Native Instruments – vom Synthesizer-Pionier zum Sample-Kaufhaus?

Es gab einmal eine Zeit, da musste man einem Musiker nicht erklären, warum Native Instruments etwas Besonderes war.

Man sagte einfach: Reaktor. Absynth. Kontakt.

Und jeder, der sich auch nur ein bisschen mit elektronischer Musik beschäftigte, wusste, was gemeint war.

Native Instruments war für mich nicht einfach ein Hersteller von Software. Das Unternehmen stand für eine Idee: Ein Computer kann ein Instrument sein. Nicht nur ein Abspielgerät für Samples, sondern ein eigenständiges, kreatives Musikinstrument.

Reaktor war eine digitale Spielwiese für Klangforscher. Absynth war ein Synthesizer für Menschen, die keine Lust hatten, immer nur den nächsten analogen Klassiker zu emulieren. Und Kontakt entwickelte sich zu einer Plattform, die in der professionellen Musikproduktion bis heute eine enorme Bedeutung besitzt. Doch irgendwann änderte sich die Richtung. Und genau darüber lohnt es sich zu sprechen.

Vom Instrumentenbauer zum Plattformanbieter

Native Instruments hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker um Kontakt, Komplete, NKS und Sample-Libraries herum organisiert. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar.

Kontakt ist eine riesige Plattform. Entwickler können darauf Instrumente aufbauen, Native Instruments kann Libraries verkaufen und der Kunde bekommt ein ständig wachsendes Ökosystem.

Das Problem ist nur:

  • Wo sind die neuen großen Ideen?
  • Wo ist das Instrument, bei dem man denkt: „Das gab es so bisher noch nicht.“
  • Das ist nicht das gesammelte Piano oder der gesammelte Moog-Synthesizer.

Genau dieses Gefühl des besonderen, einzigartigen hatte ich früher bei Native Instruments ziemlich häufig. Bei Reaktor sowieso. Bei Absynth erst recht. Und auch bei noch Massive.

Heute dagegen wirkt Native Instruments zunehmend wie ein Unternehmen, das weniger neue Instrumente erfindet und mehr eine bestehende Infrastruktur verwaltet und vermarktet. Das ist ein großer Unterschied.

Und dann kam Absynth 6

Ironischerweise musste ausgerechnet Absynth zurückkommen, um daran zu erinnern, wofür Native Instruments einmal stand.

Absynth 6 wurde im Dezember 2025 veröffentlicht und bringt den legendären Hybrid-Synthesizer mit modernisiertem Konzept zurück. Subtraktive Synthese, FM, Wavetable und Granular-Synthese treffen erneut aufeinander. (Native Instruments Blog)

Und plötzlich ist dieses alte Gefühl wieder da:

Da ist ein Instrument.
Nicht einfach die nächste Sample-Library.
Nicht die nächste Expansion.
Nicht das nächste Bundle.
Ein richtiges Instrument.

Dass Absynth anschließend weiter gepflegt wurde und bereits Version 6.1 mit zusätzlichen Presets, Samples und neuen Funktionen erhielt, zeigt immerhin, dass Native Instruments die Rückkehr ernst nimmt. (Community)

Aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Warum ist Absynth die Ausnahme und nicht wieder die Regel?

Komplete ist beeindruckend – aber beeindruckend ist nicht automatisch innovativ

Natürlich wäre es unfair, Native Instruments kleinzureden.

Komplete ist ein gigantisches Paket. Kontakt 8, Massive X, FM8, Reaktor-Instrumente, Effekte, Sample-Libraries und unzählige weitere Produkte ergeben ein Ökosystem, von dem Produzenten vor zwanzig Jahren vermutlich nur geträumt hätten. Die aktuelle Komplete-26-Generation führt diese Strategie konsequent fort. (Native Instruments)

Aber genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen Menge und Innovation. Man kann ein riesiges Warenhaus bauen. Man kann darin hunderte Produkte anbieten. Man kann jedes Jahr neue Bundles schnüren.

Aber irgendwann stellt sich die Frage: Was davon bringt die Entwicklung des Instruments Synthesizer eigentlich noch weiter? Und da wird die Luft dünner.

Da bringt es auch keinen Mehrwert, wenn die riesige Reaktor-Community, in der Benutzer ihre eigenen Reaktor-Kreationen zum Download anbieten, optisch überarbeitet wurde. Sie fristet auf der Homepage von Native Instruments weiter ein Schattendasein! Doch gerade hier lassen sich einige Juwelen entdecken, wie beispielsweise die Instrumente von OreKore.

Die neue Website: viel Design, wenig Orientierung

Dazu kommt ein Problem, das eigentlich überhaupt nichts mit Synthesizern zu tun hat:

Die Benutzerfreundlichkeit

Die neue Native-Instruments-Website wirkt auf mich teilweise wie ein typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Website unbedingt modern aussehen soll, dabei aber vergisst, dass Menschen dort tatsächlich etwas suchen wollen. Gerade bei Komplete möchte ich als Kunde nicht erst eine digitale Schnitzeljagd veranstalten.

Ich möchte wissen:

  • Was ist enthalten?
  • Welche Instrumente?
  • Welche Effekte?
  • Welche Libraries?
  • Welche Versionen?

Und vor allem: Was bekomme ich für mein Geld?

Native Instruments listet die Bestandteile von Komplete zwar weiterhin auf – beispielsweise werden auf der aktuellen Komplete-26-Seite einzelne Instrumente wie Kontakt 8, FM8 und Reaktor Prism genannt. (Native Instruments)

Doch wenn Navigation, Verlinkungen oder Produktdarstellung nicht sauber funktionieren, entsteht beim Kunden schnell der Eindruck: Hier wurde mehr Energie in das Aussehen als in die Benutzerführung gesteckt. Und das ist gerade bei einem Unternehmen, das von Software lebt, eine ziemlich bittere Ironie.

Und dann gibt es Unternehmen wie Cherry Audio

Cherry Audio zeigt momentan ziemlich eindrucksvoll, dass man hochwertige Softwareinstrumente entwickeln kann, ohne dafür jedes Mal ein halbes Monatsgehalt zu verlangen.

Die Produktpalette ist inzwischen beeindruckend breit: DCO-106, Mercury-4, GX-80, Memorymode 2, Ensoniq ESQ-1, Eight Voice, PS-20, Miniverse und viele andere. Viele Einzelinstrumente liegen im Bereich von etwa 30 bis 70 Dollar. (Cherry Audio)

Und genau das finde ich bemerkenswert. Cherry Audio verkauft nicht nur Samples. Cherry Audio baut Instrumente. Instrumente mit eigener Oberfläche. Instrumente mit eigener Klangerzeugung. Instrumente, bei denen man Lust bekommt, sich hinzusetzen und einfach zu spielen. Und das zu Preisen, bei denen man nicht erst den Bausparvertrag kündigen muss.

Und jetzt kommt Traveler

Noch interessanter wird es mit TRAVELER von KeySolutions Sounds. Traveler ist kein weiterer liebloser Vintage-Klon, sondern ein eigenständiger Hybrid-Synthesizer mit drei Oszillatoren, Wavetable-Funktionen, verschiedenen Filterarchitekturen, umfangreichen Modulationsmöglichkeiten, Sequencer, Arpeggiator und Effekten. Der reguläre Preis liegt aktuell bei 149 US-Dollar, wobei zum Start ein deutlich reduzierter Einführungspreis angeboten wird. (KeySolutions Sounds)

Und hier wird es für Native Instruments wirklich interessant. Denn Traveler zeigt, was ein vergleichsweise kleines Team heute leisten kann.

Die Reaktionen aus der Synthesizer-Szene sind entsprechend bemerkenswert. Ein aktueller Test bezeichnet Traveler sogar als möglichen Kandidaten für die erste Liga und zieht ausdrücklich den Vergleich zu u-he Diva. (BuenasIdeas)

Ich würde allerdings einen Satz wie „Traveler ist objektiv besser als Diva“ nicht als wissenschaftliche Tatsache verkaufen. Klang ist schließlich keine Excel-Tabelle.

Aber wenn ein neues Instrument für rund hundert Dollar plötzlich neben einem der angesehensten Software-Synthesizer überhaupt diskutiert wird, sollte man sich bei den großen Herstellern zumindest einmal fragen:

Was machen die kleinen Entwickler eigentlich gerade richtig? Vielleicht fehlt Native Instruments inzwischen ein bisschen der Pioniergeist Das ist letztlich mein eigentlicher Kritikpunkt. Ich vermisse bei Native Instruments nicht unbedingt noch mehr Produkte. Davon gibt es wahrlich genug.

Ich vermisse Mut. Den Mut, wieder ein Instrument zu bauen, das nicht in erster Linie in ein bestehendes Verkaufssystem passt. Ein Instrument, bei dem die Marketingabteilung vielleicht zunächst fragt „Wer braucht das?“

Und der Entwickler antwortet: „Keine Ahnung. Aber hört euch das an!“ Genau so fühlten sich Reaktor und Absynth für mich an. Das waren keine Produkte, bei denen man zuerst darüber nachdachte, welche Expansion man dafür verkaufen könnte. Das waren Werkzeuge für Klangabenteurer.

Die Übernahme durch inMusic ist deshalb eine Chance

Nach der Restrukturierungs- und Insolvenzphase wurde im Mai 2026 die Übernahme von Native Instruments durch inMusic vereinbart. (Native Instruments Blog)

Und vielleicht ist genau das die Chance für einen Neustart. Denn inMusic besitzt mit Marken wie Akai Professional, Moog Music, Rane, Denon DJ, Numark und anderen bereits ein bemerkenswertes Hardware- und Softwareportfolio. (Native Instruments Blog)

Was wäre also, wenn Native Instruments seine alte DNA wiederentdecken würde? Nicht weniger Kontakt. Nicht weniger Komplete. Aber mehr eigene Instrumente. Mehr Forschung. Mehr ungewöhnliche Synthese. Mehr Reaktor. Mehr Absynth. Mehr Überraschungen. Mehr Produkte, bei denen man als Musiker nicht denkt: „Brauche ich das wirklich?“, sondern: „Verdammt – das klingt interessant. Das muss ich ausprobieren!“

Native Instruments muss wieder Instrumente bauen, nicht nur Produkte verwalten

Ich habe großen Respekt vor dem, was Native Instruments aufgebaut hat.

Kontakt ist ein Meilenstein.
Reaktor ist ein Meilenstein.
Absynth ist ein Meilenstein.
Massive war ein Meilenstein.

Aber genau deshalb darf man auch kritisch sein.

Denn wer einmal zu den Pionieren gehört hat, wird nicht plötzlich dadurch uninteressant, dass er erfolgreicher geworden ist.

Man wird uninteressant, wenn man aufhört, Pionier zu sein.

Cherry Audio zeigt, dass gute Klangerzeuger heute nicht zwangsläufig teuer sein müssen.

KeySolutions Sounds zeigt mit Traveler, dass auch kleine Entwickler mit einer guten Idee und viel Erfahrung erstaunliche Ergebnisse erzielen können.

Und u-he zeigt seit Jahren, dass man mit eigenständigen Synthesizer-Konzepten eine treue Fangemeinde aufbauen kann.

Native Instruments hat dagegen etwas, das diese Unternehmen nicht haben:

eine riesige Geschichte, eine enorme technische Kompetenz und ein gewaltiges Ökosystem.

Jetzt müsste man daraus nur wieder etwas machen, das sich nach Zukunft anfühlt.

Denn ganz ehrlich: Ich möchte von Native Instruments nicht unbedingt die nächste 40-GB-Library. Ich möchte wieder dieses Gefühl von damals.

Dieses: „Was zum Teufel ist das – und warum kann ich nicht aufhören, daran herumzuschrauben?“ Das war für mich Native Instruments. Und genau dahin würde ich mir wünschen, dass Native Instruments wieder zurückfindet.




Joe Zawinul – „A Remark You Made“ mit der WDR Big Band Köln

Vor Joe Zawinul klangen Synthesizer im Jazz oft wie Fremdkörper: technisch, futuristisch, manchmal ornamental. Zawinul machte daraus eine melodische und emotionale Stimme. Seine Sounds konnten wie Bläser, Stimmen, Streicher, Orgeln oder völlig neue Wesen klingen – aber immer mit jazzmusikalischer Phrasierung.

Das Besondere war: Er spielte Synthesizer nicht „keyboardmäßig“, sondern fast wie ein Sänger oder Bläser. Die Linien atmeten, bogen sich, riefen, antworteten. Dadurch wurde der Synthesizer im Jazz ein Instrument mit Seele und Persönlichkeit.

Bei Zawinul war ein Sound nie zufällig. Ein Akkord, ein Basslauf oder ein Solo hatte nicht nur Harmonie und Rhythmus, sondern auch eine genau geformte Klangfarbe. Damit verschob er das Denken im Jazz: Nicht nur „welche Note?“ war wichtig, sondern auch „welcher Klang?“.

Und jetzt ist es so, diese Piano Samples sind ja awfully gut. Und mir ist es ja wurscht, wie es ausschaut, wichtig ist, wie das klingt. Verstehst du, was ich meine.

Joe Zawinul, 2010

Da steht er nun nicht einfach vor einem Orchester.
Er steht inmitten eines Atems.

Joe Zawinul hebt die Hand nicht wie ein Dirigent, sondern wie jemand, der eine Erinnerung berührt. Ein Akkord öffnet sich — weich, dunkel, elektrisch — und plötzlich ist der Raum größer als der Saal. Die WDR Big Band Köln legt sich um ihn wie warmes Licht: Blech, Holz, Rhythmus, Stimmen aus Messing und Luft. Aber im Zentrum bleibt dieser Ton, dieser unverwechselbare Zawinul-Klang: halb Mensch, halb Maschine, ganz Seele.

„A Remark You Made“ ist keine Ballade im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Nachhall. Ein Satz, der nie ganz ausgesprochen wurde. Eine Melodie, die sich nicht aufdrängt, sondern bleibt, weil sie etwas weiß, das Worte nicht wissen. Zawinuls Synthesizer singt hier nicht über den Jazz hinweg — er singt durch ihn hindurch. Jeder Ton scheint eine eigene Temperatur zu haben: ein wenig Abschied, ein wenig Trost, ein wenig Himmel über dem Rhein.

Und dann diese Big Band: nicht als großes Gewicht, sondern als Wolke. Sie vergrößert die Melancholie, ohne sie zu beschädigen. Sie gibt dem Stück Flügel, ohne ihm die Intimität zu nehmen. Köln wird für ein paar Minuten zu Birdland, zu Wien, zu New York, zu irgendeinem Ort im Inneren, an dem Musik nicht gespielt, sondern erinnert wird.

Zawinul war ein Meister darin, Elektronik menschlich klingen zu lassen. Bei ihm war der Synthesizer kein Effektgerät, sondern eine Stimme mit Narben. In dieser Begegnung mit der WDR Big Band hört man genau das: einen Klang, der aus Kabeln kommt und trotzdem atmet; eine Melodie, die modern ist und zugleich uralt wirkt.

Diese Aufführung ist deshalb mehr als ein Arrangement.
Sie ist eine Verbeugung.
Vor Weather Report.
Vor der Kunst des Klangs.
Vor einem Musiker, der zeigen konnte, dass ein einziger Ton manchmal reicht, um ein ganzes Leben anzudeuten.

Joe Zawinul spielt nicht einfach ein Solo.
Er sagt etwas.
Und wir hören noch lange nach, was er gemeint haben könnte.




Absynth ist tot. Lang lebe Absynth.

Wie Native Instruments das Konzept „Überraschung“ neu synthetisiert

Es gibt Momente in der Musiksoftware-Geschichte, da lehnt man sich zurück, nippt am längst kalten Kaffee und denkt: „Ja, genau so hatte ich mir den Fortschritt vorgestellt: erst beerdigen, dann mit neuer Benutzeroberfläche wieder auferstehen lassen.“

Native Instruments hatte 2022 beschlossen, Absynth 5 nicht mehr in Komplete 14 aufzunehmen, den Einzelverkauf einzustellen und alle Verkaufs- sowie Entwicklungsaktivitäten zu stoppen — offiziell, weil der Aufwand, das Produkt an moderne Standards anzupassen, zu groß geworden sei. Bestehende Nutzer sollten Absynth 5 weiterhin verwenden können. Es sei denn, man nutzt einen Mac mit Apple Silicon-Prozessor – da gingen die Lichter aus, es sei denn man arbeitet in der Rosetta-Umgebung. Kann man machen, muss man nicht. Es dient dann lediglich der Erinnerung, wie ineffizient Intel-Prozessoren mit derartiger Software umgegangen sind. [1]
Und dann, als hätte jemand im Marketing versehentlich den „Undo“-Button für Produktentscheidungen gefunden, kam 2025 die Wiederauferstehung:
Absynth 6, angekündigt als Rückkehr des klassischen semi-modularen Softsynths. [2]

Kapitel 1: Das unwürdige Ende eines Klassikers

Absynth 5 war nie einfach nur ein Synthesizer. Absynth war ein Zustand. Ein Ort. Ein Geräusch, das klang, als hätte ein Außerirdischer im Wald beschlossen, ein Ambient-Album aufzunehmen.

Dann kam das Ende. Mit einem Knall, in Form eines offiziellen Statements, das sinngemäß sagte: Wir lieben Dich, aber moderne Standards sind anstrengend.
Eine Formulierung, die jeder kennt, der schon einmal versucht hat, ein altes Plug-in auf einem neuen macOS zu starten und dabei mehr über Gatekeeper gelernt hat als über Sounddesign.

Natürlich war die Community traurig. Schließlich war Absynth nicht irgendein Preset-Schleuderbrett, sondern ein Labor für Pads, Drones, Texturen und all diese wunderbaren Sounds, bei denen man nach zehn Minuten nicht mehr weiß, ob man gerade Musik macht oder Kontakt mit einer feuchten Höhle im Orionnebel aufgenommen hat.

Kapitel 2: Native Instruments entdeckt die Archäologie

Und dann: Absynth 6.

Native Instruments beschreibt Absynth 6 als Rückkehr eines legendären semi-modularen Synthesizers, gebaut für atmende, sich verwandelnde Texturen, mit hybrider Engine aus granularer, FM-, Wavetable- und subtraktiver Synthese. [3]
Mit anderen Worten: Absynth darf wieder das tun, was Absynth immer getan hat — nur diesmal hoffentlich ohne das Gefühl, dass die Benutzeroberfläche heimlich auf einem Bernsteinfossil kompiliert wurde.

Völlig unerwartet. Also wirklich völlig. Niemand hätte damit gerechnet – außer vielleicht alle, die irgendwann gelernt haben, dass in der Softwarebranche „eingestellt“ gelegentlich nur bedeutet: Bitte jetzt emotional investieren, damit die Rückkehr später dramatischer wirkt.

Kapitel 3: „Weird by Design“ — endlich ein ehrliches Produktversprechen

Der schönste Teil: Absynth 6 kommt offiziell mit dem Motto „Weird by Design“. [3]
Das ist mutig. Nicht etwa, weil Absynth jemals normal gewesen wäre. Sondern weil hier endlich ausgesprochen wird, was Nutzer seit Jahrzehnten wussten: Dieses Instrument war nie dafür da, eine brave EDM-Bassline in 14 Sekunden zu liefern. Es war dafür da, dass man um 2:37 Uhr morgens einen Klang baut, ihn „Breathing Glass Lung Cathedral In Space 04“ nennt und sich fragt, ob man noch Produzent ist oder schon wabernder Nebel.

Absynth 6 bringt außerdem unter anderem einen visuellen Preset Explorer, ein 68-Punkt-Hüllkurvensystem und den Mutator zurück beziehungsweise weiter. [3]
Das ist großartig, denn nichts sagt „kontrollierte Kreativität“ so sehr wie ein Mutator, der einem Sounddesign-Vorschläge macht, die klingen, als hätte ein modularer Synthesizer einen ansteckenden Fiebertraum.

Kapitel 4: Die Industrie lernt Wiederbelebung

Man muss Native Instruments fast bewundern. Erst erklärt man, dass Absynth 5 zu viel Aufwand sei. Dann bringt man Absynth 6 zurück — moderner, hübscher, kompatibler, expressiver. Laut DJ Mag wurde die neue Version mit Absynths ursprünglichem Designer Brian Clevinger erstellt und für moderne Kompatibilität sowie mehr Ausdruckskraft neu aufgebaut. [2]

Das ist natürlich erfreulich. Wirklich. Aber es ist auch ein bisschen so, als würde ein Restaurant Dein Lieblingsgericht von der Karte nehmen, Dir erklären, dass Kartoffeln leider zu komplex geworden sind, und drei Jahre später mit „Potato 2.0 — now with feelings“ zurückkommen.

Kapitel 5: Wir vergeben. Aber wir speichern das Preset.

Am Ende ist die Sache klar: Absynth 6 ist eine gute Nachricht. Eine sehr gute sogar. Der Synth war zu eigenartig, zu wichtig und zu klanglich seltsam, um dauerhaft in der Software-Mottenkiste zu verschwinden.

Aber natürlich darf man ein wenig sarkastisch applaudieren. Denn die Wiederauferstehung eines eingestellten Klassikers ist immer auch ein kleines Theaterstück in drei Akten:

  1. Akt eins: „Dieses Produkt hat leider keine Zukunft.“
  2. Akt zwei: Nutzer trauern, diskutieren, frieren Installer ein.
  3. Akt drei: „Überraschung! Die Zukunft kostet 199 Euro.“

Absynth ist also zurück. Die Hüllkurven atmen wieder. Die Texturen wabern. Der Mutator mutiert. Und irgendwo sitzt ein alter Absynth-5-Nutzer, startet sein DAW-Template von 2011 und flüstert:

„Ich wusste, Du würdest zurückkommen. Ich habe nur nie gedacht, dass Du skalierbare Fenster mitbringst.“

Willkommen zurück, Absynth. Wir haben Dich vermisst. Und ja, wir tun jetzt so, als wäre das alles vollkommen normal.

Hier ein Stück, „Lost In The Fog“, welches ich vor ein paar Jahren ausschließlich mit Absynth 5 eingespielt habe:




Yamaha TG77 – Lost and found

Im Jahr 1983 revolutionierte Yamaha den Synthesizer-Markt mit dem DX7. Mit seiner neuartigen FM-Synthese ließen sich sehr dynamische Sound erzeugen, zu dieser Zeit sogar recht ordentliche Imitate von Naturinstrumenten. Der Haken war seine, höflich ausgedrückt, diffizile Programmierung, die ohne tiefgreifende Kenntnisse der FM-Synthese nicht möglich war. Diese hier zu erklären, würde den Rahmen sprengen, Dr.Google kennt sich da besser aus.

Der Ruf nach naturgetreuen Imitaten von Klavieren, Streichern, Chören, Bläsern und ähnlichem Zeugs wurde im Laufe der 80er Jahre immer lauter. Eine Korg M1 Workstation und der Roland D50 waren die passenden Antworten darauf. Die FM-Synthese schien ausgedient zu haben, insbesondere, da vorgenannte Geräte um ein vielfaches einfacher zu programmieren waren. Man kam einfach schneller ans Ziel. Grundlagen der Tonerzeugung waren nun Samples, die jedoch die Flexibilität in der Klangprogrammierung damals in der Form stark einschränkten.

Um Hier am Ball zu bleiben, brachte Yamaha 1989 den SY77 als Nachfolger des DX7 heraus. Neben einer erweiterten FM-Synthese gab es hier nun auch Samples als Grundlage der Klangerzeugung. Beide konnten sogar miteinander kombiniert werden!
Im Jahr 1990 erschien dann der TG77 als Expander, also einer tastaturlosen Variante des SY77.
Der Sample-RAM betrug damals 2MB, womit man natürlich keinen Staat machen konnte, insbesondere, weil hier ein Großteil des RAM für das Piano-Sample “draufging”. Bei einem Großteil der Samples handelt es sich um Attack-Samples von Naturinstrumenten wie Streicher, Bläser, Glocken und Flöten.
In Verbindung mit der FM-Synthese treten dabei jedoch erstaunliche Ergebnisse zu Tage, die Yamaha klanglich wieder in die erste Reihe brachte.

Meinen TG77 erwarb ich im Jahr 1997 in einem Musikgeschäft im niederländischen Roermond, welches auch gebrauchte Geräte verkaufte – damals immer noch für einen stolzen Preis von 1.400,- DM (Deutsche Mark, Währung aus dem letzten Jahrhundert – die Älteren kennen sie noch :-)).
Alleine beim Durchprobieren der Werksound bekam ich damals feuchte Augen  (und Ohren), alleine schon die Sounds, die das interne Chor-Sample “Itopia”verwendeten – da konnte der Roland D50 beispielsweise einpacken!
War der DX7 am Gerät schon schwer zu programmieren, lag beim TG 77 die Hürde noch einige Meter höher. Wurde beim DX7, kurz gesagt, ein Sound programmiert, waren es hier stolze 4!

Ohne einen Software-Editor am Rechner ist man hier ziemlich aufgeschmissen. Den gab es jedoch Ende der 90er/Anfang der 00er-Jahre in Form des Emagic Sounddiver. Mit diesem konnte man komfortabel alle möglichen Hardware-Synnthesizer am Rechner editieren und sich eigene Soundbibliotheken anlegen.
Am 1.Juli 2002 wurde Emagic von Apple übernommen – Logic gab es fortan nur noch für den Mac und der Sounddiver wurde eingestellt (damals besaß ich noch einen Windows-Rechner).

Zu dieser Zeit befanden sich schon virtuelle Instrumente, also Software für den Rechner auf dem Vormarsch, die bis heute immer besser, effizienter und klanglich an die alten Vorbilder heranreichen. Lediglich für den Yamaha SY77/TG77 und dessen Nachfolger SY99 gab und gibt es bis heute keine Alternative auf Softwarebasis. Gleichwohl gibt es zig Sample-Bibliotheken, in denen sämtliche berühmte Sounds der Geräte enthalten sind. Auf Grund der Unflexibilität von Samples und der äußert dynamischen Spielweise von FM-Sounds ist das allerdings ein äußerst schwacher Trost.

Ich habe mich im Laufe der Jahre von einer Menge Hardware-Geräten getrennt, geblieben ist aber immer der TG77. Ich habe es nie übers Herz gebracht, diesen tollen Synthesizer in die ewigen Jagdgründe einziehen zu lassen.
Gäbe es doch nur die Möglichkeit, diesen Traum-Synthesizer mit einer geeigneten Software am Rechner zu bedienen … Voraussetzung ist natürlich hier eine Software, die auf dem Mac läuft!

Die Lösung fand ich in dem Editor “Patch Base“. Diese Software läuft unter anderem auf dem Mac und auf iOS. Der Haken an der Sache: Das kostet Geld! Das Programm ist grundsätzlich kostenlos, einzelne Editoren für verschiedene Hardwaregeräte kosten ca. $40,-.
Lohnenswert ist das Programm allemale. Zu beachten ist hier lediglich, dass man ein MIDI-Interface benutzt, dass sog. SysEx (System-exclusive) Daten verarbeiten kann; billige Geräte, die es für ein paar Taler im Onlinehandel gibt, müssen dabei passen und das Editieren der Sounds, bzw. die Datenübertragung vom und zum Gerät funktionieren nicht reibungslos. Auf der Seite von “Patch Base” gibt es jedoch Infos, welche MIDI-Interfaces sich für den Betrieb des Programmes eignen.
Dankenswerterweise lassen sich Sounds und Soundbänke im SysEx-Format problemlos “Patch Base” importieren, so dass hier eine riesige Anzahl von Sounds und Soundbänken, die es (teilweise) frei im Internet gibt zur Verfügung stehen.

Auch nach knapp 30 Jahren hat dieses Gerät, insbesondere die FM-Synthese noch lange nicht ausgedient und es lassen sich immer noch kraftvolle und dynamische Sounds erzeugen, bei der so manches virtuelle Instrument selbst heute passen muss.
Die FM-Synthese ist eher ein Synonym für “kalte” Klänge – hier besteht jedoch die Herausforderung, dem Instrument warme, analoge Klänge im Stil eines Minimoog zu entlocken. Auf Grund der flexiblen Klangerzeugung des Instrumentes ist das eine Herausforderung, die der SY77/TG 77 hier jedoch mit Bravour meistert.
Ein empfehlenswertes Album mit ein paar tollen Klängen des SY77/TG77, sowie des SY99 ist “Beneath The Mask” von der Chick Corea Electric Band.

Hier ein kleines Stück, dass ich bis auf die Drum-Sounds ausschließlich mit Klängen aus dem Yamaha TG77 aufgenommen habe. Die Drum-Sounds und die internen Effekte des TG77 sind die Achillesferse des Synthesizers – bedingt brauchbar, um es höflich auszudrücken. Hier wurden zur weiteren Bearbeitung im Rechner hauptsächlich Plug-Ins von Plugin-Alliance und der Valhalla VintageVerb genutzt.

“Lost And Found”



Kawai K1 für den Rechner

Zugegeben, ich bin ein Fan virtueller Instrumente, ich nutze seit mehr als 10 Jahren keine Hardware mehr. Alles ist „virtuell“ in meinem Mac und in der Produktionssoftware Logic Pro X. Für mich als Hobbymusiker bringt das nur Vorteile – „total recall“ bei minimalem Platzbedarf. Ob die Software klingt wie ein echter Minimoog ist nicht mehr von Belang; Softwareinstrumente sind mittlerweile verdammt nahe am Original. 
Es gibt mittlerweile kaum eine exotische Hardware, die auch ihr digitales Pendant gefunden hat. 

Neulich bin ich im Internet über den ebenfalls aus Neuss stammenden Programmierer Nils Schneider gestolpert. Er hat das Kunststück fertiggebracht, den Kawai K1 als virtuelles Instrument zu programmieren.
What?!?! Eine krächzende Rappelkiste aus dem Ende der 80er Jahre! Das Ding konnte nur Samples, gesampelte Wellenformen und ein paar eiernde Sample-Loops. Der K1 hatte nur rudimentäre Synthesefunktionen und besaß nicht einmal einen Filter. Wird auch völlig überbewertet. Braucht das heute noch irgendjemand?
Ich besaß Ende der Achtziger Jahre einen Abkömmling dieses Gerätes, das Kawai PHm Modul, welches im Grunde eine Presetversion des K1 war. Zu der Zeit war man damit ziemlich weit vorne: Hauchende Chöre, echte Steicher und Bläser und das allgegenwärtige DX-7 E-Pianos. Das kann klanglich heute jede Freeware. Zuweilen ist es aber genau das, was man im Zeitalter zig cinematischer Samplebibliotheken und milimetergetreuer Emulationen analoger Schaltkreise braucht. Mit Klängen, die der K1 bietet, sind damals Hits entstanden, die heute noch geil klingen und die man auch noch nach 100 Jahren wiedererkennt.

Ein solches Kleinod ist der K1v, den es seit kurzem auch als Audio Unit für den Mac zum Gebrauch in Logic Pro X gibt. Der liebe Gott hat meine Gebete erhört, bis dato gab es das Teil nur für Windosen …
Das beste an der Sache: Das Instrument ist Freeware!
Das Teil klingt einfach nur rauh, cheezy und ziemlich billig – und das ist auch gut so. Selbstverständlich sind alles Werksounds in dem Programm enthalten, man kann sich aber auch seine eigenen Soundkreationen erstellen. Auf Grund der äußerst sparsamen Parametrisierung kommt man hier jedoch enorm schnell zum Ziel und kann sich dem Wesentlichen widmen: Dem Musikmachen. Auch, wenn man das, wie in diesem Falle, mit einem alten VW-Käfer macht.

Hier ein kleines Beispiel, was man mit dem Teil anstellen kann. Alle Sounds stammen aus dem K1v. Da das Instrument weder über Filter noch Effekte verfügt, habe ich regen Gebrauch von externen Effekten gemacht. Hauptsächlich sind das der Valhalla Vintage Verb, das Waldorf D-Pole Filter und die Effekte aus der Arturia FX-Collection.

Hier gibt es das Instrument zum Download: Nils K1v

“Back In Time”



Kraftwerk – Pop Art

Der Tod von Kraftwerk Mitbegründer Florian Schneider führt einmal mehr vor Augen, welchen enormen Einfluss die Gruppe aus Düsseldorf auf die Musikgeschichte hatte.
Als Mitglieder des gehobenen Bürgertums in Deutschland suchten Kraftwerk im Nachkriegsdeutschland eine neue Identität und nutzten die Pop-Musik, um die Avantgarde der Jahre vor dem 2.Weltkrieg wiederzubeleben. Futuristische Musik sowie Bilder und Videos aus den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts waren ihr Rezept dazu.

Die Gruppe aus Düsseldorf hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf Musiker wie David Bowie, Michael Jackson, OMD, New Order oder Anthony Rother. Ebenso beeinflussten die Musiker aus Düsseldorf die Detroiter Techno- und Houseszene um Juan Atkinson und Derek May, sowie Hip Hop-Künstler wie Afrika Bambaata.

Sehr schön dargestellt wird das in einer Dokumentation des Fernsehsenders arte, die am 29.Mai 2020 um 23:45 Uhr ausgestrahlt wird, jedoch auch über YouTube abrufbar ist.

 




OP-X für den Mac

Den einzigen Wermutstropfen, den der Wechsel von Windows zum Mac hinterlassen hat war, dass ich meinen OP-X Synthesizer der schweizer Firma Sonicprojects nicht mehr nutzen konnte. Es gab ihn nur für Windosen. Zwar gab es einen Workaround dafür, aber der war kompliziert, wenig benutzerfreundlich und richtig Windows-like.

Was ist überhaupt der „OP-X“?
Das ist ein Plug-In für alle gängigen Audio-Workstations, der den legendären OB-X von Oberheim emuliert. Und das richtig gut! Er trieb mir die Tränen in die Augen. Wer den OB-X nicht kennt, der hört sich einfach mal das Intro von Van Halen’s „Jump“ an.
Da hängt der Hammer.
Auch Barclay James Harvest haben das Gerät auf Ihrem Anfang der 80er Jahre erschienenen Album „Turn Of The Tide“ bis zum Erbrechen eingesetzt.

Das Ding ist nichts für knackige Percussion-Sounds, da die Hüllkurven einfach zu lahm sind, aber bei Flächenklängen und schneidenden Sync-Sounds ist das Ding der Knaller.

Jetzt hatten die Entwickler ein Einsehen und haben dieses wunderschöne Stück Software endlich für Mac OS X herausgebracht. Ich könnte heulen vor Freude. Einfach zum Niederknien …