Native Instruments – vom Synthesizer-Pionier zum Sample-Kaufhaus?

Es gab einmal eine Zeit, da musste man einem Musiker nicht erklären, warum Native Instruments etwas Besonderes war.

Man sagte einfach: Reaktor. Absynth. Kontakt.

Und jeder, der sich auch nur ein bisschen mit elektronischer Musik beschäftigte, wusste, was gemeint war.

Native Instruments war für mich nicht einfach ein Hersteller von Software. Das Unternehmen stand für eine Idee: Ein Computer kann ein Instrument sein. Nicht nur ein Abspielgerät für Samples, sondern ein eigenständiges, kreatives Musikinstrument.

Reaktor war eine digitale Spielwiese für Klangforscher. Absynth war ein Synthesizer für Menschen, die keine Lust hatten, immer nur den nächsten analogen Klassiker zu emulieren. Und Kontakt entwickelte sich zu einer Plattform, die in der professionellen Musikproduktion bis heute eine enorme Bedeutung besitzt. Doch irgendwann änderte sich die Richtung. Und genau darüber lohnt es sich zu sprechen.

Vom Instrumentenbauer zum Plattformanbieter

Native Instruments hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker um Kontakt, Komplete, NKS und Sample-Libraries herum organisiert. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar.

Kontakt ist eine riesige Plattform. Entwickler können darauf Instrumente aufbauen, Native Instruments kann Libraries verkaufen und der Kunde bekommt ein ständig wachsendes Ökosystem.

Das Problem ist nur:

  • Wo sind die neuen großen Ideen?
  • Wo ist das Instrument, bei dem man denkt: „Das gab es so bisher noch nicht.“
  • Das ist nicht das gesammelte Piano oder der gesammelte Moog-Synthesizer.

Genau dieses Gefühl des besonderen, einzigartigen hatte ich früher bei Native Instruments ziemlich häufig. Bei Reaktor sowieso. Bei Absynth erst recht. Und auch bei noch Massive.

Heute dagegen wirkt Native Instruments zunehmend wie ein Unternehmen, das weniger neue Instrumente erfindet und mehr eine bestehende Infrastruktur verwaltet und vermarktet. Das ist ein großer Unterschied.

Und dann kam Absynth 6

Ironischerweise musste ausgerechnet Absynth zurückkommen, um daran zu erinnern, wofür Native Instruments einmal stand.

Absynth 6 wurde im Dezember 2025 veröffentlicht und bringt den legendären Hybrid-Synthesizer mit modernisiertem Konzept zurück. Subtraktive Synthese, FM, Wavetable und Granular-Synthese treffen erneut aufeinander. (Native Instruments Blog)

Und plötzlich ist dieses alte Gefühl wieder da:

Da ist ein Instrument.
Nicht einfach die nächste Sample-Library.
Nicht die nächste Expansion.
Nicht das nächste Bundle.
Ein richtiges Instrument.

Dass Absynth anschließend weiter gepflegt wurde und bereits Version 6.1 mit zusätzlichen Presets, Samples und neuen Funktionen erhielt, zeigt immerhin, dass Native Instruments die Rückkehr ernst nimmt. (Community)

Aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Warum ist Absynth die Ausnahme und nicht wieder die Regel?

Komplete ist beeindruckend – aber beeindruckend ist nicht automatisch innovativ

Natürlich wäre es unfair, Native Instruments kleinzureden.

Komplete ist ein gigantisches Paket. Kontakt 8, Massive X, FM8, Reaktor-Instrumente, Effekte, Sample-Libraries und unzählige weitere Produkte ergeben ein Ökosystem, von dem Produzenten vor zwanzig Jahren vermutlich nur geträumt hätten. Die aktuelle Komplete-26-Generation führt diese Strategie konsequent fort. (Native Instruments)

Aber genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen Menge und Innovation. Man kann ein riesiges Warenhaus bauen. Man kann darin hunderte Produkte anbieten. Man kann jedes Jahr neue Bundles schnüren.

Aber irgendwann stellt sich die Frage: Was davon bringt die Entwicklung des Instruments Synthesizer eigentlich noch weiter? Und da wird die Luft dünner.

Da bringt es auch keinen Mehrwert, wenn die riesige Reaktor-Community, in der Benutzer ihre eigenen Reaktor-Kreationen zum Download anbieten, optisch überarbeitet wurde. Sie fristet auf der Homepage von Native Instruments weiter ein Schattendasein! Doch gerade hier lassen sich einige Juwelen entdecken, wie beispielsweise die Instrumente von OreKore.

Die neue Website: viel Design, wenig Orientierung

Dazu kommt ein Problem, das eigentlich überhaupt nichts mit Synthesizern zu tun hat:

Die Benutzerfreundlichkeit

Die neue Native-Instruments-Website wirkt auf mich teilweise wie ein typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Website unbedingt modern aussehen soll, dabei aber vergisst, dass Menschen dort tatsächlich etwas suchen wollen. Gerade bei Komplete möchte ich als Kunde nicht erst eine digitale Schnitzeljagd veranstalten.

Ich möchte wissen:

  • Was ist enthalten?
  • Welche Instrumente?
  • Welche Effekte?
  • Welche Libraries?
  • Welche Versionen?

Und vor allem: Was bekomme ich für mein Geld?

Native Instruments listet die Bestandteile von Komplete zwar weiterhin auf – beispielsweise werden auf der aktuellen Komplete-26-Seite einzelne Instrumente wie Kontakt 8, FM8 und Reaktor Prism genannt. (Native Instruments)

Doch wenn Navigation, Verlinkungen oder Produktdarstellung nicht sauber funktionieren, entsteht beim Kunden schnell der Eindruck: Hier wurde mehr Energie in das Aussehen als in die Benutzerführung gesteckt. Und das ist gerade bei einem Unternehmen, das von Software lebt, eine ziemlich bittere Ironie.

Und dann gibt es Unternehmen wie Cherry Audio

Cherry Audio zeigt momentan ziemlich eindrucksvoll, dass man hochwertige Softwareinstrumente entwickeln kann, ohne dafür jedes Mal ein halbes Monatsgehalt zu verlangen.

Die Produktpalette ist inzwischen beeindruckend breit: DCO-106, Mercury-4, GX-80, Memorymode 2, Ensoniq ESQ-1, Eight Voice, PS-20, Miniverse und viele andere. Viele Einzelinstrumente liegen im Bereich von etwa 30 bis 70 Dollar. (Cherry Audio)

Und genau das finde ich bemerkenswert. Cherry Audio verkauft nicht nur Samples. Cherry Audio baut Instrumente. Instrumente mit eigener Oberfläche. Instrumente mit eigener Klangerzeugung. Instrumente, bei denen man Lust bekommt, sich hinzusetzen und einfach zu spielen. Und das zu Preisen, bei denen man nicht erst den Bausparvertrag kündigen muss.

Und jetzt kommt Traveler

Noch interessanter wird es mit TRAVELER von KeySolutions Sounds. Traveler ist kein weiterer liebloser Vintage-Klon, sondern ein eigenständiger Hybrid-Synthesizer mit drei Oszillatoren, Wavetable-Funktionen, verschiedenen Filterarchitekturen, umfangreichen Modulationsmöglichkeiten, Sequencer, Arpeggiator und Effekten. Der reguläre Preis liegt aktuell bei 149 US-Dollar, wobei zum Start ein deutlich reduzierter Einführungspreis angeboten wird. (KeySolutions Sounds)

Und hier wird es für Native Instruments wirklich interessant. Denn Traveler zeigt, was ein vergleichsweise kleines Team heute leisten kann.

Die Reaktionen aus der Synthesizer-Szene sind entsprechend bemerkenswert. Ein aktueller Test bezeichnet Traveler sogar als möglichen Kandidaten für die erste Liga und zieht ausdrücklich den Vergleich zu u-he Diva. (BuenasIdeas)

Ich würde allerdings einen Satz wie „Traveler ist objektiv besser als Diva“ nicht als wissenschaftliche Tatsache verkaufen. Klang ist schließlich keine Excel-Tabelle.

Aber wenn ein neues Instrument für rund hundert Dollar plötzlich neben einem der angesehensten Software-Synthesizer überhaupt diskutiert wird, sollte man sich bei den großen Herstellern zumindest einmal fragen:

Was machen die kleinen Entwickler eigentlich gerade richtig? Vielleicht fehlt Native Instruments inzwischen ein bisschen der Pioniergeist Das ist letztlich mein eigentlicher Kritikpunkt. Ich vermisse bei Native Instruments nicht unbedingt noch mehr Produkte. Davon gibt es wahrlich genug.

Ich vermisse Mut. Den Mut, wieder ein Instrument zu bauen, das nicht in erster Linie in ein bestehendes Verkaufssystem passt. Ein Instrument, bei dem die Marketingabteilung vielleicht zunächst fragt „Wer braucht das?“

Und der Entwickler antwortet: „Keine Ahnung. Aber hört euch das an!“ Genau so fühlten sich Reaktor und Absynth für mich an. Das waren keine Produkte, bei denen man zuerst darüber nachdachte, welche Expansion man dafür verkaufen könnte. Das waren Werkzeuge für Klangabenteurer.

Die Übernahme durch inMusic ist deshalb eine Chance

Nach der Restrukturierungs- und Insolvenzphase wurde im Mai 2026 die Übernahme von Native Instruments durch inMusic vereinbart. (Native Instruments Blog)

Und vielleicht ist genau das die Chance für einen Neustart. Denn inMusic besitzt mit Marken wie Akai Professional, Moog Music, Rane, Denon DJ, Numark und anderen bereits ein bemerkenswertes Hardware- und Softwareportfolio. (Native Instruments Blog)

Was wäre also, wenn Native Instruments seine alte DNA wiederentdecken würde? Nicht weniger Kontakt. Nicht weniger Komplete. Aber mehr eigene Instrumente. Mehr Forschung. Mehr ungewöhnliche Synthese. Mehr Reaktor. Mehr Absynth. Mehr Überraschungen. Mehr Produkte, bei denen man als Musiker nicht denkt: „Brauche ich das wirklich?“, sondern: „Verdammt – das klingt interessant. Das muss ich ausprobieren!“

Native Instruments muss wieder Instrumente bauen, nicht nur Produkte verwalten

Ich habe großen Respekt vor dem, was Native Instruments aufgebaut hat.

Kontakt ist ein Meilenstein.
Reaktor ist ein Meilenstein.
Absynth ist ein Meilenstein.
Massive war ein Meilenstein.

Aber genau deshalb darf man auch kritisch sein.

Denn wer einmal zu den Pionieren gehört hat, wird nicht plötzlich dadurch uninteressant, dass er erfolgreicher geworden ist.

Man wird uninteressant, wenn man aufhört, Pionier zu sein.

Cherry Audio zeigt, dass gute Klangerzeuger heute nicht zwangsläufig teuer sein müssen.

KeySolutions Sounds zeigt mit Traveler, dass auch kleine Entwickler mit einer guten Idee und viel Erfahrung erstaunliche Ergebnisse erzielen können.

Und u-he zeigt seit Jahren, dass man mit eigenständigen Synthesizer-Konzepten eine treue Fangemeinde aufbauen kann.

Native Instruments hat dagegen etwas, das diese Unternehmen nicht haben:

eine riesige Geschichte, eine enorme technische Kompetenz und ein gewaltiges Ökosystem.

Jetzt müsste man daraus nur wieder etwas machen, das sich nach Zukunft anfühlt.

Denn ganz ehrlich: Ich möchte von Native Instruments nicht unbedingt die nächste 40-GB-Library. Ich möchte wieder dieses Gefühl von damals.

Dieses: „Was zum Teufel ist das – und warum kann ich nicht aufhören, daran herumzuschrauben?“ Das war für mich Native Instruments. Und genau dahin würde ich mir wünschen, dass Native Instruments wieder zurückfindet.




Absynth ist tot. Lang lebe Absynth.

Wie Native Instruments das Konzept „Überraschung“ neu synthetisiert

Es gibt Momente in der Musiksoftware-Geschichte, da lehnt man sich zurück, nippt am längst kalten Kaffee und denkt: „Ja, genau so hatte ich mir den Fortschritt vorgestellt: erst beerdigen, dann mit neuer Benutzeroberfläche wieder auferstehen lassen.“

Native Instruments hatte 2022 beschlossen, Absynth 5 nicht mehr in Komplete 14 aufzunehmen, den Einzelverkauf einzustellen und alle Verkaufs- sowie Entwicklungsaktivitäten zu stoppen — offiziell, weil der Aufwand, das Produkt an moderne Standards anzupassen, zu groß geworden sei. Bestehende Nutzer sollten Absynth 5 weiterhin verwenden können. Es sei denn, man nutzt einen Mac mit Apple Silicon-Prozessor – da gingen die Lichter aus, es sei denn man arbeitet in der Rosetta-Umgebung. Kann man machen, muss man nicht. Es dient dann lediglich der Erinnerung, wie ineffizient Intel-Prozessoren mit derartiger Software umgegangen sind. [1]
Und dann, als hätte jemand im Marketing versehentlich den „Undo“-Button für Produktentscheidungen gefunden, kam 2025 die Wiederauferstehung:
Absynth 6, angekündigt als Rückkehr des klassischen semi-modularen Softsynths. [2]

Kapitel 1: Das unwürdige Ende eines Klassikers

Absynth 5 war nie einfach nur ein Synthesizer. Absynth war ein Zustand. Ein Ort. Ein Geräusch, das klang, als hätte ein Außerirdischer im Wald beschlossen, ein Ambient-Album aufzunehmen.

Dann kam das Ende. Mit einem Knall, in Form eines offiziellen Statements, das sinngemäß sagte: Wir lieben Dich, aber moderne Standards sind anstrengend.
Eine Formulierung, die jeder kennt, der schon einmal versucht hat, ein altes Plug-in auf einem neuen macOS zu starten und dabei mehr über Gatekeeper gelernt hat als über Sounddesign.

Natürlich war die Community traurig. Schließlich war Absynth nicht irgendein Preset-Schleuderbrett, sondern ein Labor für Pads, Drones, Texturen und all diese wunderbaren Sounds, bei denen man nach zehn Minuten nicht mehr weiß, ob man gerade Musik macht oder Kontakt mit einer feuchten Höhle im Orionnebel aufgenommen hat.

Kapitel 2: Native Instruments entdeckt die Archäologie

Und dann: Absynth 6.

Native Instruments beschreibt Absynth 6 als Rückkehr eines legendären semi-modularen Synthesizers, gebaut für atmende, sich verwandelnde Texturen, mit hybrider Engine aus granularer, FM-, Wavetable- und subtraktiver Synthese. [3]
Mit anderen Worten: Absynth darf wieder das tun, was Absynth immer getan hat — nur diesmal hoffentlich ohne das Gefühl, dass die Benutzeroberfläche heimlich auf einem Bernsteinfossil kompiliert wurde.

Völlig unerwartet. Also wirklich völlig. Niemand hätte damit gerechnet – außer vielleicht alle, die irgendwann gelernt haben, dass in der Softwarebranche „eingestellt“ gelegentlich nur bedeutet: Bitte jetzt emotional investieren, damit die Rückkehr später dramatischer wirkt.

Kapitel 3: „Weird by Design“ — endlich ein ehrliches Produktversprechen

Der schönste Teil: Absynth 6 kommt offiziell mit dem Motto „Weird by Design“. [3]
Das ist mutig. Nicht etwa, weil Absynth jemals normal gewesen wäre. Sondern weil hier endlich ausgesprochen wird, was Nutzer seit Jahrzehnten wussten: Dieses Instrument war nie dafür da, eine brave EDM-Bassline in 14 Sekunden zu liefern. Es war dafür da, dass man um 2:37 Uhr morgens einen Klang baut, ihn „Breathing Glass Lung Cathedral In Space 04“ nennt und sich fragt, ob man noch Produzent ist oder schon wabernder Nebel.

Absynth 6 bringt außerdem unter anderem einen visuellen Preset Explorer, ein 68-Punkt-Hüllkurvensystem und den Mutator zurück beziehungsweise weiter. [3]
Das ist großartig, denn nichts sagt „kontrollierte Kreativität“ so sehr wie ein Mutator, der einem Sounddesign-Vorschläge macht, die klingen, als hätte ein modularer Synthesizer einen ansteckenden Fiebertraum.

Kapitel 4: Die Industrie lernt Wiederbelebung

Man muss Native Instruments fast bewundern. Erst erklärt man, dass Absynth 5 zu viel Aufwand sei. Dann bringt man Absynth 6 zurück — moderner, hübscher, kompatibler, expressiver. Laut DJ Mag wurde die neue Version mit Absynths ursprünglichem Designer Brian Clevinger erstellt und für moderne Kompatibilität sowie mehr Ausdruckskraft neu aufgebaut. [2]

Das ist natürlich erfreulich. Wirklich. Aber es ist auch ein bisschen so, als würde ein Restaurant Dein Lieblingsgericht von der Karte nehmen, Dir erklären, dass Kartoffeln leider zu komplex geworden sind, und drei Jahre später mit „Potato 2.0 — now with feelings“ zurückkommen.

Kapitel 5: Wir vergeben. Aber wir speichern das Preset.

Am Ende ist die Sache klar: Absynth 6 ist eine gute Nachricht. Eine sehr gute sogar. Der Synth war zu eigenartig, zu wichtig und zu klanglich seltsam, um dauerhaft in der Software-Mottenkiste zu verschwinden.

Aber natürlich darf man ein wenig sarkastisch applaudieren. Denn die Wiederauferstehung eines eingestellten Klassikers ist immer auch ein kleines Theaterstück in drei Akten:

  1. Akt eins: „Dieses Produkt hat leider keine Zukunft.“
  2. Akt zwei: Nutzer trauern, diskutieren, frieren Installer ein.
  3. Akt drei: „Überraschung! Die Zukunft kostet 199 Euro.“

Absynth ist also zurück. Die Hüllkurven atmen wieder. Die Texturen wabern. Der Mutator mutiert. Und irgendwo sitzt ein alter Absynth-5-Nutzer, startet sein DAW-Template von 2011 und flüstert:

„Ich wusste, Du würdest zurückkommen. Ich habe nur nie gedacht, dass Du skalierbare Fenster mitbringst.“

Willkommen zurück, Absynth. Wir haben Dich vermisst. Und ja, wir tun jetzt so, als wäre das alles vollkommen normal.

Hier ein Stück, „Lost In The Fog“, welches ich vor ein paar Jahren ausschließlich mit Absynth 5 eingespielt habe: