Take The Long Way Home

Warum mein Lebenskompass eine Mundharmonika hat

Does it feel that your life’s become a catastrophe?
Oh, it has to be for you to grow, boy

Take The Long Way Home, Supertramp, 1979

Es gibt Menschen, die orientieren sich im Leben an Zitaten von Philosophen, an Karriereplänen, an Vision Boards oder an Apps, die Dich morgens daran erinnern, selbstständig mit dem Atmen zu beginnen und die Dir zeigen, wie Du lernst, Dir selbsttätig die Schuhe zu binden.
Ich dagegen habe seit den frühen 80er Jahren einen Song als Kompass:
Take The Long Way Home“ von Supertramp, mit seinem unverwechselbaren Mundharmonika-Intro — erschienen auf dem Album Breakfast in America und geschrieben von Roger Hodgson. [1][2] Für mich ist dieser Song mehr als nur Musik. Er ist ein textlicher und akustischer Kompass. Allerdings einer mit einem kleinen technischen Defekt: Er zeigt nicht immer den kürzesten Weg an. Aber dafür meistens den interessanteren.

Das klingt auf den ersten Blick nicht besonders effizient. Wer nimmt denn freiwillig den langen Weg?
Der kurze Weg ist doch schneller. Jedes Navigationssystem empfiehlt ihn. Der Kalender verlangt ihn. Die To-do-Liste schreit ihn. Die Gesellschaft nickt anerkennend, wenn man ihn nimmt.

Aber genau da beginnt das Problem.

Der kurze Weg bringt Dich ans Ziel.
Der lange Weg bringt Dich zu Dir.

Der kurze Weg ist praktisch.
Der lange Weg ist ehrlich.
Der kurze Weg sagt: „Beeil Dich, Du musst ankommen.
Der lange Weg sagt: „Schau mal links. Da ist ein Sonnenuntergang. Und rechts steht ein Bäcker, der noch echte Brötchen macht.

Der kurze Weg ist der Fahrstuhl.
Der lange Weg ist das Treppenhaus, in dem man zufällig dem Nachbarn begegnet, der seit 2008 immer denselben Jogginganzug trägt und trotzdem irgendwie weiser wirkt als jeder Führungskräfte-Coach.

Für mich bedeutet „den langen Weg nach Hause nehmen“ nicht Trödeln. Es bedeutet:
nicht nur funktionieren.
Denn wer immer nur den schnellsten Weg nimmt, verpasst manchmal die Landschaft. Und manchmal sogar sich selbst.

Heimat ist kein Ort mit WLAN-Passwort

Roger Hodgson hat den Song selbst auf einer tieferen Ebene mit der Suche nach einem inneren Zuhause verbunden — einem Ort, an dem man sich im Herzen zu Hause fühlt. [2]
Genau das macht den Song für mich so stark: Er ist keine simple Verkehrsregel. Er ist eine Lebenshaltung.
Zuhause“ ist nicht nur die Wohnung, in der der Kühlschrank brummt und irgendwo ein Ladekabel verschollen ist.
Zuhause ist auch dieser Moment, in dem man merkt:
Ich bin gerade nicht auf der Flucht. Ich bin da.

Das passiert vor allem mit der Partnerin ❤️.
Das kann im Auto passieren.
Beim Spaziergang.
Im Supermarkt zwischen Suppengemüse und Sonderangeboten.
Oder nachts, wenn man plötzlich begreift, dass man jahrelang versucht hat, jemand zu sein, der man gar nicht werden wollte.

Der lange Weg nach Hause ist also manchmal ein Umweg.
Manchmal eine Pause.
Manchmal ein Nein.
Und manchmal ein sehr lautes Ja zu sich selbst.

Die Kunst, nicht immer die Abkürzung zu wählen

Wir leben in einer Welt, die Abkürzungen liebt.

  • Schneller lernen
  • Schneller arbeiten
  • Schneller antworten
  • Schneller essen
  • Schneller leben

Sogar Entspannung soll inzwischen effizient sein: „10 Minuten Meditation für maximale Gelassenheit.“ Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Erleuchtung, aber bitte mit Expressversand und Prime-Account.“ Der Song erinnert mich daran, dass das Leben nicht immer eine Lieferando-Bestellung ist. Manche Dinge brauchen Zeit:

  • Vertrauen.
  • Charakter.
  • Geschmack.
  • Gelassenheit.
  • wirklich gute Pasteis de nata.
  • Ein Glas La Chouffe
  • Und die Erkenntnis, dass man nicht auf jede Nachricht sofort antworten muss.

Der lange Weg ist nicht die Route der Faulen. Er ist die Route der Menschen, die verstanden haben, dass Geschwindigkeit nicht dasselbe ist wie Richtung.

Mein inneres Navigationssystem klingt nach Supertramp

Wenn mein Leben ein Navi hätte, würde es vermutlich nicht neutral sagen:
In 300 Metern links abbiegen.“ Es würde eher sagen:
Fahr ruhig noch ein Stück weiter. Du musst heute nicht alles lösen.“
Oder:
Achtung, in deinem Ego befindet sich ein Stau.“
Oder:
Wenn möglich, bitte wenden — du versuchst schon wieder, allen zu gefallen.

Und im Hintergrund: diese lässige Supertramp-Energie, irgendwo zwischen Melancholie, Ironie und dem Gefühl, dass das Leben ein Lächeln auf den Lippen hat und trotz allem tanzbar bleibt.

Das ist das Großartige an diesem Song: Er klingt nicht wie eine Predigt. Er klingt wie ein Freund, der dich mit einem schiefen Grinsen anschaut und sagt: „Komm, wir gehen noch eine Runde.

Warum der lange Weg unterhaltsamer ist

Der lange Weg hat Geschichten.
Auf dem kurzen Weg passiert meistens: nichts. Man kommt an. Punkt.
Auf dem langen Weg dagegen:

  • entdeckt man Straßen, die aussehen, als hätte die Stadtplanung kurz Jazz gehört;
  • trifft man Menschen, die in einem Satz mehr Wahrheit sagen als manche Bücher auf 300 Seiten;
  • findet man Cafés, in denen die Stühle wackeln, aber der Kaffee ein einfacher und ehrlicher, rechter Aufwärtshaken ist;
  • denkt man Gedanken zu Ende, die sonst immer von Push-Nachrichten zerschossen werden.

Der lange Weg ist der Ort, an dem das Leben seine Nebenfiguren vorstellt. Und oft sind genau die interessanter als die Hauptstory.

Auch mein „Supertramp-Kompass“ bewahrt mich nicht vor Fehlern. Ich nehme weiterhin falsche Ausfahrten, sage gelegentlich zu früh „kein Problem“, obwohl es sehr wohl ein Problem ist, und kaufe manchmal Dinge, weil sie im Angebot sind, nicht weil ich sie brauche.

Kompass“ heißt nicht: immer wissen, wohin

Ein Kompass zeigt Richtung. Er erklärt nicht das ganze Gelände. Aber der Song erinnert mich daran, regelmäßig zu fragen:

Bin ich noch auf meinem Weg — oder nur auf dem schnellsten?

Das ist ein Unterschied. Der schnellste Weg kann dich zu einem Ziel bringen, das gar nicht deins ist. Der lange Weg gibt dir unterwegs Zeit, das zu merken.

Fazit: Geh ruhig langsam, aber geh wach

Take The Long Way Home“ ist für mich mehr als ein Songtitel. Es ist ein freundlicher Tritt gegen die Eile. Ein musikalischer Wegweiser. Eine Erinnerung daran, dass man nicht jeden Umweg erklären muss.

Manche Umwege sind keine Fehler.
Manche sind Ausbildung.
Manche sind Heilung.
Manche sind einfach bessere Geschichten.

Und wenn ich am Ende meines Tages nach Hause komme — im wörtlichen oder im inneren Sinn — dann möchte ich nicht nur sagen können: „Ich war schnell.

Ich möchte sagen können:
Ich habe etwas gesehen. Ich habe etwas verstanden. Ich war unterwegs wirklich da.

Also ja: Ich nehme den langen Weg nach Hause.

Nicht, weil ich mich verlaufen habe.
Sondern weil ich mich finden will.

Take The Long Way Home, Paris Pavillion, 1979



Das Lokalradio: Unerträgliche Belanglosigkeit und „Das beste der 80er, der 90er und von heute“

So don’t become some background noise
A backdrop for the girls and boys
Who just don’t know or just don′t care
And just complain when you′re not there

Radio GaGa, Queen, 1984

Es gibt in Nordrhein-Westfalen viele Dinge, die erstaunlich zuverlässig funktionieren: der Regen im Juli, Baustellen auf der A1 und die Fähigkeit der Lokalradios, aus Hunderten Jahren Musikgeschichte immer wieder dieselben 25 seichten Titel auszuwählen.

Wer durch NRW fährt und zwischen den gefühlten 1.200 Lokalsendern umschaltet, erlebt ein faszinierendes Experiment. Auf dem Display steht zwar jedes Mal ein anderer Sendername, musikalisch befindet man sich jedoch im selben Paralleluniversum. Das Programm bleibt selbstverständlich unverändert. Dort laufen seit etwa 1998 dieselben Songs in einer gnadenlosen Zeitschleife. Irgendwo singt Bryan Adams, kurz darauf kommt Pink, dann folgt Ed Sheeran. Nach einer Werbepause meldet sich die Moderatorin, die wie Heidi Klum auf Ecstasy klingt, mit der sensationellen Nachricht, dass es heute warm, nass oder abwechselnd warm und nass werden könnte. Und das mit geiler Musik trotzdem für gute Laune gesorgt wird.

Denn überall läuft „der beste Mix aus den 80ern, 90ern und von heute“. Eine Formulierung, die vermutlich irgendwann in einem unterirdischen Radiolabor entwickelt wurde. Dort sitzen grenzdebile Musikredakteure in weißen Kitteln und erforschen, wie oft ein Mensch denselben Phil-Collins oder Bryan Adams-Song hören kann, bevor er mit dem Autoradio zu verhandeln beginnt.

Jeder Sender wirbt stolz mit dem Slogan: „Das beste der 80er, der 90er und von heute.

Das klingt zunächst in der Tat nach enormer musikalischer Vielfalt. Tatsächlich bedeutet es: „Wir spielen exakt die gleiche Soße wie alle anderen, aber in einer leicht veränderten Reihenfolge.

Man fragt sich manchmal, was mit dem Rest der Musikgeschichte passiert ist.
Jazz? Zu kompliziert.
Afrobeat? Zu interessant.
Elektronische Experimente? Könnten gegebenenfalls Neugier auslösen.
Weltmusik? Was sollen die Leute denn denken? Dass Radio zum Entdecken neuer Klänge da ist?

Nein, Sicherheit geht vor.

Das moderne Lokalradio behandelt Musik wie eine Versicherungsgesellschaft Risiken. Alles, was auch nur den Verdacht erweckt, überraschend zu sein, wird sofort aussortiert. Übrig bleiben jene Lieder, die so oft getestet wurden, dass niemand sie wirklich mag, aber auch niemand aktiv hasst.

Zwischen den Titeln werden dann die ganz großen Themen unserer Zeit verhandelt.

Zum Beispiel:
“Eine Katze saß heute Morgen auf einem Garagendach in Wanne-Eickel.”

Oder:
“Der Verkehrsfluss auf dem Feldweg zwischen Niedermörmter und Obermörmter ist auf Grund diverser Kufladen leicht beeinträchtigt.”

Oder mein persönlicher Favorit:
“Jetzt gewinnen Sie einen Einkaufsgutschein im Wert von 50 Euro für Brunhildes Batik- und Bastelstudio!”

Es gibt auch Wortbeiträge. Etwa die wichtige Frage, ob man beim Grillen lieber Würstchen oder Steak isst, und ob das Zeug darüber hinaus auch vegan sein darf. Hörer dürfen anrufen, abstimmen und dabei unbeabsichtigt beweisen, dass die Demokratie vielleicht doch hin und wieder Grenzen braucht.

Hinzu kommen Wetter, Verkehr und lokale Meldungen. Der Bürgermeister hat ein Band durchschnitten. Im Gewerbegebiet wurde ein Schlüsselbund gefunden. Auf eine Baustelle ist ein Spaten umgefallen. Beim Stadtfest tritt eine Coverband auf, die keine Sau kennt und die „die größten Hits aus den 80ern, 90ern und von heute“ intoniert, selbstverständlich mit freundlicher Unterstützung des Scheunenradios Niederrhein und den Theken-Freunden Oer-Erkenschwick.

Endlich Synergie.

Vielen Dank für diesen enormen journalistischen Kraftakt.

Kulturelle Hintergründe, internationale Perspektiven, gesellschaftliche Debatten oder längere Gespräche wären natürlich auch möglich. Allerdings könnten solche Inhalte dazu führen, dass jemand zuhört, nachdenkt oder sogar eine neue Musikrichtung entdeckt. Dieses Risiko möchte man offenbar nicht eingehen.

Irgendein Siegerländer Birkenwld-Sender hat es sogar geschafft, am 20.August 2026 in den sozialen Medien Ralf Hütter von Kraftwerk zum 80. Geburtstag zu gratulieren und sein Lebenswerk zu würdigen. Wie schön, warum hört man bei denen dann keine Musik von Kraftwerk, wo diese doch House, Techno, Hip-Hop, Electro und was weiß ich nicht noch was erfunden haben? Dazu reicht der Mut offensichtlich nicht. Statt dessen wird der Sicherheitsgurt angelegt und der Airbag aktiviert, damit auch ja nichts passiert.
Summer of 69 von Bryan Adams oder It’s my life von Bon Jovi sind hier die beste Unfallverhütung!

Umso auffälliger wird der Kontrast zu Sendern wie WDR Cosmo. Dort scheint man auf die vollkommen beknackte Idee gekommen zu sein, dass Hörer vielleicht tatsächlich neugierig sein könnten!
Plötzlich hört man Musik aus Lagos, Bogotá, Berlin oder Beirut. Menschen sprechen über Kultur, Migration, Kunst, gesellschaftliche Fragen oder neue Musikströmungen, teilweise gar auf Englisch, Türkisch oder französisch. Die Sendungen vermitteln den Eindruck, die Welt sei größer als das Einzugsgebiet des örtlichen Kirmesplatzes oder einer Sparkassenfiliale.

Für manche Radiostrategen scheint das ungefähr so bedrohlich zu sein wie die jährliche Steuerprüfung. Das kann natürlich irritierend sein. Schließlich besteht die Gefahr, dass Hörer etwas Neues entdecken.

Dabei lebt gerade Radio doch von Überraschungen. Früher schaltete man ein, um etwas zu hören, das man noch nicht kannte. Heute schaltet man ein und denkt: „Ah, dieses Lied über Agathe Bauer (für Insider: I‘ve got the power von Snap). Wieder. Das habe ich vor zwölf Minuten bereits auf dem anderen Sender gehört.“

Vielleicht wäre es ehrlicher, wenn die Lokalsender ihren Werbeslogan anpassen würden:

„Unerträgliche Seichtheit: Die gleichen 80er, die gleichen 90er und die gleichen Songs von heute wie alle anderen.“

Oder noch präziser:

„Lokalradio NRW: Weil kulturelle Vielfalt anstrengend ist.“

Dabei wäre Lokalradio eigentlich eine großartige Idee. Es könnte regionale Künstler vorstellen, kleine Kulturveranstaltungen begleiten, migrantische Communities hörbar machen, lokale Konflikte vertiefen und Menschen zu Wort kommen lassen, die sonst selten im Radio auftauchen oder anderswo keine Stimme bekommen.

Stattdessen gibt es häufig akustisches Hintergrundrauschen im Farbton stützstrumpf-beige:
freundlich, vorhersehbar und so sorgfältig von jeder Irritation befreit, dass selbst ein überraschender Basslauf vermutlich vorher von der Programmleitung genehmigt werden müsste.

Vielleicht braucht NRW nicht weniger Lokalradio. Vielleicht braucht es einfach ein Lokalradio, das sich wieder etwas traut.

Bis dahin bleibt immerhin die Gewissheit, dass irgendwo im Sendegebiet gerade jemand mit großer Begeisterung ankündigt, jetzt komme wieder einer der größten Hits aller Zeiten.
Vom Bryan Adams natürlich …

Und man kennt ihn bereits.




Herzlichen Glückwunsch, Ralf Hütter

80 Jahre Ralf Hütter. 80 Jahre Zukunft.

Am 20. August feiern wir nicht nur den Geburtstag eines Musikers, sondern eines Visionärs, dessen Ideen den Klang der Moderne geprägt haben. Ralf Hütter hat mit Kraftwerk nicht einfach Musik geschaffen. Er hat eine neue Sprache erfunden, in der Mensch und Maschine, Rhythmus und Technologie, Präzision und Emotion miteinander verschmelzen.

Während andere den Zeitgeist beschrieben, hat er ihn oft vorweggenommen. Die elektronischen Landschaften von Kraftwerk wurden zu Wegweisern für Generationen von Künstlerinnen und Künstlern. Von Elektro über Techno bis Hip-Hop reichen die Spuren seines Schaffens. Was einst futuristisch erschien, ist heute Teil unseres Alltags geworden.

Doch hinter den ikonischen Melodien und den kühlen, eleganten Klangarchitekturen stand stets eine neugierige, schöpferische Persönlichkeit. Ralf Hütter zeigte, dass Innovation nicht laut sein muss. Mit Beharrlichkeit, Klarheit und künstlerischer Konsequenz formte er ein Werk, das Grenzen überwand und Kulturen auf der ganzen Welt miteinander verband.

Seine Kompositionen sind längst Teil des kulturellen Gedächtnisses geworden. Sie erinnern uns daran, dass Fortschritt nicht nur eine technische, sondern auch eine kreative und menschliche Dimension besitzt. In einer Welt ständiger Veränderung blieb seine Kunst zeitlos.

Lieber Ralf Hütter,
zu Deinem 80. Geburtstag danken wir Dir für den Mut, Neuland zu betreten, für die Inspiration, die Du Millionen Menschen geschenkt hast, und für den unverwechselbaren Soundtrack einer digitalen Epoche.

Möge die Reise weitergehen.

Alles Gute zum 80. Geburtstag, Ralf Hütter.
Du hast die Zukunft hörbar gemacht.
🎶⚙️🚴‍♂️✨

Neonlight, Royal Festival Hall, London, 18.März 2004
Titelfoto von Gershowitz

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Jeff Porcaro: Der Mann, der den Groove atmen ließ

Am 5. August 2026 jährt sich der Tod von Jeff Porcaro zum 34. Mal. Jeff Porcaro, geboren am 1. April 1954 in Hartford, Connecticut, starb am 5. August 1992 und wurde nur 38 Jahre alt. [1]

Es gibt Musiker, die man sofort erkennt, sobald sie einen Ton spielen. Bei Jeff Porcaro reichte oft ein einziger Takt. Nicht, weil er laut sein musste. Nicht, weil er sich in den Vordergrund spielte. Sondern weil sein Schlagzeugspiel etwas hatte, das viel seltener ist als Technik: Haltung, Geschmack und ein unglaubliches Gefühl für den Song.

Porcaro war Gründungsmitglied und Schlagzeuger von Toto, der Band, die mit Songs wie „Hold the Line“, „Rosanna“ und „Africa“ Pop- und Rockgeschichte schrieb. Zugleich war er einer der gefragtesten Sessiondrummer seiner Generation. AllMusic beschreibt ihn als einen der höchst angesehenen Studio-Schlagzeuger im Rock von Mitte der 1970er bis in die frühen 1990er Jahre und schreibt, dass der Sound des Mainstream-Pop/Rock-Drummings der 1980er Jahre zu einem großen Teil der Sound von Jeff Porcaro gewesen sei. [1]

Was Jeff Porcaro so besonders machte, war nicht nur Präzision. Viele Drummer spielen präzise. Bei ihm klang Präzision menschlich. Seine Grooves hatten Luft, Wärme und Bewegung. Sie wirkten nie mechanisch, sondern immer so, als würde das Schlagzeug mit der Musik sprechen. Er konnte einen Song antreiben, ohne ihn zu überladen. Er konnte Spannung erzeugen, ohne sich aufzudrängen. Und er verstand, dass ein großartiger Drumtrack nicht beweisen muss, wie gut der Schlagzeuger ist. Er muss beweisen, wie gut der Song ist.

Schon früh war Musik Teil seines Lebens. Sein Vater Joe Porcaro war ein renommierter Schlagzeuger und Lehrer, und auch Jeffs Brüder Steve und Mike wurden professionelle Musiker. [1] Paiste nennt als Stationen seiner Karriere unter anderem Aufnahmen und Tourneen mit Seals and Crofts, Boz Scaggs und Steely Dan. [2] Gerade diese Mischung aus Familienprägung, Studioerfahrung und musikalischer Offenheit machte Jeff Porcaro zu einem Drummer, der fast jedes Genre bedienen konnte, ohne seine eigene Handschrift zu verlieren.

Sein Name ist für viele Schlagzeuger bis heute untrennbar mit „Rosanna“ verbunden. Der berühmte Groove aus Toto IV gilt als Paradebeispiel für musikalische Kontrolle, Dynamik und Timing. „Rosanna“ ist kein Schlagzeugsolo im klassischen Sinne, aber für Drummer ist es ein Lehrstück: Wie spielt man komplex, ohne kompliziert zu wirken? Wie erzeugt man Bewegung, ohne den Song zu zerdrücken? Wie bringt man Technik zum Grooven?

Doch Porcaros Vermächtnis ist größer als ein einzelner Groove. Er spielte auf unzähligen Aufnahmen mit, unter anderem werden in seiner Diskografie Arbeiten mit Künstlern wie Michael Jackson, Elton John, Don Henley, Warren Zevon, Rickie Lee Jones und Bruce Springsteen genannt. [2] Wer Pop- und Rockmusik der 1970er und 1980er Jahre hört, begegnet Jeff Porcaro deshalb oft, auch wenn sein Name nicht immer auf dem Cover steht.

Vielleicht liegt genau darin seine Größe. Jeff Porcaro war kein Drummer, der ständig „Schaut her!“ rief. Er war einer, der sagte: „Hört hin.“ Sein Spiel lehrte, dass Zurückhaltung keine Schwäche ist. Dass Groove mehr bedeutet als Tempo. Dass ein Song manchmal genau dann am stärksten wird, wenn jeder Musiker weiß, wann er Platz lassen muss.

34 Jahre nach seinem Tod wirkt Jeff Porcaro nicht wie eine Figur aus einer vergangenen Ära. Sein Einfluss lebt in Studios, Proberäumen und auf Bühnen weiter. In jeder Diskussion über Feel, Timing und songdienliches Spiel fällt früher oder später sein Name. Und wenn junge Drummer heute versuchen, den Geist seiner Grooves zu verstehen, lernen sie nicht nur Schlagzeug. Sie lernen Musikalität.

Jeff Porcaro hat den Groove nicht erfunden. Aber er hat gezeigt, wie tief er atmen kann.

Hier das Video zu „Can You Hear What I‘m Saying“ aus dem Jahr 1990, wo Jeff Porcaro mit seinem ebenfalls verstorbenen Bruder Mike Porcaro einen unglaublichen Groove zaubert.




Joe Zawinul – „A Remark You Made“ mit der WDR Big Band Köln

Vor Joe Zawinul klangen Synthesizer im Jazz oft wie Fremdkörper: technisch, futuristisch, manchmal ornamental. Zawinul machte daraus eine melodische und emotionale Stimme. Seine Sounds konnten wie Bläser, Stimmen, Streicher, Orgeln oder völlig neue Wesen klingen – aber immer mit jazzmusikalischer Phrasierung.

Das Besondere war: Er spielte Synthesizer nicht „keyboardmäßig“, sondern fast wie ein Sänger oder Bläser. Die Linien atmeten, bogen sich, riefen, antworteten. Dadurch wurde der Synthesizer im Jazz ein Instrument mit Seele und Persönlichkeit.

Bei Zawinul war ein Sound nie zufällig. Ein Akkord, ein Basslauf oder ein Solo hatte nicht nur Harmonie und Rhythmus, sondern auch eine genau geformte Klangfarbe. Damit verschob er das Denken im Jazz: Nicht nur „welche Note?“ war wichtig, sondern auch „welcher Klang?“.

Und jetzt ist es so, diese Piano Samples sind ja awfully gut. Und mir ist es ja wurscht, wie es ausschaut, wichtig ist, wie das klingt. Verstehst du, was ich meine.

Joe Zawinul, 2010

Da steht er nun nicht einfach vor einem Orchester.
Er steht inmitten eines Atems.

Joe Zawinul hebt die Hand nicht wie ein Dirigent, sondern wie jemand, der eine Erinnerung berührt. Ein Akkord öffnet sich — weich, dunkel, elektrisch — und plötzlich ist der Raum größer als der Saal. Die WDR Big Band Köln legt sich um ihn wie warmes Licht: Blech, Holz, Rhythmus, Stimmen aus Messing und Luft. Aber im Zentrum bleibt dieser Ton, dieser unverwechselbare Zawinul-Klang: halb Mensch, halb Maschine, ganz Seele.

A Remark You Made“ ist keine Ballade im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Nachhall. Ein Satz, der nie ganz ausgesprochen wurde. Eine Melodie, die sich nicht aufdrängt, sondern bleibt, weil sie etwas weiß, das Worte nicht wissen. Zawinuls Synthesizer singt hier nicht über den Jazz hinweg — er singt durch ihn hindurch. Jeder Ton scheint eine eigene Temperatur zu haben: ein wenig Abschied, ein wenig Trost, ein wenig Himmel über dem Rhein.

Und dann diese Big Band: nicht als großes Gewicht, sondern als Wolke. Sie vergrößert die Melancholie, ohne sie zu beschädigen. Sie gibt dem Stück Flügel, ohne ihm die Intimität zu nehmen. Köln wird für ein paar Minuten zu Birdland, zu Wien, zu New York, zu irgendeinem Ort im Inneren, an dem Musik nicht gespielt, sondern erinnert wird.

Zawinul war ein Meister darin, Elektronik menschlich klingen zu lassen. Bei ihm war der Synthesizer kein Effektgerät, sondern eine Stimme mit Narben. In dieser Begegnung mit der WDR Big Band hört man genau das: einen Klang, der aus Kabeln kommt und trotzdem atmet; eine Melodie, die modern ist und zugleich uralt wirkt.

Diese Aufführung ist deshalb mehr als ein Arrangement.
Sie ist eine Verbeugung.
Vor Weather Report.
Vor der Kunst des Klangs.
Vor einem Musiker, der zeigen konnte, dass ein einziger Ton manchmal reicht, um ein ganzes Leben anzudeuten.

Joe Zawinul spielt nicht einfach ein Solo.
Er sagt etwas.
Und wir hören noch lange nach, was er gemeint haben könnte.




Absynth ist tot. Lang lebe Absynth.

Wie Native Instruments das Konzept „Überraschung“ neu synthetisiert

Es gibt Momente in der Musiksoftware-Geschichte, da lehnt man sich zurück, nippt am längst kalten Kaffee und denkt: „Ja, genau so hatte ich mir den Fortschritt vorgestellt: erst beerdigen, dann mit neuer Benutzeroberfläche wieder auferstehen lassen.“

Native Instruments hatte 2022 beschlossen, Absynth 5 nicht mehr in Komplete 14 aufzunehmen, den Einzelverkauf einzustellen und alle Verkaufs- sowie Entwicklungsaktivitäten zu stoppen — offiziell, weil der Aufwand, das Produkt an moderne Standards anzupassen, zu groß geworden sei. Bestehende Nutzer sollten Absynth 5 weiterhin verwenden können. Es sei denn, man nutzt einen Mac mit Apple Silicon-Prozessor – da gingen die Lichter aus, es sei denn man arbeitet in der Rosetta-Umgebung. Kann man machen, muss man nicht. Es dient dann lediglich der Erinnerung, wie ineffizient Intel-Prozessoren mit derartiger Software umgegangen sind. [1]
Und dann, als hätte jemand im Marketing versehentlich den „Undo“-Button für Produktentscheidungen gefunden, kam 2025 die Wiederauferstehung:
Absynth 6, angekündigt als Rückkehr des klassischen semi-modularen Softsynths. [2]

Kapitel 1: Das unwürdige Ende eines Klassikers

Absynth 5 war nie einfach nur ein Synthesizer. Absynth war ein Zustand. Ein Ort. Ein Geräusch, das klang, als hätte ein Außerirdischer im Wald beschlossen, ein Ambient-Album aufzunehmen.

Dann kam das Ende. Mit einem Knall, in Form eines offiziellen Statements, das sinngemäß sagte: Wir lieben Dich, aber moderne Standards sind anstrengend.
Eine Formulierung, die jeder kennt, der schon einmal versucht hat, ein altes Plug-in auf einem neuen macOS zu starten und dabei mehr über Gatekeeper gelernt hat als über Sounddesign.

Natürlich war die Community traurig. Schließlich war Absynth nicht irgendein Preset-Schleuderbrett, sondern ein Labor für Pads, Drones, Texturen und all diese wunderbaren Sounds, bei denen man nach zehn Minuten nicht mehr weiß, ob man gerade Musik macht oder Kontakt mit einer feuchten Höhle im Orionnebel aufgenommen hat.

Kapitel 2: Native Instruments entdeckt die Archäologie

Und dann: Absynth 6.

Native Instruments beschreibt Absynth 6 als Rückkehr eines legendären semi-modularen Synthesizers, gebaut für atmende, sich verwandelnde Texturen, mit hybrider Engine aus granularer, FM-, Wavetable- und subtraktiver Synthese. [3]
Mit anderen Worten: Absynth darf wieder das tun, was Absynth immer getan hat — nur diesmal hoffentlich ohne das Gefühl, dass die Benutzeroberfläche heimlich auf einem Bernsteinfossil kompiliert wurde.

Völlig unerwartet. Also wirklich völlig. Niemand hätte damit gerechnet – außer vielleicht alle, die irgendwann gelernt haben, dass in der Softwarebranche „eingestellt“ gelegentlich nur bedeutet: Bitte jetzt emotional investieren, damit die Rückkehr später dramatischer wirkt.

Kapitel 3: „Weird by Design“ — endlich ein ehrliches Produktversprechen

Der schönste Teil: Absynth 6 kommt offiziell mit dem Motto „Weird by Design“. [3]
Das ist mutig. Nicht etwa, weil Absynth jemals normal gewesen wäre. Sondern weil hier endlich ausgesprochen wird, was Nutzer seit Jahrzehnten wussten: Dieses Instrument war nie dafür da, eine brave EDM-Bassline in 14 Sekunden zu liefern. Es war dafür da, dass man um 2:37 Uhr morgens einen Klang baut, ihn „Breathing Glass Lung Cathedral In Space 04“ nennt und sich fragt, ob man noch Produzent ist oder schon wabernder Nebel.

Absynth 6 bringt außerdem unter anderem einen visuellen Preset Explorer, ein 68-Punkt-Hüllkurvensystem und den Mutator zurück beziehungsweise weiter. [3]
Das ist großartig, denn nichts sagt „kontrollierte Kreativität“ so sehr wie ein Mutator, der einem Sounddesign-Vorschläge macht, die klingen, als hätte ein modularer Synthesizer einen ansteckenden Fiebertraum.

Kapitel 4: Die Industrie lernt Wiederbelebung

Man muss Native Instruments fast bewundern. Erst erklärt man, dass Absynth 5 zu viel Aufwand sei. Dann bringt man Absynth 6 zurück — moderner, hübscher, kompatibler, expressiver. Laut DJ Mag wurde die neue Version mit Absynths ursprünglichem Designer Brian Clevinger erstellt und für moderne Kompatibilität sowie mehr Ausdruckskraft neu aufgebaut. [2]

Das ist natürlich erfreulich. Wirklich. Aber es ist auch ein bisschen so, als würde ein Restaurant Dein Lieblingsgericht von der Karte nehmen, Dir erklären, dass Kartoffeln leider zu komplex geworden sind, und drei Jahre später mit „Potato 2.0 — now with feelings“ zurückkommen.

Kapitel 5: Wir vergeben. Aber wir speichern das Preset.

Am Ende ist die Sache klar: Absynth 6 ist eine gute Nachricht. Eine sehr gute sogar. Der Synth war zu eigenartig, zu wichtig und zu klanglich seltsam, um dauerhaft in der Software-Mottenkiste zu verschwinden.

Aber natürlich darf man ein wenig sarkastisch applaudieren. Denn die Wiederauferstehung eines eingestellten Klassikers ist immer auch ein kleines Theaterstück in drei Akten:

  1. Akt eins: „Dieses Produkt hat leider keine Zukunft.“
  2. Akt zwei: Nutzer trauern, diskutieren, frieren Installer ein.
  3. Akt drei: „Überraschung! Die Zukunft kostet 199 Euro.“

Absynth ist also zurück. Die Hüllkurven atmen wieder. Die Texturen wabern. Der Mutator mutiert. Und irgendwo sitzt ein alter Absynth-5-Nutzer, startet sein DAW-Template von 2011 und flüstert:

Ich wusste, Du würdest zurückkommen. Ich habe nur nie gedacht, dass Du skalierbare Fenster mitbringst.

Willkommen zurück, Absynth. Wir haben Dich vermisst. Und ja, wir tun jetzt so, als wäre das alles vollkommen normal.

Hier ein Stück, „Lost In The Fog“, welches ich vor ein paar Jahren ausschließlich mit Absynth 5 eingespielt habe:




Happy Birthday, Neil Tennant

Now I sit with different faces
In rented rooms and foreign places
All the people I was kissing
Some are here and some are missing
In the 1990s

Being Boring, 1990

Heute ist ein ganz besonderer Tag für die Welt der elektronischen Popmusik. Wir feiern den 72. Geburtstag von Neil Tennant, der Stimme und dem lyrischen Genie hinter den Pet Shop Boys.

Seit über vier Jahrzehnten prägt Tennant (* 10. Juli 1954 in North Shields, England) mit seinem unverkennbaren Stil – einer Mischung aus intellektuellem Understatement, messerscharfen Beobachtungen und unwiderstehlichen Synthesizer-Melodien – die Musiklandschaft.

Ein Mann, ein Geist, ein Sound

Neil Tennant ist kein gewöhnlicher Popstar. Vor seinem musikalischen Durchbruch arbeitete er als Journalist beim Musikmagazin Smash Hits. Während seiner Zeit bei Smash Hits führte er unter anderem ein wegweisendes Interview mit Dusty Springfield, was später zur Zusammenarbeit an dem Hit “What Have I Done to Deserve This?” führte. Diese journalistische Vergangenheit spürt man in jedem Songtext: Tennant schreibt keine bloßen Liebeslieder, er erzählt kleine, oft melancholische Kurzgeschichten über das Leben in der Großstadt, Sehnsüchte, gesellschaftliche Beobachtungen und den flüchtigen Glamour des Ruhms.

Bild: Raph_PHPSBHydePark150919-77, CC BY 2.0, Link

Gemeinsam mit seinem Partner Chris Lowe hat er ein Universum geschaffen, das sowohl die Tanzflächen der Welt als auch die intellektuellen Feuilletons bedient. Von Hymnen wie “West End Girls” bis hin zu zeitlosen Klassikern wie “It’s a Sin” oder “Always on My Mind” – Tennants prägnante, fast gesprochene Gesangsstimme ist das Herzstück, das diese Songs zu zeitlosen Meisterwerken macht.

Warum er heute noch so wichtig ist

Was Neil Tennant und die Pet Shop Boys so bemerkenswert macht, ist ihre Beständigkeit. Während viele Bands der 80er Jahre in der Nostalgie gefangen blieben, haben sich Tennant und Lowe stets weiterentwickelt, neue Sounds integriert und bleiben doch immer zu 100 % “Pet Shop Boys“. Er outete sich 1994 in der Zeitschrift Attitude als homosexuell und gilt seitdem als prominente Stimme für LGBTQ+-Themen in der Musikindustrie.

Tennant schreibt oft wie ein Flaneur oder ein Dokumentarist. Er beobachtet das soziale Gefüge, die Anonymität der Großstadt (besonders London) und die kleinen, oft unbedeutenden Momente, in denen sich große Lebensgeschichten abspielen.

Beispiel: In „West End Girls“ verwebt er sozialkritische Beobachtungen über Klassenunterschiede in London mit einem fast filmischen, düsteren Unterton. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Distanz. Seine Texte handeln oft von dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein, der das Geschehen beobachtet, anstatt mitten darin zu stehen. Dies verbindet er häufig mit einer sehr distanzierten, fast kühlen Sicht auf Begehren, Einsamkeit und das „Anderssein“.
Tennant ist ein belesener Songwriter. Er scheut sich nicht, komplexe Themen wie Religion, Politik oder historische Ereignisse in den Kontext eines Drei-Minuten-Popsongs zu setzen.

  •  Religiöse Ambivalenz: „It’s a Sin“ ist eine brillante Auseinandersetzung mit der katholischen Erziehung, Schuldgefühlen und dem daraus resultierenden Rebellionstrieb, verpackt in eine mitreißende Hymne.
  • Politischer Kommentar: Lieder wie „Left to My Own Devices“ oder „Opportunities (Let’s Make Lots of Money)“ spielen mit gesellschaftlichen Erwartungen und dem britischen Klassensystem.

„Wir schreiben Texte, die eigentlich traurig oder nachdenklich sind, legen diese aber über eine euphorische, tanzbare Produktion.“

Neil Tennant

Dieser bewusste Bruch zwischen dem Inhalt (Text) und der Form (Musik) verleiht den Liedern ihre tiefe Resonanz. Man kann zu den Songs tanzen, ohne den Text zu hinterfragen – oder man kann in die Texte eintauchen und eine bittere, oft satirische Gesellschaftskritik entdecken.
Tennant nutzt oft eine dialogische Erzählweise. Er lässt die Songs wie kleine, abgeschlossene Kurzgeschichten wirken, in denen Charaktere miteinander sprechen oder über ihre Situation reflektieren. Das macht seine Lieder sehr persönlich, ohne dass sie in den bei Popstars oft üblichen „Selbstmitleid-Kitsch“ abrutschen.

Ein Beispiel für seine lyrische Meisterschaft:

In „Being Boring“ verarbeitet er das Älterwerden und den Verlust von Freunden während der AIDS-Krise der 80er Jahre. Es ist einer der persönlichsten und bewegendsten Texte der Popgeschichte, der das Thema Vergänglichkeit mit einer bemerkenswerten, fast schon nüchternen Eleganz behandelt.

An seinem 72. Geburtstag erinnert uns Neil Tennant daran, dass Popmusik keine Frage des Alters ist. Es ist eine Frage der Haltung:

  • Neugier: Er zeigt uns, wie man sich künstlerisch ständig neu erfindet.
  • Intelligenz: Er beweist, dass Mainstream-Erfolg und lyrische Tiefe sich nicht ausschließen müssen.
  • Stil: Er bleibt sich treu, ohne jemals in die Falle der Selbstkopie zu tappen.

Die Top 3 “Neil Tennant”-Momente

Wenn wir heute auf sein Werk zurückblicken, dürfen diese drei Meilensteine in keiner Playlist fehlen:

  • West End Girls (1984):
    Die Geburtsstunde eines völlig neuen, urbanen Pop-Sounds
  • It‘s A Sin (1987):
    Ein dramatisches, kathartisches Meisterwerk über Schuld und Befreiung.
  • Being Boring (1990):
    Vielleicht einer der ehrlichsten und bewegendsten Songs über das Älterwerden und die Vergangenheit.

Neil Tennant hat das Genre des elektronischen Pop maßgeblich mitdefiniert und bleibt ein Vorbild für Generationen von Musikern. Er zeigt uns, dass man die Welt mit einem ironischen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Melancholie betrachten kann – und dabei verdammt gut tanzt.

Alles Gute zum Geburtstag, Neil! Wir freuen uns auf alles, was da noch kommen mag …

Weil es für mich der schönste Song der Pet Shop Boys ist – Being Boring als Video:




Danke für die Musik, Rick Davies

Am 6.September 2025 ist der Gründer der legendären Band Supertramp im Alter von 81 Jahren in seinem Haus in Long Island verstorben. Eine ausführliche Biografie über Rick Davies und Supertramp möchte ich mir an dieser Stelle sparen, das Internet bietet hier reichhaltige Ressourcen. Rick Davies und seine Band Supertramp sind bis heute ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich möchte Dir hier erzählen, wie es dazu gekommen ist und einfach nur Danke sagen an einen Musiker, der mich seit frühester Jugend bis heute begleitet hat.

Mit Rick Davies ist leider endgültig ein Teil meiner Jugend abgeschlossen; ein immerwährender Wunsch auf eine Reunion meiner Lieblingsband mit dem ehemaligen Sänger, Gitarristen und Keyboarder Roger Hodgson ist und bleibt somit unerfüllt.

Supertramp ist seit 1980 eine meiner Lieblingsbands. Ihre Songs begleiten mich über 45 Jahre und helfen mir in so ziemlich jeder Lebenslage. Jedoch war es ein weiter Weg, den Supertramp bei mir hatten, um zur Lieblingsband zu werden.

Im Jahr 1979 bekamen wir einen neuen Mitschüler aus Düsseldorf in unsere Klasse – wir wurden schnell Freunde (und sind es bis heute noch!). In dieser Zeit war ich öfter bei ihm zu Hause und er hatte eine eigene Stereo-Anlage und sogar ein Tonbandgerät! Im Jahr 1980 holte er ein Doppel-Album hervor, dessen Cover eine knallbunte Zeichnung des Eiffel-Turms auf lila Hintergrund war und den schlichten Namen der betreffenden Stadt trug – Paris. Es war ein Live-Album einer Band, die ich bis dato nicht kannte. Es lief rauf und runter, von rechts nach links, von oben bis unten. Und ich konnte nichts damit anfangen! Im Innencover war die Band auf dem Weg zur Bühne abgebildet. Allesamt mit langen Haaren und mit Bärten. John Helliwell, der Saxophonist, trug ein buntes Jacket, das zwei Nummern zu groß war und an Peter Frankenfeld erinnerte. Roger Hodgson sah mit seinen weißen Klamotten aus wie ein Späthippie. Schlagzeuger Bob Siebenberg mit Zigarette sah aus, als ob er auf dem Weg in eine Kneipe war und Bassist Dougie Thompson erinnerte mich irgendwie an Poppeye, den Seemann ohne Furcht und Tadel. Rick Davies, mit weißem Hemd und schwarzer Jacke sah, bis auf die langen Haare, am normalsten aus.

Die Musik konnte ich anfangs nicht richtig einordnen. Ein merkwürdiges, hölzern klingendes elektrisches Klavier gab es da (das Wurlitzer A200-Piano). Die Gitarren, wenn vorhanden, spielten eher im Hintergund oder bisweilen ein Solo. Und da war noch John Helliwells Saxophon – war das jetzt Jazz? Richtige Ohrwürmer konnte ich auch nicht ausmachen und der Chorgesang klang zuweilen so kreischend wie die Beach Boys. Ich ließ das alles über Monate hinweg über mich ergehen. Mehr aus Höflichkeit nahm ich eine kopierte Kassette meines Freundes von Breakfast In America mit nach Hause.

Ein paar Wochen später, es war ein lauer Sommerabend, soweit ich mich erinnere, warf ich diese Kassette in den Rekorder und spielte sie ab. Der Sound war bei weitem nicht so roh, sondern viel „polierter“, wie viele Alben Ende der 70er Jahre. Schon der Eingangssong, Gone Hollywood, vorgetragen von Rick Davies ließ mich dann doch etwas staunen. Die Atmosphäre dieses Stückes ließ mich damals wirklich mitten in (einem bis dato imaginären) Hollywood stehen. So musste es sich anfühlen, wenn man den sagenumwobenen Sunset Boulevard herunterfährt (was sich knapp 25 Jahre bestätigen sollte). Das Album hatte mich gefangen. Es gab rockige Stücke, Balladen, ein wenig Jazz und mit Child Of Vision wohl eines der herausragendsten Piano-Solos der Rockgeschichte (den Gerüchten nach von Rick Davies in einem Take aufgenommen). Dieses Album stellte ich mir als junger Teenager als idealen Soundtrack zu eine imaginären Reise durch Kalifornien vor.

Da ich zu dieser Zeit anfing, Keyboard zu spielen, faszinierte mich zunächst der Einsatz dieser Instrumente bei Supertramp. Als ich mir ein paar Noten davon besorgte, stellte ich fest, wie komplex die Musik war, insbesondere die rhythmischen Pianofiguren sowohl auf dem Flügel als auch auf dem Wurlitzer A200 E-Piano. Auch die Harmonien waren sehr komplex, ich lernte Akkorde kennen, von denen ich gar nicht wußte, das sie existieren.

Anfang 1982 sparte ich mein gesamtes Taschengeld, um mir für sagenhafte DM 24,95 das Live-Album Paris zu kaufen. Es lief von nun an bei mir ebenfalls rauf und runter, von links nach rechts und von oben nach unten. Ich besitze es heute noch. Beeindruckend ist neben der Musik die immer noch herausragende Klangqualität, an die weder die CD noch High Quality Streaming heranreichen.

1983 erschien dann das für mich lang erwartete, neue Album Famous Last Words – ein merkwürdiger Titel. Es lief ebenfalls rauf und runter, von links nach rechts und von oben nach unten, wobei die Hit-Single It‘s Raining Again“ für mich das schwächste Stück des Albums war. Herausragend war für mich Rock Davies’ Abgesang auf die aktuelle Musik, Waiting So Long, mit einem epischen, an Pink Floyd erinnernden Gitarrensolo. Kurz nach Veröffentlichung des Albums wurde bekannt, dass Roger Hodgson die Band nach einer ausgedehnten Abschiedstournee verlassen wird. Eine Welt brach für mich zusammen, meine bis dato erste und einzige Lieblingsband sollte aufhören, in ihrer momentanen Form zu existieren, wenn gleich Rick Davies bekannt gab, dass es Supertramp weiterhin geben würde. Ich wäre liebend gerne am 17. Juni 1983 beim Abschiedskonzert in Köln dabei gewesen. An diesem Tag feierte meine Patentante jedoch ihren 60.Geburtstag – Family First!

Im Jahr 1984 wurde jedoch ein Konzert in München im ZDF ausgestrahlt – mit einem Kassettenrekorder und Überspielkabel konnte ich es für die Ewigkeit aufbewahren.

Supertramp in der klassischen Besetzung war immer der Gegensatz der beiden Songschreiber Rick Davies und Roger Hodgson. Hodgson schrieb die melodiöseren, charttauglicheren Stücke, Davies die insgesamt rockigeren Stücke mit einer Portion Rhythm `n Blues und Jazz-Einflüssen. Genial illuminiert wurden die Stücke von Saxophonist John Helliwell und rhythmisch leichtfüßig zusammen gehalten von Dougie Thompson am Bass und Bob Siebenberg an den Drums.

Im Gedächtnis vieler war und ist Roger Hodgson der prägende Kopf der Band, gehen doch die meisten Hits der Band auf sein Konto. Rick Davies hat die Band jedoch gegründet, geformt und entwickelt. Sein stakkatohaftes Spiel auf dem Wurlitzer E-Piano ist charakteristisch für den Sound der Band. Insbesondere die Alben nach 1983 und ohne Roger Hodgson zeigen die enorme stilistische Vielfalt von Rick Davies, auf den „Famous Last Words“ folgenden Alben gab es vom Prog-Rock über Pop im Stile der späten 80er Jahre bis hin zum Blues-Rock mit Jazz-Einflüssen so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann. Leider blieben Rick Davies und Supertramp der Erfolg der späten 70er und frühen 80er Jahre verwehrt.

Was ist im Laufe der Jahre aus meinem Freund und mir geworden? Wir sind immer noch befreundet, obwohl sich unser Leben unterschiedlich entwickelt hat; wir sehen uns nicht mehr so oft wie früher. Wenn heute einer von uns ein Supertramp-Song zitiert, weiß der andere automatisch ein weiters Zitat hinzuzufügen. Als ich ihm vom Tode Rick Davies berichtete, war er ebenso erschüttert wie ich. Die Songs, Melodien und Texte sind immer noch unser Kompass.

Yes, the good old days- but, there’s no more time, reminiscences are shattered by the roar of 8,000 voices, the lights are down, the blue curtain begins its move as Rick puts the harmonica to his lips – Bon Soir Paris !

Dave Margereson, Text zu Paris, 1980

Auf Wiedersehen, Rick Davies, „Goodbye Stranger“, ruhe in Frieden!

Goodbye Stranger, Paris, 1979



Anna Lapwood

Wer ist Anna Lapwood und was hat dieses barocke Schlachtschiff einer Kirchenorgel damit am Hut? Antwort auf den ersten Teil der Frage: Anna Lapwood ist die Popstar-Organistin der Klassikszene, womit auch die Frage nach dem komischen Instrument im Titelbild beantwortet sein dürfte. Wie kommt man auf diese Person? Wir hören seit einiger Zeit den Podcast „Wie war Dein Tag, Liebling“ mit Anke Engelke und dem SWR-Moderator Kristian Thees – äußerst empfehlenswert! Dort stellte Kristian Thees die Musikerin vor und berichtete von einem Konzert mit ihr. Anna Lapwood ist sehr stark in den sozialen Medien vertreten und so konnten wir uns unmittelbar einen Eindruck verschaffen. Man sieht ein kleines, zierliches Persönchen mit einer enormen positiven Ausstrahlung, die alles aus ihrem Instrument, der Kirchenorgel herausholt. Natürlich auch mal laut, aber wirklich faszinierend sind die leisen Töne, die sie aus diesem gewaltigen Instrument herausholt. Sehr schnell stellte sich große Begeisterung ein! Doch nun ein paar Worte zu Anna Lapwood.

In der oft als sehr konservativ empfundenen Welt der klassischen Musik ist es selten, dass eine junge Künstlerin nicht nur musikalisch brilliert, sondern gleichzeitig neue Zielgruppen anspricht und die Bühne mit Popstars teilt, ohne dabei in Kitsch und Klischees zu verfallen. Die britische Organistin Anna Lapwood schafft genau das – und revolutioniert nebenbei das Image eines Instruments, das zu lange als verstaubt galt: die Kirchenorgel.

Anna Lapwood wurde 1995 in Großbritannien geboren und erhielt zunächst eine klassische Ausbildung als Harfenistin, bevor sie sich der Orgel zuwandte. Bereits in jungen Jahren zeigte sich ihr außergewöhnliches Talent: Mit nur 21 Jahren wurde sie zur Director of Music am renommierten Pembroke College in Cambridge – als erste Frau in der Geschichte des Colleges. Dort leitet sie den Chor und ist verantwortlich für die musikalische Ausbildung – und das mit einer Mischung aus Präzision, Leidenschaft und jugendlicher Frische.

Während die Orgel in der öffentlichen Wahrnehmung oft als „Kircheninstrument“ mit angestaubtem Ruf gilt, verleiht Lapwood ihr eine neue Bühne – im wahrsten Sinne des Wortes. Auf TikTok, Instagram und YouTube erreicht sie Millionen von Menschen, die sich normalerweise nicht für klassische Musik interessieren. Ihre Videos zeigen sie beim Improvisieren, beim Einüben von Filmmusik oder beim Covern von Pop-Hits auf der Orgel – mit beeindruckender Virtuosität und ansteckender Begeisterung. Man glaubt zunächst nicht, dass in einer derart zierlichen Person soviel Kraft steckt. Bei einem Vorspiel auf der Orgel in jungen Jahren wurde ihr geraten, mehr wie ein Junge zu spielen. Ihr Hashtag in den sozialen Medien ist seitdem folgerichtig #playlikeagirl.

Ein viraler Clip, in dem sie Musik aus „Harry Potter“ auf einer riesigen Konzertorgel spielt, brachte ihr internationale Aufmerksamkeit – ebenso wie ihr regelmäßiges Spiel in der Royal Albert Hall in London, wo sie mittlerweile Artist in Residence ist.

Anna Lapwood ist nicht nur in der Klassikszene gefragt – sie tritt auch mit Künstlern und Künstlerinnen aus anderen Genres auf, darunter die Grammy-prämierte Sängerin Aurora oder der Komponist Hans Zimmer. Ihre Vielseitigkeit, Offenheit und Neugier machen sie zur perfekten Brückenbauerin zwischen Tradition und Moderne.

Besonders eindrucksvoll: Ihre Mitwirkung an Livekonzerten, bei denen sie mit einer fast rockstarhaften Aura hinter der Orgel sitzt – ein Bild, das vielen Zuschauern die Augen für das Potenzial dieses Instruments öffnet.

Neben ihrer Konzerttätigkeit ist Lapwood auch eine engagierte Musikvermittlerin. Sie setzt sich für die Förderung junger Musikerinnen ein, spricht offen über Herausforderungen im Musikbetrieb – insbesondere für Frauen – und hält inspirierende Vorträge über Inklusion und Vielfalt in der Musik.

Ihr Ziel ist klar: Die Orgel soll aus dem Schatten der Kirchenmauern heraus ins Licht der modernen Musikwelt treten – und alle sind eingeladen, zuzuhören.

Anna Lapwood ist nicht nur eine brillante Musikerin – sie ist eine Pionierin. Mit ihrer Mischung aus Talent, Charisma, und digitalem Gespür macht sie die Orgel wieder cool. Sie steht für eine neue Generation von Künstler*innen, die keine Berührungsängste mit Genregrenzen oder Traditionen haben. Wer denkt, die Orgel sei ein Relikt vergangener Zeiten, sollte sich nur ein paar Minuten Anna Lapwood ansehen – und wird eines Besseren belehrt.

Auch in Deutschland gewinnt Anna Lapwood an Popularität. Am 15.Juli 2025 spielte sie ein freies Konzert im Kölner Dom. Über 13.000 Menschen wollten die Künstlerin sehen und hören. Da soviel Menschen nicht auf einmal in den Kölner Dom paßten, beraumte sie kurzerhand am gleichen Abend ein zweites, freies Konzert an!

Hier ein Blick in den YouTube-Kanal von Anna Lapwood:






ESC 2025

Am 17.05.2025 war es wieder soweit, halb Europa traf sich in Basel um den European Song Contest auszutragen. Der deutsche Beitrag entstand unter der Federführung von Stefan Raab und verhieß zunächst nix Gutes, was sich jedoch im Verlaufe des Abends als Irrglaube erwies.

Immer, wenn man sich an Samstagen etwas vornimmt, kommt es anders als man denkt. Wir waren bei Freunden zum Frühstück verabredet. Es war schön, es war gemütlich, das Wetter war einladend, wir saßen nach dem Frühstück lange auf der Terrasse, der letzte Bundesligaspieltag zog an uns vorüber, ich war äußerst erbaut über die Heimniederlage meiner Borussia gegen Wolfsburg und so beschlossen wir, an diesem Abend noch gemeinsam den ESC zu schauen. Nicht jedoch ohne eine Stärkung, die uns von Biggis Burger aus Krefeld geliefert wurde. Ein Highlight – der Burger!

Um 21:00 ging das Schauspiel nun los, Tivoli-Lichterspiele und kreischende Moderatorinnen, Michelle Hunziker eingschlossen. Wenn man dann nach geraumer Zeit merkt, dass der originellste Beitrag aus Estland kommt, Espresso Macchiato heißt und von einem Tommy Cash dargeboten wird, der `ne Krawatte wie Trump trug, dann merkst Du, dass hier was aus dem Ruder läuft. Erste Suizidgedanken musste man bei dem Beitrag Litauens zur Seite wischen. Einzig bemerkenswert der spannungsgeladene Auftritt Isreals, dargeboten von einem Opfer des 7.Oktober 2023, vorgetragen in Englisch, Französisch und Hebräisch.

Auftritt Österreich. Wir rieben uns nur die Ohren …
Was war das? Schön, der Typ konnte singen, dass er schwul ist, … geschenkt. Wir sind in einer Generation mit Boy George, Grace Jones, Amanda Lear und anderen groß geworden. Was die nun waren, Männlein oder Weiblein oder was auch immer, hat uns wenig interessiert, wir fanden die einfach nur toll mit dem, was sie uns dargeboten haben.
Aber das hier sprengte unseren Rahmen. Schön, dass der Typ in den höchsten Tönen singen kann, dass er für die LGBTQ+ – Bewegung singt. Was wir uns fragten war, WO man dieses Lied hören kann. Wenn man es im Auto hört und kommt in eine Verkehrskontrolle, wären da Drogen- und Alkoholkonsum unserer Ansicht nach ein nachgelagertes Problem.
Würde man das auf einer Party spielen, wäre es der perfekte Rausschmeißer.
Zieht man es in Betracht, das Lied im Fitness-Studio zu hören, hätten die anderen Besucher vermutlich Angst, dass sogleich ein Amoklauf stattfindet.

Kurz und knapp, um es einmal mit den Worten des berühmten Franz Münchinger, aka Monaco Franze aus München zu zitieren: “A rechter Scheißdreck war’s“.

Was im Laufe des Abends folgte, war an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Finnland – „Ich komme“ – alter Finne, kannste Dir nicht ausdenken. Portugal – grenzdebil. England – wollte zwischen Beatles, Kinks und Oasis alles rauskitzeln was es gab – niemand hat es kapiert und die 3 Tanten von der Insel wohl auch nicht. Armenien – ein Highlight für die Damen, aber außer lautem Gedengel nichts erwähnenswertes. Italien war ganz nett, der Sänger kam optisch wie eine Mischung aus den frühen Brian Eno, Peter Gabriel und David Bowie, ohne musikalisch den Hauch einer Chance zu haben. San Marino ebenfalls nett, wenigstens ein bisschen gute Laune. Beim ukrainischen Beitrag war man zunächst verleitet zu glauben, die hätten den Kampfterrier der Splitterpartei FDP, Agnes Strack-Zimmermann als Frontfrau verpflichtet.

Es folgten die Wertungen der Jury – Österreich, Frankreich und die Schweiz gingen ab wie die Raketen. Wir stellen uns lediglich die Frage, ob sämtliche Juroren zuvor Insassen einer geschlossenen Psychiatrie waren. Der deutsche Beitrag kam dabei relativ ungeschoren davon, hat er zumindest etwas gute Laune verbreitet und hat nicht wirklich weh getan.

Das folgende Publikumsvoting stellte sodann einiges auf den Kopf. Israel ging steil. Richtig war das. Es war in allererster Linie ein politisches Voting. Wurde zuvor gekräht, dass Israel doch bitte vom Wettbewerb ausgeschlossen werden sollte, antwortete das internationale Publikum mit den meisten Stimmen darauf, auch aus Deutschland! Starkes Zeichen. Proteste gegen eine Überlebende des Hamas-Massakers – kannste Dir nicht ausdenken! Dass dann Österreich auf Grund der hohen Votings der Juroren dennoch den ersten Platz belegte, war unumgänglich.

Dass bei dem Auftritt der israelischen Sängerin Vuval Rapahel zwei Personen versuchten die Absperrungen zu durchbrechen um den Auftritt zu stören und der spanische Sender RTVE zuvor eine Solidaritätsbekundungen für die Menschen in Gaza einblendete, blieb leider von allen Medien unerwähnt. Bedauerlich!

Der ESC war immer in Teilen politisch und wird es wohl immer sein, selbst Nicoles „Ein bisschen Frieden“ war in seiner Zeit vor dem Hintergrund des NATO-Doppelbeschlusses und des kalten Krieges nicht ganz unpolitisch. Auch der diesjährige Siegertitel ist es mit seinem LGTBQ+ – Hintergund nicht. Im Angesicht der Präsidentschaft des Herrn Trump und seiner rechten Klaquere in Europa ist das auch alles gut und richtig. Meiner Ansicht verkommt das aber alles nur zu einem reinen Selbstzweck. Freilich keine ESC-Titel haben Stücke wie John Lennons „Imagine“, Queens „39“ oder Supertramps „Fool‘s Overture“ auch nach einem halben Jahrhundert nichts von ihrer Aktualität verloren – sie werden heute immer noch gespielt und verursachen bei dem einen oder anderen immer noch Gänsehaut. Bei dem diesjährigen Siegertitel habe ich meine Zweifel, dass unsere Enkel sich in 50 Jahren noch daran erinnern und sich so etwas noch anhören werden. Spielt man heute den ersten halben Takt des 1974er Siegertitels „Waterloo“ sieht das ganz anders aus. Jeder weiß, was jetzt kommt und jeder wippt automatisch mit im Takt. Das sind Siegertitel!