dieses wunderschöne Album leider zu Ende.
Was bleibt, ist das beruhigende Wissen, dass es noch Musiker gibt, die wissen, wie man ein gutes Album produziert, das man von vorne bis hinten in einem Stück durchhören kann, das trotz der unterschiedlichen Gastmusiker wie aus einem Guss wirkt und das absolut professionell klingt. Col Bennet, der hinter FM-84 steckt, ist Schotte, den es nach Kalifornien verschlagen hat und dieses Album mit Ableton Live und diversen Softwareinstrumenten am Rechner erstellt hat. Das ist der Lauf der Zeit, doch ist hier die Stimmung und Atmosphäre der 80er Jahre perfekt eingefangen worden. “Atlas” sieht manche Produktionen, die unter der Prämisse “Wir machen jetzt mal was mit Retro-Equipment, dann klingt es nostalgisch” nichtmals im Rückspiegel, so weit vorne ist es.
Beide Daumen für meinen Favorit aus 2016.

Hier noch das offizielle Video zu “Running In The Night” – danach möchte man eigentlich nur im stilechten DeLorean den Mulholland Drive zum Strand nach Santa Monica fahren.




Owner Of A Lonely Heart

Jeder kennt den Klassiker “Owner Of A Lonely Heart” von Yes aus dem Jahr 1984. Knallige Rocksounds, gesamplete Orchester-Hits und Jon Anderson’s engelsgleiche Stimme.
Hier gibt’s eine Version im “Retrowave”-Gewand. Geblieben ist nur Jan Anderson’s tolle Stimme, trotzdem ein sehr stimmiger Remix von Mitch Murder.

Mehr “Retrowave” gibt es auf diesem YouTube-Channel.