65 Jahre Mauerbau: Erinnerungen an eine Grenze, die Menschen trennte

„The green grass grows forever
Beneath the bloody sky
In memory of the martyrs
She′ll cover when they die“

In Memory Of The Martyrs, Barclay James Harvest, 1980

Am 13. August 1961 begann eines der einschneidendsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die DDR-Führung ließ in Berlin die Sektorengrenze abriegeln. In den frühen Morgenstunden wurden Straßen aufgerissen, Barrikaden errichtet, Betonpfähle eingerammt und Stacheldraht gezogen. Der Übergang von Ost nach West war plötzlich versperrt, Berlin war geteilt. [1][2]

Heute, 65 Jahre später, ist der Jahrestag mehr als ein historisches Datum. Er erinnert daran, wie schnell Freiheit verloren gehen kann und wie tief politische Entscheidungen in das Leben einzelner Menschen eingreifen können.

Eine Nacht, die Berlin veränderte

Was am 13. August 1961 begann, war zunächst vor allem eine Abriegelung: Sicherheitskräfte der DDR sperrten die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Panzersperren, Stacheldraht und Barrikaden. Polizei, Kampfgruppen und Armee blockierten die Zugänge zum Westteil der Stadt. [3]

Für viele Berlinerinnen und Berliner bedeutete dieser Morgen einen Schock. Familien, Nachbarn, Freundeskreise und Arbeitswege wurden abrupt auseinandergerissen. Wer am Vorabend noch selbstverständlich eine Straße, eine Bahnlinie oder einen Grenzübergang genutzt hatte, stand nun vor Stacheldraht und bewaffneten Posten.

Die Berliner Mauer entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem massiven Grenzsystem. Sie teilte die Stadt entlang ihrer Mitte und umschloss zugleich das gesamte Gebiet West-Berlins. [3]

Warum die Mauer gebaut wurde

Die DDR-Führung wollte mit der Abriegelung vor allem die Massenabwanderung in den Westen stoppen. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt den Mauerbau als Maßnahme, mit der die DDR-Führung die Fluchtbewegung in Richtung Westen unterband. [3]

Berlin spielte dabei eine besondere Rolle. Obwohl die Stadt vollständig innerhalb der sowjetischen Besatzungszone lag, war sie nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren aufgeteilt worden. West-Berlin galt nach 1949 im Osten als „Schaufenster des Westens“. [3]

Mit dem Bau der Mauer wurde aus einer politischen Teilung eine sichtbare, harte Grenze aus Beton, Stacheldraht und Kontrolle.

Symbol des Kalten Krieges

Die Berliner Mauer war weit mehr als ein Bauwerk. Sie wurde zum Symbol der konfliktreichen Nachkriegsordnung und des Kalten Krieges. [1] Auch die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet sie als das symbolträchtigste Bauwerk des Kalten Krieges. [3]

Für die einen stand sie für Macht, Abschottung und Kontrolle. Für die anderen war sie ein Mahnmal der Unfreiheit. Sie zeigte der Welt, wie tief Europa politisch und ideologisch geteilt war.

Besonders tragisch ist, dass die Mauer nicht nur Städte und Staaten trennte, sondern Menschenleben kostete. Mindestens 140 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. [1][3]

Erinnerung heißt Verantwortung

Der 65. Jahrestag des Mauerbaus ist kein Anlass für bloße Rückschau. Er ist eine Erinnerung daran, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Bewegungsfreiheit nicht selbstverständlich sind. Die Geschichte der Berliner Mauer zeigt, wie wichtig es ist, politische Freiheit zu schützen und autoritäre Entwicklungen früh ernst zu nehmen.

Gleichzeitig erinnert dieser Tag an den Mut vieler Menschen: an diejenigen, die Widerstand leisteten, die Flucht wagten, die getrennte Familien zusammenhielten und die später friedlich für Veränderung eintraten.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ihr Fall wurde zu einem Symbol der friedlichen Revolution in der DDR und der Überwindung der deutschen Teilung. [4]

Was bleibt

Von der Berliner Mauer stehen heute nur noch einzelne Abschnitte. Doch ihre Geschichte bleibt präsent: in Gedenkstätten, in Familienerzählungen, in Schulbüchern und im öffentlichen Bewusstsein. Besonders die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße gilt heute als zentraler Erinnerungsort. [4]

65 Jahre nach dem Mauerbau lautet die wichtigste Botschaft: Mauern entstehen nicht nur aus Beton. Sie entstehen auch durch Misstrauen, Angst, Propaganda und die Missachtung menschlicher Freiheit. Umso wichtiger ist es, Geschichte wachzuhalten.

Denn Erinnerung ist nicht nur ein Blick zurück. Sie ist auch eine Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.




Treuhand bis in den Tod

Am 1.April 1991 wurde Detlev Karsten Rohwedder, der damalige Präsident der Treuhandanstalt in seinem Haus in Düsseldorf durch einen präzisen Schuß getötet. Die Tat gehört bis heute zu den rätselhaftesten politischen Attentaten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Wer jetzt nicht mehr weiß, wer oder was die Treuhandanstalt war, hier eine kurze Erklärung. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurde die Treuhandanstalt als Anstalt des öffentlichen Rechtes mit dem Ziel gegründet, die volkseigenen Betriebe der damaligen DDR nach den Maßgaben des Kapitalismus zu sanieren und zu privatisieren. Darüber hinaus konnte sie Betriebe verkaufen oder im schlimmsten Fall schließen. Im Umfeld der Treuhand kam es zu Wirtschaftskriminalität und Fördermittelmißbrauch. Die Treuhandanstalt existierte bis 31.12.1994, danach wurde sie in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben umbenannt.

Detlev Karsten Rohwedder war zu der Zeit kein Unbekannter. Im Jahr 1983 errang er in der damaligen Bundesrepublik hohe Bekanntheit und hohes Ansehen durch die Sanierung des Hoesch-Konzerns. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl setzte sich für Rohwedder als Leiter der zu gründenden Treuhandanstalt ein, obwohl dieser Sozialdemokrat war. Es wird bisweilen unterstellt, dass Kohl hier in voller Absicht derart handelte, da bei einem Scheitern Rohwedders und/oder der Treuhand ein nicht unerheblicher Teil der Schuld der SPD hätte in die Schuhe geschoben werden können. Am 3.Juli 1990 wurde Detlev Karsten Rohwedder durch den Ministerrat der damaligen DDR zum Leiter der Treuhandanstalt berufen. Rohwedder sprach von „einer Aufgabe von nahezu furchterregender Dimension“. Er hatte den Auftrag, eine ganze Volkswirtschaft zu privatisieren. Ein Auftrag, der eigentlich gar nicht auszuführen war…. Als Treuhandchef ist der einst als Jobretter gefeierte Topmanager nun zum “Buhmann der Nation” geworden.

Am 1.April 1991 sitzt Rohwedder in den späten Abendstunden am Schreibtisch seiner Villa in Düsseldorf-Niederkassel mit Blick auf den Rhein. Als er von seinem Schreibtisch aufstand, traf ihn der tödlich Schuß in den Rücken. Ein weitere Schuß traf seine Frau Hergard in den Arm, ein dritter Schuß traf das Bücherregal des Arbeitszimmers. Die Rekonstruktion der Tat durch die Ermittlungsbehörden ergab, dass Rohwedder aus der gegenüberliegenden Schrebergartenkolonie aus 63m Entfernung mit einem Schnellfeuergewehr des belgischen Typs Fusil Automatique Léger (FAL) getötet wurde. Das Projektil vom NATO-Standardkaliber 7,62 Millimeter zerfetzte sowohl die Aorta als auch die Luft- und Speiseröhre des 58-Jährigen, der daraufhin in Sekundenschnelle verblutete. An dieser Stelle wurde am 6.April 1991 ein Bekennerschreiben der RAF gefunden, welches von den Ermittlungsbehörden als echt eingestuft wurde. Zur Begründung hieß es in dem Bekennerschreiben, der „brutale sanierer“ sei „seit zwanzig jahren in schlüsselfunktionen in politik und wirtschaft“ tätig gewesen und danach zum „bonner statthalter in ost-berlin“ aufgestiegen, wo er „die wirtschaft der ex-ddr genauso wie die sozialen strukturen dort“ systematisch habe zerstören sollen.

Neben dem Bekennerschreiben fanden die Ermittler dort einen Plastikstuhl, einen Feldstecher, drei Patronenhülsen und ein Handtuch. Drei dort ebenfalls gefundene Zigarettenkippen wurden von einem Menschen mit der Blutgruppe A geraucht. An dem Handtuch wurde ein Haar gefunden, dass später dem 1993 in Bad Kleinen getöteten, mutmaßlichen RAF-Mitglied Wolfgang Grams zugeordnet werden konnte, jedoch nicht die Zigarettenkippen. Dieses Haar ist der einzige forensische Ansatz der Ermittlungen. Dieser läßt lediglich den Schluß zu, das Grams entweder am Tatort war oder Kontakt zu dem oder den Tätern hatte. Die Aservate im Fall Rohwedder wurden später mit den neuen Techniken zur DNA-Analyse erneut untersucht, ein weiterer Durchbruch wie im Fall des Haares von Wolfgang Grams blieb jedoch aus. Die Bundesanwaltschaft schweigt sich bis heute darüber mit dem Hinweis auf laufende Ermittlungen aus, ob die Zigarettenkippen mit Spuren der Blutgruppe A zu Birgit Hogefeld, die bei dem Einsatz in Bad Kleinen festgenommen und später verurteilt wurde, gehören. Die Zigarettenkippen wurden in den 1990er Jahren verbraucht, ohne dass moderne DNA-Spurenanalytik angewendet wurde – eine heute nicht wiederholbare Lücke. Birgit Hogefeld befindet sich mittlerweile auf freiem Fuß und schweigt ebenfalls zu den Ermittlungen im Falle Rohwedder.

Das Ehepaar Rohwedder war sich bewusst, dass es gefährdet war. Hergard Rohweddder bat vergeblich wenige Tage vor dem Attentat die Polizei für mehr Schutz zu sorgen. Sie berichtete von anonymen, nächtlichen Telefonanrufen und Unbekannten, die an der Haustür klingelten und anschließend nicht mehr auffindbar waren. Vermutlich hatten der oder die Täter genaue Kenntnisse der Sicherheitseinrichtungen des Hauses der Familie Rohwedder. Im Gegensatz zu dem unteren Stockwerk waren die Fenster im Arbeitszimmer nicht aus Panzerglas.

Die Ermittlungen im Tötungsdelikt gegen Detlev Karsten Rohwedder werden von der Bundesanwaltschaft auf Grund der Annahme, dass es sich um einen politischen Mord handelt nach wie vor unter dem Aktenzeichen 2 BJs 62/91-2 gegen „Unbekannt“ geführt. Im Fachjargon redet man von einem „Cold Case“. Ebenso sind auch die Morde an dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen und dem Diplomaten Gero von Braunmühl bis heute nicht aufgeklärt, geschweige denn, dass jemals eine tatverdächtige Person festgenommen wurde.

Alle diese Verbrechen werden der Dritten Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) zugeschrieben, da diese sich offensichtlich zu den Taten bekannte. Kein mutmaßliches Mitglied dieser Dritten Generation der RAF ist bis heute dieser Verbrechen überführt und verurteilt worden.

Angesichts der dürftigen Beweislage wurden einige Zweifel an der Täterschaft der RAF laut, zumal die damals angeblich aktive sogenannte dritte Generation der RAF nur als kaum zu greifendes Phantom galt. Selbst heute kennt die Bundesanwaltschaft nicht einmal die Hälfte der Mitglieder dieser mutmaßlichen dritten Generation namentlich. Von den Morden, die ihr außer dem Attentat auf Rohwedder noch zur Last gelegt werden, konnte lediglich die Erschießung des GSG-9-Mannes Michael Newrzella durch Grams bei dem Einsatz 1993 in Bad Kleinen zweifelsfrei aufgeklärt werden.

An einer Durchführung der Tat oder einer Tatbeteiligung der RAF kamen recht zügig Zweifel auf. Zunächst braucht es einen Schützen der fähig ist, auf 63m Entfernung in der Dunkelheit einen tödlichen Schuß abzugeben. Es muss sich demnach um eine in der Tötung von Menschen erfahrenen Person handeln. Wenn das zutrifft, stellt sich die Frage, warum diese Person am Tatort eine Plastikstuhl, Zigarettenkippen und ein Handtuch mit einem eindeutig zu identifizierenden Haar hinterlässt. Für eine solche Version eines „Profis“ spricht ebenfalls, dass der Täter trotz einer sofortigen Ringfahndung bis heute unerkannt entkommen konnte. Bei einem Attentat sind zwei Dinge von essentieller Bedeutung: Die Zielpersonen muss sofort ausgeschaltet werden und der Täter muss unerkannt entkommen können, um keine Rückschlüsse auf die Hintergründe, bzw. mutmaßliche Auftraggeber ziehen zu können. Weiterhin gilt es ebenso, unter allen Umständen Spuren jeglicher Art zu vermeiden. Zu alldem sind in der Regel nur „Profis“ in der Lage, also Menschen, die mit dem gezielten Ausschalten ihrer Opfer eine gewisse Erfahrung haben. Es bleibt die Frage, ob die der Dritten Generation der RAF zugerechneten Personen (Grams, Hogefeld, etc.) dazu befähigt waren oder sind. Darüber hinaus stellt sich ebenfalls die Frage, warum am Tatort dennoch Spuren gefunden wurden und ein Bekennerschreiben dort lag. Alle diesbezüglichen Vermutungen sind jedoch bis heute weder bestätigt noch widerlegt. Birgit Hogefeld äußerte sich 2010 lediglich zu den möglichen Motiven der RAF: „Die RAF hatte keinerlei Interesse daran, Rohwedder zu töten.“ und „ Er war in der Linken nicht unbeliebt – eher als jemand, der versuchte, den Osten nicht kaputt zu machen.

Kurz nach der Tat fiel ein Verdacht auf Mitarbeiter des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Diese hatten sowohl die logistischen Möglichkeiten als auch ein Motiv, das darin bestand, dass die Treuhand unter Rohwedder eventuell das verschwundene Parteivermögen der SED aufspürt. Es soll sich dabei um ungefähr 800 Millionen D-Mark gehandelt haben. Im gleichen Zuge kam der Verdacht auf, dass die Stasi dieses Geld „beiseite geschafft“ haben soll und mit dem Attentat auf Rohwedder die Suche danach unterbinden wollte. Als möglicher Drahtzieher wurde unter anderem Ralf-Peter Devaux genannt. Der ehemalige Stasi-Offizier klagte erfolgreich gegen alle und jeden, die ihn mit dem Anschlag in Verbindung zu bringen versuchten.

Spekuliert wurde ebenfalls über einen sogenannten einsamen Wolf (lone wolf) aus der ehemaligen DDR mit militärischer Ausbildung als Scharfschütze, der den Treuhandchef Rohwedder wegen dessen Vorreiterrolle bei der Abwicklung der DDR-Wirtschaft ermordet haben soll. Immerhin hatte die Treuhand damals die Verantwortung für knapp 14.600 vormalige volkseigene Betriebe mit rund vier Millionen Beschäftigten.

Die US-amerikanischen Enthüllungsautoren John Perkins und Fletcher Prouty, sowie Wirtschafts- und Geheimdienstexperten verwiesen auf Verwicklungen der CIA in das Attentat. Rohwedder war bekannt dafür, dass er zunächst dazu tendierte, die Betriebe der ehemaligen Betriebe der DDR zu sanieren anstatt zu verkaufen oder stillzulegen. Er beabsichtigte gar, die Mitarbeiter zu Eigentümern an den Betrieben zu machen. Das war weder im Sinne derer gewesen, die beim Verkauf der Betriebe ein „Schnäppchen“ hätten machen wollen, noch derjenigen, die kein Interesse daran gehabt hätten, wenn eine derartige Beteiligung der Mitarbeiter zu einem Präzedenzfall mit Vorbildwirkung auf die alten Bundesländer oder andere westlichen Staaten geworden wäre. Es sei noch angemerkt, dass die Nachfolgerin des Sozialdemokraten Rohwedder, die Christdemokratin Birgit Breuel eine deutlich härtere und weniger soziale Gangart an den Tag legte. Anstatt behutsam zu sanieren wurde unter ihrer Ägide bei der Treuhand nach der Maxime „schnell privatisieren“ gehandelt. Birgit Breuel war zudem Mitglied des Vereins Die Atlantik-Brücke e.V., welcher als Verein im Jahr 1952 mit dem Ziel gegründet, eine wirtschafts-, finanz-, bildungs- und militärpolitische Brücke zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschland zu schlagen.

Für all diese Verdächtigungen und Vermutungen jenseits einer Tatbeteiligung der RAF gibt es jedoch bis heute keinerlei Beweise.

Zu dem Mordanschlag auf Detlev Karsten Rohwedder gibt es vom ZDF einen sehr interessanten Zweiteiler mit dem großartigen Ulrich Tukur in der Hauptrolle, der sich lose an den Geschehnissen orientiert und die Abläufe frei interpretiert. Es ist kein Werk über das letzte Gefecht des Linksterrorismus, sondern es sät Zweifel an jeglicher Art ideologischer Gewalt. Zweifel an der gängigen Theorie einer RAF-Täterschaft lassen dieses Werk zwar in die Nähe von Verschwörungstheorien entgleiten, aber macht es auch zu mehr als nur Geschichtsfernsehen, zudem mit einem guten Unterhaltungswert.

Am Ende stellt sich bei derartigen Ereignissen im die Frage Qui bono – wer zieht einen Nutzen daraus? Die RAF lehnte jede Form des Kapitalismus ab, somit und auf Grund des Bekennerschreibens sind sie natürlich die „ersten“ Tatverdächtigen. Rohwedder vorrangiges Ziel war es jedoch, die marode Wirtschaft der ehemaligen DDR zu sanieren und die Menschen in Arbeit zu halten. Ihm lag es fern, die dortigen Betriebe zu „verscherbeln“ und Spekulanten zu überlassen. Im Grunde überwogen also sozial-marktwirtschaftliche Aspekte, die sich nicht zwingend mit rein kapitalistischen Interessen deckten. Nutznießer der seit Rohwedders Tod konsequent verfolgten Privatiesierungsstrategie seiner Nachfolgerin Brigit Breuel waren insbesondere große Konzerne.

Die größten Profiteure der Wiedervereinigung waren westdeutsche (und teilweise) internationale Großkonzerne wie Volkswagen, Opel (damals GM), BMW, Siemens, RWE, E.ON, Vattenfall, Edeka, Aldi, Lidl, Rewe, Nestlé, Coca-Cola, Procter & Gamble, sowie Beratungsfirmen wie PwC, KPMG, Deloitte, McKinsey und Roland Berger, die schnell Marktanteile in Ostdeutschland sichern konnten – oft gestützt durch staatliche Subventionen, Privatisierungen und günstige Arbeitskosten, bzw. Verträgen zur Umstrukturierung und Strukturplanung der ostdeutschen Wirtschaft. Ostdeutsche Unternehmen hingegen verschwanden in diesem Zuge weitgehend – mit gravierenden Folgen für Beschäftigung und Vermögensverteilung.

Rohwedder hatte sich unter Ostdeutschen Respekt erarbeitet – vor allem, weil er die Privatisierung mit sozialem Augenmaß gestalten wollte. Er plante, wie bereits erwähnt, Betriebe nicht nur an Westinvestoren zu verkaufen, sondern teilweise auch Belegschaftsmodelle zu fördern. Viele Ostdeutsche trauten ihm mehr Gerechtigkeit zu als seiner Nachfolgerin. Nach dem Attentat wuchs das Misstrauen gegenüber der Treuhand. Rohwedders Nachfolgerin, Birgit Breuel, galt als wirtschaftsliberaler und marktorientierter. Die Treuhand wurde zunehmend als Instrument des Ausverkaufs wahrgenommen, nicht mehr als Garant für einen sozialverträglichen Umbau. Das Vertrauen in den Vereinigungsprozess litt – der Mord galt als Symbol für die Härte und Gewalt des Umbruchs.




Sofort, … unverzüglich!

Keine Atempause
Geschichte wird gemacht
Das geht voran!

Fehlfarben

Es ist der 9.November 1989, kurz vor 19.00 Uhr. Im Wohnzimmer lief das Fernsehgerät. Die Nachrichten im Herbst 1989 überschlugen sich. Demonstrationen in allen großen Städten der DDR, Gorbatschow, Glasnost & Perestroika, ein letztes, großes Schützenfest in Ost-Berlin, mit dem die DDR ihr 40-jähriges Bestehen feierte, Honeckers Abgang, Egon Krenz, der Geläuterte, usw. und sofort.
Das Abendessen stand auf dem Tisch, mein Vater ging in die Küche, da er Hunger hatte und ich harrte noch einen Moment am Fernseher bei der täglichen “heute”-Sendung aus.

Kurzfristig wurde in eine Pressekonferenz nach Ost-Berlin umgeschaltet. Günter Schabowski, seit wenigen Tagen „Sekretär für Informationswesen“ gab eine Erklärung ab – in tadellosem “Verwaltungsdeutsch”.

Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. […] Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen.

Auf die Frage eines Journalisten, ab wann diese Verordnung in Kraft tritt, stammelte Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Man konnte den Eindruck gewinnen, dass er gar nicht überrissen hat, was er da gerade von sich gegeben hat.

Die Mauer, die Grenze, die schikanösen Kontrollen und Todesängste hatten mit einem Satz aufgehört zu existieren. Ich ging in die Küche an den Abendbrottisch und mein Vater fragte: “Watt jibbet Neues?”
Ich sagte, dass die Mauer auf ist, dass jeder DDR-Bürger ohne Grund ins Ausland, also auch in die Bundesrepublik reisen kann. “So schnell wird bei den Preussen nicht geschossen”, entgegnete mein Vater. Meine Mutter schüttelte nur ungläubig den Kopf.
Danach überschlugen sich die Ereignisse – wenig später wurde auf allen Sendern das Programm geändert und es wurde live von sämtlichen Grenzkontrollstellen in Berlin und vom Ku’Damm berichtet. Kilometerlange Trabant- und Wartburgschlangen bildeten sich Richtung Westen, selbst in meiner Heimatstadt Neuss fuhren Autos hupend durch die Strassen.

Doch es blieb immer noch eine gespenstische Angst: Was machen die Grenzkontrollposten der DDR angesichts der unübersichtlichen Lage? Was machte die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, die mit knapp 380.000 Mann vor Ort war? Ich erinnerte mich an die Worte eines britischen Colonel während meiner Bundeswehrzeit: „We don’t fear the Soviet forces, we fear the forces of the GDR, the Nationale Volksarmee“.
Wie auch bei sämtlichen Demonstrationen schritten die Sowjets hier nicht ein, die Grenzkontrollkräfte und die Nationale Volksarmee der DDR konnten nur in Schockstarre die Ereignisse geschehen lassen, insbesondere, da es hier keine eindeutigen Befehle der Staats- und Parteiführung gab und diese zunächst auf Tauchstation ging. Niemand wollte sich die Finger schmutzig machen, … Gott sei Dank!
Aufatmen.

Bundeskanzler Helmut Kohl befand sich an diesem Tag mit einer Delegation in Warschau, um mit der ersten frei gewählten Regierung Polens nach dem 2.Weltkrieg zu sprechen. Er brach seinen Besuch ab, konnte jedoch mit der Regierungsmaschine nicht nach Berlin fliegen, da es nur Flugzeugen der Alliierten des 2.Weltkrieges vorbehalten war, West-Berlin anzufliegen. Mit Hilfe des amerikanischen Botschafters in Bonn gelang es, am Nachmittag des 10. November in ein in Hamburg wartendes US-Flugzeug umzusteigen und Berlin noch rechtzeitig zu erreichen. Dort fand vor dem Schöneberger Rathaus eine denkwürdige Veranstaltung statt, auf der Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper feststellte, dass die Deutschen momentan das glücklichste Volk der Erde seien und Willy Brand orakelte, dass nun zusammenwächst was zusammen gehört. Es sollte freilich nicht ganz so reibungslos über die Bühne gehen …

Aus heutiger Sicht ist die damalige Situation, dass eine der bestgesicherten Grenzen der Welt quer durch Deutschland verläuft, schwierig zu begreifen. Im Jahr 1986 reiste ich mit meinem Vater und einem Kollegen geschäftlich nach Berlin. Wir fuhren mit dem Auto und überquerten bei Helmstedt/Marienborn die innerdeutsche Grenze. Wir kannten damals zwar dank Enterprise die unendlichen Weiten des Weltalls, dank Dallas und Denver Clan unermesslichen Reichtum und Dank Miami Vice Drogendealer vor einer irrealen Neonlicht-Kulisse, aber etwas surrealeres als diese Grenze kann sich heute keiner mehr vorstellen. Strassensperren, gleißendes Licht, Stahlkrallen in den Strassen und schwerbewaffnete Grenzschützer kann und will sich heute niemand mehr vorstellen.
Wir mussten aus dem Auto aussteigen, unsere Koffer wurden durchsucht und die Unterseite des Autos mit Spiegeln inspiziert. Natürlich mussten wir in unserer freien Zeit auch den Ostteil von Berlin besuchen.
Auf den heute pulsierenden Strassen Berlins fuhren nur vereinzelt Autos, es roch dabei wie auf unserem Schulhof, wenn alles Mopeds und Mofas gleichtzeitig starten. Die Strassen waren marode, die Häuser grau und teilweise noch von Kriegsschäden behaftet.
Da es Herbst war, stellten wir fest, dass die Prachtstraße Unter den Linden bis zum Alexanderlplatz und der folgenden Stalin-Allee in der Dämmerung komplett finster waren, was eine ziemlich morbide Stimmung erzeugte. An der Oranienburger Straße fuhren wir mit unserem S-Klasse Mercedes versehentlich in einen Bereich, der nur für Angehörige der Nationalen Volksarmee und der Volkspolizei zugänglich waren. Sofort erschien ein als Geländewagen umgebauter Trabant mit zwei Volksploizisten, die uns an der Weiterfahrt hinderten. Am Ende waren sie Gott sei Dank eher an dem Mercedes als an uns interessiert. Nach einer Beschau des Autos haben sie uns freundlich empfohlen, zurückzufahren. Am Ende des Tages waren wir froh, wieder im Westteil der Stadt mit seinen funkelnden Neonlichtern zu sein.

Das alles war am 9.November 1989 alles Geschichte. Eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, uns hat jedoch die Angst eines Dritten Weltkrieges, insbesondere im Hinblick auf die Rolle eines Michail Gorbatschow verlassen.

Die folgende Zeit war eine der spannendsten meines Lebens. In meiner Ausbildung zum Speditionskaufmann lernten wir sämtliche Autobahnen und Grenzübergänge auswendig. Plötzlich mussten wir feststellen, dass hinter Gudow/Zarrentin, Helmstedt/Marienborn und Wartha/Herleshausen die Welt nicht aufhörte, sondern auf maroden Autobahnen weiterging. Ich hatte die große Chance, mit zwei erfahrenen Kollegen unser Speditionsgeschäft in den nun neuen Bundesländern mit aufzubauen. Wir hatten Glück, dass auf den Telefonleitungen nach zigmaligem Wählen eine Verbindung zustande kam und feierten das erste Faxgerät bei einem Ost-Berliner Partnerbetrieb wie eine olympische Goldmedaille. Es herrschte eine regelrechte Goldgräberstimmung und alles mögliche aus „dem Westen“ wurde in „den Osten“ gekarrt. Leider nicht umgekehrt, was aus logistischen Aspekten einem Super-GAU glich. So ging es auch in den folgenden Jahren mit der Wirtschaft in den neuen Ländern stetig bergab.
Schuld gab man in den allermeisten Fällen der Treuhand, die die Wirtschaft der ehemaligen DDR sanieren, privatisieren und im schlimmsten Fall abwickeln sollte. Auf Grund der maroden Industrie war Letzteres allzu häufig das Mittel der Wahl.
Meinen Job in dem Speditionsbetrieb, in dem ich meine Ausbildung absolvierte, hängte ich 1996 an den Nagel. Geblieben ist jedoch die Erfahrung mit den Menschen in den neuen Ländern. Es sind teilweise freundschaftliche Verbindungen entstanden, wir haben sehr viel voneinander gelernt, auch wenn nicht alles die Zeit überdauert hat.

Wir hatten damals die Hoffnung auf ein wirklich geeintes und friedliches Europa ohne Grenzen vom Atlantik bis weit hinter den Ural.
Dass 35 Jahre später im Weißen Haus in Washington erneut ein psychopathischer Egomane, dem der Rest der Welt am Arsch vorbeigeht, einzieht und dass im Kreml ein Schulhofschläger sitzt, der versucht, Europa in Brand zu setzen konnten wir uns damals überhaupt nicht vorstellen. Es bleibt zu hoffen, dass wir uns, insbesondere im Hinblick auf die Ereignisse und Erfahrungen des November 1989 immer dieses einzigartigen Glückes bewusst werden, egal, was es gekostet hat oder kosten wird. Wir sollten nicht Gefahr laufen, uns dass wieder nehmen zu lassen, egal von wem! Wir müssen nur ein wenig Mut haben und es selbst in die Hand nehmen und nicht mehr im Oktober den Götzen hinterherlaufen und etwas feiern, was es nie gab; sie sind weg und helfen uns nicht mehr.
Sie haben es nie getan …

It’s so bemusing
Will they cancel the parade?
We marched each October
Now they say we were never even saved
We must be very brave

My October Symphony, Pet Shop Boys, 1990