65 Jahre Mauerbau: Erinnerungen an eine Grenze, die Menschen trennte

„The green grass grows forever
Beneath the bloody sky
In memory of the martyrs
She′ll cover when they die“

In Memory Of The Martyrs, Barclay James Harvest, 1980

Am 13. August 1961 begann eines der einschneidendsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die DDR-Führung ließ in Berlin die Sektorengrenze abriegeln. In den frühen Morgenstunden wurden Straßen aufgerissen, Barrikaden errichtet, Betonpfähle eingerammt und Stacheldraht gezogen. Der Übergang von Ost nach West war plötzlich versperrt, Berlin war geteilt. [1][2]

Heute, 65 Jahre später, ist der Jahrestag mehr als ein historisches Datum. Er erinnert daran, wie schnell Freiheit verloren gehen kann und wie tief politische Entscheidungen in das Leben einzelner Menschen eingreifen können.

Eine Nacht, die Berlin veränderte

Was am 13. August 1961 begann, war zunächst vor allem eine Abriegelung: Sicherheitskräfte der DDR sperrten die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Panzersperren, Stacheldraht und Barrikaden. Polizei, Kampfgruppen und Armee blockierten die Zugänge zum Westteil der Stadt. [3]

Für viele Berlinerinnen und Berliner bedeutete dieser Morgen einen Schock. Familien, Nachbarn, Freundeskreise und Arbeitswege wurden abrupt auseinandergerissen. Wer am Vorabend noch selbstverständlich eine Straße, eine Bahnlinie oder einen Grenzübergang genutzt hatte, stand nun vor Stacheldraht und bewaffneten Posten.

Die Berliner Mauer entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem massiven Grenzsystem. Sie teilte die Stadt entlang ihrer Mitte und umschloss zugleich das gesamte Gebiet West-Berlins. [3]

Warum die Mauer gebaut wurde

Die DDR-Führung wollte mit der Abriegelung vor allem die Massenabwanderung in den Westen stoppen. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt den Mauerbau als Maßnahme, mit der die DDR-Führung die Fluchtbewegung in Richtung Westen unterband. [3]

Berlin spielte dabei eine besondere Rolle. Obwohl die Stadt vollständig innerhalb der sowjetischen Besatzungszone lag, war sie nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren aufgeteilt worden. West-Berlin galt nach 1949 im Osten als „Schaufenster des Westens“. [3]

Mit dem Bau der Mauer wurde aus einer politischen Teilung eine sichtbare, harte Grenze aus Beton, Stacheldraht und Kontrolle.

Symbol des Kalten Krieges

Die Berliner Mauer war weit mehr als ein Bauwerk. Sie wurde zum Symbol der konfliktreichen Nachkriegsordnung und des Kalten Krieges. [1] Auch die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet sie als das symbolträchtigste Bauwerk des Kalten Krieges. [3]

Für die einen stand sie für Macht, Abschottung und Kontrolle. Für die anderen war sie ein Mahnmal der Unfreiheit. Sie zeigte der Welt, wie tief Europa politisch und ideologisch geteilt war.

Besonders tragisch ist, dass die Mauer nicht nur Städte und Staaten trennte, sondern Menschenleben kostete. Mindestens 140 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. [1][3]

Erinnerung heißt Verantwortung

Der 65. Jahrestag des Mauerbaus ist kein Anlass für bloße Rückschau. Er ist eine Erinnerung daran, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Bewegungsfreiheit nicht selbstverständlich sind. Die Geschichte der Berliner Mauer zeigt, wie wichtig es ist, politische Freiheit zu schützen und autoritäre Entwicklungen früh ernst zu nehmen.

Gleichzeitig erinnert dieser Tag an den Mut vieler Menschen: an diejenigen, die Widerstand leisteten, die Flucht wagten, die getrennte Familien zusammenhielten und die später friedlich für Veränderung eintraten.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ihr Fall wurde zu einem Symbol der friedlichen Revolution in der DDR und der Überwindung der deutschen Teilung. [4]

Was bleibt

Von der Berliner Mauer stehen heute nur noch einzelne Abschnitte. Doch ihre Geschichte bleibt präsent: in Gedenkstätten, in Familienerzählungen, in Schulbüchern und im öffentlichen Bewusstsein. Besonders die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße gilt heute als zentraler Erinnerungsort. [4]

65 Jahre nach dem Mauerbau lautet die wichtigste Botschaft: Mauern entstehen nicht nur aus Beton. Sie entstehen auch durch Misstrauen, Angst, Propaganda und die Missachtung menschlicher Freiheit. Umso wichtiger ist es, Geschichte wachzuhalten.

Denn Erinnerung ist nicht nur ein Blick zurück. Sie ist auch eine Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.




Mehr LKW wegen Niedrigwasser

Wegen des Niedrigwassers in deutschen Flüssen lockern mehrere Bundesländer das Sonntagsfahrverbot für bestimmte Lkw-Transporte. So sollen Güter, die Binnenschiffe derzeit nur eingeschränkt transportieren können, kurzfristig auf die Straße verlagert werden. [1][2]

Das klingt pragmatisch. Ist es aber nur begrenzt.

Denn die zentrale Frage bleibt: Wer soll diese zusätzlichen Fahrten übernehmen? Die Lockerung des Fahrverbots schafft keine neuen Fahrerinnen und Fahrer. Sie verschiebt lediglich Fahrten auf den Sonntag. Der Bundesverband Güterkraftverkehr und Logistik weist darauf hin, dass Fahrer wegen der Lenk- und Ruhezeiten dann an anderen Tagen pausieren müssten. Die verfügbare Lenkzeit steigt also nicht, sie wird nur anders verteilt. [3][4]

Hinzu kommt der ohnehin massive Personalmangel. Nach Angaben des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen fehlen bundesweit rund 140.000 Lkw-Fahrer. [5] Wer in dieser Lage den Sonntag zur zusätzlichen Transportreserve erklärt, belastet eine Branche und Menschen, die längst am Limit arbeitet.

Auch die Mengenverhältnisse sprechen gegen überzogene Erwartungen. Ein Binnenschiff kann mehrere tausend Tonnen Ladung transportieren. Dafür wären je nach Fracht Dutzende bis Hunderte Lkw nötig. [5][6] Die Straße kann also punktuell entlasten, aber sie ersetzt keine leistungsfähige Binnenschifffahrt.

Die Maßnahme ist deshalb eher ein Notventil als eine Lösung. Sie kann wichtige Transporte vorziehen und Engpässe abmildern. Sie löst aber weder den Fahrermangel noch die Abhängigkeit von überlasteten Verkehrswegen. Im Gegenteil: Sie droht, die Last der Krise auf Fahrer, Speditionen und Autobahnen abzuwälzen.

Wer Niedrigwasser ernst nimmt, braucht mehr als Sonntagsfahrten. Nötig sind robuste Lieferketten, bessere Schienenkapazitäten, eine anpassungsfähige Binnenschifffahrt und vor allem attraktivere Arbeitsbedingungen im Straßengüterverkehr.

Fazit: Die Lockerung des Sonntagsfahrverbots mag kurzfristig helfen. Als politische Antwort auf die Niedrigwasserkrise ist sie zu klein gedacht. Mehr erlaubte Fahrzeiten bedeuten noch lange nicht mehr verfügbare Fahrer.




20. Juli 1944: Ein kritischer Blick auf Attentat und politische Ziele

Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehört zu den meistverehrten Figuren der deutschen Erinnerungskultur. Straßen, Kasernen und Schulen tragen seinen Namen, jedes Jahr wird am 20. Juli seiner und der anderen Verschwörer im Innenhof des Bendlerblocks gedacht. Diese Verehrung ist verständlich – wer unter Lebensgefahr gegen ein mörderisches Regime aufbegehrt, verdient Respekt. Doch eine unkritische Heldenerzählung wird der historischen Komplexität nicht gerecht. Wer genauer hinschaut, stößt auf ambivalente Motive, ein zögerliches Handeln erst in der Spätphase des Krieges und – vor allem – auf politische Neuordnungspläne, die alles andere als eine liberale Demokratie vorsahen – ein Aspekt, der heute weitgehend unbeachtet ist.

Wer war Stauffenberg?

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde 1907 in eine alte schwäbisch-katholische Adelsfamilie geboren und war von Jugend an geprägt von einem konservativ-nationalen, elitären Standesbewusstsein. Als Berufsoffizier diente er unter anderem in Polen, Frankreich, der Sowjetunion und Nordafrika, wo er im April 1943 bei einem alliierten Luftangriff schwer verwundet wurde: Er verlor das linke Auge, die rechte Hand sowie zwei Finger der linken Hand. 1944 wurde er Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres, General Friedrich Fromm – eine Position, die ihm Zugang zu Hitlers Lagebesprechungen verschaffte und ihn zur Schlüsselfigur der militärischen Verschwörung machte.

Der 20. Juli 1944: Ablauf und Scheitern

Am Vormittag des 20. Juli 1944 platzierte Stauffenberg in der „Wolfsschanze“, Hitlers Führerhauptquartier in Rastenburg, Ostpreußen, eine mit Sprengstoff präparierte Aktentasche unter dem massiven Kartentisch, an dem die Mittagslage besprochen wurde.

Zwei Umstände retteten Hitler vermutlich das Leben: Die Besprechung fand wegen der sommerlichen Hitze in einer leichten Holzbaracke statt, anstatt im üblichen Betonbunker, wodurch sich die Druckwelle weniger konzentriert entlud, und ein Offizier soll die Tasche kurz vor der Explosion hinter einen massiven Tischfuß geschoben haben, der einen Teil der Wucht abfing. Vier Menschen starben, Hitler selbst erlitt nur leichte Verletzungen.

Stauffenberg, der die Explosion aus der Ferne beobachtete und Hitler für tot hielt, flog nach Berlin, um dort „Operation Walküre“ auszulösen – den eigentlich für die Niederschlagung von Unruhen vorgesehenen Plan des Ersatzheeres, der nun zur Machtergreifung der Verschwörer umfunktioniert werden sollte. Doch die Umsetzung geriet von Beginn an ins Stocken: Zögerliche Befehlshaber, unklare Kommunikation und vor allem die sich schnell verbreitende Nachricht, dass Hitler überlebt hatte, ließen den Staatsstreich binnen weniger Stunden kollabieren.

General Fromm, selbst in die Vorbereitungen eingeweiht, wechselte die Seiten, um sich selbst zu schützen, und ließ Stauffenberg noch in der Nacht zum 21. Juli zusammen mit Friedrich Olbricht, Werner von Haeften und Albrecht Mertz von Quirnheim im Hof des Bendlerblocks erschießen.

In den folgenden Wochen wurden etwa 200 Personen im Zusammenhang mit der Verschwörung hingerichtet, Tausende verhaftet – darunter, im Rahmen der „Sippenhaft“, auch unbeteiligte Familienangehörige.

Die geplante politische Neuordnung: kritische Fragen

Der eigentlich aufschlussreiche – und in der öffentlichen Wahrnehmung meist ausgeblendete – Teil der Geschichte betrifft das politische Programm, das nach einem geglückten Umsturz hätte umgesetzt werden sollen.

Keine Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie. Die führenden zivilen Köpfe der Verschwörung, allen voran der als künftiger Reichskanzler vorgesehene Carl Friedrich Goerdeler und der als Staatsoberhaupt vorgesehene General Ludwig Beck, lehnten die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik mehrheitlich ab. Sie machten sie – wie große Teile des konservativen Bürgertums und Militärs – für die politische Instabilität der 1920er Jahre mitverantwortlich. Ihr Ziel war kein Zurück zu einem Staat nach Prägung der Weimarer Republik, sondern ein autoritär geführter, ständisch geprägter Staat mit starker Exekutive.

Goerdelers Verfassungsentwürfe. Die von Goerdeler und seinem Umfeld erarbeiteten Verfassungspläne sahen unter anderem vor:

  • ein abgestuftes, an Alter, Familienstand oder Leistung geknüpftes Wahlrecht anstelle des gleichen allgemeinen Wahlrechts,
  • eine berufsständisch statt parteipolitisch zusammengesetzte zweite Kammer,
  • eine deutliche Beschneidung der Rolle politischer Parteien,
  • ein starkes, kaum parlamentarisch kontrolliertes Kanzleramt.

Das war, in der Rückschau vieler Historiker, eher der Entwurf eines konservativ-autoritären Obrigkeitsstaats als einer liberalen Demokratie westlichen Zuschnitts.

Antisemitismus und Ambivalenz im konservativen Widerstand. Ein besonders unbequemer Befund: Nicht alle Verschwörer waren im heutigen Sinne uneingeschränkte Gegner rassistischer Politik. In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass frühe Nachkriegsentwürfe aus Goerdelers Umfeld noch Einschränkungen der vollen bürgerlichen Gleichstellung von Juden vorsahen – weit entfernt zwar von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, die die Verschwörer ausdrücklich verurteilten, aber ebenso weit entfernt von einem konsequenten Gleichheitsgrundsatz. Das verweist auf den nationalkonservativen, keineswegs liberal-egalitären Hintergrund vieler Beteiligter.

Der „Spätzünder“-Einwand. Auffällig ist auch der Zeitpunkt: Ernsthafte Umsturzpläne mit realistischer Erfolgsaussicht verdichteten sich vor allem nach der Niederlage von Stalingrad 1943, als eine deutsche Kriegsniederlage absehbar wurde. Das nährt die in der Forschung diskutierte These, ein wesentliches Motiv sei weniger die Rettung der NS-Opfer als vielmehr die Rettung Deutschlands vor der totalen Zerstörung und die Sicherung eines Verhandlungsfriedens aus einer noch nicht völlig aussichtslosen Position gewesen. Andere Widerstandskreise – etwa der Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke oder die Studenten der „Weißen Rose“ – handelten demgegenüber bereits Jahre früher und deutlich stärker aus grundsätzlicher moralischer beziehungsweise religiöser Überzeugung, obwohl sie über weit weniger Machtmittel verfügten.

Stauffenberg selbst: eine ambivalente Entwicklung

Auch Stauffenbergs eigener Weg war kein geradliniger. In seinem Milieu aus katholischem Adel und Militär war in den frühen 1930er Jahren eine Sympathie für Teile der „nationalen Erneuerung“ und einen autoritären Führungsstaat verbreitet, und Stauffenberg bildete davon keine Ausnahme. Erst der direkte Kontakt mit Kriegsverbrechen an der Ostfront – Massenerschießungen, die menschenverachtende Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilisten – sowie die sich abzeichnende militärische Katastrophe führten ihn ab etwa 1942/43 in aktiven Widerstand. Über seine konkreten politischen Vorstellungen für die Zeit nach einem geglückten Staatsstreich ist deutlich weniger überliefert als über die Goerdelers, da Stauffenberg vor allem der militärische Kopf, nicht der politische Theoretiker der Gruppe war. Vieles spricht jedoch dafür, dass auch er sich eher eine autoritär geführte Übergangsordnung als eine sofortige Rückkehr zur vollen parlamentarischen Demokratie vorstellte.

Einordnung und Fazit

Nichts von alldem schmälert, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer unter Einsatz ihres Lebens gehandelt haben und dass ein Gelingen des Attentats den Krieg früher beendet, Millionen Menschenleben gerettet und den Holocaust früher gestoppt hätte. Doch eine seriöse historische Betrachtung – wie sie in der deutschen Forschung seit den 1980er Jahren zunehmend Standard ist – darf nicht bei der Heroisierung stehenbleiben. Der 20. Juli war der Versuch einer nationalkonservativen Elite, den Nationalsozialismus zu beenden, um an dessen Stelle einen autoritären, ständisch geprägten Staat zu setzen – nicht den Aufbau der liberalen Demokratie, wie sie später mit dem Grundgesetz entstand. Diese Differenzierung nimmt den Verschwörern nichts von ihrem persönlichen Mut, macht die Geschichte aber ehrlicher und komplexer, als es das gängige Gedenknarrativ oft zulässt.




Tag der Solidarität mit Israel und den Juden

Das Volk Israel lebt – עַם יִשְׂרָאֵל חַי

Der Tag der Solidarität mit Israel und den Juden ist einer dieser Tage, die im Kalender auftauchen wie ein moralischer TÜV-Termin: Man weiß, er ist wichtig, man weiß, man sollte hingehen, aber irgendwie hofft man doch, dass niemand merkt, wenn man ihn verpasst.
Spoiler: Man merkt es. Immer.

Das Datum geht auf den 10. Juli 1945 zurück, als in Dresden mit Lessings „Nathan der Weise“ erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Theaterstück in Deutschland aufgeführt wurde, um ein Zeichen für Toleranz zu setzen.


Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine Geschichte von Kultur, Wissenschaft, Musik, Sprache, Überleben — und leider auch eine Geschichte von Verfolgung. Antisemitismus ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine Realität der Gegenwart. Genau deshalb braucht es diesen Tag: um sichtbar zu machen, was oft übersehen wird, und um auszusprechen, was oft verschwiegen wird.

Solidarität bedeutet hier nicht, politische Positionen zu vertreten, sondern Menschen zu schützen, die aufgrund ihrer Identität bedroht werden. Es bedeutet, die Stimmen zu hören, die zu oft übertönt werden. Es bedeutet, sich gegen jede Form von Hass zu stellen — ob laut oder leise, ob auf der Straße oder im Netz.

Israel als Ort der Vielfalt

Israel ist ein Land, das es irgendwie geschafft hat, gleichzeitig Projektionsfläche, Politikum, Sehnsuchtsort und Streitobjekt zu sein. Jeder hat eine Meinung dazu, auch wenn viele nicht einmal wissen, wo Haifa, Hebron oder Tel Aviv liegen. Es ist ein kultureller Knotenpunkt, ein Ort, an dem Sprachen, Religionen, Traditionen und Geschichten aufeinandertreffen. Ein Land, das gleichzeitig modern und uralt ist, verletzlich und stark, umstritten und faszinierend.
Solidarität mit Israel heißt nicht, jede politische Entscheidung zu feiern. Es heißt schlicht, die Existenz eines Landes anzuerkennen, das seit Jahrzehnten darum kämpft, überhaupt existieren zu dürfen.

Solidarität mit den Juden weltweit

Jüdisches Leben ist vielfältig: religiös, säkular, traditionell, modern, kulturell, politisch, künstlerisch. Es ist Teil Europas, Teil Deutschlands, Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Und trotzdem müssen Juden sich immer noch erklären, rechtfertigen, schützen, verteidigen.
Solidarität bedeutet, sich gegen Antisemitismus zu stellen — nicht nur, wenn er laut brüllt, sondern auch, wenn er leise flüstert.
Solidarität bedeutet, jüdisches Leben sichtbar zu machen, zu schützen und zu feiern. Es bedeutet, sich gegen antisemitische Mythen, Verschwörungen und Feindbilder zu stellen — und stattdessen die Menschen zu sehen, die dahinter stehen.

Warum dieser Tag wichtig bleibt

Weil Erinnerung verblasst.
Weil Hass laut ist.
Weil Schweigen gefährlich ist.
Weil Solidarität eine Haltung ist, die jeden Tag neu gewählt werden muss .

Der Tag der Solidarität mit Israel und den Juden ist ein Reminder, der uns sagt:
Hey, Menschlichkeit ist kein optionales Update. Das gehört zur Grundausstattung.“ Sie ist eine Entscheidung — und dieser Tag hilft uns, sie bewusst zu treffen.




Deutschland hustet wieder analog

Es gibt politische Entscheidungen, die wirken, als hätte jemand im Ministerium eine Challenge gestartet: „Wie können wir den Alltag der Menschen maximal unpraktisch gestalten – aber so, dass es nach verantwortungsvoller Politik klingt?
Die geplante Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ist das aktuelle Gewinnerprojekt dieser Challenge.
Denn offenbar hat man in Berlin beschlossen:
Wer krank ist, soll das auch beweisen – und zwar durch körperliche Präsenz im Wartezimmer, der ultimativen Bazillen-Hüpfburg und dem natürlichen Habitat des Erregers.

Die telefonische Krankschreibung war ein seltenes Einhorn deutscher Bürokratie:

  • Sie funktionierte.
  • Sie war sinnvoll.
  • Sie war menschlich.
  • Sie hat Arztpraxen spürbar erleichtert
  • Und sie war – Gott bewahre – bequem.

Also: weg damit!

Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung ist also vor allem eines:
Ein Liebesbrief an die analoge Welt.
Ein Zeichen dafür, dass Deutschland weiterhin fest daran glaubt, dass echte Gesundheit nur durch echte Wege entsteht – am besten mit Busfahrt und/oder einem kleinen Spaziergang durch herbstlichen Regen, sowie Wartezimmer und dem traditionellen Begrüßungsritual: „Haben Sie Ihre Versichertenkarte dabei?
Spaßig wird die ganze Sache dann, wenn man auf dem Land wohnt und für den Arztbesuch noch den zuverlässigen Service der Deutschen Bahn in Anspruch nehmen darf. Bisweilen kann ein zugiger Bahnsteig eine großartige Motivation sein, sich anstatt dessen vielleicht doch lieber zur Arbeit zu schleppen.

Stattdessen kehrt Deutschland zurück zu seiner Lieblingsdisziplin: Leidensoptimierung.
Der Patient mit 39 Grad Fieber, Husten mit einem Kilo blutigem Auswurf und Verdauungsstörungen, die das Tragen einer Windel rechtfertigen darf wieder raus, um sich beim Arzt in einen Stuhlkreis aus kranken Menschen zu setzen, die aussehen, als hätten sie gerade ein Casting für „The Walking Dead“ verloren.
Die Regierung nennt das „Missbrauch verhindern“.
Die Realität nennt es „Infektions-Bingo“.

Natürlich wird das Ganze mit „Missbrauchsgefahr“ begründet.
Dieses Argument ist in Deutschland so universell einsetzbar wie WD‑40 oder Sauce Hollandaise zum Sonntagsbraten:
Wenn etwas funktioniert, sprüht man „Missbrauchsgefahr“ drauf, und schon quietscht und knarzt es wieder.

Die Realität freilich ist simpler:
Die telefonische Krankschreibung war ein kleiner Schritt Richtung Moderne.
Und Modernes wird hierzulande oft behandelt wie ein verdächtiges Paket ohne Absender.

Also zurück in die analoge Welt.

  • Zurück zu Versichertenkarten, die beim ersten Versuch in der Regel nicht erkannt werden.
  • Zurück zu Wartezimmern, die wahlweise als inoffizielle Trainingslager oder Hüpfburg für neue Virusvarianten gelten.
  • Zurück zu dem Gefühl, dass man sich seine Krankschreibung erst verdienen muss – durch körperliche Präsenz und die Bereitschaft, sich mindestens eine zusätzliche Krankheit einzufangen.

Die telefonische Krankschreibung war ein kleiner Schritt Richtung Moderne – und die geplante Abschaffung ist ein großer Schritt zurück in die vertraute Umarmung der Bürokratie.
Deutschland bleibt sich treu:
Wenn es kompliziert geht, warum sollte man es einfach machen. Wenn es sinnvoll ist, ist es gefährlich.
Und wenn es Menschen entlastet, muss es weg.




Treuhand bis in den Tod

Am 1.April 1991 wurde Detlev Karsten Rohwedder, der damalige Präsident der Treuhandanstalt in seinem Haus in Düsseldorf durch einen präzisen Schuß getötet. Die Tat gehört bis heute zu den rätselhaftesten politischen Attentaten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Wer jetzt nicht mehr weiß, wer oder was die Treuhandanstalt war, hier eine kurze Erklärung. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurde die Treuhandanstalt als Anstalt des öffentlichen Rechtes mit dem Ziel gegründet, die volkseigenen Betriebe der damaligen DDR nach den Maßgaben des Kapitalismus zu sanieren und zu privatisieren. Darüber hinaus konnte sie Betriebe verkaufen oder im schlimmsten Fall schließen. Im Umfeld der Treuhand kam es zu Wirtschaftskriminalität und Fördermittelmißbrauch. Die Treuhandanstalt existierte bis 31.12.1994, danach wurde sie in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben umbenannt.

Detlev Karsten Rohwedder war zu der Zeit kein Unbekannter. Im Jahr 1983 errang er in der damaligen Bundesrepublik hohe Bekanntheit und hohes Ansehen durch die Sanierung des Hoesch-Konzerns. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl setzte sich für Rohwedder als Leiter der zu gründenden Treuhandanstalt ein, obwohl dieser Sozialdemokrat war. Es wird bisweilen unterstellt, dass Kohl hier in voller Absicht derart handelte, da bei einem Scheitern Rohwedders und/oder der Treuhand ein nicht unerheblicher Teil der Schuld der SPD hätte in die Schuhe geschoben werden können. Am 3.Juli 1990 wurde Detlev Karsten Rohwedder durch den Ministerrat der damaligen DDR zum Leiter der Treuhandanstalt berufen. Rohwedder sprach von „einer Aufgabe von nahezu furchterregender Dimension“. Er hatte den Auftrag, eine ganze Volkswirtschaft zu privatisieren. Ein Auftrag, der eigentlich gar nicht auszuführen war…. Als Treuhandchef ist der einst als Jobretter gefeierte Topmanager nun zum “Buhmann der Nation” geworden.

Am 1.April 1991 sitzt Rohwedder in den späten Abendstunden am Schreibtisch seiner Villa in Düsseldorf-Niederkassel mit Blick auf den Rhein. Als er von seinem Schreibtisch aufstand, traf ihn der tödlich Schuß in den Rücken. Ein weitere Schuß traf seine Frau Hergard in den Arm, ein dritter Schuß traf das Bücherregal des Arbeitszimmers. Die Rekonstruktion der Tat durch die Ermittlungsbehörden ergab, dass Rohwedder aus der gegenüberliegenden Schrebergartenkolonie aus 63m Entfernung mit einem Schnellfeuergewehr des belgischen Typs Fusil Automatique Léger (FAL) getötet wurde. Das Projektil vom NATO-Standardkaliber 7,62 Millimeter zerfetzte sowohl die Aorta als auch die Luft- und Speiseröhre des 58-Jährigen, der daraufhin in Sekundenschnelle verblutete. An dieser Stelle wurde am 6.April 1991 ein Bekennerschreiben der RAF gefunden, welches von den Ermittlungsbehörden als echt eingestuft wurde. Zur Begründung hieß es in dem Bekennerschreiben, der „brutale sanierer“ sei „seit zwanzig jahren in schlüsselfunktionen in politik und wirtschaft“ tätig gewesen und danach zum „bonner statthalter in ost-berlin“ aufgestiegen, wo er „die wirtschaft der ex-ddr genauso wie die sozialen strukturen dort“ systematisch habe zerstören sollen.

Neben dem Bekennerschreiben fanden die Ermittler dort einen Plastikstuhl, einen Feldstecher, drei Patronenhülsen und ein Handtuch. Drei dort ebenfalls gefundene Zigarettenkippen wurden von einem Menschen mit der Blutgruppe A geraucht. An dem Handtuch wurde ein Haar gefunden, dass später dem 1993 in Bad Kleinen getöteten, mutmaßlichen RAF-Mitglied Wolfgang Grams zugeordnet werden konnte, jedoch nicht die Zigarettenkippen. Dieses Haar ist der einzige forensische Ansatz der Ermittlungen. Dieser läßt lediglich den Schluß zu, das Grams entweder am Tatort war oder Kontakt zu dem oder den Tätern hatte. Die Aservate im Fall Rohwedder wurden später mit den neuen Techniken zur DNA-Analyse erneut untersucht, ein weiterer Durchbruch wie im Fall des Haares von Wolfgang Grams blieb jedoch aus. Die Bundesanwaltschaft schweigt sich bis heute darüber mit dem Hinweis auf laufende Ermittlungen aus, ob die Zigarettenkippen mit Spuren der Blutgruppe A zu Birgit Hogefeld, die bei dem Einsatz in Bad Kleinen festgenommen und später verurteilt wurde, gehören. Die Zigarettenkippen wurden in den 1990er Jahren verbraucht, ohne dass moderne DNA-Spurenanalytik angewendet wurde – eine heute nicht wiederholbare Lücke. Birgit Hogefeld befindet sich mittlerweile auf freiem Fuß und schweigt ebenfalls zu den Ermittlungen im Falle Rohwedder.

Das Ehepaar Rohwedder war sich bewusst, dass es gefährdet war. Hergard Rohweddder bat vergeblich wenige Tage vor dem Attentat die Polizei für mehr Schutz zu sorgen. Sie berichtete von anonymen, nächtlichen Telefonanrufen und Unbekannten, die an der Haustür klingelten und anschließend nicht mehr auffindbar waren. Vermutlich hatten der oder die Täter genaue Kenntnisse der Sicherheitseinrichtungen des Hauses der Familie Rohwedder. Im Gegensatz zu dem unteren Stockwerk waren die Fenster im Arbeitszimmer nicht aus Panzerglas.

Die Ermittlungen im Tötungsdelikt gegen Detlev Karsten Rohwedder werden von der Bundesanwaltschaft auf Grund der Annahme, dass es sich um einen politischen Mord handelt nach wie vor unter dem Aktenzeichen 2 BJs 62/91-2 gegen „Unbekannt“ geführt. Im Fachjargon redet man von einem „Cold Case“. Ebenso sind auch die Morde an dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen und dem Diplomaten Gero von Braunmühl bis heute nicht aufgeklärt, geschweige denn, dass jemals eine tatverdächtige Person festgenommen wurde.

Alle diese Verbrechen werden der Dritten Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) zugeschrieben, da diese sich offensichtlich zu den Taten bekannte. Kein mutmaßliches Mitglied dieser Dritten Generation der RAF ist bis heute dieser Verbrechen überführt und verurteilt worden.

Angesichts der dürftigen Beweislage wurden einige Zweifel an der Täterschaft der RAF laut, zumal die damals angeblich aktive sogenannte dritte Generation der RAF nur als kaum zu greifendes Phantom galt. Selbst heute kennt die Bundesanwaltschaft nicht einmal die Hälfte der Mitglieder dieser mutmaßlichen dritten Generation namentlich. Von den Morden, die ihr außer dem Attentat auf Rohwedder noch zur Last gelegt werden, konnte lediglich die Erschießung des GSG-9-Mannes Michael Newrzella durch Grams bei dem Einsatz 1993 in Bad Kleinen zweifelsfrei aufgeklärt werden.

An einer Durchführung der Tat oder einer Tatbeteiligung der RAF kamen recht zügig Zweifel auf. Zunächst braucht es einen Schützen der fähig ist, auf 63m Entfernung in der Dunkelheit einen tödlichen Schuß abzugeben. Es muss sich demnach um eine in der Tötung von Menschen erfahrenen Person handeln. Wenn das zutrifft, stellt sich die Frage, warum diese Person am Tatort eine Plastikstuhl, Zigarettenkippen und ein Handtuch mit einem eindeutig zu identifizierenden Haar hinterlässt. Für eine solche Version eines „Profis“ spricht ebenfalls, dass der Täter trotz einer sofortigen Ringfahndung bis heute unerkannt entkommen konnte. Bei einem Attentat sind zwei Dinge von essentieller Bedeutung: Die Zielpersonen muss sofort ausgeschaltet werden und der Täter muss unerkannt entkommen können, um keine Rückschlüsse auf die Hintergründe, bzw. mutmaßliche Auftraggeber ziehen zu können. Weiterhin gilt es ebenso, unter allen Umständen Spuren jeglicher Art zu vermeiden. Zu alldem sind in der Regel nur „Profis“ in der Lage, also Menschen, die mit dem gezielten Ausschalten ihrer Opfer eine gewisse Erfahrung haben. Es bleibt die Frage, ob die der Dritten Generation der RAF zugerechneten Personen (Grams, Hogefeld, etc.) dazu befähigt waren oder sind. Darüber hinaus stellt sich ebenfalls die Frage, warum am Tatort dennoch Spuren gefunden wurden und ein Bekennerschreiben dort lag. Alle diesbezüglichen Vermutungen sind jedoch bis heute weder bestätigt noch widerlegt. Birgit Hogefeld äußerte sich 2010 lediglich zu den möglichen Motiven der RAF: „Die RAF hatte keinerlei Interesse daran, Rohwedder zu töten.“ und „ Er war in der Linken nicht unbeliebt – eher als jemand, der versuchte, den Osten nicht kaputt zu machen.

Kurz nach der Tat fiel ein Verdacht auf Mitarbeiter des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Diese hatten sowohl die logistischen Möglichkeiten als auch ein Motiv, das darin bestand, dass die Treuhand unter Rohwedder eventuell das verschwundene Parteivermögen der SED aufspürt. Es soll sich dabei um ungefähr 800 Millionen D-Mark gehandelt haben. Im gleichen Zuge kam der Verdacht auf, dass die Stasi dieses Geld „beiseite geschafft“ haben soll und mit dem Attentat auf Rohwedder die Suche danach unterbinden wollte. Als möglicher Drahtzieher wurde unter anderem Ralf-Peter Devaux genannt. Der ehemalige Stasi-Offizier klagte erfolgreich gegen alle und jeden, die ihn mit dem Anschlag in Verbindung zu bringen versuchten.

Spekuliert wurde ebenfalls über einen sogenannten einsamen Wolf (lone wolf) aus der ehemaligen DDR mit militärischer Ausbildung als Scharfschütze, der den Treuhandchef Rohwedder wegen dessen Vorreiterrolle bei der Abwicklung der DDR-Wirtschaft ermordet haben soll. Immerhin hatte die Treuhand damals die Verantwortung für knapp 14.600 vormalige volkseigene Betriebe mit rund vier Millionen Beschäftigten.

Die US-amerikanischen Enthüllungsautoren John Perkins und Fletcher Prouty, sowie Wirtschafts- und Geheimdienstexperten verwiesen auf Verwicklungen der CIA in das Attentat. Rohwedder war bekannt dafür, dass er zunächst dazu tendierte, die Betriebe der ehemaligen Betriebe der DDR zu sanieren anstatt zu verkaufen oder stillzulegen. Er beabsichtigte gar, die Mitarbeiter zu Eigentümern an den Betrieben zu machen. Das war weder im Sinne derer gewesen, die beim Verkauf der Betriebe ein „Schnäppchen“ hätten machen wollen, noch derjenigen, die kein Interesse daran gehabt hätten, wenn eine derartige Beteiligung der Mitarbeiter zu einem Präzedenzfall mit Vorbildwirkung auf die alten Bundesländer oder andere westlichen Staaten geworden wäre. Es sei noch angemerkt, dass die Nachfolgerin des Sozialdemokraten Rohwedder, die Christdemokratin Birgit Breuel eine deutlich härtere und weniger soziale Gangart an den Tag legte. Anstatt behutsam zu sanieren wurde unter ihrer Ägide bei der Treuhand nach der Maxime „schnell privatisieren“ gehandelt. Birgit Breuel war zudem Mitglied des Vereins Die Atlantik-Brücke e.V., welcher als Verein im Jahr 1952 mit dem Ziel gegründet, eine wirtschafts-, finanz-, bildungs- und militärpolitische Brücke zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschland zu schlagen.

Für all diese Verdächtigungen und Vermutungen jenseits einer Tatbeteiligung der RAF gibt es jedoch bis heute keinerlei Beweise.

Zu dem Mordanschlag auf Detlev Karsten Rohwedder gibt es vom ZDF einen sehr interessanten Zweiteiler mit dem großartigen Ulrich Tukur in der Hauptrolle, der sich lose an den Geschehnissen orientiert und die Abläufe frei interpretiert. Es ist kein Werk über das letzte Gefecht des Linksterrorismus, sondern es sät Zweifel an jeglicher Art ideologischer Gewalt. Zweifel an der gängigen Theorie einer RAF-Täterschaft lassen dieses Werk zwar in die Nähe von Verschwörungstheorien entgleiten, aber macht es auch zu mehr als nur Geschichtsfernsehen, zudem mit einem guten Unterhaltungswert.

Am Ende stellt sich bei derartigen Ereignissen im die Frage Qui bono – wer zieht einen Nutzen daraus? Die RAF lehnte jede Form des Kapitalismus ab, somit und auf Grund des Bekennerschreibens sind sie natürlich die „ersten“ Tatverdächtigen. Rohwedder vorrangiges Ziel war es jedoch, die marode Wirtschaft der ehemaligen DDR zu sanieren und die Menschen in Arbeit zu halten. Ihm lag es fern, die dortigen Betriebe zu „verscherbeln“ und Spekulanten zu überlassen. Im Grunde überwogen also sozial-marktwirtschaftliche Aspekte, die sich nicht zwingend mit rein kapitalistischen Interessen deckten. Nutznießer der seit Rohwedders Tod konsequent verfolgten Privatiesierungsstrategie seiner Nachfolgerin Brigit Breuel waren insbesondere große Konzerne.

Die größten Profiteure der Wiedervereinigung waren westdeutsche (und teilweise) internationale Großkonzerne wie Volkswagen, Opel (damals GM), BMW, Siemens, RWE, E.ON, Vattenfall, Edeka, Aldi, Lidl, Rewe, Nestlé, Coca-Cola, Procter & Gamble, sowie Beratungsfirmen wie PwC, KPMG, Deloitte, McKinsey und Roland Berger, die schnell Marktanteile in Ostdeutschland sichern konnten – oft gestützt durch staatliche Subventionen, Privatisierungen und günstige Arbeitskosten, bzw. Verträgen zur Umstrukturierung und Strukturplanung der ostdeutschen Wirtschaft. Ostdeutsche Unternehmen hingegen verschwanden in diesem Zuge weitgehend – mit gravierenden Folgen für Beschäftigung und Vermögensverteilung.

Rohwedder hatte sich unter Ostdeutschen Respekt erarbeitet – vor allem, weil er die Privatisierung mit sozialem Augenmaß gestalten wollte. Er plante, wie bereits erwähnt, Betriebe nicht nur an Westinvestoren zu verkaufen, sondern teilweise auch Belegschaftsmodelle zu fördern. Viele Ostdeutsche trauten ihm mehr Gerechtigkeit zu als seiner Nachfolgerin. Nach dem Attentat wuchs das Misstrauen gegenüber der Treuhand. Rohwedders Nachfolgerin, Birgit Breuel, galt als wirtschaftsliberaler und marktorientierter. Die Treuhand wurde zunehmend als Instrument des Ausverkaufs wahrgenommen, nicht mehr als Garant für einen sozialverträglichen Umbau. Das Vertrauen in den Vereinigungsprozess litt – der Mord galt als Symbol für die Härte und Gewalt des Umbruchs.




Pride Month – jeder Jeck ist anders

Allerorten wird darüber berichtet, dass im Juni „Pride Monat“ ist. Doch was ist das überhaupt, selbst Menschen meiner Generation scheinen damit bisweilen überfordert zu sein …

Der Pride Month ist ein jährlich im Juni stattfindender Monat, in dem die LGBTQIA+-Community (Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Queer, Intersex, Asexuell und andere) gefeiert wird. Der Pride Month erinnert an die Stonewall-Aufstände in New York City im Juni 1969. Damals wehrten sich queere Menschen, vor allem trans Frauen und queere People of Color, gegen Polizeigewalt und Diskriminierung – ein Wendepunkt in der LGBTQIA+-Bewegung. Während des Monats finden Paraden, Veranstaltungen, Workshops, Ausstellungen und Demonstrationen statt. Sie zeigen die Vielfalt der queeren Community und machen auf bestehende Probleme aufmerksam.

Pride ist nicht nur eine Feier, sondern auch ein Protest. Der Monat lenkt die Aufmerksamkeit auf Themen wie:

  • Diskriminierung und Gewalt gegen queere Menschen
  • Ungleiche rechtliche Behandlung
  • Queere Rechte weltweit Gesundheit und Aufklärung

Ein zentrales Symbol ist die Regenbogenflagge, die Vielfalt und Stolz repräsentiert. Quere Menschen werden auch heute noch in vielen Ländern unterdrückt, diskriminiert oder sogar verfolgt werden. Der Pride Month ist ein Zeichen für Gleichberechtigung, Freiheit, Liebe und Menschlichkeit – für alle.

Ehrlich gesagt, tue ich mich ein wenig schwer damit. Wir sind damals in den 80er Jahren mit Leuten groß geworden, die schon damals nicht in die Zeit gepasst haben. Bei Boy George und Grace Jones war es schon damals schwierig, sich auf ein Geschlecht festzulegen, Freddie Mercury war stockschwul, die Pet Shop Boys waren und sind stockschwul, Madonna hat Britney Spears später auf offener Bühne einen Zungenkuss gegeben und Alison Moyet war definitiv „oversized“ und Bronski Beat haben uns von einem Kleinstadtjungen vorgesungen. Das alles war uns zur damaligen Zeit alles herzlich egal, wir haben diese Leute gefeiert, sie waren Idole und niemand aus unserer Generation kam auf die Idee, sich über diese Menschen abschätzig zu äußern. Für uns war das alles ziemlich normal.

Für mich ist und bleibt es unverständlich, warum man für so etwas heute mit einer bunten Fahne auf die Straße gehen muss. Vermutlich bin ich als Flüchtlingskind rheinischer Herkunft etwas verblendet. Hier, im Rheinland hat sich seit der Römerzeit alles getroffen, was es in Europa gab. Keltische Legionäre, griechische Ärzte, schwedische Reiter, französische Schauspieler und graubündner Landsknechte. Die haben sich hier alle gerauft, gesofffen und Kinder gezeugt. Als Napoleon das Rheinland besetzte, durften sich gar Juden, Protestanten und Polen hinzugesellen!

Mir ist es, ehrlich gesagt, vollkommen gleichgültig, wo jemand herkommt, welchen Gott er anbetet und ob er nur Jungs mag, sie nur Mädels mag und ob jemand dabei ist, der selbst nicht weiß, was er ist. Mir ist es auch herzlich egal, ob ein Kind zwei Väter oder zwei Mütter hat. Ich halte es da mit Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister, dem Gründer von Motörhead: Entweder, Du bist ein Arschloch oder keins. So einfach ist das.

Wenn Menschen heute mit bunten Fahnen auf die Straße gehen, weil man sie für abnormal oder gefährdend hält, schwillt mir der Kamm, auch aus oben genannten Gründe aus meiner Jugend. Da sollen queere Menschen aus der US-Army ausgeschlossen werden, in Ungarn werden queere Veranstaltungen verboten, weil sie angeblich Kinder gefährden, die Weinkönigen Julia Klöckner untersagt Bundestagsbeamten, in ihrer Funktion als Amtsträger an queren Veranstaltungen teilzunehmen und in Bad Freienwalde können rechte, kognitiv teilmöblierte Gesellen einfach auf einer queeren Veranstaltung um sich prügeln, ohne dass es in der Kommunalverwaltung selbst Amtsträger irgendwie besonders interessiert.

Laut unserem Grundgesetz ist jeder Mensch gleich und als solcher zu behandeln. Jeder Mensch sollte ein Platz in unserer Gesellschaft haben. Darauf sollten wir stolz sein, nicht darauf, dass wir beispielsweise reinerbig von einem deutschen Schäferhund abstammen – das ist keine Leistung. Und wer hier seinen Platz noch nicht gefunden hat, dem sollten wir helfen, diesen zu finden.

Ich stelle mir bisweilen meine kleine Welt ohne diese Menschen vor, oder ohne „Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar“ – da ist nichts mehr bunt, höchstens monochrom, im Zweifel „Zappenduster“, wie man hier im Rheinland sagt. Jeder Jeck is anders.

“Jede Jeck is anders” ist eine kölsche Redewendung, die bedeutet: „Jeder Narr ist anders” oder “Jeder Verrückte ist anders”. Es ist ein Ausdruck von Toleranz und Akzeptanz, der besagt, dass jeder Mensch einzigartig ist und seine eigenen Macken und Marotten hat. Es ist ein Teil des “Kölschen Grundgesetzes”, welches die kölsche sowie die rheinische Mentalität und Lebensart beschreibt. Und zu dieser Mentalität gehört in meiner Welt auch eine bunte Fahne.

… und bitte erzählt mir jetzt nicht, dass ein Mann mit Rock, ’ne Frau mit Bart oder jemand, der nicht weiß, was er/sie/es ist, gefährlich ist! Die Welt geht nicht an solchen Menschen zu Grunde, sondern an alten Männern in Nadelstreifenanzügen.




Radfahren im Rheinland

Ende des Radweges

Der Radverkehr boomt – nicht erst seit der Corona-Pandemie steigen immer mehr Menschen auf das Fahrrad um. Klimaschutz, Gesundheitsaspekte und die Entlastung des Verkehrs machen das Radfahren auch in Städten zunehmend attraktiv. Doch wie steht es um die Radinfrastruktur in den Kreisen Neuss und Viersen und in den Städten wie Neuss, Krefeld und Düsseldorf? Ist das Fahrrad ein alternatives Fortbewegungsmittel und kann ich hier auch meine Freizeit damit gestalten?

Vor knapp 8 Jahren im Mai musste mein Mac-Book zum Apple-Store nach Düsseldorf, da die Batterie getauscht werden musste. Die Reparatur war schneller fertig als erwartet – an einem Samstag Nachmittag meldete sich ein Mitarbeiter des Apple-Stores und teilte mir mit, dass mein Gerät abholbereit sei. Da an diesem Tag wunderschönes Frühlingswetter herrschte, beschlossen wir, mit dem Fahrrad nach Düsseldorf zu fahren. Da ich mich bis dorthin (Apple-Store am Kö-Bogen) ganz gut auskenne, war das im im Grunde kein hoffnungsloses Unterfangen. Wir fuhren von Willich aus über die Felder bis Meerbusch-Büderich und von dort über Radwege nach Düsseldorf-Heerdt. Eine ordentliche Beschilderung vermissten wir bereits am Ortseingang Düsseldorf. In Düsseldorf-Heerdt selbst hat sich die Stadtverwaltung wohl gedacht, wenn wir keine Radwegschilder aufstellen, können wir auf Radwege gleich ganz verzichten. In Oberkassel bis über die Rheinbrücke hat man sich dann doch eines Besseren besonnen gefühlt. Von der Altstadt bis zum Kö-Bogen besann man sich seitens der Stadtverwaltung wieder auf die gewohnte Tugend, gleich wieder auf beides zu verzichten. Wer den Verkehr, insbesondere an einem Samstag Nachmittag kennt, sollte also seine Verlustängste im Griff haben.

Inzwischen sind einige Jahre ins Land gegangen und gefühlt jeder hat mittlerweile ein E-Bike; umweltbewusste Eltern kreiolen unterdessen ihre ganze Mischpoke in Lastenrädern durch die Gegend. So weit, so gut – aber wie sieht es bei der Infrastruktur aus? Komme ich schnell von A nach B und/oder kann ich mein Rad auch nutzen, um mich gar zu erholen und die Natur zu entdecken, die entgegen der landläufigen Meinung im Rheinland sehr schön ist.

Fährt man von Willich/Kaarst aus nach Meerbusch-Büderich auf der Landstraße auf einem schönen Radweg, wird man am Ortseingang von einem fröhlichen Schild des Rhein-Kreises Neuss als fahrradfreundlicher Kreis begrüßt. Nach weiteren ca. 200 Metern wird Dir per Schild mitgeteilt, dass der Radweg hier endet. Man muss sich dann auf einer sehr kurvenreichen und stark befahrenen Straße knapp einen Kilometer in den Ortskern von Büderich durchkämpfen. Man gönnt sich da zunächst die Frage, welcher Spaßvogel sich so etwas ausdenkt?

Zwischen Meerbusch-Büderich und Meerbusch-Osterath gibt es einen Bestattungswald, in dem auch meine Mutter Ende letzten Jahres ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Von uns aus in Willich ist es bis dorthin auch sehr gut anhand des Knotenpunktsystems ausgeschildert. Bei dem Bestattungswald handelt es sich um eine recht großes Waldgebiet, was für uns unter anderem auch eine sehr schöne Ruhe ausstrahlt. Leider existiert hier überhaupt keine Beschilderung, wie man durch diesen Wald beispielsweise über Kaarst nach Willich zurückkommt. Das Knotenpunktsystems leitet Dich hier um dieses Waldgebiet bis nach Neuss, dort durch Gewerbe- und Wohngebiete auf die Hauptstraße von Neuss nach Kaarst. Immerhin wird man ab dort durch Wald und hauptsächlich Feld nach Willich geleitet. Ab dort ein insgesamt schöner Weg. Das Stück vom Bestattungswald über Neuss und Kaarst hat jedoch keinerlei Erholungswert. .

Am gestrigen Tag haben wir erneut eine Radtour von Willich aus bis Meerbusch-Lank, mit einem Abstecher über den Rhein nach Kaiserswerth unternommen. Wären wir nach den Knotenpunkten gefahren, wäre der Hinweg gleich der Rückweg gewesen – mäßig spannend. Also haben wir das Knotenpunktsystems verlassen und sind auf eigene Faust über Meerbusch-Strümp und Meerbusch-Osterath nach Hause gefahren. Insgesamt eine sehr schöne Strecke bei der man sich fragt, warum diese nicht ausgeschildert ist? Ist das wirklich zu viel verlangt oder haben die örtlichen Behörden kein Interesse daran?

Auch der Kreis Viersen rühmt sich, viel für den radfahrenden Teil der Bevölkerung zu tun. In einer Broschüre über Radtouren im Kreis Viersen haben wir eine Tour rund um Kempen, St.Hubert, Grefrath und wieder zurück nach Kempen entdeckt. Auch hier gibt es ein Knotenpunktsystem, an dem man sich orientieren kann. Gleich zu Beginn in Kempen geriet die Suche nach dem passenden Radweg zu einer kleinen Schnitzeljagd. Teilweise sind die Hinweisschilder dermaßen versteckt, dass man sie kaum wahrnimmt. Richtung St.Hubert ist die Ausschilderung sehr verwirrend, im Ort selbst steht gar kein Hinweisschild mehr. Also fahren wir weiter geradeaus. Ein Blick in die Knotenpunkt-App verriet, dass wir mindestens 500 Meter vom ursprünglichen Weg abgekommen sind. Nach einer kleinen Irrfahrt durch St.Hubert gelang es uns, die Route wiederzufinden. Danach ging es über Felder, über Felder und über Felder. Bis Tönisberg, wo eine alte Mühle steht. Nur eine alte Mühle, sonst nix. Weiter ging es über Felder Richtung Grefrath. Hatte ich erwähnt, dass es über Felder ging? Natürlich kaum über Radwege, sondern lediglich über Wirtschaftswege. Nach knapp 20 Kilometern auf dem Drahtesel stellen sich mitunter ein wenig Durst und Hunger ein. Doch weit und breit nur Felder, ich erwähnte es, glaube ich, bereits. Kein Restaurant, kein Kiosk, keine Tanke, kein Laden. Nada, nix, niente … Es war uns, ehrlich gesagt, zu dumm, die Tour weiter zu fahren. Wir sind zurück nach Kempen gefahren, da es Montag war, hatte die Hälfte der Restaurants geschlossen. Wir hatten wenigstens noch eine Kneipe gefunden, in der es Bitburger Pils und einen anständigen Aperol Spritz gab. Alles in allem sehr ernüchternd, was die Hochglanzbroschüre des Kreises Viersen uns da vorschlug, insbesondere, da es eine sehr schöne Tour von Willich nach Kempen gibt, die im Knotenpunktsystem verzeichnet ist und die wir gerne fahren, da diese abwechslungsreich ist.

Jetzt sagen einige, Radfahren ist ja nicht nur zum Spaß da, wie sieht es denn aus, wenn man vom ruralen Willich in die Urbanität nach Krefeld gelangen will oder muss, womöglich gar zur Arbeit? Wir haben es nicht unversucht gelassen und sind zunächst einmal mit dem Rad zu Freunden gefahren, die in der Nähe des Eisstadions in Krefeld wohnen. Unmöglich ist es nicht, die Qualität der Radwege ist mäßig und bisweilen muss man sich darauf konzentrieren, dass man von den links parkenden Autos nicht einen schönen Gruß von der Tür in den Fahrweg gelegt bekommt. Die Stecke, die wir uns zu unseren Freunden ausgesucht hatten, beträgt knapp 8 Kilometer, das Navi rechnete uns 26 Minuten vor. Da wir recht zügig unterwegs sind, rechnen wir mal mit 22 Minuten. Die Strecke ist jedoch nicht das Problem, was ich dann auf der nächtlichen Rückfahrt gegen 00:30 Uhr mal genauer unter die Lupe nahm. Auf besagten 8 Kilometern gibt es sage und schreibe 11 (in Worten: elf) Ampeln! An mehr als der Hälfte der Ampeln hat der Radverkehr grundsätzlich rot und man muss für ein Grün-Signal einen Knopf drücken. Selbst mit unserer zügigen Fahrweise haben wir weder die Hin- noch die Rückfahrt in der angegebenen Zeit geschafft. Selbst um 00:30 Uhr benötigten wir knapp 36 Minuten. Zahlenaffine Leser werden festgestellt haben, dass hier eine Diskrepanz von 10 Minuten das Ergebnis sind. Zehn (!) Minuten auf 8 Kilometer – das nenne ich mal ein „Brett“. Fährt man im Gegensatz dazu durch eine niederländische Stadt wie Venlo, ereilt einen dort ein wahrer Geschwindigeitsrausch! Vom Stadtteil Blerick im Westen bis zur Groote Heide im Osten der Stadt maximal 2 (in Worten: zwei) Ampeln. Die Niederländer sind bisweilen gar so dreist und verbauen in den Radwegen Kontaktschleifen, die beim Überfahren den Autoverkehr anhalten. Hier zu Lande käme das einer ausgewachsenen Radfahrer-Diktatur gleich, die sich womöglich nur die Grünen ausdenken können.

Ich bin niemand, der gerne auf sein Auto verzichten möchte. Dennoch halte ich es für vernünftig und geboten, des Öfteren auf das Fahrrad umzusteigen, sei es für alltägliche Fahrten oder nur „aus Spaß aan de Freud“, wie der Rheinländer sagt. Letzteres gelingt meiner Ansicht nach größtenteils nur in den nahen Niederlanden, da man hier völlig ablenkungsfrei vom Autoverkehr fahren kann. Hierzulande enden Radwege oft abrupt, sind in schlechtem Zustand und schlecht ausgeschildert. Vorgeschoben wird dann immer der Mangel an finanziellen Mitteln. Da nutzt es auch nix, Elektro-Autos zu pushen, nur um die CO2-Ziele zu erreichen. Auto ist Auto, egal ob mit Benzin, mit Batterie, mit Wasserstoff oder Warp-Antrieb. So lange man an Konzepten festhält, in denen ich mit dem Auto bis in ein Klassenzimmer oder in die nächste Bäckerei fahren kann, braucht man über „Mobilitätswende“ erst gar nicht zu reden.




Sofort, … unverzüglich!

Keine Atempause
Geschichte wird gemacht
Das geht voran!

Fehlfarben

Es ist der 9.November 1989, kurz vor 19.00 Uhr. Im Wohnzimmer lief das Fernsehgerät. Die Nachrichten im Herbst 1989 überschlugen sich. Demonstrationen in allen großen Städten der DDR, Gorbatschow, Glasnost & Perestroika, ein letztes, großes Schützenfest in Ost-Berlin, mit dem die DDR ihr 40-jähriges Bestehen feierte, Honeckers Abgang, Egon Krenz, der Geläuterte, usw. und sofort.
Das Abendessen stand auf dem Tisch, mein Vater ging in die Küche, da er Hunger hatte und ich harrte noch einen Moment am Fernseher bei der täglichen “heute”-Sendung aus.

Kurzfristig wurde in eine Pressekonferenz nach Ost-Berlin umgeschaltet. Günter Schabowski, seit wenigen Tagen „Sekretär für Informationswesen“ gab eine Erklärung ab – in tadellosem “Verwaltungsdeutsch”.

Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. […] Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen.

Auf die Frage eines Journalisten, ab wann diese Verordnung in Kraft tritt, stammelte Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Man konnte den Eindruck gewinnen, dass er gar nicht überrissen hat, was er da gerade von sich gegeben hat.

Die Mauer, die Grenze, die schikanösen Kontrollen und Todesängste hatten mit einem Satz aufgehört zu existieren. Ich ging in die Küche an den Abendbrottisch und mein Vater fragte: “Watt jibbet Neues?”
Ich sagte, dass die Mauer auf ist, dass jeder DDR-Bürger ohne Grund ins Ausland, also auch in die Bundesrepublik reisen kann. “So schnell wird bei den Preussen nicht geschossen”, entgegnete mein Vater. Meine Mutter schüttelte nur ungläubig den Kopf.
Danach überschlugen sich die Ereignisse – wenig später wurde auf allen Sendern das Programm geändert und es wurde live von sämtlichen Grenzkontrollstellen in Berlin und vom Ku’Damm berichtet. Kilometerlange Trabant- und Wartburgschlangen bildeten sich Richtung Westen, selbst in meiner Heimatstadt Neuss fuhren Autos hupend durch die Strassen.

Doch es blieb immer noch eine gespenstische Angst: Was machen die Grenzkontrollposten der DDR angesichts der unübersichtlichen Lage? Was machte die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, die mit knapp 380.000 Mann vor Ort war? Ich erinnerte mich an die Worte eines britischen Colonel während meiner Bundeswehrzeit: „We don’t fear the Soviet forces, we fear the forces of the GDR, the Nationale Volksarmee“.
Wie auch bei sämtlichen Demonstrationen schritten die Sowjets hier nicht ein, die Grenzkontrollkräfte und die Nationale Volksarmee der DDR konnten nur in Schockstarre die Ereignisse geschehen lassen, insbesondere, da es hier keine eindeutigen Befehle der Staats- und Parteiführung gab und diese zunächst auf Tauchstation ging. Niemand wollte sich die Finger schmutzig machen, … Gott sei Dank!
Aufatmen.

Bundeskanzler Helmut Kohl befand sich an diesem Tag mit einer Delegation in Warschau, um mit der ersten frei gewählten Regierung Polens nach dem 2.Weltkrieg zu sprechen. Er brach seinen Besuch ab, konnte jedoch mit der Regierungsmaschine nicht nach Berlin fliegen, da es nur Flugzeugen der Alliierten des 2.Weltkrieges vorbehalten war, West-Berlin anzufliegen. Mit Hilfe des amerikanischen Botschafters in Bonn gelang es, am Nachmittag des 10. November in ein in Hamburg wartendes US-Flugzeug umzusteigen und Berlin noch rechtzeitig zu erreichen. Dort fand vor dem Schöneberger Rathaus eine denkwürdige Veranstaltung statt, auf der Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper feststellte, dass die Deutschen momentan das glücklichste Volk der Erde seien und Willy Brand orakelte, dass nun zusammenwächst was zusammen gehört. Es sollte freilich nicht ganz so reibungslos über die Bühne gehen …

Aus heutiger Sicht ist die damalige Situation, dass eine der bestgesicherten Grenzen der Welt quer durch Deutschland verläuft, schwierig zu begreifen. Im Jahr 1986 reiste ich mit meinem Vater und einem Kollegen geschäftlich nach Berlin. Wir fuhren mit dem Auto und überquerten bei Helmstedt/Marienborn die innerdeutsche Grenze. Wir kannten damals zwar dank Enterprise die unendlichen Weiten des Weltalls, dank Dallas und Denver Clan unermesslichen Reichtum und Dank Miami Vice Drogendealer vor einer irrealen Neonlicht-Kulisse, aber etwas surrealeres als diese Grenze kann sich heute keiner mehr vorstellen. Strassensperren, gleißendes Licht, Stahlkrallen in den Strassen und schwerbewaffnete Grenzschützer kann und will sich heute niemand mehr vorstellen.
Wir mussten aus dem Auto aussteigen, unsere Koffer wurden durchsucht und die Unterseite des Autos mit Spiegeln inspiziert. Natürlich mussten wir in unserer freien Zeit auch den Ostteil von Berlin besuchen.
Auf den heute pulsierenden Strassen Berlins fuhren nur vereinzelt Autos, es roch dabei wie auf unserem Schulhof, wenn alles Mopeds und Mofas gleichtzeitig starten. Die Strassen waren marode, die Häuser grau und teilweise noch von Kriegsschäden behaftet.
Da es Herbst war, stellten wir fest, dass die Prachtstraße Unter den Linden bis zum Alexanderlplatz und der folgenden Stalin-Allee in der Dämmerung komplett finster waren, was eine ziemlich morbide Stimmung erzeugte. An der Oranienburger Straße fuhren wir mit unserem S-Klasse Mercedes versehentlich in einen Bereich, der nur für Angehörige der Nationalen Volksarmee und der Volkspolizei zugänglich waren. Sofort erschien ein als Geländewagen umgebauter Trabant mit zwei Volksploizisten, die uns an der Weiterfahrt hinderten. Am Ende waren sie Gott sei Dank eher an dem Mercedes als an uns interessiert. Nach einer Beschau des Autos haben sie uns freundlich empfohlen, zurückzufahren. Am Ende des Tages waren wir froh, wieder im Westteil der Stadt mit seinen funkelnden Neonlichtern zu sein.

Das alles war am 9.November 1989 alles Geschichte. Eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, uns hat jedoch die Angst eines Dritten Weltkrieges, insbesondere im Hinblick auf die Rolle eines Michail Gorbatschow verlassen.

Die folgende Zeit war eine der spannendsten meines Lebens. In meiner Ausbildung zum Speditionskaufmann lernten wir sämtliche Autobahnen und Grenzübergänge auswendig. Plötzlich mussten wir feststellen, dass hinter Gudow/Zarrentin, Helmstedt/Marienborn und Wartha/Herleshausen die Welt nicht aufhörte, sondern auf maroden Autobahnen weiterging. Ich hatte die große Chance, mit zwei erfahrenen Kollegen unser Speditionsgeschäft in den nun neuen Bundesländern mit aufzubauen. Wir hatten Glück, dass auf den Telefonleitungen nach zigmaligem Wählen eine Verbindung zustande kam und feierten das erste Faxgerät bei einem Ost-Berliner Partnerbetrieb wie eine olympische Goldmedaille. Es herrschte eine regelrechte Goldgräberstimmung und alles mögliche aus „dem Westen“ wurde in „den Osten“ gekarrt. Leider nicht umgekehrt, was aus logistischen Aspekten einem Super-GAU glich. So ging es auch in den folgenden Jahren mit der Wirtschaft in den neuen Ländern stetig bergab.
Schuld gab man in den allermeisten Fällen der Treuhand, die die Wirtschaft der ehemaligen DDR sanieren, privatisieren und im schlimmsten Fall abwickeln sollte. Auf Grund der maroden Industrie war Letzteres allzu häufig das Mittel der Wahl.
Meinen Job in dem Speditionsbetrieb, in dem ich meine Ausbildung absolvierte, hängte ich 1996 an den Nagel. Geblieben ist jedoch die Erfahrung mit den Menschen in den neuen Ländern. Es sind teilweise freundschaftliche Verbindungen entstanden, wir haben sehr viel voneinander gelernt, auch wenn nicht alles die Zeit überdauert hat.

Wir hatten damals die Hoffnung auf ein wirklich geeintes und friedliches Europa ohne Grenzen vom Atlantik bis weit hinter den Ural.
Dass 35 Jahre später im Weißen Haus in Washington erneut ein psychopathischer Egomane, dem der Rest der Welt am Arsch vorbeigeht, einzieht und dass im Kreml ein Schulhofschläger sitzt, der versucht, Europa in Brand zu setzen konnten wir uns damals überhaupt nicht vorstellen. Es bleibt zu hoffen, dass wir uns, insbesondere im Hinblick auf die Ereignisse und Erfahrungen des November 1989 immer dieses einzigartigen Glückes bewusst werden, egal, was es gekostet hat oder kosten wird. Wir sollten nicht Gefahr laufen, uns dass wieder nehmen zu lassen, egal von wem! Wir müssen nur ein wenig Mut haben und es selbst in die Hand nehmen und nicht mehr im Oktober den Götzen hinterherlaufen und etwas feiern, was es nie gab; sie sind weg und helfen uns nicht mehr.
Sie haben es nie getan …

It’s so bemusing
Will they cancel the parade?
We marched each October
Now they say we were never even saved
We must be very brave

My October Symphony, Pet Shop Boys, 1990




Des Teufels General

In Tagen wie diesen, in denen immer die Worte “Rassismus” und “Fremdenfeindlichkeit” fallen, kommt mir immer der großartige Film “Des Teufels General” nach dem gleichnamigen Drama von Carl Zuckmayer mit Curd Jürgens in der Hauptrolle in den Sinn.

Deutschland im Dezember 1941 – ein junger Leutnant hat Sorge, dass sein Ariernachweis nicht lupenrein ausfallen wird, da es in der Linie der Großmutter vermutlich jüdisch-gläubige Vorfahren gibt.

Curd Jürgens in der Rolle des General Harras hält dazu eine Ansprache an den jungen Leutnant, die heutige aktueller ist den je:

Schrecklich. Diese alten verpanschten rheinischen Familien! … (lacht vor sich hin) Stell’n Se sich doch bloß mal ihre womögliche Ahnenreihe vor: da war ein römischer Feldherr, schwarzer Kerl, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Dann kam ‘n jüdischer Gewürzhändler in die Familie. Das war ‘n ernster Mensch. Der ‘s schon vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Dann kam ‘n griechischer Arzt dazu, ‘n keltischer Legionär, ‘n Graubündner Landskecht, ein schwedischer Reiter…und ein französischer Schauspieler. Ein…böhmischer Musikant. Und das alles hat am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen, gesungen und…Kinder jezeugt. Hm? Und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der … Matthias Grünewald. Und so weiter, und so weiter. … Das war’n die besten, mein Lieber. Vom Rhein sein, das heißt: vom Abendland. Das ist natürlicher Adel. Das is Rasse. Sei’n Sie stolz drauf, Leutnant Hartmann, und hängen Sie die Papiere Ihrer Großmutter auf den Abtritt! 

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen!