Data Rebel: Klangwelten für die Seele

Manchmal liefert der Algorithmus genau das, was man nicht gesucht, aber dringend gebraucht hat. Auf der Suche nach frischen, elektronischen Klängen bin ich kürzlich bei Apple Music über einen Namen gestolpert, der mich seitdem nicht mehr loslässt: Data Rebel.

Wenn Dein Herz für feine elektronische Klänge abseits des Mainstreams schlägt, solltest Du Dir diesen Namen unbedingt merken. Hier ist der Grund, warum Data Rebel gerade auf Dauerschleife in meinen Kopfhörern läuft.

IDM trifft auf pure Emotion

Wer bei elektronischer Musik sofort an hämmernde Club-Beats oder übersteuerte Basslines denkt, wird hier eines Besseren belehrt. Data Rebel bewegt sich meisterhaft an der Schnittstelle zwischen Ambient, Downtempo und IDM (Intelligent Dance Music).

Die Stücke sind wie feine Klangteppiche gewebt: Im Vordergrund stehen gestochen scharfe, leicht vertrackte Rhythmen, die an Größen wie Boards of Canada oder Tycho erinnern. Darunter liegen weiche, analoge Synthesizer-Flächen, die eine unglaubliche Wärme ausstrahlen. Es ist Musik, die atmet. Sie ist komplex genug, um auch beim zehnten Hören neue Details zu offenbaren, aber sanft genug, um dich niemals zu überfordern.

Der perfekte Soundtrack für den “Flow”

Wir alle kennen diese Tage, an denen der Kopf voll ist und die Konzentration schwindet. Genau für diese Momente ist die Musik von Data Rebel gemacht.

Die Tracks bauen eine fast hypnotische Atmosphäre auf, die sich wie eine schützende Blase um Dich legt. Egal, ob Du tief in ein Programmierprojekt versunken bist, ein gutes Buch liest oder einfach abends beim Blick aus dem Fenster die Gedanken sortieren willst – diese Musik ist das akustische Äquivalent zu einem klaren Sternenhimmel. Sie drängt sich nicht auf, sondern sie begleitet Dich.

Retro-Futurismus für die Ohren

Das Faszinierendste an Data Rebels Sound ist diese melancholische Vorfreude auf die Zukunft. Die Melodien klingen oft nach weiten, unentdeckten Galaxien oder Sci-Fi-Filmen der 80er Jahre, bleiben dabei jedoch absolut modern und glasklar produziert. Es ist ein Spagat zwischen tief empfundener Nostalgie und technischer Perfektion.

Mein Fazit: In einer Zeit, in der Musik oft laut und reizüberflutend ist, bietet Data Rebel einen wunderschönen, atmosphärischen Rückzugsort. Wer auf der Suche nach intelligenter, emotionaler elektronischer Musik ist, hat hier womöglich seinen nächsten Lieblingskünstler gefunden.

Setz einfach die Kopfhörer auf, drück auf Play und lass dich treiben.

Data Rebel auf Bandcamp:








Warum ich in der Audioproduktion lieber einen Mac benutze

Oder: Warum ich beim Musikmachen lieber Musik mache, als Computer zu verwalten

Es gibt diese Momente im Leben eines Musikers, in denen man sich eine ganz einfache Frage stellt: Will ich heute Musik machen – oder möchte ich mich mit meinem Computer beschäftigen?

Für mich ist die Antwort ziemlich eindeutig. Ich möchte Musik machen. Und genau deshalb bin ich irgendwann beim Mac gelandet.

Nicht, weil Windows-Rechner grundsätzlich schlecht wären. Ganz im Gegenteil: Moderne Windows-PCs können in der Audioproduktion enorm leistungsfähig sein. Sie bieten eine riesige Auswahl an Hardware, Prozessoren und Konfigurationsmöglichkeiten.

Aber genau da liegt für mich auch das Problem. Ich möchte keinen Computer zusammenstellen. Ich möchte einen Song produzieren.

Der Mac als musikalisches Werkzeug

In der Audioproduktion ist der Computer längst nicht mehr nur ein Werkzeug neben dem Mischpult. Er ist das Mischpult, das Tonbandgerät, der Synthesizer, der Sampler, das Effekt-Rack und manchmal sogar das komplette Studio. Wenn ich Logic Pro öffne, möchte ich nicht darüber nachdenken, ob irgendein Treiber gerade ein Eigenleben entwickelt. Ich möchte ein Instrument laden, einen Synthesizer auswählen, ein Mikrofon anschließen, Aufnehmen. Und loslegen.

Genau diese Kombination aus Hardware und Betriebssystem empfinde ich beim Mac als ausgesprochen angenehm.

1. Hardware und Betriebssystem aus einer Hand

Ein großer Vorteil des Mac-Konzepts ist die enge Verbindung zwischen Hardware und Betriebssystem. Apple entwickelt Rechner, Betriebssystem und große Teile der Systemarchitektur gemeinsam. Das bedeutet nicht, dass ein Mac niemals Probleme macht. Natürlich kann auch ein Mac abstürzen oder ein Plug-in Ärger verursachen.

Aber das Gesamtsystem wirkt auf mich sehr geschlossen.

Bei einem klassischen Windows-PC kann die Situation deutlich heterogener sein: unterschiedliche Mainboards, Chipsätze, USB-Controller, Grafikkarten, Treiber und Peripheriegeräte. Das ist einerseits eine fantastische Freiheit. Andererseits kann genau diese Freiheit auch bedeuten:

„Warum funktioniert das gestern noch funktionierende Audio-Interface heute plötzlich nicht mehr?“

Und dann beginnt die Suche.

  • Treiber installieren.
  • Treiber aktualisieren.
  • Treiber wieder deinstallieren.
  • Neustart.
  • Noch ein Neustart.

Und irgendwann sitzt man vor dem Rechner und fragt sich, ob man eigentlich gerade Musik produziert oder einen Informatik-Abschluss macht.

2. Core Audio – ein kleines Stück digitaler Gelassenheit

Ein Punkt, den ich in der Audioproduktion besonders schätze, ist Apples Core-Audio-System. Audio-Hardware lässt sich unter macOS vergleichsweise unkompliziert in das Betriebssystem integrieren. Viele Geräte funktionieren nach dem Anschließen direkt oder benötigen nur wenig zusätzliche Konfiguration. Das ist gerade dann angenehm, wenn man verschiedene Audioanwendungen benutzt.

  • DAW öffnen.
  • Audiointerface auswählen.
  • Puffer einstellen.
  • Musik machen.

Diese Einfachheit ist für mich mehr wert, als sie auf den ersten Blick klingt. Denn Stabilität und Zuverlässigkeit sind im Studio keine spektakulären Features. Sie sind einfach die Dinge, die man erst bemerkt, wenn sie fehlen.

3. Logic Pro – ein komplettes Studio im Rechner

Ein weiterer Grund für meine Mac-Liebe ist natürlich Logic Pro. Logic Pro ist für mich eines dieser Programme, bei denen irgendwann der Punkt erreicht ist, an dem man sich fragt:

Was brauche ich eigentlich noch? Drums, Sampler, Synthesizer, virtuelle Instrumente, Effekte, Mixing-Werkzeuge und eine riesige Auswahl an Sounds gehören bereits zum Paket. Und das Entscheidende: Logic fühlt sich für mich nicht wie eine Ansammlung von Einzelprogrammen an. Es fühlt sich wie ein Studio an.

Natürlich gibt es auf Windows hervorragende DAWs wie Ableton Live, Cubase oder Studio One. Die Auswahl ist großartig. Aber wenn man einmal tief im Apple-Ökosystem steckt, ist die Kombination aus Mac und Logic einfach verdammt bequem.

4. Apple Silicon: Leistung ohne Studio-Heizung

Mit Apples eigenen Prozessoren hat sich das Verhältnis zwischen Leistung und Energieverbrauch noch einmal verändert. Die Apple-Silicon-Chips bieten inzwischen eine enorme Rechenleistung bei vergleichsweise geringer Leistungsaufnahme.

Für die Audioproduktion bedeutet das vor allem:

  • Viele virtuelle Instrumente.
  • Viele Effekte.
  • Viele Spuren.

Und trotzdem bleibt der Rechner erstaunlich ruhig. Gerade bei längeren Sessions ist das angenehm. Früher war ein leistungsfähiger Rechner im Studio manchmal auch akustisch präsent. Heute kann ein Mac während einer komplexen Session nahezu unauffällig vor sich hin arbeiten. Und genau das gefällt mir. Ein guter Studiorechner sollte möglichst wenig Aufmerksamkeit verlangen.

5. Weniger Konfiguration bedeutet mehr Kreativität

Das ist wahrscheinlich mein wichtigster Punkt. Ich möchte mich beim Musikmachen mit Musik beschäftigen.

Nicht mit:

  • BIOS-Einstellungen
  • Chipsatztreibern
  • USB-Problemen
  • Energieprofilen
  • DPC-Latenzen
  • Treiberkonflikten
  • Windows-Updates
  • unbekannten Hintergrundprozessen

Natürlich kann auch ein Mac Probleme verursachen. Und natürlich kann man auch einen Windows-Rechner perfekt für Audio konfigurieren. Aber der Mac nimmt mir einen Teil dieser technischen Entscheidungen ab. Und genau das empfinde ich als Vorteil. Weniger Entscheidungen über den Computer bedeuten mehr Entscheidungen über die Musik.

6. Das MacBook: Studio im Rucksack

Besonders deutlich wird der Unterschied für mich beim mobilen Arbeiten. Ein MacBook kann heute gleichzeitig mobiles Studio, Aufnahmegerät, Synthesizer, Sampler und Mischpult sein.

  • Kopfhörer anschließen.
  • Audiointerface anschließen.
  • MacBook aufklappen.

Und das Studio ist da. Keine große Studiomaschine. Kein Tower. Kein Kabelsalat. Keine Frage, ob die Hardwarekonfiguration auch wirklich mitgenommen werden kann. Das ist für Musiker, die häufig unterwegs arbeiten, ein enormer Vorteil.

7. Und was ist mit Windows?

Jetzt könnte man natürlich sagen:

„Moment mal. Windows kann das doch genauso!“

Und ja. Das stimmt. Ein gut konfigurierter Windows-Rechner ist ein hervorragendes Werkzeug für Audioproduktion. Windows bietet eine enorme Auswahl an Hardware und Software. Wer maximale Erweiterbarkeit, bestimmte Hardware oder ein bestimmtes Preis-Leistungs-Verhältnis sucht, kann mit einem Windows-PC sehr glücklich werden.

Auch viele professionelle Studios arbeiten problemlos mit Windows. Deshalb würde ich niemals behaupten:

Mac gut, Windows schlecht. Das wäre schlicht falsch. Für mich lautet die Frage vielmehr:

Wie viel Computer möchte ich beim Musikmachen eigentlich sein? Und meine Antwort lautet: Möglichst wenig.

Der eigentliche Vorteil: Ruhe im Kopf. Am Ende geht es für mich gar nicht um Benchmark-Werte. Es geht um Workflow.

Wenn ich eine Idee habe, möchte ich sie möglichst schnell aufnehmen können. Wenn mir eine Melodie einfällt, möchte ich nicht erst darüber nachdenken, ob irgendeine Systemkomponente gerade ein Update benötigt. Wenn ich einen Synthesizer öffnen möchte, möchte ich einen Synthesizer öffnen. Und wenn ich einen Song mischen möchte, möchte ich einen Song mischen.

Der Computer soll dabei möglichst unsichtbar werden. Das ist für mich der größte Vorteil eines Macs in der Audioproduktion: Er lässt mich häufiger vergessen, dass ich überhaupt mit einem Computer arbeite.

Fazit

Der Mac ist nicht automatisch der bessere Audiorechner. Aber er kann der angenehmere Audiorechner sein. Vor allem für Menschen, die ein möglichst geschlossenes, gut integriertes System möchten und keine Lust haben, ihren Rechner permanent zu optimieren.

Windows bietet Freiheit.
Der Mac bietet Integration.
Windows lässt mich sehr viel konfigurieren.
Der Mac nimmt mir vieles davon ab.

Und irgendwann habe ich für mich festgestellt: Ich möchte beim Musikmachen nicht darüber nachdenken, warum mein Computer funktioniert. Ich möchte einfach froh sein, dass er funktioniert.

Denn am Ende zählt im Studio nicht, welches Betriebssystem auf dem Rechner läuft. Sondern das, was aus den Lautsprechern kommt.

Und wenn der Mac dabei einfach still seinen Dienst verrichtet, während ich meinen nächsten Song baue, dann ist das für mich genau die Art von Technik, die ich haben möchte.

Technik, die sich zurücknimmt, damit die Musik nach vorne kommt.




Native Instruments – vom Synthesizer-Pionier zum Sample-Kaufhaus?

Es gab einmal eine Zeit, da musste man einem Musiker nicht erklären, warum Native Instruments etwas Besonderes war.

Man sagte einfach: Reaktor. Absynth. Kontakt.

Und jeder, der sich auch nur ein bisschen mit elektronischer Musik beschäftigte, wusste, was gemeint war.

Native Instruments war für mich nicht einfach ein Hersteller von Software. Das Unternehmen stand für eine Idee: Ein Computer kann ein Instrument sein. Nicht nur ein Abspielgerät für Samples, sondern ein eigenständiges, kreatives Musikinstrument.

Reaktor war eine digitale Spielwiese für Klangforscher. Absynth war ein Synthesizer für Menschen, die keine Lust hatten, immer nur den nächsten analogen Klassiker zu emulieren. Und Kontakt entwickelte sich zu einer Plattform, die in der professionellen Musikproduktion bis heute eine enorme Bedeutung besitzt. Doch irgendwann änderte sich die Richtung. Und genau darüber lohnt es sich zu sprechen.

Vom Instrumentenbauer zum Plattformanbieter

Native Instruments hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker um Kontakt, Komplete, NKS und Sample-Libraries herum organisiert. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar.

Kontakt ist eine riesige Plattform. Entwickler können darauf Instrumente aufbauen, Native Instruments kann Libraries verkaufen und der Kunde bekommt ein ständig wachsendes Ökosystem.

Das Problem ist nur:

  • Wo sind die neuen großen Ideen?
  • Wo ist das Instrument, bei dem man denkt: „Das gab es so bisher noch nicht.“
  • Das ist nicht das gesammelte Piano oder der gesammelte Moog-Synthesizer.

Genau dieses Gefühl des besonderen, einzigartigen hatte ich früher bei Native Instruments ziemlich häufig. Bei Reaktor sowieso. Bei Absynth erst recht. Und auch bei noch Massive.

Heute dagegen wirkt Native Instruments zunehmend wie ein Unternehmen, das weniger neue Instrumente erfindet und mehr eine bestehende Infrastruktur verwaltet und vermarktet. Das ist ein großer Unterschied.

Und dann kam Absynth 6

Ironischerweise musste ausgerechnet Absynth zurückkommen, um daran zu erinnern, wofür Native Instruments einmal stand.

Absynth 6 wurde im Dezember 2025 veröffentlicht und bringt den legendären Hybrid-Synthesizer mit modernisiertem Konzept zurück. Subtraktive Synthese, FM, Wavetable und Granular-Synthese treffen erneut aufeinander. (Native Instruments Blog)

Und plötzlich ist dieses alte Gefühl wieder da:

Da ist ein Instrument.
Nicht einfach die nächste Sample-Library.
Nicht die nächste Expansion.
Nicht das nächste Bundle.
Ein richtiges Instrument.

Dass Absynth anschließend weiter gepflegt wurde und bereits Version 6.1 mit zusätzlichen Presets, Samples und neuen Funktionen erhielt, zeigt immerhin, dass Native Instruments die Rückkehr ernst nimmt. (Community)

Aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Warum ist Absynth die Ausnahme und nicht wieder die Regel?

Komplete ist beeindruckend – aber beeindruckend ist nicht automatisch innovativ

Natürlich wäre es unfair, Native Instruments kleinzureden.

Komplete ist ein gigantisches Paket. Kontakt 8, Massive X, FM8, Reaktor-Instrumente, Effekte, Sample-Libraries und unzählige weitere Produkte ergeben ein Ökosystem, von dem Produzenten vor zwanzig Jahren vermutlich nur geträumt hätten. Die aktuelle Komplete-26-Generation führt diese Strategie konsequent fort. (Native Instruments)

Aber genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen Menge und Innovation. Man kann ein riesiges Warenhaus bauen. Man kann darin hunderte Produkte anbieten. Man kann jedes Jahr neue Bundles schnüren.

Aber irgendwann stellt sich die Frage: Was davon bringt die Entwicklung des Instruments Synthesizer eigentlich noch weiter? Und da wird die Luft dünner.

Da bringt es auch keinen Mehrwert, wenn die riesige Reaktor-Community, in der Benutzer ihre eigenen Reaktor-Kreationen zum Download anbieten, optisch überarbeitet wurde. Sie fristet auf der Homepage von Native Instruments weiter ein Schattendasein! Doch gerade hier lassen sich einige Juwelen entdecken, wie beispielsweise die Instrumente von OreKore.

Die neue Website: viel Design, wenig Orientierung

Dazu kommt ein Problem, das eigentlich überhaupt nichts mit Synthesizern zu tun hat:

Die Benutzerfreundlichkeit

Die neue Native-Instruments-Website wirkt auf mich teilweise wie ein typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Website unbedingt modern aussehen soll, dabei aber vergisst, dass Menschen dort tatsächlich etwas suchen wollen. Gerade bei Komplete möchte ich als Kunde nicht erst eine digitale Schnitzeljagd veranstalten.

Ich möchte wissen:

  • Was ist enthalten?
  • Welche Instrumente?
  • Welche Effekte?
  • Welche Libraries?
  • Welche Versionen?

Und vor allem: Was bekomme ich für mein Geld?

Native Instruments listet die Bestandteile von Komplete zwar weiterhin auf – beispielsweise werden auf der aktuellen Komplete-26-Seite einzelne Instrumente wie Kontakt 8, FM8 und Reaktor Prism genannt. (Native Instruments)

Doch wenn Navigation, Verlinkungen oder Produktdarstellung nicht sauber funktionieren, entsteht beim Kunden schnell der Eindruck: Hier wurde mehr Energie in das Aussehen als in die Benutzerführung gesteckt. Und das ist gerade bei einem Unternehmen, das von Software lebt, eine ziemlich bittere Ironie.

Und dann gibt es Unternehmen wie Cherry Audio

Cherry Audio zeigt momentan ziemlich eindrucksvoll, dass man hochwertige Softwareinstrumente entwickeln kann, ohne dafür jedes Mal ein halbes Monatsgehalt zu verlangen.

Die Produktpalette ist inzwischen beeindruckend breit: DCO-106, Mercury-4, GX-80, Memorymode 2, Ensoniq ESQ-1, Eight Voice, PS-20, Miniverse und viele andere. Viele Einzelinstrumente liegen im Bereich von etwa 30 bis 70 Dollar. (Cherry Audio)

Und genau das finde ich bemerkenswert. Cherry Audio verkauft nicht nur Samples. Cherry Audio baut Instrumente. Instrumente mit eigener Oberfläche. Instrumente mit eigener Klangerzeugung. Instrumente, bei denen man Lust bekommt, sich hinzusetzen und einfach zu spielen. Und das zu Preisen, bei denen man nicht erst den Bausparvertrag kündigen muss.

Und jetzt kommt Traveler

Noch interessanter wird es mit TRAVELER von KeySolutions Sounds. Traveler ist kein weiterer liebloser Vintage-Klon, sondern ein eigenständiger Hybrid-Synthesizer mit drei Oszillatoren, Wavetable-Funktionen, verschiedenen Filterarchitekturen, umfangreichen Modulationsmöglichkeiten, Sequencer, Arpeggiator und Effekten. Der reguläre Preis liegt aktuell bei 149 US-Dollar, wobei zum Start ein deutlich reduzierter Einführungspreis angeboten wird. (KeySolutions Sounds)

Und hier wird es für Native Instruments wirklich interessant. Denn Traveler zeigt, was ein vergleichsweise kleines Team heute leisten kann.

Die Reaktionen aus der Synthesizer-Szene sind entsprechend bemerkenswert. Ein aktueller Test bezeichnet Traveler sogar als möglichen Kandidaten für die erste Liga und zieht ausdrücklich den Vergleich zu u-he Diva. (BuenasIdeas)

Ich würde allerdings einen Satz wie „Traveler ist objektiv besser als Diva“ nicht als wissenschaftliche Tatsache verkaufen. Klang ist schließlich keine Excel-Tabelle.

Aber wenn ein neues Instrument für rund hundert Dollar plötzlich neben einem der angesehensten Software-Synthesizer überhaupt diskutiert wird, sollte man sich bei den großen Herstellern zumindest einmal fragen:

Was machen die kleinen Entwickler eigentlich gerade richtig? Vielleicht fehlt Native Instruments inzwischen ein bisschen der Pioniergeist Das ist letztlich mein eigentlicher Kritikpunkt. Ich vermisse bei Native Instruments nicht unbedingt noch mehr Produkte. Davon gibt es wahrlich genug.

Ich vermisse Mut. Den Mut, wieder ein Instrument zu bauen, das nicht in erster Linie in ein bestehendes Verkaufssystem passt. Ein Instrument, bei dem die Marketingabteilung vielleicht zunächst fragt „Wer braucht das?“

Und der Entwickler antwortet: „Keine Ahnung. Aber hört euch das an!“ Genau so fühlten sich Reaktor und Absynth für mich an. Das waren keine Produkte, bei denen man zuerst darüber nachdachte, welche Expansion man dafür verkaufen könnte. Das waren Werkzeuge für Klangabenteurer.

Die Übernahme durch inMusic ist deshalb eine Chance

Nach der Restrukturierungs- und Insolvenzphase wurde im Mai 2026 die Übernahme von Native Instruments durch inMusic vereinbart. (Native Instruments Blog)

Und vielleicht ist genau das die Chance für einen Neustart. Denn inMusic besitzt mit Marken wie Akai Professional, Moog Music, Rane, Denon DJ, Numark und anderen bereits ein bemerkenswertes Hardware- und Softwareportfolio. (Native Instruments Blog)

Was wäre also, wenn Native Instruments seine alte DNA wiederentdecken würde? Nicht weniger Kontakt. Nicht weniger Komplete. Aber mehr eigene Instrumente. Mehr Forschung. Mehr ungewöhnliche Synthese. Mehr Reaktor. Mehr Absynth. Mehr Überraschungen. Mehr Produkte, bei denen man als Musiker nicht denkt: „Brauche ich das wirklich?“, sondern: „Verdammt – das klingt interessant. Das muss ich ausprobieren!“

Native Instruments muss wieder Instrumente bauen, nicht nur Produkte verwalten

Ich habe großen Respekt vor dem, was Native Instruments aufgebaut hat.

Kontakt ist ein Meilenstein.
Reaktor ist ein Meilenstein.
Absynth ist ein Meilenstein.
Massive war ein Meilenstein.

Aber genau deshalb darf man auch kritisch sein.

Denn wer einmal zu den Pionieren gehört hat, wird nicht plötzlich dadurch uninteressant, dass er erfolgreicher geworden ist.

Man wird uninteressant, wenn man aufhört, Pionier zu sein.

Cherry Audio zeigt, dass gute Klangerzeuger heute nicht zwangsläufig teuer sein müssen.

KeySolutions Sounds zeigt mit Traveler, dass auch kleine Entwickler mit einer guten Idee und viel Erfahrung erstaunliche Ergebnisse erzielen können.

Und u-he zeigt seit Jahren, dass man mit eigenständigen Synthesizer-Konzepten eine treue Fangemeinde aufbauen kann.

Native Instruments hat dagegen etwas, das diese Unternehmen nicht haben:

eine riesige Geschichte, eine enorme technische Kompetenz und ein gewaltiges Ökosystem.

Jetzt müsste man daraus nur wieder etwas machen, das sich nach Zukunft anfühlt.

Denn ganz ehrlich: Ich möchte von Native Instruments nicht unbedingt die nächste 40-GB-Library. Ich möchte wieder dieses Gefühl von damals.

Dieses: „Was zum Teufel ist das – und warum kann ich nicht aufhören, daran herumzuschrauben?“ Das war für mich Native Instruments. Und genau dahin würde ich mir wünschen, dass Native Instruments wieder zurückfindet.




Die Stimme, die die Welt noch immer elektrisiert

Bring it back, bring it back
Don’t take it away from me
Because you don’t know
What it means to me

Love Of My Life, Queen, 1975

Wenn man die Augen schließt und sich das vollbesetzte Wembley-Stadion im Sommer 1985 vorstellt, hört man ihn sofort: diesen unverwechselbaren Call-and-Response-Ruf, der Zehntausende Menschen augenblicklich in eine einzige, synchrone Masse verwandelte. „Day-Oh!“ – ein simpler Gesang, angestimmt von einem Mann im schlichten weißen Unterhemd, der die Welt im Sturm eroberte. Heute würde Farrokh Bulsara, den die Welt als den unsterblichen Freddie Mercury kennt, seinen 80. Geburtstag feiern.

Freddie war nie einfach nur ein Rocksänger; er war ein visuelles Phänomen, ein meisterhafter Magier der Selbstdarstellung und eine der gewaltigsten Stimmen der modernen Musikgeschichte. Geboren auf Sansibar und aufgewachsen in indischen Internaten, erfand er sich im vibrierenden London der 1970er Jahre völlig neu. Aus dem schüchternen Kunststudenten wurde der ultimative Frontmann von Queen – eine Galionsfigur, die Genregrenzen mit einer schier mühelosen Eleganz einriss.

Wer an Freddie denkt, denkt an Gigantismus. Er brachte die Oper ins Fußballstadion und verwandelte Rockkonzerte in opulente Theaterstücke. Mit Bohemian Rhapsody erschuf er ein vielschichtiges Meisterwerk, das sämtliche Konventionen der Musikindustrie brach und bis heute Generationen verbindet. Stücke wie Don’t Stop Me Now, We Are the Champions oder Somebody to Love sind längst kein bloßes Kulturgut mehr – sie sind der zeitlose Soundtrack für Momente des Triumphs, der Ekstase und der Sehnsucht.

Doch hinter der pompösen Bühnenfigur mit der gewaltigen Vier-Oktaven-Stimme steckte ein hochsensibler Musiker von akribischer Disziplin. Selbst als seine körperlichen Kräfte gegen Ende seines Lebens schwanden, schenkte er der Welt Werke von bittersüßer Perfektion. Mit welcher Hingabe und Unbeugsamkeit er The Show Must Go On im Studio einsang, bleibt eine der bewegendsten Demonstrationen künstlerischer Leidenschaft.

Freddie Mercury lehrte die Welt, mutig zu sein, die eigene Individualität zu feiern und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Er lebte nicht nach vorgegebenen Skripten, sondern schrieb seine eigenen. Auch Jahrzehnte nach seinem Abschied ist seine Energie ungebrochen spürbar.
Wenn heute überall auf dem Globus Queen-Klassiker erklingen, feiern wir nicht bloß eine Nostalgie, sondern ein unsterbliches Feuer.
Danke für die Musik, die Show und den Zauber, Freddie.




Take The Long Way Home

Warum mein Lebenskompass eine Mundharmonika hat

Does it feel that your life’s become a catastrophe?
Oh, it has to be for you to grow, boy

Take The Long Way Home, Supertramp, 1979

Es gibt Menschen, die orientieren sich im Leben an Zitaten von Philosophen, an Karriereplänen, an Vision Boards oder an Apps, die Dich morgens daran erinnern, selbstständig mit dem Atmen zu beginnen und die Dir zeigen, wie Du lernst, Dir selbsttätig die Schuhe zu binden.
Ich dagegen habe seit den frühen 80er Jahren einen Song als Kompass:
„Take The Long Way Home“ von Supertramp, mit seinem unverwechselbaren Mundharmonika-Intro — erschienen auf dem Album Breakfast in America und geschrieben von Roger Hodgson. [1][2] Für mich ist dieser Song mehr als nur Musik. Er ist ein textlicher und akustischer Kompass. Allerdings einer mit einem kleinen technischen Defekt: Er zeigt nicht immer den kürzesten Weg an. Aber dafür meistens den interessanteren.

Das klingt auf den ersten Blick nicht besonders effizient. Wer nimmt denn freiwillig den langen Weg?
Der kurze Weg ist doch schneller. Jedes Navigationssystem empfiehlt ihn. Der Kalender verlangt ihn. Die To-do-Liste schreit ihn. Die Gesellschaft nickt anerkennend, wenn man ihn nimmt.

Aber genau da beginnt das Problem.

Der kurze Weg bringt Dich ans Ziel.
Der lange Weg bringt Dich zu Dir.

Der kurze Weg ist praktisch.
Der lange Weg ist ehrlich.
Der kurze Weg sagt: „Beeil Dich, Du musst ankommen.“
Der lange Weg sagt: „Schau mal links. Da ist ein Sonnenuntergang. Und rechts steht ein Bäcker, der noch echte Brötchen macht.“

Der kurze Weg ist der Fahrstuhl.
Der lange Weg ist das Treppenhaus, in dem man zufällig dem Nachbarn begegnet, der seit 2008 immer denselben Jogginganzug trägt und trotzdem irgendwie weiser wirkt als jeder Führungskräfte-Coach.

Für mich bedeutet „den langen Weg nach Hause nehmen“ nicht Trödeln. Es bedeutet:
nicht nur funktionieren.
Denn wer immer nur den schnellsten Weg nimmt, verpasst manchmal die Landschaft. Und manchmal sogar sich selbst.

Heimat ist kein Ort mit WLAN-Passwort

Roger Hodgson hat den Song selbst auf einer tieferen Ebene mit der Suche nach einem inneren Zuhause verbunden — einem Ort, an dem man sich im Herzen zu Hause fühlt. [2]
Genau das macht den Song für mich so stark: Er ist keine simple Verkehrsregel. Er ist eine Lebenshaltung.
„Zuhause“ ist nicht nur die Wohnung, in der der Kühlschrank brummt und irgendwo ein Ladekabel verschollen ist.
Zuhause ist auch dieser Moment, in dem man merkt:
Ich bin gerade nicht auf der Flucht. Ich bin da.

Das passiert vor allem mit der Partnerin ❤️.
Das kann im Auto passieren.
Beim Spaziergang.
Im Supermarkt zwischen Suppengemüse und Sonderangeboten.
Oder nachts, wenn man plötzlich begreift, dass man jahrelang versucht hat, jemand zu sein, der man gar nicht werden wollte.

Der lange Weg nach Hause ist also manchmal ein Umweg.
Manchmal eine Pause.
Manchmal ein Nein.
Und manchmal ein sehr lautes Ja zu sich selbst.

Die Kunst, nicht immer die Abkürzung zu wählen

Wir leben in einer Welt, die Abkürzungen liebt.

  • Schneller lernen
  • Schneller arbeiten
  • Schneller antworten
  • Schneller essen
  • Schneller leben

Sogar Entspannung soll inzwischen effizient sein: „10 Minuten Meditation für maximale Gelassenheit.“ Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Erleuchtung, aber bitte mit Expressversand und Prime-Account.“ Der Song erinnert mich daran, dass das Leben nicht immer eine Lieferando-Bestellung ist. Manche Dinge brauchen Zeit:

  • Vertrauen.
  • Charakter.
  • Geschmack.
  • Gelassenheit.
  • wirklich gute Pasteis de nata.
  • Ein Glas La Chouffe
  • Und die Erkenntnis, dass man nicht auf jede Nachricht sofort antworten muss.

Der lange Weg ist nicht die Route der Faulen. Er ist die Route der Menschen, die verstanden haben, dass Geschwindigkeit nicht dasselbe ist wie Richtung.

Mein inneres Navigationssystem klingt nach Supertramp

Wenn mein Leben ein Navi hätte, würde es vermutlich nicht neutral sagen:
„In 300 Metern links abbiegen.“ Es würde eher sagen:
„Fahr ruhig noch ein Stück weiter. Du musst heute nicht alles lösen.“
Oder:
„Achtung, in deinem Ego befindet sich ein Stau.“
Oder:
„Wenn möglich, bitte wenden — du versuchst schon wieder, allen zu gefallen.“

Und im Hintergrund: diese lässige Supertramp-Energie, irgendwo zwischen Melancholie, Ironie und dem Gefühl, dass das Leben ein Lächeln auf den Lippen hat und trotz allem tanzbar bleibt.

Das ist das Großartige an diesem Song: Er klingt nicht wie eine Predigt. Er klingt wie ein Freund, der dich mit einem schiefen Grinsen anschaut und sagt: „Komm, wir gehen noch eine Runde.“

Warum der lange Weg unterhaltsamer ist

Der lange Weg hat Geschichten.
Auf dem kurzen Weg passiert meistens: nichts. Man kommt an. Punkt.
Auf dem langen Weg dagegen:

  • entdeckt man Straßen, die aussehen, als hätte die Stadtplanung kurz Jazz gehört;
  • trifft man Menschen, die in einem Satz mehr Wahrheit sagen als manche Bücher auf 300 Seiten;
  • findet man Cafés, in denen die Stühle wackeln, aber der Kaffee ein einfacher und ehrlicher, rechter Aufwärtshaken ist;
  • denkt man Gedanken zu Ende, die sonst immer von Push-Nachrichten zerschossen werden.

Der lange Weg ist der Ort, an dem das Leben seine Nebenfiguren vorstellt. Und oft sind genau die interessanter als die Hauptstory.

Auch mein „Supertramp-Kompass“ bewahrt mich nicht vor Fehlern. Ich nehme weiterhin falsche Ausfahrten, sage gelegentlich zu früh „kein Problem“, obwohl es sehr wohl ein Problem ist, und kaufe manchmal Dinge, weil sie im Angebot sind, nicht weil ich sie brauche.

„Kompass“ heißt nicht: immer wissen, wohin

Ein Kompass zeigt Richtung. Er erklärt nicht das ganze Gelände. Aber der Song erinnert mich daran, regelmäßig zu fragen:

Bin ich noch auf meinem Weg — oder nur auf dem schnellsten?

Das ist ein Unterschied. Der schnellste Weg kann dich zu einem Ziel bringen, das gar nicht deins ist. Der lange Weg gibt dir unterwegs Zeit, das zu merken.

Fazit: Geh ruhig langsam, aber geh wach

„Take The Long Way Home“ ist für mich mehr als ein Songtitel. Es ist ein freundlicher Tritt gegen die Eile. Ein musikalischer Wegweiser. Eine Erinnerung daran, dass man nicht jeden Umweg erklären muss.

Manche Umwege sind keine Fehler.
Manche sind Ausbildung.
Manche sind Heilung.
Manche sind einfach bessere Geschichten.

Und wenn ich am Ende meines Tages nach Hause komme — im wörtlichen oder im inneren Sinn — dann möchte ich nicht nur sagen können: „Ich war schnell.“

Ich möchte sagen können:
Ich habe etwas gesehen. Ich habe etwas verstanden. Ich war unterwegs wirklich da.

Also ja: Ich nehme den langen Weg nach Hause.

Nicht, weil ich mich verlaufen habe.
Sondern weil ich mich finden will.

Take The Long Way Home, Paris Pavillion, 1979



Das Lokalradio: Unerträgliche Belanglosigkeit und „Das beste der 80er, der 90er und von heute“

So don’t become some background noise
A backdrop for the girls and boys
Who just don’t know or just don′t care
And just complain when you′re not there

Radio GaGa, Queen, 1984

Es gibt in Nordrhein-Westfalen viele Dinge, die erstaunlich zuverlässig funktionieren: der Regen im Juli, Baustellen auf der A1 und die Fähigkeit der Lokalradios, aus Hunderten Jahren Musikgeschichte immer wieder dieselben 25 seichten Titel auszuwählen.

Wer durch NRW fährt und zwischen den gefühlten 1.200 Lokalsendern umschaltet, erlebt ein faszinierendes Experiment. Auf dem Display steht zwar jedes Mal ein anderer Sendername, musikalisch befindet man sich jedoch im selben Paralleluniversum. Das Programm bleibt selbstverständlich unverändert. Dort laufen seit etwa 1998 dieselben Songs in einer gnadenlosen Zeitschleife. Irgendwo singt Bryan Adams, kurz darauf kommt Pink, dann folgt Ed Sheeran. Nach einer Werbepause meldet sich die Moderatorin, die wie Heidi Klum auf Ecstasy klingt, mit der sensationellen Nachricht, dass es heute warm, nass oder abwechselnd warm und nass werden könnte. Und das mit geiler Musik trotzdem für gute Laune gesorgt wird.

Denn überall läuft „der beste Mix aus den 80ern, 90ern und von heute“. Eine Formulierung, die vermutlich irgendwann in einem unterirdischen Radiolabor entwickelt wurde. Dort sitzen grenzdebile Musikredakteure in weißen Kitteln und erforschen, wie oft ein Mensch denselben Phil-Collins oder Bryan Adams-Song hören kann, bevor er mit dem Autoradio zu verhandeln beginnt.

Jeder Sender wirbt stolz mit dem Slogan: „Das beste der 80er, der 90er und von heute.“

Das klingt zunächst in der Tat nach enormer musikalischer Vielfalt. Tatsächlich bedeutet es: „Wir spielen exakt die gleiche Soße wie alle anderen, aber in einer leicht veränderten Reihenfolge.“

Man fragt sich manchmal, was mit dem Rest der Musikgeschichte passiert ist.
Jazz? Zu kompliziert.
Afrobeat? Zu interessant.
Elektronische Experimente? Könnten gegebenenfalls Neugier auslösen.
Weltmusik? Was sollen die Leute denn denken? Dass Radio zum Entdecken neuer Klänge da ist?

Nein, Sicherheit geht vor.

Das moderne Lokalradio behandelt Musik wie eine Versicherungsgesellschaft Risiken. Alles, was auch nur den Verdacht erweckt, überraschend zu sein, wird sofort aussortiert. Übrig bleiben jene Lieder, die so oft getestet wurden, dass niemand sie wirklich mag, aber auch niemand aktiv hasst.

Zwischen den Titeln werden dann die ganz großen Themen unserer Zeit verhandelt.

Zum Beispiel:
“Eine Katze saß heute Morgen auf einem Garagendach in Wanne-Eickel.”

Oder:
“Der Verkehrsfluss auf dem Feldweg zwischen Niedermörmter und Obermörmter ist auf Grund diverser Kufladen leicht beeinträchtigt.”

Oder mein persönlicher Favorit:
“Jetzt gewinnen Sie einen Einkaufsgutschein im Wert von 50 Euro für Brunhildes Batik- und Bastelstudio!”

Es gibt auch Wortbeiträge. Etwa die wichtige Frage, ob man beim Grillen lieber Würstchen oder Steak isst, und ob das Zeug darüber hinaus auch vegan sein darf. Hörer dürfen anrufen, abstimmen und dabei unbeabsichtigt beweisen, dass die Demokratie vielleicht doch hin und wieder Grenzen braucht.

Hinzu kommen Wetter, Verkehr und lokale Meldungen. Der Bürgermeister hat ein Band durchschnitten. Im Gewerbegebiet wurde ein Schlüsselbund gefunden. Auf eine Baustelle ist ein Spaten umgefallen. Beim Stadtfest tritt eine Coverband auf, die keine Sau kennt und die „die größten Hits aus den 80ern, 90ern und von heute“ intoniert, selbstverständlich mit freundlicher Unterstützung des Scheunenradios Niederrhein und den Theken-Freunden Oer-Erkenschwick.

Endlich Synergie.

Vielen Dank für diesen enormen journalistischen Kraftakt.

Kulturelle Hintergründe, internationale Perspektiven, gesellschaftliche Debatten oder längere Gespräche wären natürlich auch möglich. Allerdings könnten solche Inhalte dazu führen, dass jemand zuhört, nachdenkt oder sogar eine neue Musikrichtung entdeckt. Dieses Risiko möchte man offenbar nicht eingehen.

Irgendein Siegerländer Birkenwld-Sender hat es sogar geschafft, am 20.August 2026 in den sozialen Medien Ralf Hütter von Kraftwerk zum 80. Geburtstag zu gratulieren und sein Lebenswerk zu würdigen. Wie schön, warum hört man bei denen dann keine Musik von Kraftwerk, wo diese doch House, Techno, Hip-Hop, Electro und was weiß ich nicht noch was erfunden haben? Dazu reicht der Mut offensichtlich nicht. Statt dessen wird der Sicherheitsgurt angelegt und der Airbag aktiviert, damit auch ja nichts passiert.
Summer of 69 von Bryan Adams oder It’s my life von Bon Jovi sind hier die beste Unfallverhütung!

Umso auffälliger wird der Kontrast zu Sendern wie WDR Cosmo. Dort scheint man auf die vollkommen beknackte Idee gekommen zu sein, dass Hörer vielleicht tatsächlich neugierig sein könnten!
Plötzlich hört man Musik aus Lagos, Bogotá, Berlin oder Beirut. Menschen sprechen über Kultur, Migration, Kunst, gesellschaftliche Fragen oder neue Musikströmungen, teilweise gar auf Englisch, Türkisch oder französisch. Die Sendungen vermitteln den Eindruck, die Welt sei größer als das Einzugsgebiet des örtlichen Kirmesplatzes oder einer Sparkassenfiliale.

Für manche Radiostrategen scheint das ungefähr so bedrohlich zu sein wie die jährliche Steuerprüfung. Das kann natürlich irritierend sein. Schließlich besteht die Gefahr, dass Hörer etwas Neues entdecken.

Dabei lebt gerade Radio doch von Überraschungen. Früher schaltete man ein, um etwas zu hören, das man noch nicht kannte. Heute schaltet man ein und denkt: „Ah, dieses Lied über Agathe Bauer (für Insider: I‘ve got the power von Snap). Wieder. Das habe ich vor zwölf Minuten bereits auf dem anderen Sender gehört.“

Vielleicht wäre es ehrlicher, wenn die Lokalsender ihren Werbeslogan anpassen würden:

„Unerträgliche Seichtheit: Die gleichen 80er, die gleichen 90er und die gleichen Songs von heute wie alle anderen.“

Oder noch präziser:

„Lokalradio NRW: Weil kulturelle Vielfalt anstrengend ist.“

Dabei wäre Lokalradio eigentlich eine großartige Idee. Es könnte regionale Künstler vorstellen, kleine Kulturveranstaltungen begleiten, migrantische Communities hörbar machen, lokale Konflikte vertiefen und Menschen zu Wort kommen lassen, die sonst selten im Radio auftauchen oder anderswo keine Stimme bekommen.

Stattdessen gibt es häufig akustisches Hintergrundrauschen im Farbton stützstrumpf-beige:
freundlich, vorhersehbar und so sorgfältig von jeder Irritation befreit, dass selbst ein überraschender Basslauf vermutlich vorher von der Programmleitung genehmigt werden müsste.

Vielleicht braucht NRW nicht weniger Lokalradio. Vielleicht braucht es einfach ein Lokalradio, das sich wieder etwas traut.

Bis dahin bleibt immerhin die Gewissheit, dass irgendwo im Sendegebiet gerade jemand mit großer Begeisterung ankündigt, jetzt komme wieder einer der größten Hits aller Zeiten.
Vom Bryan Adams natürlich …

Und man kennt ihn bereits.




Herzlichen Glückwunsch, Ralf Hütter

80 Jahre Ralf Hütter. 80 Jahre Zukunft.

Am 20. August feiern wir nicht nur den Geburtstag eines Musikers, sondern eines Visionärs, dessen Ideen den Klang der Moderne geprägt haben. Ralf Hütter hat mit Kraftwerk nicht einfach Musik geschaffen. Er hat eine neue Sprache erfunden, in der Mensch und Maschine, Rhythmus und Technologie, Präzision und Emotion miteinander verschmelzen.

Während andere den Zeitgeist beschrieben, hat er ihn oft vorweggenommen. Die elektronischen Landschaften von Kraftwerk wurden zu Wegweisern für Generationen von Künstlerinnen und Künstlern. Von Elektro über Techno bis Hip-Hop reichen die Spuren seines Schaffens. Was einst futuristisch erschien, ist heute Teil unseres Alltags geworden.

Doch hinter den ikonischen Melodien und den kühlen, eleganten Klangarchitekturen stand stets eine neugierige, schöpferische Persönlichkeit. Ralf Hütter zeigte, dass Innovation nicht laut sein muss. Mit Beharrlichkeit, Klarheit und künstlerischer Konsequenz formte er ein Werk, das Grenzen überwand und Kulturen auf der ganzen Welt miteinander verband.

Seine Kompositionen sind längst Teil des kulturellen Gedächtnisses geworden. Sie erinnern uns daran, dass Fortschritt nicht nur eine technische, sondern auch eine kreative und menschliche Dimension besitzt. In einer Welt ständiger Veränderung blieb seine Kunst zeitlos.

Lieber Ralf Hütter,
zu Deinem 80. Geburtstag danken wir Dir für den Mut, Neuland zu betreten, für die Inspiration, die Du Millionen Menschen geschenkt hast, und für den unverwechselbaren Soundtrack einer digitalen Epoche.

Möge die Reise weitergehen.

Alles Gute zum 80. Geburtstag, Ralf Hütter.
Du hast die Zukunft hörbar gemacht.
🎶⚙️🚴‍♂️✨

Neonlight, Royal Festival Hall, London, 18.März 2004
Titelfoto von Gershowitz

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Jeff Porcaro: Der Mann, der den Groove atmen ließ

Am 5. August 2026 jährt sich der Tod von Jeff Porcaro zum 34. Mal. Jeff Porcaro, geboren am 1. April 1954 in Hartford, Connecticut, starb am 5. August 1992 und wurde nur 38 Jahre alt. [1]

Es gibt Musiker, die man sofort erkennt, sobald sie einen Ton spielen. Bei Jeff Porcaro reichte oft ein einziger Takt. Nicht, weil er laut sein musste. Nicht, weil er sich in den Vordergrund spielte. Sondern weil sein Schlagzeugspiel etwas hatte, das viel seltener ist als Technik: Haltung, Geschmack und ein unglaubliches Gefühl für den Song.

Porcaro war Gründungsmitglied und Schlagzeuger von Toto, der Band, die mit Songs wie „Hold the Line“, „Rosanna“ und „Africa“ Pop- und Rockgeschichte schrieb. Zugleich war er einer der gefragtesten Sessiondrummer seiner Generation. AllMusic beschreibt ihn als einen der höchst angesehenen Studio-Schlagzeuger im Rock von Mitte der 1970er bis in die frühen 1990er Jahre und schreibt, dass der Sound des Mainstream-Pop/Rock-Drummings der 1980er Jahre zu einem großen Teil der Sound von Jeff Porcaro gewesen sei. [1]

Was Jeff Porcaro so besonders machte, war nicht nur Präzision. Viele Drummer spielen präzise. Bei ihm klang Präzision menschlich. Seine Grooves hatten Luft, Wärme und Bewegung. Sie wirkten nie mechanisch, sondern immer so, als würde das Schlagzeug mit der Musik sprechen. Er konnte einen Song antreiben, ohne ihn zu überladen. Er konnte Spannung erzeugen, ohne sich aufzudrängen. Und er verstand, dass ein großartiger Drumtrack nicht beweisen muss, wie gut der Schlagzeuger ist. Er muss beweisen, wie gut der Song ist.

Schon früh war Musik Teil seines Lebens. Sein Vater Joe Porcaro war ein renommierter Schlagzeuger und Lehrer, und auch Jeffs Brüder Steve und Mike wurden professionelle Musiker. [1] Paiste nennt als Stationen seiner Karriere unter anderem Aufnahmen und Tourneen mit Seals and Crofts, Boz Scaggs und Steely Dan. [2] Gerade diese Mischung aus Familienprägung, Studioerfahrung und musikalischer Offenheit machte Jeff Porcaro zu einem Drummer, der fast jedes Genre bedienen konnte, ohne seine eigene Handschrift zu verlieren.

Sein Name ist für viele Schlagzeuger bis heute untrennbar mit „Rosanna“ verbunden. Der berühmte Groove aus Toto IV gilt als Paradebeispiel für musikalische Kontrolle, Dynamik und Timing. „Rosanna“ ist kein Schlagzeugsolo im klassischen Sinne, aber für Drummer ist es ein Lehrstück: Wie spielt man komplex, ohne kompliziert zu wirken? Wie erzeugt man Bewegung, ohne den Song zu zerdrücken? Wie bringt man Technik zum Grooven?

Doch Porcaros Vermächtnis ist größer als ein einzelner Groove. Er spielte auf unzähligen Aufnahmen mit, unter anderem werden in seiner Diskografie Arbeiten mit Künstlern wie Michael Jackson, Elton John, Don Henley, Warren Zevon, Rickie Lee Jones und Bruce Springsteen genannt. [2] Wer Pop- und Rockmusik der 1970er und 1980er Jahre hört, begegnet Jeff Porcaro deshalb oft, auch wenn sein Name nicht immer auf dem Cover steht.

Vielleicht liegt genau darin seine Größe. Jeff Porcaro war kein Drummer, der ständig „Schaut her!“ rief. Er war einer, der sagte: „Hört hin.“ Sein Spiel lehrte, dass Zurückhaltung keine Schwäche ist. Dass Groove mehr bedeutet als Tempo. Dass ein Song manchmal genau dann am stärksten wird, wenn jeder Musiker weiß, wann er Platz lassen muss.

34 Jahre nach seinem Tod wirkt Jeff Porcaro nicht wie eine Figur aus einer vergangenen Ära. Sein Einfluss lebt in Studios, Proberäumen und auf Bühnen weiter. In jeder Diskussion über Feel, Timing und songdienliches Spiel fällt früher oder später sein Name. Und wenn junge Drummer heute versuchen, den Geist seiner Grooves zu verstehen, lernen sie nicht nur Schlagzeug. Sie lernen Musikalität.

Jeff Porcaro hat den Groove nicht erfunden. Aber er hat gezeigt, wie tief er atmen kann.

Hier das Video zu „Can You Hear What I‘m Saying“ aus dem Jahr 1990, wo Jeff Porcaro mit seinem ebenfalls verstorbenen Bruder Mike Porcaro einen unglaublichen Groove zaubert.




Joe Zawinul – „A Remark You Made“ mit der WDR Big Band Köln

Vor Joe Zawinul klangen Synthesizer im Jazz oft wie Fremdkörper: technisch, futuristisch, manchmal ornamental. Zawinul machte daraus eine melodische und emotionale Stimme. Seine Sounds konnten wie Bläser, Stimmen, Streicher, Orgeln oder völlig neue Wesen klingen – aber immer mit jazzmusikalischer Phrasierung.

Das Besondere war: Er spielte Synthesizer nicht „keyboardmäßig“, sondern fast wie ein Sänger oder Bläser. Die Linien atmeten, bogen sich, riefen, antworteten. Dadurch wurde der Synthesizer im Jazz ein Instrument mit Seele und Persönlichkeit.

Bei Zawinul war ein Sound nie zufällig. Ein Akkord, ein Basslauf oder ein Solo hatte nicht nur Harmonie und Rhythmus, sondern auch eine genau geformte Klangfarbe. Damit verschob er das Denken im Jazz: Nicht nur „welche Note?“ war wichtig, sondern auch „welcher Klang?“.

Und jetzt ist es so, diese Piano Samples sind ja awfully gut. Und mir ist es ja wurscht, wie es ausschaut, wichtig ist, wie das klingt. Verstehst du, was ich meine.

Joe Zawinul, 2010

Da steht er nun nicht einfach vor einem Orchester.
Er steht inmitten eines Atems.

Joe Zawinul hebt die Hand nicht wie ein Dirigent, sondern wie jemand, der eine Erinnerung berührt. Ein Akkord öffnet sich — weich, dunkel, elektrisch — und plötzlich ist der Raum größer als der Saal. Die WDR Big Band Köln legt sich um ihn wie warmes Licht: Blech, Holz, Rhythmus, Stimmen aus Messing und Luft. Aber im Zentrum bleibt dieser Ton, dieser unverwechselbare Zawinul-Klang: halb Mensch, halb Maschine, ganz Seele.

„A Remark You Made“ ist keine Ballade im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Nachhall. Ein Satz, der nie ganz ausgesprochen wurde. Eine Melodie, die sich nicht aufdrängt, sondern bleibt, weil sie etwas weiß, das Worte nicht wissen. Zawinuls Synthesizer singt hier nicht über den Jazz hinweg — er singt durch ihn hindurch. Jeder Ton scheint eine eigene Temperatur zu haben: ein wenig Abschied, ein wenig Trost, ein wenig Himmel über dem Rhein.

Und dann diese Big Band: nicht als großes Gewicht, sondern als Wolke. Sie vergrößert die Melancholie, ohne sie zu beschädigen. Sie gibt dem Stück Flügel, ohne ihm die Intimität zu nehmen. Köln wird für ein paar Minuten zu Birdland, zu Wien, zu New York, zu irgendeinem Ort im Inneren, an dem Musik nicht gespielt, sondern erinnert wird.

Zawinul war ein Meister darin, Elektronik menschlich klingen zu lassen. Bei ihm war der Synthesizer kein Effektgerät, sondern eine Stimme mit Narben. In dieser Begegnung mit der WDR Big Band hört man genau das: einen Klang, der aus Kabeln kommt und trotzdem atmet; eine Melodie, die modern ist und zugleich uralt wirkt.

Diese Aufführung ist deshalb mehr als ein Arrangement.
Sie ist eine Verbeugung.
Vor Weather Report.
Vor der Kunst des Klangs.
Vor einem Musiker, der zeigen konnte, dass ein einziger Ton manchmal reicht, um ein ganzes Leben anzudeuten.

Joe Zawinul spielt nicht einfach ein Solo.
Er sagt etwas.
Und wir hören noch lange nach, was er gemeint haben könnte.




Absynth ist tot. Lang lebe Absynth.

Wie Native Instruments das Konzept „Überraschung“ neu synthetisiert

Es gibt Momente in der Musiksoftware-Geschichte, da lehnt man sich zurück, nippt am längst kalten Kaffee und denkt: „Ja, genau so hatte ich mir den Fortschritt vorgestellt: erst beerdigen, dann mit neuer Benutzeroberfläche wieder auferstehen lassen.“

Native Instruments hatte 2022 beschlossen, Absynth 5 nicht mehr in Komplete 14 aufzunehmen, den Einzelverkauf einzustellen und alle Verkaufs- sowie Entwicklungsaktivitäten zu stoppen — offiziell, weil der Aufwand, das Produkt an moderne Standards anzupassen, zu groß geworden sei. Bestehende Nutzer sollten Absynth 5 weiterhin verwenden können. Es sei denn, man nutzt einen Mac mit Apple Silicon-Prozessor – da gingen die Lichter aus, es sei denn man arbeitet in der Rosetta-Umgebung. Kann man machen, muss man nicht. Es dient dann lediglich der Erinnerung, wie ineffizient Intel-Prozessoren mit derartiger Software umgegangen sind. [1]
Und dann, als hätte jemand im Marketing versehentlich den „Undo“-Button für Produktentscheidungen gefunden, kam 2025 die Wiederauferstehung:
Absynth 6, angekündigt als Rückkehr des klassischen semi-modularen Softsynths. [2]

Kapitel 1: Das unwürdige Ende eines Klassikers

Absynth 5 war nie einfach nur ein Synthesizer. Absynth war ein Zustand. Ein Ort. Ein Geräusch, das klang, als hätte ein Außerirdischer im Wald beschlossen, ein Ambient-Album aufzunehmen.

Dann kam das Ende. Mit einem Knall, in Form eines offiziellen Statements, das sinngemäß sagte: Wir lieben Dich, aber moderne Standards sind anstrengend.
Eine Formulierung, die jeder kennt, der schon einmal versucht hat, ein altes Plug-in auf einem neuen macOS zu starten und dabei mehr über Gatekeeper gelernt hat als über Sounddesign.

Natürlich war die Community traurig. Schließlich war Absynth nicht irgendein Preset-Schleuderbrett, sondern ein Labor für Pads, Drones, Texturen und all diese wunderbaren Sounds, bei denen man nach zehn Minuten nicht mehr weiß, ob man gerade Musik macht oder Kontakt mit einer feuchten Höhle im Orionnebel aufgenommen hat.

Kapitel 2: Native Instruments entdeckt die Archäologie

Und dann: Absynth 6.

Native Instruments beschreibt Absynth 6 als Rückkehr eines legendären semi-modularen Synthesizers, gebaut für atmende, sich verwandelnde Texturen, mit hybrider Engine aus granularer, FM-, Wavetable- und subtraktiver Synthese. [3]
Mit anderen Worten: Absynth darf wieder das tun, was Absynth immer getan hat — nur diesmal hoffentlich ohne das Gefühl, dass die Benutzeroberfläche heimlich auf einem Bernsteinfossil kompiliert wurde.

Völlig unerwartet. Also wirklich völlig. Niemand hätte damit gerechnet – außer vielleicht alle, die irgendwann gelernt haben, dass in der Softwarebranche „eingestellt“ gelegentlich nur bedeutet: Bitte jetzt emotional investieren, damit die Rückkehr später dramatischer wirkt.

Kapitel 3: „Weird by Design“ — endlich ein ehrliches Produktversprechen

Der schönste Teil: Absynth 6 kommt offiziell mit dem Motto „Weird by Design“. [3]
Das ist mutig. Nicht etwa, weil Absynth jemals normal gewesen wäre. Sondern weil hier endlich ausgesprochen wird, was Nutzer seit Jahrzehnten wussten: Dieses Instrument war nie dafür da, eine brave EDM-Bassline in 14 Sekunden zu liefern. Es war dafür da, dass man um 2:37 Uhr morgens einen Klang baut, ihn „Breathing Glass Lung Cathedral In Space 04“ nennt und sich fragt, ob man noch Produzent ist oder schon wabernder Nebel.

Absynth 6 bringt außerdem unter anderem einen visuellen Preset Explorer, ein 68-Punkt-Hüllkurvensystem und den Mutator zurück beziehungsweise weiter. [3]
Das ist großartig, denn nichts sagt „kontrollierte Kreativität“ so sehr wie ein Mutator, der einem Sounddesign-Vorschläge macht, die klingen, als hätte ein modularer Synthesizer einen ansteckenden Fiebertraum.

Kapitel 4: Die Industrie lernt Wiederbelebung

Man muss Native Instruments fast bewundern. Erst erklärt man, dass Absynth 5 zu viel Aufwand sei. Dann bringt man Absynth 6 zurück — moderner, hübscher, kompatibler, expressiver. Laut DJ Mag wurde die neue Version mit Absynths ursprünglichem Designer Brian Clevinger erstellt und für moderne Kompatibilität sowie mehr Ausdruckskraft neu aufgebaut. [2]

Das ist natürlich erfreulich. Wirklich. Aber es ist auch ein bisschen so, als würde ein Restaurant Dein Lieblingsgericht von der Karte nehmen, Dir erklären, dass Kartoffeln leider zu komplex geworden sind, und drei Jahre später mit „Potato 2.0 — now with feelings“ zurückkommen.

Kapitel 5: Wir vergeben. Aber wir speichern das Preset.

Am Ende ist die Sache klar: Absynth 6 ist eine gute Nachricht. Eine sehr gute sogar. Der Synth war zu eigenartig, zu wichtig und zu klanglich seltsam, um dauerhaft in der Software-Mottenkiste zu verschwinden.

Aber natürlich darf man ein wenig sarkastisch applaudieren. Denn die Wiederauferstehung eines eingestellten Klassikers ist immer auch ein kleines Theaterstück in drei Akten:

  1. Akt eins: „Dieses Produkt hat leider keine Zukunft.“
  2. Akt zwei: Nutzer trauern, diskutieren, frieren Installer ein.
  3. Akt drei: „Überraschung! Die Zukunft kostet 199 Euro.“

Absynth ist also zurück. Die Hüllkurven atmen wieder. Die Texturen wabern. Der Mutator mutiert. Und irgendwo sitzt ein alter Absynth-5-Nutzer, startet sein DAW-Template von 2011 und flüstert:

„Ich wusste, Du würdest zurückkommen. Ich habe nur nie gedacht, dass Du skalierbare Fenster mitbringst.“

Willkommen zurück, Absynth. Wir haben Dich vermisst. Und ja, wir tun jetzt so, als wäre das alles vollkommen normal.

Hier ein Stück, „Lost In The Fog“, welches ich vor ein paar Jahren ausschließlich mit Absynth 5 eingespielt habe: