Sommermärchen 2006

Erinnerst du dich noch an das Jahr 2006? Zwanzig Jahre ist das her. Die Welt war eine andere. Smartphones waren noch klobige Knochen mit winzigen Bildschirmen, auf denen man auf einer Mäusetastatur verzweifelt versucht hat, eine SMS mit dreimaligem Drücken der Taste „7“ zu tippen. Und mitten in dieser analogen Gemütlichkeit geschah das Unfassbare: Deutschland verlor für genau vier Wochen seine sprichwörtliche, unterkühlte Effizienz und mutierte zur größten Open-Air-Partyzone der Welt.

Willkommen beim Sommermärchen 2006.

Phase 1: Die kollektive Skepsis (Der typisch deutsche Start)

Bevor der erste Ball rollte, war die Stimmung – sagen wir es höflich – äußerst verhalten. Jürgen Klinsmann, unser damaliger Bundestrainer, wurde von den Medien fast schon wie ein Staatsfeind eines Schurkenstaates behandelt, weil er es gewagt hatte, im fernen Kalifornien zu leben und von dort aus Fitness-Gurus aus den USA einfliegen zu lassen. Die Schlagzeilen prophezeiten das sportliche Waterloo.

Der O-Ton im Mai 2006: „Mit der Abwehr fliegen wir in der Vorrunde raus. Und warum trägt dieser Klinsmann eigentlich keinen Anzug?“

Und dann? Kam der 9. Juni. München. Philipp Lahm zieht von links nach innen und schweißt das Ding im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica unhaltbar in den Winkel. Gänsehaut. Plötzlich war allen klar: Moment mal, da geht was, wir können ja doch kicken!

Phase 2: Schwarz-Rot-Goldene Extase

Was in den nächsten Wochen passierte, spottet bis heute jeder soziologischen Beschreibung. Ein ganzes Land, das sonst beim Thema Nationalstolz eher verlegen auf die eigenen Schuhe schaut, wickelte sich plötzlich in Flaggen ein, als gäbe es im Winter keine Decken mehr.

Plötzlich geschahen wundersame Dinge:

  • Die Seitenspiegel-Kondome: Jeder – wirklich jeder – Kleinwagen hatte plötzlich kleine Flaggen-Socken über den Außenspiegeln. Wer ohne fuhr, war verdächtig.
  • Public Viewing: Das Wort kannte vorher kein Mensch. Plötzlich standen Millionen Menschen bei 30 Grad im Schatten Schulter an Schulter auf Marktplätzen, tranken lauwarmes Bier aus Plastikbechern und starrten auf riesige Pixel-Leinwände.
  • Die Grill-Industrie: Fleischwurst und Nackensteaks wurden zur Hauptnahrungsquelle befördert. Vegetarismus war 2006 gefühlt noch ein Gerücht.

Wir lernten Namen wie David Odonkor (der Mann, der schneller lief als sein eigener Schatten) und klatschten euphorisch, wenn Oliver Neuville den Ball irgendwie über die Linie grätschte. Selbst Menschen, die Abseits bis heute für eine Designermarke halten, diskutierten plötzlich über die Vorzüge einer Viererkette.
Optimistische Zeitgenossen widmeten das Motto dieser WM, „die Welt zu Gast bei Freunden“ kurzerhand in „Freunde zu Gast beim Weltmeister“ um.

Phase 3: Das bittere, wunderschöne Ende

Es musste kommen, wie es kam: Italien. Dortmund. 4.Juli 2006. Die 119. Minute im Halbfinale. Fabio Grosso trifft uns mitten ins Herz, gefolgt von Alessandro Del Piero. Das Sommermärchen war sportlich vorbei, die Tränen flossen in Strömen.

Aber anstatt in den gewohnten Blues zu verfallen, einen Umbruch in der Mannschaft und gleichzeitigem Trainerrauswurf zu fordern, passierte etwas Magisches: Wir feierten einfach weiter.
Platz 3 gegen Portugal am 8.Juli 2006 wurde zelebriert, als hätten wir die Erde vor einer Invasion der Klingonen gerettet. Schweini traf aus allen Lebenslagen, Kahn reichte Lehmann die Hand (ein Moment für die Geschichtsbücher!) und Berlin verwandelte sich in ein Meer aus glücklichen Menschen.

Was bleibt vom Märchen?

Das Sommermärchen 2006 hat uns gezeigt, dass Deutschland auch mal unperfekt, laut, emotional und verdammt entspannt sein kann. Es war der Sommer, in dem das Wetter hielt, was die Reisebüros versprachen, und in dem wir der Welt bewiesen haben: Wir können nicht nur pünktlich sein, wir können auch Party. Wir können Gäste auch wie Freunde behandeln.

Wer weiß, vielleicht brennt das Feuer ja irgendwann wieder genau so. Bis dahin schwelgen wir in Erinnerungen, summen leise „Zeit, dass sich was dreht“ von Herbert Grönemeyer und hoffen, dass die Flaggen-Socken für die Außenspiegel im Keller nicht ganz eingestaubt sind, auch wenn wir sie 2026 mal wieder nicht gebraucht haben …




Aus und vorbei

Was würde wohl ein gestandener, eloquenter Experte wie Mario Basler zum Aus der Deutschen Nationalmannschaft gegen Paraguay bei der Weltmeisterschaft 2026 in den USA sagen? Mit Sicherheit nichts Nettes, jedoch viel Wahrheit.

„Wir dürfen jetzt nicht alles schlecht reden, so schlecht waren wir nämlich gar nicht. Wir waren nur miserabel.“

Mario Basler

Deutschland ist raus. Und ganz ehrlich: Wer da von Pech redet, der hat die Spiele nicht gesehen. Das war keine unglückliche Niederlage, das war Arbeitsverweigerung. Da war nix! Kein Feuer, kein Wille, kein gar nix. Schon beim Warmmachen war klar: „Oh je, das wird wieder ein Wellness‑Kick und grünem Tee in der Hydration Break.“

Man gewinnt den Eindruck, die Spieler laufen, als hätten sie einen Schrittzähler, der bei 5.000 Schritten sagt: genug für heute! Da geht keiner mal über die Schmerzgrenze.
Da haut keiner mal dazwischen. Fußball ist ein Kampfsport – aber wir spielen, als wär’s ein ein Tanztee im Grand Hotel des Bains am Lido aus Viscontis „Tod in Venedig“ um 16.00 Uhr nachmittags.
Man kann es jedoch auch so sehen wie unser Bundeskanzler Friedrich Merz, wobei man sich wahlweise fragen kann, ob er das Spiel überhaupt gesehen hat, sein Social-Media Team grenzdebil oder er, respektive vorgenanntes Team sturzbetrunken oder auf Droge waren:

„Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel. Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“

Friedrich Merz auf X

Und so stolperte das Team durch die Gruppenphase wie ein Tourist, der zum ersten Mal in New York versucht, die Subway zu verstehen.

  • Spiel 1: Hoffnungsvoll gestartet, als hätte man die Fußballweisheit neu erfunden.
  • Spiel 2: Ein bisschen wackelig, aber hey, es ist ja noch alles drin.
  • Spiel 3: Und dann der Moment, in dem man merkt: Oh. Wir sind ja schon fast draußen.

Natürlich wird jetzt wieder alles fein säuberlich seziert, wie eine Wasserleiche in der Pathologie, frei dem Motto Mortui vivos docent:

  • „Die Taktik war falsch.“
  • „Der Trainer hat nicht richtig gewechselt.“
  • „Die Spieler waren müde.“
  • „Der Ball war zu rund.“
  • „Die Zeitverschiebung.“
  • „Fast-Food statt Dinkel-Müsli.“

Aber seien wir mal ehrlich: Deutschland bei einer WM ist inzwischen wie ein Blockbuster, dessen Trailer äußerst verheißungsvoll aussieht – und dann kommt der Film raus und man denkt sich: Das war’s? Wirklich? Hoffentlich gibt’s keine Fortsetzung …
Immerhin: Die Mannschaft hat die amerikanische Gastfreundschaft erlebt.

  • Großartige Stadien
  • Perfekte Hotdogs
  • Und die Gewissheit, dass man spätestens vor dem Achtelfinale wieder Zeit für Sightseeing hat

Vielleicht war es ja sogar Absicht. Schließlich ist ein früher Rückflug günstiger, und wer möchte nicht ein paar Tage länger in Los Angeles oder Miami verbringen?

Alle reden wieder über Systeme. 4‑3‑3, 3‑4‑3, 4‑2‑irgendwas. Leute, das ist doch Brainfuck! Wenn du keine Typen hast, kannst du auch mit 8‑1‑1 spielen, das bringt überhaupt nix. Wir haben Spieler, die sehen aus wie Hochglanzmodelle – aber spielen wie Statisten.
Man ist geneigt festzustellen, dass die Jungs mehr mit Selfies beschäftigt waren als mit dem Gegner. Da wird nach dem Spiel gefragt, wo’s die besten Burger gibt. Freunde, ihr seid bei einer WM! Nicht bei „Deutschland sucht den besten Foodtruck“.

Es kommt nun wieder, wie es kommen muss:

  • Es wird wieder eine Taskforce gebildet (Wenn ich nicht mehr weiter weiß, bilde ich einen Arbeitskreis – was in der Wirtschaft hilft, hilft auch beim Fußball).
  • Es wird wieder ein Papier geschrieben.
  • Es wird wieder gesagt: „Wir müssen uns weiterentwickeln“.

Wir wollen Spieler sehen, die nach dem Spiel aussehen, als hätten sie einen Kampf gegen einen Rasenmäher verloren. Was wir nicht wollen, sind Spieler, die nach 90 Minuten aussehen, als kämen sie frisch aus der Gesichtsbehandlung oder aus’m Barbershop.

Deutschland ist raus – verdient.
Aber wir können’s besser.
Wir müssen’s nur endlich wieder wollen. Wie das geht, haben Ecuador und Paraguay vorgemacht!
Und wenn wir das hinkriegen, dann reden wir wieder über Titel.
Bis dahin: Malochen. Nicht posen.
Und trotzdem werden wir 2030 wieder sagen:
„Diesmal aber wirklich. Ganz sicher. Hundertprozentig.“

… und wenn jetzt irgendjemand eine Trainerdiskussion lostreten will, … Peter Neururer soll heute bereits vor der DFB-Zentrale in Frankfurt gesichtet worden sein. 🤣

Er sei bereit, sofort zu übernehmen …