Kleine Geste, große Wirkung

Im Alltag eines Geschäfts geht es oft um Waren, Preise, Angebote und Beratung. Doch manchmal entstehen genau zwischen all dem die kleinen Momente, die lange im Gedächtnis und im Herzen bleiben.

Heute kamen zwei junge Mädchen in ein Deko-Geschäft, in dem wir gerade eine Tage zuvor bestellte Jardinière (Blumenbehälter) abholten.

Augenscheinlich kamen die jungen Mädchen diesmal nicht, um etwas zu kaufen, sondern einfach, um sich noch einmal herzlich für das Lederarmband, das sie zuvor kauften und die freundliche Beratung zu bedanken.

Diese ehrliche Wertschätzung hat uns wirklich berührt, insbesondere, da es sich um Jugendliche im Alter von vielleicht 13 Jahren handelte. Gerade in einer Zeit, in der vieles schnell und selbstverständlich geworden ist, zeigen solche Begegnungen, wie viel Freundlichkeit und Aufmerksamkeit bedeuten können – augenscheinlich auf beiden Seiten, da sich die Verkäuferin ebenfalls sehr freute.

Es sind oft nicht die großen Ereignisse, die einen Tag besonders machen, sondern die kleinen Gesten: ein ehrliches Dankeschön, ein Lächeln oder ein kurzer Besuch, der zeigt, dass etwas in Erinnerung geblieben ist.

Solche Momente erinnern uns daran, warum persönlicher Kontakt und echte Begegnungen im Einzelhandel so wertvoll sind. Und sie zeigen, dass auch ein kleines Lederarmband manchmal mehr sein kann als nur ein Accessoire – nämlich eine schöne Erinnerung.




Danke für die Musik, Rick Davies

Am 6.September 2025 ist der Gründer der legendären Band Supertramp im Alter von 81 Jahren in seinem Haus in Long Island verstorben. Eine ausführliche Biografie über Rick Davies und Supertramp möchte ich mir an dieser Stelle sparen, das Internet bietet hier reichhaltige Ressourcen. Rick Davies und seine Band Supertramp sind bis heute ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Ich möchte Dir hier erzählen, wie es dazu gekommen ist und einfach nur Danke sagen an einen Musiker, der mich seit frühester Jugend bis heute begleitet hat.

Mit Rick Davies ist leider endgültig ein Teil meiner Jugend abgeschlossen; ein immerwährender Wunsch auf eine Reunion meiner Lieblingsband mit dem ehemaligen Sänger, Gitarristen und Keyboarder Roger Hodgson ist und bleibt somit unerfüllt.

Supertramp ist seit 1980 eine meiner Lieblingsbands. Ihre Songs begleiten mich über 45 Jahre und helfen mir in so ziemlich jeder Lebenslage. Jedoch war es ein weiter Weg, den Supertramp bei mir hatten, um zur Lieblingsband zu werden.

Im Jahr 1979 bekamen wir einen neuen Mitschüler aus Düsseldorf in unsere Klasse – wir wurden schnell Freunde (und sind es bis heute noch!). In dieser Zeit war ich öfter bei ihm zu Hause und er hatte eine eigene Stereo-Anlage und sogar ein Tonbandgerät! Im Jahr 1980 holte er ein Doppel-Album hervor, dessen Cover eine knallbunte Zeichnung des Eiffel-Turms auf lila Hintergrund war und den schlichten Namen der betreffenden Stadt trug – Paris. Es war ein Live-Album einer Band, die ich bis dato nicht kannte. Es lief rauf und runter, von rechts nach links, von oben bis unten. Und ich konnte nichts damit anfangen! Im Innencover war die Band auf dem Weg zur Bühne abgebildet. Allesamt mit langen Haaren und mit Bärten. John Helliwell, der Saxophonist, trug ein buntes Jacket, das zwei Nummern zu groß war und an Peter Frankenfeld erinnerte. Roger Hodgson sah mit seinen weißen Klamotten aus wie ein Späthippie. Schlagzeuger Bob Siebenberg mit Zigarette sah aus, als ob er auf dem Weg in eine Kneipe war und Bassist Dougie Thompson erinnerte mich irgendwie an Poppeye, den Seemann ohne Furcht und Tadel. Rick Davies, mit weißem Hemd und schwarzer Jacke sah, bis auf die langen Haare, am normalsten aus.

Die Musik konnte ich anfangs nicht richtig einordnen. Ein merkwürdiges, hölzern klingendes elektrisches Klavier gab es da (das Wurlitzer A200-Piano). Die Gitarren, wenn vorhanden, spielten eher im Hintergund oder bisweilen ein Solo. Und da war noch John Helliwells Saxophon – war das jetzt Jazz? Richtige Ohrwürmer konnte ich auch nicht ausmachen und der Chorgesang klang zuweilen so kreischend wie die Beach Boys. Ich ließ das alles über Monate hinweg über mich ergehen. Mehr aus Höflichkeit nahm ich eine kopierte Kassette meines Freundes von Breakfast In America mit nach Hause.

Ein paar Wochen später, es war ein lauer Sommerabend, soweit ich mich erinnere, warf ich diese Kassette in den Rekorder und spielte sie ab. Der Sound war bei weitem nicht so roh, sondern viel „polierter“, wie viele Alben Ende der 70er Jahre. Schon der Eingangssong, Gone Hollywood, vorgetragen von Rick Davies ließ mich dann doch etwas staunen. Die Atmosphäre dieses Stückes ließ mich damals wirklich mitten in (einem bis dato imaginären) Hollywood stehen. So musste es sich anfühlen, wenn man den sagenumwobenen Sunset Boulevard herunterfährt (was sich knapp 25 Jahre bestätigen sollte). Das Album hatte mich gefangen. Es gab rockige Stücke, Balladen, ein wenig Jazz und mit Child Of Vision wohl eines der herausragendsten Piano-Solos der Rockgeschichte (den Gerüchten nach von Rick Davies in einem Take aufgenommen). Dieses Album stellte ich mir als junger Teenager als idealen Soundtrack zu eine imaginären Reise durch Kalifornien vor.

Da ich zu dieser Zeit anfing, Keyboard zu spielen, faszinierte mich zunächst der Einsatz dieser Instrumente bei Supertramp. Als ich mir ein paar Noten davon besorgte, stellte ich fest, wie komplex die Musik war, insbesondere die rhythmischen Pianofiguren sowohl auf dem Flügel als auch auf dem Wurlitzer A200 E-Piano. Auch die Harmonien waren sehr komplex, ich lernte Akkorde kennen, von denen ich gar nicht wußte, das sie existieren.

Anfang 1982 sparte ich mein gesamtes Taschengeld, um mir für sagenhafte DM 24,95 das Live-Album Paris zu kaufen. Es lief von nun an bei mir ebenfalls rauf und runter, von links nach rechts und von oben nach unten. Ich besitze es heute noch. Beeindruckend ist neben der Musik die immer noch herausragende Klangqualität, an die weder die CD noch High Quality Streaming heranreichen.

1983 erschien dann das für mich lang erwartete, neue Album Famous Last Words – ein merkwürdiger Titel. Es lief ebenfalls rauf und runter, von links nach rechts und von oben nach unten, wobei die Hit-Single It‘s Raining Again“ für mich das schwächste Stück des Albums war. Herausragend war für mich Rock Davies’ Abgesang auf die aktuelle Musik, Waiting So Long, mit einem epischen, an Pink Floyd erinnernden Gitarrensolo. Kurz nach Veröffentlichung des Albums wurde bekannt, dass Roger Hodgson die Band nach einer ausgedehnten Abschiedstournee verlassen wird. Eine Welt brach für mich zusammen, meine bis dato erste und einzige Lieblingsband sollte aufhören, in ihrer momentanen Form zu existieren, wenn gleich Rick Davies bekannt gab, dass es Supertramp weiterhin geben würde. Ich wäre liebend gerne am 17. Juni 1983 beim Abschiedskonzert in Köln dabei gewesen. An diesem Tag feierte meine Patentante jedoch ihren 60.Geburtstag – Family First!

Im Jahr 1984 wurde jedoch ein Konzert in München im ZDF ausgestrahlt – mit einem Kassettenrekorder und Überspielkabel konnte ich es für die Ewigkeit aufbewahren.

Supertramp in der klassischen Besetzung war immer der Gegensatz der beiden Songschreiber Rick Davies und Roger Hodgson. Hodgson schrieb die melodiöseren, charttauglicheren Stücke, Davies die insgesamt rockigeren Stücke mit einer Portion Rhythm `n Blues und Jazz-Einflüssen. Genial illuminiert wurden die Stücke von Saxophonist John Helliwell und rhythmisch leichtfüßig zusammen gehalten von Dougie Thompson am Bass und Bob Siebenberg an den Drums.

Im Gedächtnis vieler war und ist Roger Hodgson der prägende Kopf der Band, gehen doch die meisten Hits der Band auf sein Konto. Rick Davies hat die Band jedoch gegründet, geformt und entwickelt. Sein stakkatohaftes Spiel auf dem Wurlitzer E-Piano ist charakteristisch für den Sound der Band. Insbesondere die Alben nach 1983 und ohne Roger Hodgson zeigen die enorme stilistische Vielfalt von Rick Davies, auf den „Famous Last Words“ folgenden Alben gab es vom Prog-Rock über Pop im Stile der späten 80er Jahre bis hin zum Blues-Rock mit Jazz-Einflüssen so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann. Leider blieben Rick Davies und Supertramp der Erfolg der späten 70er und frühen 80er Jahre verwehrt.

Was ist im Laufe der Jahre aus meinem Freund und mir geworden? Wir sind immer noch befreundet, obwohl sich unser Leben unterschiedlich entwickelt hat; wir sehen uns nicht mehr so oft wie früher. Wenn heute einer von uns ein Supertramp-Song zitiert, weiß der andere automatisch ein weiters Zitat hinzuzufügen. Als ich ihm vom Tode Rick Davies berichtete, war er ebenso erschüttert wie ich. Die Songs, Melodien und Texte sind immer noch unser Kompass.

Yes, the good old days- but, there’s no more time, reminiscences are shattered by the roar of 8,000 voices, the lights are down, the blue curtain begins its move as Rick puts the harmonica to his lips – Bon Soir Paris !

Dave Margereson, Text zu Paris, 1980

Auf Wiedersehen, Rick Davies, „Goodbye Stranger“, ruhe in Frieden!

Goodbye Stranger, Paris, 1979



E-Bike -stylisches Mofa oder Alltagsbegleiter?

Du denkst, E-Bikes sind nur was für Rentner mit Trekkinghosen und ’ner schmierigen Basecap unter dem schlecht sitzenden Helm? Falsch! Das E-Bike ist mittlerweile das Chamäleon der Mobilität: mal Sportgerät, mal Auto-Substitut , mal Brötchen-Flitzer oder Kinder-Taxi. Hier sind die besten Gründe, warum du dir schleunigst einen elektrifizierten Drahtesel gönnen solltest – natürlich, wie auch sonst, mit einem Augenzwinkern.

Vor kurzem habe ich mir endlich ein E-Bike zulegen können, da durch meinen Arbeitgeber die Voraussetzungen geschaffen wurden, ein sog. Jobrad zu leasen. Zuvor hatte ich immer ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Art von Mobilität. Ich bin doch gut bei Kräften, ich hab ’ne 21-Gang Schaltung an meinem Rad und mir fehlt hier nix, so what! Zu mehr als ca. 40 km langen Radtouren hat es dann aber nie gereicht. Als meine bessere Hälfte letztes Jahr ein E-Bike bekam, hat sich das Blatt jedoch gewandelt. So etwas wollte ich auch haben. Endlich einmal nicht nur um den Kirchturm herum radeln. Und vielleicht auch mal das geliebte Auto morgens stehen lassen und mit dem Rad zur Arbeit fahren …

Und siehe da, zunächst habe ich mich sogar dabei ertappt, samstags Morgens aufs E-Bike zu steigen um Brötchen beim Bäcker zu holen. Ein Einkauf, den ich bis dato immer mit dem Auto erledigt hatte. Es hat Spaß gemacht, ich brauchte mich nicht überwinden, es hat kein CO2 rausgehauen, ich hatte sofort einen Parkplatz, ich habe die alten Knochen bewegt, es war kurz und schmerzlos und ich habe mich gar ein wenig fitter gefühlt. Das Mettbrötchen war sogar ein wenig leckerer als sonst.

Am folgenden Montag war es dann soweit – Autoschlüssel und Auto von der Seite angeguckt und „bis später“ gesagt – rauf aufs Bike und ab zur Arbeit. Knapp 17 Kilometer, knapp 45 Minuten Fahrt. Was soll ich sagen – ich bin noch nie so entspannt zur Arbeit gekommen wie an diesem Montag. Natürlich geht man im fortgeschrittenen Alter nie unvorbereitet in den Ring, will heißen, ich habe mir zuvor auf dem Mobiltelefon in der App fürs E-Bike eine Route „zusammengeklickt“. Das Telefon ist mit dem Bordcomputer des Fahrrads gekoppelt und dieser zeigt die Navigation auf dem Display an. Im Grunde ist das wie früher „Malen nach Zahlen“ – vollkommen idiotensicher, Radfahren für Dummies. So idiotensicher, dass ich ein paar mal falsch abgebogen bin, da die Navi-App wirklich extrem genau ist, fast bis auf den Meter.

Auf der Rückfahrt war die gespeicherte Strecke allerdings schon wieder Makulatur. Wenn ich gleich rechts abbiege, ist das vielleicht eine Abkürzung oder landschaftlich schöner? Gesagt, getan, die Navigation passt sich an und führt mich sicher nach Hause. Dort angekommen, habe ich die Strecke aus dem Verlauf des Bordcomputers als neue Strecke gespeichert. Mittlerweile habe ich ein halbes Dutzend Routen zur Arbeit und von dort wieder nach Hause. Man fährt Strecken, bei denen man nie auf die Idee kommen würde, diese mit dem Auto zu fahren. Wenn man dann noch kurz eine Besorgung machen muss, gibt es nichts einfacheres, als das Rad vor dem Laden abzustellen, einzukaufen und weiterzufahren. Kein Stress bei der Parkplatzssuche und kein Ärger darüber, dass Chantal-Sunrise mit ihrem steuerbefreiten E-SUV wieder gefühlte drei Parkplätze belegt. Das Auto habe ich in dieser Woche übrigens nur zum Einkaufen benutzt, da frisches Obst und Gemüse in den Satteltaschen des Fahrrades bei dem Zustand der hiesigen Radwege zu Hause vermutlich als Babybrei ankommen würde …

Hier noch einmal die Vorteile aus meine Sicht in Kürze:

Der innere Schweinehund hat keine Chance

Berg hoch? Kein Problem. Gegenwind? Lachhaft. Dein innerer Schweinehund wird beim E-Bike einfach abgehängt. Statt keuchend zu schieben, fährst du fröhlich pfeifend vorbei – so entspannt, dass du noch nebenbei überlegst, was du zum Abendessen kochst.

Brötchen holen als Sport

Sonntagmorgen, Augen noch halb zu, aber der Magen schreit nach frischen Brötchen. Mit dem E-Bike wird die Fahrt zum Bäcker zur alltäglichen Mission Impossible: einsteigen, Knopf drücken, ab geht die Post. Du bist schneller zurück, als der Nachbar seinen Kaffee-Vollautomat im Werte eines kleinen Bordellbesuches eingeschaltet hat.

Entfernungen schrumpfen

„30 Kilometer zum See? Viel zu weit…“ – sagst du ohne E-Bike. Mit E-Bike wird daraus: „Ach klar, machen wir eben noch „mit der Kapp“ vor dem Abendessen.“ Plötzlich fühlt sich jede Tour an wie ein kleiner Ausflug statt wie ein Überlebenstraining.

Sportlich, aber clever

Ja, du trittst noch. Nein, es ist nicht faul. Ein E-Bike ist wie ein Personal Trainer, der dich anschiebt, wenn’s anstrengend wird, und dir trotzdem das Gefühl gibt, was geleistet zu haben. Ergebnis: Bewegung ohne Schweißausbruch .

Gut fürs Klima

Kein Stau, kein Parkplatz-Stress, keine Abgase. Stattdessen: frische Luft, gute Laune und neidische Blicke von Autofahrern, die im Stau stehen. Und mal ehrlich: Ein stylisches E-Bike wirkt mindestens genauso cool wie ein 2-Tonnen E-SUV – nur viel smarter.

Fazit:

Das E-Bike ist dein persönlicher Turbo fürs Leben. Es bringt dich weiter, schneller und entspannter – und macht jede Fahrt zur kleinen Alltagsabenteuerreise.

Also: Akku laden, rauf aufs Rad, Spaß haben!

Gibt’s sonst noch was zu beachten? Jo! Stell Dir vor, es gibt nicht nur E-Bike Fahrer auf dieser Welt. Es gibt auch noch Radfahrer, die einfach nur treten oder gar mittellose Fußgänger. Die sind langsamer! Ein E-Bike hat zwar mehr Drehmoment als ein Golf I aus dem Jahr 1974 oder ein noch betagterer VW Käfer, aber hier gibt es nicht nur zwei Geschwindigkeiten: schnell und schneller! Man kann auch ganz einfach vorausschauend oder etwas langsamer fahren, wenn man oben genannte Gattung Verkehrsteilnehmer vorfindet. Du bist keine Elite, nur weil Du von einem etwas mehr als faustgroßen Motörchen beflügelt wirst. Sei umsichtig, gut sichtbar und nutze die Klingel, wenn Du unbedingt vorbei willst. Sei kein Arschloch auf Rädern!




Logistikspezialist (m/w/d) – Einstieg auch ohne Vorkenntnisse

Keine Angst, … ich poste hier keine Stellenanzeige oder Stellengesuche. Oben genanntes Angebot befand sich heute Morgen in einer eMail von LinkdIn! Dieses Oxymoron – ein Spezialist o/ne Vorkenntnisse hat mir sofort ein Lächeln ins Gesicht gezaubert.

Worum geht es nun in diesem Angebot? Dieses stammt von einem „wichtigen Anbieter von Weiterbildung und Qualifizierung im Bereich der IT, Industrie 4.0 und digitaler Transformation.“ Aha. Deren Fokus liegt „vor allem auf innovativen Technologien wie Automatisierungstechnik, Logistik 4.0 und Robotik, die Unternehmen und Fachkräfte optimal auf die Anforderungen der modernen Arbeitswelt vorbereiten.“ Noch ein Aha-Erlebnis!

Weiterhin erfährt man, dass es sich um eine neunmonatige Weiterbildung zur IT-Fachkraft zur Logistik 4.0 mit IHK-Zertifikat handelt. Vier praxisorientierte Module werden in einem Remote-Seminar angeboten. Das einzige, was nötig sei, ist ein stabiler Internetzugang. Das nächste Oxymoron, Praxisorientierung lernt man also daheim auf’m Sofa.

Auf unsere heutigen, fast 40 Kilometer langen Radtour ist mir dieser Post nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Am Ende bleibt mir nur ein Zitat des berühmten Franz Münchinger, Protagonist der berühmten 80er Jahre Serie Monaco Franze: „Ein rechter Scheißdreck war’s …“. „Wie, wie, wie …?“ – „Was, was was, …?“.

Nicht die Radtour, sondern der LinkedIn-Post. Warum? Dazu ein Abriss meiner Ausbildung und Erfahrung im Logisitkbereich. Es kann sein, dass es etwas länger wird, für einen kurzen Abriss hatte ich angesichts dieser fast schon ironisch anmutenden Anzeige keine Zeit.

Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger Jahre habe ich den Beruf des Speditionskaufmanns erlernt. Also das, was heute Logistiker sind. Die Ausbildung damals war enorm vielfältig – man lernte, wie man Güter von A nach B über die Straße, die Schiene, die Luft und das Wasser transportiert. Doch das war noch lange nicht alles, wir bekamen Einblicke in das Handelsrecht, national wie international, in das Versicherungswesen, die Klassifizierung von Gefahrstoffen und in zollrechtliche und zolltarifliche Dinge. Als Speditionskaufmann hätte man somit auch ohne weiteres als Industriekaufmann, in Zollagenturen, bei Luftfahrtgesellschaften, Reedereien, bei der Deutschen Bundesbahn oder gar in einer Verischerungsgesellschaft einen Job finden können. Die Ausbildung dauerte 3 Jahre und fand offline in einem Speditionsbetrieb und der Berufsschule statt. Da alle Mitschüler aus unserer Berusfschulklasse in LKW-Speditionen lernten, mussten wir gar sämtliche Autobahnen und die damals noch existierenden Grenzübergänge auswendig lernen. Das hat den hübschen Nebeneffekt, dass ich heute noch ohne Navigationsgerät von Hamburg nach München fahren kann, auf Grund der praktischen Ausbildung zusätzlich von dort wahlweise weiter nach Amsterdam oder Genua.

Freilich waren wir zu der Zeit der Ausbildung noch wenig IT-affin. Die Kommunikation erfolgte ausschließlich über Telefon und Fernschreiber (quasi ein Vorläufer von Chat-Programmen und WhatsApp-Gruppen). Ganz wild wurde es mit dem Aufkommen von Fax-Geräten. Man konnte auf einmal in Echtzeit einen handgeschriebenen Brief nach China schicken (den dort vermutlich keine Sau lesen konnte …)

Mussten wir damals einen unserer Fahrer erreichen, begann ein heute unvorstellbares Procedere: Wir suchten uns die Ladepapiere (tatsächlich aus Papier) heraus um herauszufinden, welche Kunden der Fahrer anfährt. Dann wurden aus einem meterlangen Schrank die Bundestelefonbücher herausgeholt, um die Telefonnummern der betreffenden Kunden herauszufinden. Diese wurden angerufen und man fragte sich zu der Stelle durch, die der LKW-Fahrer vermutlich anfahren wird. Wir baten dann höflich auszurichten, dass der Fahrer mal bitte in seiner Firma anruft. ’Ne Stunde später riefen wir dann nochmal an: „War unser Fahrer schon da.“ „Ja, er ist aber wieder weg.“ „Hatten Sie nicht ausgerichtet, dass er mal zurückrufen soll?“ „Ham’ wer vergessen …“. Da haste dann zunächst einmal Pech gehabt …

Der nächste technologische Turbo, der zur Verbesserung der Kommunikation gezündet wurde, war der sogenannte „Europiepser“. Das war ein kleines Gerät mit eigener Telefonnumer, die man Anrufen konnte. Der Besitzer des Gerätes wusste nun, dass er sich zurückmelden sollte.

Das folgende Highlight war die Erfindung des Mobiltelefons. Im Jahr 1991 hatten wir in unserer Spedition Partnerbetriebe in den neuen Bundesländer. Das waren die ehemaligen DEUTRANS-Betriebe (für den internationalen Güterkraftverkehr), die Kraftverkehrsbetriebe (für den überregionalen Güterverkehr) und Handelstransportbetriebe (für den regionalen Güterverkehr, also heute vereinfacht gesagt Amazon- und DHL-Boten). Das Telefonnetz in den neuen Bundesländern war so marode wie heutzutage Straßen, Radwege und Brücken in Deutschland. Was jedoch funktionierte, war das D2-Mobilfunknetz (damals noch von Mannesmann bereitgestellt). Ich hatte auf meinem Schreibtisch solch ein „mobiles“ Telefon, was freilich so mobil war, dass man es nur als durchtrainierter Gewichtheber oder russischer Kugelstoßer bewegen konnte.

Wir hatten in unserem Betrieb damals zu Beginn der Neunziger Jahre bereits ein elektronisches Frachtabrechnungssystem, welches von unserer eigenen EDV-Abteilung programmiert wurde. Das war damals bereits so fortschrittlich und einfach zu handhaben, dass es locker heute noch die Anforderungen erfüllen würde.

Seitdem hat sich insbesondere im technologischen Bereich die Welt mindestens um 180 Grad gedreht. Ich könnte meinen Job heute lediglich mit einem Tablet wahlweise auf dem Ballermann, der Zugspitze oder in einem Innuit-Iglo in Grönland ausführen, vorausgesetzt, das Internet ist stabil. Die Technik bietet uns heute die Möglichkeit, LKW über GPS zu orten. Wir können feststellen, wieviel Kraftstoff sich im Fahrzeug befindet, wie hoch die Reichweite sein wird, wieviel Lenk- und Arbeitszeit der Fahrer noch zur Verfügung hat, wie lange seine nächste Ruhepause dauern wird und wie viel von seiner wöchentlichen Arbeitszeit noch zur Verfügung steht. Die Technik rechnet uns ebenfalls aus, wie viele Leerfahrten noch wirtschaftlich sind und ob wir es uns beispielsweise unter allen vorgenannten Aspekten erlauben können, einen LKW leer von Koblenz nach Köln fahren lassen können um eine Ladung aufzunehmen. Unter oben genannten Aspekten können wir ebenfalls präzise unter Berechnung der momentanen und voraussichtlichen Verkehrsverhältnisse eine Aussage treffen, wann die Ladung, die wir dann in Köln übernehmen können in Hamburg sein wird. Die Ladeadresse sendet mein EDV-System dann einfach auf das Tablet des betreffenden Fahrers. Die Technik sagt mir dann auch unter Berücksichtigung oben genannter Faktoren, wieviel Zeit mein Fahrer noch hat und bis wohin ich ihn schicken kann, um eine Folgeladung aufzunehmen.

Schöne neue Welt – es hört sich perfekt an! Das ganze wird dann heute unter anderem mit dem trendigen Begriff Supply Chain Management umschrieben. All das „lernt“ man in der Weiterbildung zur IT-Fachkraft zur Logistik 4.0! Das hört sich doch zunächst einmal hervorragend an. Ich lerne ganz einfach vom Sofa aus, wie ich einen Warenstrom mit wenigen Mausklicks und einer intelligenten Technik in Gang halten kann. Freilich nicht nur, wie im Beispiel von Köln nach Hamburg, sondern gar weltweit. Das hört sich so romantisch an, wie in dem Lied Seemann, deine Heimat ist das Meer von Lolita:

Deine Heimat ist das Meer
Deine Freunde sind die Sterne
Über Rio und Shanghai
Über Bali und Hawaii
Deine Liebe ist dein Schiff
Deine Sehnsucht ist die Ferne
Und nur ihnen bist du treu ein Leben lang

Ist das wirklich alles so einfach? Kann man das so schnell lernen, womöglich von der Couch aus? Man lernt in dem angepriesenen Seminar grundsätzliche Dinge aus dem Logistikgewerbe, Gefahrgut, Zoll, Tourenplanung, Rechtsgrundlagen, Arbeitssicherheit, Nachhaltigkeit und ist am Ende gar „Programmierer für Softwarelösungen“, was normalerweise ein wenigstens ein Studium in einer Programmiersprache voraussetzt. Kurz und knapp – man mutiert zur eierlegenden Wollmilchsau! Für so etwas, freilich ohne die Programmierung zu lernen, waren damals drei Lehrjahre vorgesehen.

Nein. So einfach ist das nicht. Weiterbildungsinstitute wollen uns das weismachen, viele Führungskräfte in der Wirtschaft glauben das ernsthaft. Mit KI und hochgezüchteten EDV-Systemen machen wir das doch alles „mit der Kapp“ und alles flutscht. Quasi Vagisan für die logistischen Abläufe! Selbstverständlich ist heute vieles einfacher geworden. Mein Job ist heute gegenüber der Zeit meiner Ausbildung auf die reine vorgegebene Tätigkeit betrachtet die pure Erholung.

Heutige logistische Konzepte sind jedoch derart komplex, dass man sie ohne die genannte Technik gar nicht mehr bewältigen kann. Wie ich oben beschrieben habe, telefonierten wir früher oft stundenlang, um einen Fahrer zu erreichen. So ein Vorgehen wäre heute ein Ding der Unmöglichkeit! Heute wird erwartet, dass ich als Logistiker ein Verkehrsmittel auf Knopfdruck nicht nur von A nach B schicke, sondern auch noch über C und D, und das teilweise in Sekundenbruchteilen. Die Arbeit und der Einsatz, die dazu erforderlich sind, sind dank der Technik nicht das Problem. Das Problem ist der Stress, der dadurch aufkommt und Fehler und/oder Störungen in den logistischen Prozessen verursacht. Es gilt dabei nämlich, eine Reihe weiterer Parameter zu berücksichtigen, die einem keine Technik voraussagen kann.

Bleiben wir einfachheitshalber bei unserem Transport von Köln nach Hamburg. Ich kann alles präzise vorausberechnen. Was passiert jedoch, wenn der Kunde nun ganz einfach und kurzfristig entgegen des ursprünglichen Auftrages verlangt, den Transport von Hamburg nach Lübeck umzuleiten? Warum macht der Kunde das, sowas geht doch gar nicht? Doch, das geht heute. Der Kunde verwendet nämlich ein computergesteuertes Supply Chain Management System, das ihm sagt, dass plötzlich in Hamburg keine Lagerkapazität mehr frei ist, die in Lübeck aber noch zur Verfügung steht und es für ihn als Kunde kostengünstiger ist, den LKW einfach nach Lübeck umzuleiten. Warum sein System ihm so etwas vorschlägt oder meldet, bleibt zunächst sein Geheimnis. Als Logistiker schlägt nun Deine große Stunde. Du wirst nicht gefragt, ob Du das hinbekommst, es wird von Dir verlangt. Einfach so. Und dann nutzt Dir Deine schöne computergestützte Tourenplanung herzlich wenig, denn die fällt da gerade zusammenwirken ein Kartenhaus. Da nützt es Dir auch wenig, dass Du nun eine zertifizierte IT-, EDV-, Logistik- oder sonst was für ’ne Fachkraft bist.

Dann nämlich nützt kein Mausgeschiebe oder Knöpfchendrücken etwas, dann musst Du in diesem Fall zunächst mal mit dem Fahrer des LKW, einem Menschen, der da nun umgeleitet werden soll, kommunizieren! Spinnen wir mal weiter. Die Technik sagt mir gerade, dass in Hamburg ’ne Brücke gesperrt ist, die Umleitungen überlastet sind, Torben-Wirsing bei seiner Mutter Chantal-Sunrise aus‘m Lastenrad gefallen ist und die Straße blockiert und dies und das und Ananas. Dann musst Du mit einem Menschen sprechen, ihn fragen, ob er vielleicht noch ’ne andere Strecke kennt, die Dir Deine Technik, aus was für Gründen auch immer, nicht vorschlägt. „Ja, da gibt‘s ’ne Abkürzung, die kenne ich“. „Ich kenne auch den Kunden, da musst Du vorher über das Internet ein Zeitfenster zur Entladung buchen“. Super – hat Dir Dein Kunde zuvor natürlich nicht gesagt. In seinem System sieht der nämlich nur für ihn in Hamburg relevante Daten und andere Läger gehören nicht dazu und ihn nur sein System interessiert. Das soeben beschriebene führt natürlich zu enormen Stress, den es „früher“ in dieser Form nicht gab. Abweichungen von der Regel sind nämlich das Letzte, was Du heutzutage, insbesondere bei solchen Weiterbildungen lernst. Dort wird Dir beigebracht, wie Systeme funktionieren, was sie alles können und wie unglaublich effizient sie Deine Prozesse machen und nicht, was Du zu tun hast, wenn sie nicht funktionieren. Da ist es nämlich nicht damit getan, eine 24/7-Hotline anzurufen, die Dir sagt, was Du zu tun hast, wenn Dein Bildschirm anfängt zu flimmern oder TicToc nicht mehr erreichbar ist.

In der Logistik zählt zu allererst, dass Du mit Menschen zusammenarbeiten musst, auf die Du Dich verlassen kannst und die sich auf Dich verlassen können. Du kannst die tollsten und geilsten Systeme haben, aber der Faktor Mensch spielt die entscheidende Rolle.

Man kann noch so viele technische Lösungen erstellen, entscheidend ist in der Logistik daneben jedoch ein gerütteltes Maß an Erfahrung und der (selbstverständlich korrekte) Umgang mit Menschen, insbesondere im Hinblick auf rechtliche Hintergründe (z.B. Lenk- und Schichtzeiten von LKW-Fahrern).

Da bleibt mir das im Eingang genannte Lachen tatsächlich im Hals stecken und weicht ungläubigem Kopfschütteln. Es bewahrheitet sich meiner Ansicht nach wieder der Satz „Je weniger einer weiß, desto mehr glaubt er jeden Scheiß“. Das gilt für Leute, die meinen, sie währen nach den neuen Monaten Ausbildung eine Koryphäe in der Logisitk als auch für Führungskräfte mit Personalverantwortung die meinen, eine ebensolche Koryphäe für die Lösung all ihrer Probleme zu bekommen, womöglich noch für kleines Geld, denn der Bewerber hat ja, wie es in der Überschrift steht, keine Vorkenntnisse!




Pride Month – jeder Jeck ist anders

Allerorten wird darüber berichtet, dass im Juni „Pride Monat“ ist. Doch was ist das überhaupt, selbst Menschen meiner Generation scheinen damit bisweilen überfordert zu sein …

Der Pride Month ist ein jährlich im Juni stattfindender Monat, in dem die LGBTQIA+-Community (Lesbisch, Schwul, Bi, Trans, Queer, Intersex, Asexuell und andere) gefeiert wird. Der Pride Month erinnert an die Stonewall-Aufstände in New York City im Juni 1969. Damals wehrten sich queere Menschen, vor allem trans Frauen und queere People of Color, gegen Polizeigewalt und Diskriminierung – ein Wendepunkt in der LGBTQIA+-Bewegung. Während des Monats finden Paraden, Veranstaltungen, Workshops, Ausstellungen und Demonstrationen statt. Sie zeigen die Vielfalt der queeren Community und machen auf bestehende Probleme aufmerksam.

Pride ist nicht nur eine Feier, sondern auch ein Protest. Der Monat lenkt die Aufmerksamkeit auf Themen wie:

  • Diskriminierung und Gewalt gegen queere Menschen
  • Ungleiche rechtliche Behandlung
  • Queere Rechte weltweit Gesundheit und Aufklärung

Ein zentrales Symbol ist die Regenbogenflagge, die Vielfalt und Stolz repräsentiert. Quere Menschen werden auch heute noch in vielen Ländern unterdrückt, diskriminiert oder sogar verfolgt werden. Der Pride Month ist ein Zeichen für Gleichberechtigung, Freiheit, Liebe und Menschlichkeit – für alle.

Ehrlich gesagt, tue ich mich ein wenig schwer damit. Wir sind damals in den 80er Jahren mit Leuten groß geworden, die schon damals nicht in die Zeit gepasst haben. Bei Boy George und Grace Jones war es schon damals schwierig, sich auf ein Geschlecht festzulegen, Freddie Mercury war stockschwul, die Pet Shop Boys waren und sind stockschwul, Madonna hat Britney Spears später auf offener Bühne einen Zungenkuss gegeben und Alison Moyet war definitiv „oversized“ und Bronski Beat haben uns von einem Kleinstadtjungen vorgesungen. Das alles war uns zur damaligen Zeit alles herzlich egal, wir haben diese Leute gefeiert, sie waren Idole und niemand aus unserer Generation kam auf die Idee, sich über diese Menschen abschätzig zu äußern. Für uns war das alles ziemlich normal.

Für mich ist und bleibt es unverständlich, warum man für so etwas heute mit einer bunten Fahne auf die Straße gehen muss. Vermutlich bin ich als Flüchtlingskind rheinischer Herkunft etwas verblendet. Hier, im Rheinland hat sich seit der Römerzeit alles getroffen, was es in Europa gab. Keltische Legionäre, griechische Ärzte, schwedische Reiter, französische Schauspieler und graubündner Landsknechte. Die haben sich hier alle gerauft, gesofffen und Kinder gezeugt. Als Napoleon das Rheinland besetzte, durften sich gar Juden, Protestanten und Polen hinzugesellen!

Mir ist es, ehrlich gesagt, vollkommen gleichgültig, wo jemand herkommt, welchen Gott er anbetet und ob er nur Jungs mag, sie nur Mädels mag und ob jemand dabei ist, der selbst nicht weiß, was er ist. Mir ist es auch herzlich egal, ob ein Kind zwei Väter oder zwei Mütter hat. Ich halte es da mit Ian Fraser „Lemmy“ Kilmister, dem Gründer von Motörhead: Entweder, Du bist ein Arschloch oder keins. So einfach ist das.

Wenn Menschen heute mit bunten Fahnen auf die Straße gehen, weil man sie für abnormal oder gefährdend hält, schwillt mir der Kamm, auch aus oben genannten Gründe aus meiner Jugend. Da sollen queere Menschen aus der US-Army ausgeschlossen werden, in Ungarn werden queere Veranstaltungen verboten, weil sie angeblich Kinder gefährden, die Weinkönigen Julia Klöckner untersagt Bundestagsbeamten, in ihrer Funktion als Amtsträger an queren Veranstaltungen teilzunehmen und in Bad Freienwalde können rechte, kognitiv teilmöblierte Gesellen einfach auf einer queeren Veranstaltung um sich prügeln, ohne dass es in der Kommunalverwaltung selbst Amtsträger irgendwie besonders interessiert.

Laut unserem Grundgesetz ist jeder Mensch gleich und als solcher zu behandeln. Jeder Mensch sollte ein Platz in unserer Gesellschaft haben. Darauf sollten wir stolz sein, nicht darauf, dass wir beispielsweise reinerbig von einem deutschen Schäferhund abstammen – das ist keine Leistung. Und wer hier seinen Platz noch nicht gefunden hat, dem sollten wir helfen, diesen zu finden.

Ich stelle mir bisweilen meine kleine Welt ohne diese Menschen vor, oder ohne „Männer mit braunen Augen und mit schwarzem Haar“ – da ist nichts mehr bunt, höchstens monochrom, im Zweifel „Zappenduster“, wie man hier im Rheinland sagt. Jeder Jeck is anders.

“Jede Jeck is anders” ist eine kölsche Redewendung, die bedeutet: „Jeder Narr ist anders” oder “Jeder Verrückte ist anders”. Es ist ein Ausdruck von Toleranz und Akzeptanz, der besagt, dass jeder Mensch einzigartig ist und seine eigenen Macken und Marotten hat. Es ist ein Teil des “Kölschen Grundgesetzes”, welches die kölsche sowie die rheinische Mentalität und Lebensart beschreibt. Und zu dieser Mentalität gehört in meiner Welt auch eine bunte Fahne.

… und bitte erzählt mir jetzt nicht, dass ein Mann mit Rock, ’ne Frau mit Bart oder jemand, der nicht weiß, was er/sie/es ist, gefährlich ist! Die Welt geht nicht an solchen Menschen zu Grunde, sondern an alten Männern in Nadelstreifenanzügen.




Sofort, … unverzüglich!

Keine Atempause
Geschichte wird gemacht
Das geht voran!

Fehlfarben

Es ist der 9.November 1989, kurz vor 19.00 Uhr. Im Wohnzimmer lief das Fernsehgerät. Die Nachrichten im Herbst 1989 überschlugen sich. Demonstrationen in allen großen Städten der DDR, Gorbatschow, Glasnost & Perestroika, ein letztes, großes Schützenfest in Ost-Berlin, mit dem die DDR ihr 40-jähriges Bestehen feierte, Honeckers Abgang, Egon Krenz, der Geläuterte, usw. und sofort.
Das Abendessen stand auf dem Tisch, mein Vater ging in die Küche, da er Hunger hatte und ich harrte noch einen Moment am Fernseher bei der täglichen “heute”-Sendung aus.

Kurzfristig wurde in eine Pressekonferenz nach Ost-Berlin umgeschaltet. Günter Schabowski, seit wenigen Tagen „Sekretär für Informationswesen“ gab eine Erklärung ab – in tadellosem “Verwaltungsdeutsch”.

Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. […] Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen.

Auf die Frage eines Journalisten, ab wann diese Verordnung in Kraft tritt, stammelte Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Man konnte den Eindruck gewinnen, dass er gar nicht überrissen hat, was er da gerade von sich gegeben hat.

Die Mauer, die Grenze, die schikanösen Kontrollen und Todesängste hatten mit einem Satz aufgehört zu existieren. Ich ging in die Küche an den Abendbrottisch und mein Vater fragte: “Watt jibbet Neues?”
Ich sagte, dass die Mauer auf ist, dass jeder DDR-Bürger ohne Grund ins Ausland, also auch in die Bundesrepublik reisen kann. “So schnell wird bei den Preussen nicht geschossen”, entgegnete mein Vater. Meine Mutter schüttelte nur ungläubig den Kopf.
Danach überschlugen sich die Ereignisse – wenig später wurde auf allen Sendern das Programm geändert und es wurde live von sämtlichen Grenzkontrollstellen in Berlin und vom Ku’Damm berichtet. Kilometerlange Trabant- und Wartburgschlangen bildeten sich Richtung Westen, selbst in meiner Heimatstadt Neuss fuhren Autos hupend durch die Strassen.

Doch es blieb immer noch eine gespenstische Angst: Was machen die Grenzkontrollposten der DDR angesichts der unübersichtlichen Lage? Was machte die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, die mit knapp 380.000 Mann vor Ort war? Ich erinnerte mich an die Worte eines britischen Colonel während meiner Bundeswehrzeit: „We don’t fear the Soviet forces, we fear the forces of the GDR, the Nationale Volksarmee“.
Wie auch bei sämtlichen Demonstrationen schritten die Sowjets hier nicht ein, die Grenzkontrollkräfte und die Nationale Volksarmee der DDR konnten nur in Schockstarre die Ereignisse geschehen lassen, insbesondere, da es hier keine eindeutigen Befehle der Staats- und Parteiführung gab und diese zunächst auf Tauchstation ging. Niemand wollte sich die Finger schmutzig machen, … Gott sei Dank!
Aufatmen.

Bundeskanzler Helmut Kohl befand sich an diesem Tag mit einer Delegation in Warschau, um mit der ersten frei gewählten Regierung Polens nach dem 2.Weltkrieg zu sprechen. Er brach seinen Besuch ab, konnte jedoch mit der Regierungsmaschine nicht nach Berlin fliegen, da es nur Flugzeugen der Alliierten des 2.Weltkrieges vorbehalten war, West-Berlin anzufliegen. Mit Hilfe des amerikanischen Botschafters in Bonn gelang es, am Nachmittag des 10. November in ein in Hamburg wartendes US-Flugzeug umzusteigen und Berlin noch rechtzeitig zu erreichen. Dort fand vor dem Schöneberger Rathaus eine denkwürdige Veranstaltung statt, auf der Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper feststellte, dass die Deutschen momentan das glücklichste Volk der Erde seien und Willy Brand orakelte, dass nun zusammenwächst was zusammen gehört. Es sollte freilich nicht ganz so reibungslos über die Bühne gehen …

Aus heutiger Sicht ist die damalige Situation, dass eine der bestgesicherten Grenzen der Welt quer durch Deutschland verläuft, schwierig zu begreifen. Im Jahr 1986 reiste ich mit meinem Vater und einem Kollegen geschäftlich nach Berlin. Wir fuhren mit dem Auto und überquerten bei Helmstedt/Marienborn die innerdeutsche Grenze. Wir kannten damals zwar dank Enterprise die unendlichen Weiten des Weltalls, dank Dallas und Denver Clan unermesslichen Reichtum und Dank Miami Vice Drogendealer vor einer irrealen Neonlicht-Kulisse, aber etwas surrealeres als diese Grenze kann sich heute keiner mehr vorstellen. Strassensperren, gleißendes Licht, Stahlkrallen in den Strassen und schwerbewaffnete Grenzschützer kann und will sich heute niemand mehr vorstellen.
Wir mussten aus dem Auto aussteigen, unsere Koffer wurden durchsucht und die Unterseite des Autos mit Spiegeln inspiziert. Natürlich mussten wir in unserer freien Zeit auch den Ostteil von Berlin besuchen.
Auf den heute pulsierenden Strassen Berlins fuhren nur vereinzelt Autos, es roch dabei wie auf unserem Schulhof, wenn alles Mopeds und Mofas gleichtzeitig starten. Die Strassen waren marode, die Häuser grau und teilweise noch von Kriegsschäden behaftet.
Da es Herbst war, stellten wir fest, dass die Prachtstraße Unter den Linden bis zum Alexanderlplatz und der folgenden Stalin-Allee in der Dämmerung komplett finster waren, was eine ziemlich morbide Stimmung erzeugte. An der Oranienburger Straße fuhren wir mit unserem S-Klasse Mercedes versehentlich in einen Bereich, der nur für Angehörige der Nationalen Volksarmee und der Volkspolizei zugänglich waren. Sofort erschien ein als Geländewagen umgebauter Trabant mit zwei Volksploizisten, die uns an der Weiterfahrt hinderten. Am Ende waren sie Gott sei Dank eher an dem Mercedes als an uns interessiert. Nach einer Beschau des Autos haben sie uns freundlich empfohlen, zurückzufahren. Am Ende des Tages waren wir froh, wieder im Westteil der Stadt mit seinen funkelnden Neonlichtern zu sein.

Das alles war am 9.November 1989 alles Geschichte. Eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, uns hat jedoch die Angst eines Dritten Weltkrieges, insbesondere im Hinblick auf die Rolle eines Michail Gorbatschow verlassen.

Die folgende Zeit war eine der spannendsten meines Lebens. In meiner Ausbildung zum Speditionskaufmann lernten wir sämtliche Autobahnen und Grenzübergänge auswendig. Plötzlich mussten wir feststellen, dass hinter Gudow/Zarrentin, Helmstedt/Marienborn und Wartha/Herleshausen die Welt nicht aufhörte, sondern auf maroden Autobahnen weiterging. Ich hatte die große Chance, mit zwei erfahrenen Kollegen unser Speditionsgeschäft in den nun neuen Bundesländern mit aufzubauen. Wir hatten Glück, dass auf den Telefonleitungen nach zigmaligem Wählen eine Verbindung zustande kam und feierten das erste Faxgerät bei einem Ost-Berliner Partnerbetrieb wie eine olympische Goldmedaille. Es herrschte eine regelrechte Goldgräberstimmung und alles mögliche aus „dem Westen“ wurde in „den Osten“ gekarrt. Leider nicht umgekehrt, was aus logistischen Aspekten einem Super-GAU glich. So ging es auch in den folgenden Jahren mit der Wirtschaft in den neuen Ländern stetig bergab.
Schuld gab man in den allermeisten Fällen der Treuhand, die die Wirtschaft der ehemaligen DDR sanieren, privatisieren und im schlimmsten Fall abwickeln sollte. Auf Grund der maroden Industrie war Letzteres allzu häufig das Mittel der Wahl.
Meinen Job in dem Speditionsbetrieb, in dem ich meine Ausbildung absolvierte, hängte ich 1996 an den Nagel. Geblieben ist jedoch die Erfahrung mit den Menschen in den neuen Ländern. Es sind teilweise freundschaftliche Verbindungen entstanden, wir haben sehr viel voneinander gelernt, auch wenn nicht alles die Zeit überdauert hat.

Wir hatten damals die Hoffnung auf ein wirklich geeintes und friedliches Europa ohne Grenzen vom Atlantik bis weit hinter den Ural.
Dass 35 Jahre später im Weißen Haus in Washington erneut ein psychopathischer Egomane, dem der Rest der Welt am Arsch vorbeigeht, einzieht und dass im Kreml ein Schulhofschläger sitzt, der versucht, Europa in Brand zu setzen konnten wir uns damals überhaupt nicht vorstellen. Es bleibt zu hoffen, dass wir uns, insbesondere im Hinblick auf die Ereignisse und Erfahrungen des November 1989 immer dieses einzigartigen Glückes bewusst werden, egal, was es gekostet hat oder kosten wird. Wir sollten nicht Gefahr laufen, uns dass wieder nehmen zu lassen, egal von wem! Wir müssen nur ein wenig Mut haben und es selbst in die Hand nehmen und nicht mehr im Oktober den Götzen hinterherlaufen und etwas feiern, was es nie gab; sie sind weg und helfen uns nicht mehr.
Sie haben es nie getan …

It’s so bemusing
Will they cancel the parade?
We marched each October
Now they say we were never even saved
We must be very brave

My October Symphony, Pet Shop Boys, 1990




650 Jahre Krefeld

Im Jahr 2023 feiert unsere Nachbarstadt Krefeld ihren 650. Geburtstag. Aus diesem Anlass gibt es vom 30.September bis 03.Oktober eine „leuchtende Zeitreise“, die auf die Fassade des Rathauses projiziert wird.

Der rund 15-minütige Film erzählt die Krefelder Historie von der Stadtgründung im Jahr 1373 bis in die Gegenwart. Die Show wird täglich zwischen 18.30 und 22.00 Uhr vorgeführt, der Eintritt auf dem Von Der Leyen Platz ist frei.

Anbei ein paar Aufnahmen dieser spektakulären Veranstaltung:

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Enkelkind

Wer jetzt auf niedliche Bilder von süßen Enkelkindern wartet, der wird enttäuscht werden, obwohl ich mittlerweile in einer Altersklasse bin, wo dieses Thema nicht so ganz abwegig wäre. Was soll hier jetzt also über Enkelkinder stehen?

Es sind nicht die eigenen Enkelkinder gemeint, sondern die “Kriegsenkel”. Wir alle kennen “Kriegskinder” – das ist die Generation unserer Eltern, also den Menschen, die in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren worden. Die “Kriegsenkel” – das ist die Generation, die folgte, also in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren wurden. Dazu zähle auch ich.

Auf dieses Thema bin ich durch ein Buch von Sabine Bode gestossen. Der Titel lautet “Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation”.
Ich habe es eher beiläufig in einer Buchhandlung gefunden, als ich auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für einen Freund war (der das Buch dann auch geschenkt bekommen hat).

Wir alle aus der oben genannten Generation aus den Jahren 1960 bis 1970 kennen die Worte unserer Eltern: “Ihr sollt es einmal besser haben!”, “Du hast so viel mehr als wir damals.”, “Wir meinten es doch nur gut.” , “Sei nicht so undankbar.”
Dabei ist jedoch einiges schief gelaufen. Meine Generation ist halb in der sichtbaren Welt des materiellen Wohlstandes und halb in der Welt der verschwiegenen Nöte aufgewachsen.

Über den zweiten Weltkrieg haben wir unser Wissen nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern. Die meisten Eltern oder Großeltern redeten nicht gerne über diese Zeit, um das Erlebte zu verdrängen oder wegzusperren. Doch auch wenn in vielen Familien über das Erlebte kaum gesprochen wurde, ist es nicht verschwunden.

Erst seit einigen Jahren gibt es ein Bewusstsein dafür, dass sich die Traumata der Eltern und Großeltern in den Nachkriegsgenerationen fortsetzen und verschiedenste Symptome produzieren können.

Ich habe dieses Buch verschlungen; die 304 Seiten hatte ich innerhalb einer Woche hinter mich gebracht. Ich denke, jeder aus meiner Generation wird sich darin in irgendeiner Form wiederfinden.
Meine Generation ist in einer Zeit aufgewachsen, in der es materiell im Grunde an nichts gefehlt hat und wir in Sicherheit leben konnten. Wir konnten uns satt essen, wir hatten genug Spielzeug, wir hatten die sagenhafte Auswahl an drei Fernsehprogrammen, wir konnten sagen, was wir denken.
Auch brauchten wir keine Angst zu haben, dass unsere Eltern von irgendwelchen Schlapphüten in Ledermänteln abgeholt wurden, noch hatten wir keine Angst, dass unsere Väter unvermittelt in den Krieg ziehen müssen und dass uns die Dächer weggebombt wurden. Und hätte zu der Zeit irgend jemand auf den Knopf gedrückt, dann wären einstürzende Dächer das kleinste Problem gewesen.

In vielen Passagen aus dem Buch, in dem eine Vielzahl von Menschen meiner Generation über ihre Kindheit berichten, habe ich mich selbst erstaunt wiedergefunden. Es kamen Dinge zu Tage, über die ich nie besondere Gedanken verschwendet habe.

Als ich zu schreiben begann, tat ich das mit der linken Hand!
Meinen Eltern mißfiel das aus mir nicht erklärlichen Gründen. Ich konnte doch bereits einige Worte schreiben (und Kreuzworträtsel lösen!), dennoch musste ich lernen, mit der rechten Hand zu schreiben. Das hat mich einige Mühe gekostet, mehr jedoch hat es in mir das Gefühl aufkommen lassen, das etwas mit mir falsch ist!

Mich hat Politik und Geschichte schon sehr früh interessiert, ich war neugierig und wollte alles wissen.
Über die Zeit des Krieges erfuhr ich fast ausschließlich von meinem Vater. Er hat es mir seine Jugend im dritten Reich sehr bildlich nahegebracht, ich konnte mir viel von dem Leben damals vorstellen. Ich wußte Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre sogar, wer damals in meiner Heimatstadt die größten Nazis waren (obwohl es die ja eigentlich gar nicht gab).

Von meiner Mutter, die eine Flucht aus Schlesien über Sachsen und Thüringen bis nach Berlin hinter sich hatte, erfuhr ich leider so gut wie gar nichts. Ich erfuhr sogar recht beiläufig, dass sie einen Bruder hatte, der kurz vor Ende des Krieges an Trisomie-21 verstorben ist. Es gibt leider nur ein einziges Foto, auf dem er zu sehen ist. Ich hätte sehr gerne mehr über ihn erfahren, aber es wurde nie darüber geredet. Es war schließlich mein Onkel, auch wenn ich ihn nie gekannt habe …

In den 70er Jahren wurde die Bundesrepublik durch die RAF terrorisiert. Es herrschte eine seltsame Stimmung der Angst im ganzen Land, die immer spürbar war. Mir wurde nur beigebracht, dass man sich “in Acht nehmen” soll …
Wovor? Warum hätte Andreas Baader oder Ulrike Meinhof aus Stammheim ausbrechen sollen und ausgerechnet in unserer Wohnung aufkreuzen sollen? Was hätten sie dort wollen  können? Ich verstand damals den ganzen Almauftrieb nicht, der da veranstaltet wurde. Es ging sogar soweit, dass Nachbarn von uns, die vom Aussehen heute einfach nur “Ökos” wären, argwöhnisch beobachtet wurden, da sie lange Haare und Bärte trugen (und bestimmt nichtmals die SPD gewählt hätten).

Warum das alles so war, wie es war habe ich mir selbst in Büchern angeeignet.
Was ist in meinem Geburtsjahr in Berlin passiert, warum waren die alle so böse auf den Schah von Persien mit seiner wundeschönen Gattin? Wer war Benno Ohnesorg? Warum wurde er umgerbacht? Ebenso Rudi Dutschke?
Es gab einfach keine Antworten!

Alles das hatte seine Ursachen im zweiten Weltkrieg und der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit.  Es ging allen besser, man “war wieder wer” und lud auf der anderen Seite Despoten in die Berliner Oper ein, prügelte Menschen nieder, die dagegen demonstrierten  und nahm kritiklos die Entlaubung von Vietnam durch unsere amerikanischen Freunde hin.
Selbst in der Schule war das alles kein Thema, geschweige denn, dass ich mit meinen Eltern oder Verwandten, also der Familie darüber reden konnte. Ich wollte einfach nur wissen, warum das so war, ich wollte es verstehen.

“Kriegsenkel” von Sabine Bode hat mir geholfen, es letztendlich, mit über 50 Jahren doch etwas zu verstehen.
Es liegt schlicht und ergreifend an der Generation unserer Eltern, die im Krieg schreckliches erlebt haben und es zu großen Teilen irgendwo tief im Inneren vergraben haben. Es sollte auch nie mehr ans Tageslicht kommen. Ängste und Sorgen werden so natürlich nicht verarbeitet und kommen auch nie ans Tageslicht.
Diese unterschwelligen Nöte, Sorgen und Ängste haben sich auf meiner Generation übertragen. Es zeigt sich in unterschiedlichen Symptomen.

Ich bin vor 4 Jahren selbst an “Burn-Out”, oder besser gesagt an Depressionen erkrankt. Ich fühlte mich überfordert und manchen Situationen nicht gewachsen. In den “landläufigen” Therapien lernt man dann, dass man sich abgrenzen soll und auf sich achten soll. Das geht nur zu einem gewissen Grad.
Nach der Lektüre des Buches bin ich der festen Überzeugung, dass ich Ursachen meiner damaligen Krankheit unter anderem auch aus meiner Kindheit herrühren. Nicht auffallen, vorsichtig sein, nicht anecken, nicht alles hinterfragen. Letzter fiel mir mit meiner angeborenen Neugier besonders schwer!
All dessen muss man sich bewusst werden. Vor allem muss man sich bewußt sein, das man nicht falsch ist!
Wir müssen schauen, dass wir mit diesem Erbe leben können.