Der angekettete Elefant

So often times it happens that we live our lives in chains
And we never even know we have the key.

Already Gone, Eagles, 1974

Irgendwann kommst Du in eine Situation, in der Du denkst: „Warum fällt mir das jetzt so schwer?“ oder „Was hindert mich im Moment daran?“ Die Antwort kann, wie so oft, in der eigenen Vergangenheit liegen , man muss es sich bisweilen nur einmal bewusst machen und auch eingestehen!

Dazu gibt es eine kleine Geschichte von einem angeketteten Elefanten im Zirkus:
Warum uns unsichtbare Fesseln aufhalten.

Es ist eine der ältesten und zugleich bewegendsten Geschichten über die Kraft unserer eigenen Glaubenssätze. Vielleicht hast Du schon einmal davon gehört, ihre Botschaft verliert nie an Aktualität. Sie handelt von einem kleinen Elefanten, einem großen Zirkus und der unsichtbaren Kette, die wir oft alle mit uns herumtragen.

Der mächtige Riese an der kleinen Kette

Stell Dir einen riesigen, ausgewachsenen Zirkuselefanten vor. Ein Tier von unbändiger Kraft, das Bäume ausreißen und Mauern einreißen könnte. Doch nach der Show steht dieses kolossale Wesen friedlich im Zelt – gehalten von nichts weiter als einer dünnen Kette, die an einem winzigen Holzpflock im Boden befestigt ist. Der Pflock steckt kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde. Ein einziger kräftiger Ruck würde genügen, und der Elefant wäre frei.
Warum tut er es nicht?
Warum läuft er nicht einfach weg?

Die Wurzel der Ohnmacht

Die Antwort liegt in seiner Vergangenheit. Der Elefant läuft nicht weg, weil er es gelernt hat, seit er ein winziges Baby war. Als der Elefant noch ganz klein und zerbrechlich war, banden die Zirkusleute sein Bein mit einer schweren Kette an genau so einen Holzpflock.
Damals war der kleine Elefant noch nicht stark genug. Er zog, er zerrte, er weinte und versuchte mit aller Kraft, sich zu befreien. Jeden Tag aufs Neue. Doch der Pflock saß zu fest, und die Kette war zu stark.
Nach Wochen des Scheiterns geschah das Unvermeidliche: Der kleine Elefant akzeptierte seine Ohnmacht. Er sagte sich: „Ich kann es nicht. Ich werde es niemals schaffen.

Das Phänomen nennt sich „erlernten Hilflosigkeit“: Der Elefant wuchs und wurde zu einem tonnenschweren Riesen. Doch in seinem Kopf blieb er der kleine, schwache Baby-Elefant. Er hinterfragte den Pflock nie wieder. Für ihn war die Kette kein physisches Hindernis mehr, sondern ein mentales.

Welche Ketten trägst Du?

Diese Geschichte (die unter anderem durch den Therapeuten Jorge Bucay berühmt wurde) ist eine perfekte Metapher für unser eigenes Leben. Wie oft verhalten wir uns wie der große Zirkuselefant? Wir alle haben in unserer Kindheit oder Jugend Erfahrungen gemacht, bei denen wir gescheitert sind. Vielleicht hat uns jemand gesagt, wir seien „nicht musikalisch“, „schlecht in Mathe“ oder „nicht mutig genug“. Wir haben es geglaubt. Und heute, Jahre später, schränken uns diese alten Glaubenssätze immer noch ein, obwohl wir längst die Kraft hätten, sie zu sprengen.

So brichst Du Deine unsichtbaren Ketten:

Identifiziere den Pflock: Frage Dich selbst: Welche Überzeugung hält mich zurück? (z.B. „Das schaffe ich eh nicht“ oder „Dafür bin ich nicht gemacht“). Prüfe deine aktuelle Kraft: Vergiss nicht, dass Du nicht mehr das Kind von damals bist. Du hast neue Fähigkeiten erlernt, mehr Erfahrung gesammelt und eine ganz andere Stärke gewonnen.

Der erste Ruck: Teste deine Grenzen neu aus. Mach den ersten Schritt, auch wenn der alte Glaubenssatz Dir sagt, dass es unmöglich ist. Du wirst überrascht sein, wie leicht der Pflock nachgibt.

Fazit:

Der Elefant ist nicht frei, weil er glaubt, es nicht zu sein. Lass nicht zu, dass die Enttäuschungen Deiner Vergangenheit die Grenzen Deiner Zukunft bestimmen. Du bist längst stark genug – Du musst nur wissen, dass da eine Kette ist und Du musst anfangen, zu ziehen.




Schimanski statt Schiller – oder: Wie ich 1984 meinen Deutschlehrer zur Verzweiflung brachte

1984.

Heute würde man wahrscheinlich sagen: ein Schlüsseljahr.
Ich würde eher sagen: Wat für ein Jahr!

Die Neue Deutsche Welle lief aus den Lautsprechern, die ersten Leute trugen neonfarbene Klamotten, Schulterpolster machten aus normalen Menschen Kleiderständer und irgendwo stand garantiert ein Kassettenrekorder, bei dem man mit einem Bleistift das Band zurückspulen konnte.

Und im Fernsehen? Da lief Tatort. Und da gab es einen Mann, der für mich wesentlich interessanter war als sämtliche Herren der deutschen Klassik zusammen:

Hauptkommissar Horst Schimanski aus Duisburg. Gespielt von Götz George.

Schimanski war kein Kommissar, wie an ihn aus irgendwelchen alten Tatorten kannte, beispielsweise sein Vorgänger Haferkamp, gespielt von Hans-Jörg Felmy – der sah immer adrett aus und wußte sich zu benehmen. Schimanski hingegen war Duisburg pur. M-65 Feldjacke, Jeans, verschwitztes T-Shirt, schlechte Laune und eine Sprache, bei der unser Deutschlehrer vermutlich jedes zweite Wort mit einem roten Stift unterstrichen hätte, weil es „Scheiße“ war.

Aber genau deshalb mochte ich ihn. Schimanski war nicht geschniegelt. Der Mann war echt. Wenn er irgendwo reinkam, wusste man: Jetzt wird’s ungemütlich. Und manchmal wurde es sogar für die Einrichtung ungemütlich.


Dann kam diese verhängnisvolle Deutschstunde

Wir saßen also 1984 im Deutschunterricht. Unser Lehrer stellte eine eigentlich völlig harmlose Frage:

„Welche Lektüre würdet ihr gerne einmal im Unterricht behandeln?“

Unser Lehrer erwartete vermutlich Antworten wie:
„Die Räuber“ von Schiller.
„Der Zauberberg“ von Thomas Mann.
Vielleicht Goethe. Kafka. Büchner.

Literarische Schwergewichte eben. Ich hatte allerdings eine andere Vorstellung davon, was man im Deutschunterricht lesen könnte.

Ich dachte: Warum eigentlich nicht Schimanski?

Immerhin war das auch Sprache. Dialoge. Dramaturgie. Charaktere. Gesellschaft. Moral. Konflikte. Und vor allem: Es passierte etwas. Also meldete ich mich. Ich weiß nicht mehr, ob ich besonders mutig oder einfach nur völlig ahnungslos war.

Ich sagte sinngemäß: „Wie wäre es denn mal mit einem Tatort-Drehbuch mit Hauptkommissar Schimanski?“ Ruhe. Absolute Ruhe. Diese Art von Ruhe, bei der man plötzlich merkt: Oh. Das war jetzt vielleicht nicht die erwartete Antwort.

Der Gesichtsausdruck meines Lehrers glich jedoch eher dem von Kollege Christian Thanner, wenn Schimi mal wieder mit dreckigen Stiefeln durch dessen penibel aufgeräumte Wohnung gestapft war. Absolute, kulturpessimistische Fassungslosigkeit. Ein klassischer Fall von Unverständnis im Endstadium. Das humanistische Gymnasium war offenkundig noch nicht bereit für die rauen Gassen von Duisburg-Ruhrort. Und irgendwo zwischen uns lag die gesamte deutsche Literaturgeschichte.

Auf meiner Seite: Schimanski.

Auf meiner Seite: „Ey, wat soll dat denn?“

Auf der anderen Seite: Schiller.

Auf der einen Seite: „Die Räuber“.

Ich glaube, unser Lehrer musste diesen Moment erst einmal verarbeiten. Vielleicht fragte er sich: „Hat der Junge gerade tatsächlich vorgeschlagen, einen Tatort im Deutschunterricht zu lesen?“ Ja. Hatte ich. Und ich meinte es ernst.


Schimanski war für mich Literatur – nur anders

Ich fand Schimanski damals faszinierend. Nicht nur wegen der Fälle. Sondern wegen dieser Figur. Der Typ war kein Held, der immer alles im Griff hatte. Schimanski war oft selbst ziemlich fertig. Er machte Fehler. Er war stur. Er hatte Ecken und Kanten. Und er hatte eine ganz eigene Sprache.

Dieses Ruhrpott-Ding.
Dieses: „Hömma!“
Dieses: „Wat is?“

Dieses kurze, direkte Reden, bei dem man nicht erst drei Seiten Goethe lesen musste, um zu verstehen, was jemand eigentlich sagen wollte. Schimanski brauchte keine großen Monologe. Der schaute jemanden an und man wusste:

Jetzt gibt’s Ärger.

Und wenn Worte nicht mehr reichten, hatte er zur Not noch andere Möglichkeiten. Ich fand das großartig. Für mich war das damals wesentlich näher am echten Leben als irgendein perfekt formulierter Dialog aus einem Klassiker.


Unser Lehrer war nicht überzeugt

Ich glaube, spätestens nach meinem Vorschlag war die Sache für unseren Lehrer klar. Er wollte uns in die Welt der Hochliteratur führen. Ich wollte ihn nach Duisburg schicken. Er wollte Thomas Mann. Ich wollte Schimanski. Er wollte wahrscheinlich Interpretationen schreiben lassen.

Ich wollte wissen: „Wer war der Mörder?“

Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich glaube, ich hätte eine Schimanski-Szene wesentlich lieber analysiert als drei Seiten über die Symbolik eines Herbstblattes in irgendeinem Gedicht.

Heute würde man vielleicht sagen: „Der Schüler hatte einen individuellen Zugang zur Literatur.“

1984 hieß das wahrscheinlich eher: „Der Junge hat sie nicht alle.“


Und dann kam die Konsequenz

Irgendwann war für mich klar: Deutsch als Wahlfach in der 12. Klasse? Nee.

Abgewählt. Aus. Fertig.

Vielleicht hätte ich mich damals etwas mehr mit Schiller beschäftigen sollen. Vielleicht hätte ich feststellen können, dass Schiller und Schimanski sogar gewisse Gemeinsamkeiten haben. Beide beschäftigen sich mit Freiheit.

Mit Macht. Mit Moral. Mit Konflikten. Mit Menschen, die sich gegen irgendwelche Autoritäten stellen. Der Unterschied? Schiller schrieb Dramen. Schimanski lebte sie. Und vermutlich hätte Schimanski selbst bei einer Schiller-Interpretation irgendwann gesagt:

„Hömma, können wir jetzt mal zum Punkt kommen?“


Die 80er waren eben anders

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, sehe ich nicht nur das Klassenzimmer. Ich sehe diese ganze verrückte Welt der 80er. Kassetten, die sich im Rekorder verhedderten. Mixtapes, die man mit viel Liebe zusammenstellte. VHS-Kassetten, die man unter Freunden weitergab. Telefonieren mit einem Telefon, das tatsächlich an einem Kabel hing. Fernbedienungen, die man suchen musste, weil man aufstehen musste, um den Fernseher umzuschalten.

Und natürlich Fernsehen zu festen Zeiten. Kein Streaming. Kein „Ich schaue später“. Wenn der Tatort lief, lief der Tatort. Und wenn Schimanski kam, dann war das für mich Pflichtprogramm. Da saß ich. Vielleicht mit einer Cola. Vielleicht mit irgendeinem Snack. Und wartete darauf, dass Duisburg wieder einmal zum Schauplatz des Verbrechens wurde. Schimanski tauchte auf. M-65 Feldjacke. Jeans. Diese unverwechselbare Körpersprache. Und ich wusste:

Jetzt geht’s los.


Heute verstehe ich meinen Lehrer sogar ein bisschen

Mit fast vier Jahrzehnten Abstand kann ich über diese Geschichte natürlich lachen. Und ich muss zugeben: Ich verstehe meinen Deutschlehrer heute sogar ein bisschen.

Er hatte wahrscheinlich einen Lehrplan. Er hatte Vorstellungen davon, was gute Literatur ist. Und vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass plötzlich ein Schüler mit einem Tatort-Drehbuch um die Ecke kommt.

Aber vielleicht lag genau darin das Problem. Ich wollte Geschichten verstehen. Nicht unbedingt Literaturgeschichte lernen. Ich wollte Figuren kennenlernen. Menschen beobachten. Dialoge hören. Mich in Geschichten verlieren. Und Schimanski war dafür mein Einstieg. Vielleicht war mein Vorschlag deshalb gar nicht so daneben. Vielleicht war ich einfach nur meiner Zeit ein bisschen voraus.


Schimanski gegen Schiller – das Duell, das nie stattfand

Manchmal stelle ich mir heute vor, was passiert wäre, wenn unser Lehrer meinen Vorschlag tatsächlich angenommen hätte.

Deutschstunde. Tafel. Darauf steht:

HORST SCHIMANSKI – TATORT

Unser Lehrer betritt den Raum. „Heute analysieren wir die Figur des Hauptkommissars.“

Ich sitze hinten. Grinse. Endlich. Der Lehrer fragt: „Was fällt Ihnen an Schimanskis Sprache auf?“ Ich melde mich. „Hömma, Herr Lehrer. Die is direkt.“ Der Lehrer seufzt.„Und welche Funktion hat die Gewalt in diesem Zusammenhang?“ Ich: „Wenn der Typ sich aufregt, wird’s meistens interessant.“

Pause.

Der Lehrer: „Sehr gut.“ Ich: „Siehste.“Und dann kommt Schiller. „Die Räuber“.Der Lehrer fragt: „Was ist das zentrale Motiv?“ Ich: „Freiheit.“ Der Lehrer schaut überrascht. „Richtig.“ Ich lehne mich zurück.

Schimanski hätte das genauso gesehen.


Vielleicht war Abwählen gar nicht so schlecht

Dass ich Deutsch als Wahlfach abgewählt habe, habe ich jedenfalls nie als großes Drama empfunden.

Im Gegenteil.

Vielleicht war es sogar eine meiner ersten bewussten Entscheidungen, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe damals vielleicht nicht die klassische Route genommen. Aber genau das ist mir bis heute geblieben:

Nicht immer das zu tun, was alle erwarten.

Vielleicht war sie einfach meine ganz persönliche Form von Take The Long Way Home – nicht den vorgegebenen Weg nehmen, sondern den eigenen. Nicht automatisch den Weg zu wählen, den jemand für mich vorgesehen hat. Und manchmal eben zu sagen:

„Nee. Dat is nicht mein Ding.“

Vielleicht steckt darin sogar ein bisschen Schimanski. Dieser Typ hätte vermutlich auch nicht erst gefragt, ob sein Vorgehen mit dem Lehrplan abgestimmt ist. Er hätte gemacht. Er hätte sich Ärger eingehandelt. Er hätte wahrscheinlich ordentlich eins auf die Mütze bekommen. Und anschließend wäre er trotzdem weitergegangen.


Mein persönlicher Tatort

Wenn ich heute auf diesen Moment von 1984 zurückblicke, muss ich deshalb vor allem schmunzeln. Da saß ein Schüler im Deutschunterricht und wollte Schimanski. Der Lehrer wollte Schiller.

Und irgendwo zwischen diesen beiden Welten saß ich. Vielleicht war ich damals kein besonders guter Schüler in Sachen klassischer Literatur. Aber ich wusste schon ziemlich genau, welche Geschichten mich interessierten.

Und das war vielleicht wichtiger. Denn das Leben hält sich schließlich auch nicht an Lehrpläne. Das Leben ist kein sauber gebundener Thomas-Mann-Roman. Das Leben ist manchmal eher ein Schimanski-Tatort:

Ein bisschen chaotisch. Ein bisschen dreckig. Manchmal brutal. Oft absurd. Zwischendurch bisweilen ziemlich lustig. Und meistens weiß man erst am Ende, wie der Fall eigentlich ausgegangen ist. Und wenn es ganz dick kommt, steht man irgendwann irgendwo im Ruhrpott, schaut sich die ganze Sache an und sagt:

„Hömma… wat soll ich dazu noch sagen?“

Dann zieht man die Jacke an. Geht raus. Und macht weiter.

1984 hätte ich vielleicht Schiller lesen sollen.

Aber ich hatte Schimanski.
Und ganz ehrlich?

Ich würde es heute wieder genauso machen.




Take The Long Way Home

Warum mein Lebenskompass eine Mundharmonika hat

Does it feel that your life’s become a catastrophe?
Oh, it has to be for you to grow, boy

Take The Long Way Home, Supertramp, 1979

Es gibt Menschen, die orientieren sich im Leben an Zitaten von Philosophen, an Karriereplänen, an Vision Boards oder an Apps, die Dich morgens daran erinnern, selbstständig mit dem Atmen zu beginnen und die Dir zeigen, wie Du lernst, Dir selbsttätig die Schuhe zu binden.
Ich dagegen habe seit den frühen 80er Jahren einen Song als Kompass:
Take The Long Way Home“ von Supertramp, mit seinem unverwechselbaren Mundharmonika-Intro — erschienen auf dem Album Breakfast in America und geschrieben von Roger Hodgson. [1][2] Für mich ist dieser Song mehr als nur Musik. Er ist ein textlicher und akustischer Kompass. Allerdings einer mit einem kleinen technischen Defekt: Er zeigt nicht immer den kürzesten Weg an. Aber dafür meistens den interessanteren.

Das klingt auf den ersten Blick nicht besonders effizient. Wer nimmt denn freiwillig den langen Weg?
Der kurze Weg ist doch schneller. Jedes Navigationssystem empfiehlt ihn. Der Kalender verlangt ihn. Die To-do-Liste schreit ihn. Die Gesellschaft nickt anerkennend, wenn man ihn nimmt.

Aber genau da beginnt das Problem.

Der kurze Weg bringt Dich ans Ziel.
Der lange Weg bringt Dich zu Dir.

Der kurze Weg ist praktisch.
Der lange Weg ist ehrlich.
Der kurze Weg sagt: „Beeil Dich, Du musst ankommen.
Der lange Weg sagt: „Schau mal links. Da ist ein Sonnenuntergang. Und rechts steht ein Bäcker, der noch echte Brötchen macht.

Der kurze Weg ist der Fahrstuhl.
Der lange Weg ist das Treppenhaus, in dem man zufällig dem Nachbarn begegnet, der seit 2008 immer denselben Jogginganzug trägt und trotzdem irgendwie weiser wirkt als jeder Führungskräfte-Coach.

Für mich bedeutet „den langen Weg nach Hause nehmen“ nicht Trödeln. Es bedeutet:
nicht nur funktionieren.
Denn wer immer nur den schnellsten Weg nimmt, verpasst manchmal die Landschaft. Und manchmal sogar sich selbst.

Heimat ist kein Ort mit WLAN-Passwort

Roger Hodgson hat den Song selbst auf einer tieferen Ebene mit der Suche nach einem inneren Zuhause verbunden — einem Ort, an dem man sich im Herzen zu Hause fühlt. [2]
Genau das macht den Song für mich so stark: Er ist keine simple Verkehrsregel. Er ist eine Lebenshaltung.
Zuhause“ ist nicht nur die Wohnung, in der der Kühlschrank brummt und irgendwo ein Ladekabel verschollen ist.
Zuhause ist auch dieser Moment, in dem man merkt:
Ich bin gerade nicht auf der Flucht. Ich bin da.

Das passiert vor allem mit der Partnerin ❤️.
Das kann im Auto passieren.
Beim Spaziergang.
Im Supermarkt zwischen Suppengemüse und Sonderangeboten.
Oder nachts, wenn man plötzlich begreift, dass man jahrelang versucht hat, jemand zu sein, der man gar nicht werden wollte.

Der lange Weg nach Hause ist also manchmal ein Umweg.
Manchmal eine Pause.
Manchmal ein Nein.
Und manchmal ein sehr lautes Ja zu sich selbst.

Die Kunst, nicht immer die Abkürzung zu wählen

Wir leben in einer Welt, die Abkürzungen liebt.

  • Schneller lernen
  • Schneller arbeiten
  • Schneller antworten
  • Schneller essen
  • Schneller leben

Sogar Entspannung soll inzwischen effizient sein: „10 Minuten Meditation für maximale Gelassenheit.“ Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Erleuchtung, aber bitte mit Expressversand und Prime-Account.“ Der Song erinnert mich daran, dass das Leben nicht immer eine Lieferando-Bestellung ist. Manche Dinge brauchen Zeit:

  • Vertrauen.
  • Charakter.
  • Geschmack.
  • Gelassenheit.
  • wirklich gute Pasteis de nata.
  • Ein Glas La Chouffe
  • Und die Erkenntnis, dass man nicht auf jede Nachricht sofort antworten muss.

Der lange Weg ist nicht die Route der Faulen. Er ist die Route der Menschen, die verstanden haben, dass Geschwindigkeit nicht dasselbe ist wie Richtung.

Mein inneres Navigationssystem klingt nach Supertramp

Wenn mein Leben ein Navi hätte, würde es vermutlich nicht neutral sagen:
In 300 Metern links abbiegen.“ Es würde eher sagen:
Fahr ruhig noch ein Stück weiter. Du musst heute nicht alles lösen.“
Oder:
Achtung, in deinem Ego befindet sich ein Stau.“
Oder:
Wenn möglich, bitte wenden — du versuchst schon wieder, allen zu gefallen.

Und im Hintergrund: diese lässige Supertramp-Energie, irgendwo zwischen Melancholie, Ironie und dem Gefühl, dass das Leben ein Lächeln auf den Lippen hat und trotz allem tanzbar bleibt.

Das ist das Großartige an diesem Song: Er klingt nicht wie eine Predigt. Er klingt wie ein Freund, der dich mit einem schiefen Grinsen anschaut und sagt: „Komm, wir gehen noch eine Runde.

Warum der lange Weg unterhaltsamer ist

Der lange Weg hat Geschichten.
Auf dem kurzen Weg passiert meistens: nichts. Man kommt an. Punkt.
Auf dem langen Weg dagegen:

  • entdeckt man Straßen, die aussehen, als hätte die Stadtplanung kurz Jazz gehört;
  • trifft man Menschen, die in einem Satz mehr Wahrheit sagen als manche Bücher auf 300 Seiten;
  • findet man Cafés, in denen die Stühle wackeln, aber der Kaffee ein einfacher und ehrlicher, rechter Aufwärtshaken ist;
  • denkt man Gedanken zu Ende, die sonst immer von Push-Nachrichten zerschossen werden.

Der lange Weg ist der Ort, an dem das Leben seine Nebenfiguren vorstellt. Und oft sind genau die interessanter als die Hauptstory.

Auch mein „Supertramp-Kompass“ bewahrt mich nicht vor Fehlern. Ich nehme weiterhin falsche Ausfahrten, sage gelegentlich zu früh „kein Problem“, obwohl es sehr wohl ein Problem ist, und kaufe manchmal Dinge, weil sie im Angebot sind, nicht weil ich sie brauche.

Kompass“ heißt nicht: immer wissen, wohin

Ein Kompass zeigt Richtung. Er erklärt nicht das ganze Gelände. Aber der Song erinnert mich daran, regelmäßig zu fragen:

Bin ich noch auf meinem Weg — oder nur auf dem schnellsten?

Das ist ein Unterschied. Der schnellste Weg kann dich zu einem Ziel bringen, das gar nicht deins ist. Der lange Weg gibt dir unterwegs Zeit, das zu merken.

Fazit: Geh ruhig langsam, aber geh wach

Take The Long Way Home“ ist für mich mehr als ein Songtitel. Es ist ein freundlicher Tritt gegen die Eile. Ein musikalischer Wegweiser. Eine Erinnerung daran, dass man nicht jeden Umweg erklären muss.

Manche Umwege sind keine Fehler.
Manche sind Ausbildung.
Manche sind Heilung.
Manche sind einfach bessere Geschichten.

Und wenn ich am Ende meines Tages nach Hause komme — im wörtlichen oder im inneren Sinn — dann möchte ich nicht nur sagen können: „Ich war schnell.

Ich möchte sagen können:
Ich habe etwas gesehen. Ich habe etwas verstanden. Ich war unterwegs wirklich da.

Also ja: Ich nehme den langen Weg nach Hause.

Nicht, weil ich mich verlaufen habe.
Sondern weil ich mich finden will.

Take The Long Way Home, Paris Pavillion, 1979



Die Knäckebrot-Telefonierer sind unter uns

Früher hielt man ein Telefon ans Ohr. Das war allerdings zu einfach, zu unauffällig und vor allem viel zu privat. Heute hält der fortschrittliche Mensch sein Mobiltelefon waagerecht vor den Mund, als wäre es ein besonders dünn belegtes, fragiles Knäckebrot, dem er vertrauliche Informationen zuflüstern möchte.

Dabei ist der Lautsprecher selbstverständlich aktiviert. Schließlich wäre es ausgesprochen egoistisch, das Gespräch nur mit der Person am anderen Ende zu führen. Die wartenden Fahrgäste, Restaurantbesucher und Supermarktkunden haben ebenfalls ein Recht darauf zu erfahren, dass Kevin schon wieder nicht zurückgerufen hat, die Hautärztin erst im November einen Termin frei hat, dass es ein Mittel gegen Scheidentrockenheit gibt, dass Torben-Wirsing mal wieder anderen Frauen hinterher schaut und dass Tante Gisela „wirklich unmöglich“ ist.

Besonders elegant wirkt diese Telefontechnik in öffentlichen Verkehrsmitteln. Während andere Menschen aus dem Fenster schauen oder still über ihre Lebensentscheidungen nachdenken oder einfach nur die Fahrt geniessen, übernimmt der Knäckebrot-Telefonierer kostenlos das komplette Unterhaltungsprogramm. Eine Stimme kommt aus dem Smartphone, die andere schallt direkt durch den ganzen Bus. Stereo, aber ohne Kopfhörer.

Die Haltung verlangt höchste Präzision: Das Gerät muss ungefähr zehn Zentimeter vor dem Mund schweben. Zu nah wäre ein normales Telefonat, zu weit entfernt könnte der Gesprächspartner nicht mehr jedes Schmatzen und jeden Windstoß genießen. Gelegentlich wird das Smartphone auch leicht schräg gehalten, vermutlich damit das WLAN besser abtropfen kann.

Warum man das Gerät nicht ans Ohr hält, bleibt eines der großen Rätsel unserer Zeit. Vielleicht gelten Ohren inzwischen nur noch als dekorative Halterungen für kabellose Kopfhörer, die man ausgerechnet beim Telefonieren nicht benutzt. Vielleicht ist die klassische Telefonhaltung auch einfach zu wenig sichtbar. Wer privat spricht, riskiert schließlich, von der Umgebung gar nicht wahrgenommen zu werden.

Dabei beweist der Knäckebrot-Stil vor allem eines:
Privatsphäre ist ein Gemeinschaftsprojekt.
Persönliche Probleme sollten nicht hinter verschlossenen Türen bleiben, wenn man sie auch zwischen Tiefkühlpizza und Waschmittel diskutieren kann.
Konflikte mit dem Arbeitgeber gewinnen deutlich an Qualität, sobald zwölf Fremde in der Kassenschlange mithören und innerlich Position beziehen.

Natürlich könnte man Kopfhörer verwenden. Oder leiser sprechen. Oder kurz nach draußen gehen. Doch das wäre Rücksichtnahme, und Rücksichtnahme ist bekanntlich eine veraltete Technologie, die mit modernen Smartphones offenbar vollkommen inkompatibel ist.

So bleibt uns nur, dankbar zu sein. Dankbar für jedes ungefragte Hörspiel im Regionalzug. Dankbar für jede öffentlich ausgetragene Beziehungskrise.
Und dankbar für die Erkenntnis, dass man ein Smartphone zwar immer intelligenter machen kann, seinen Besitzer aber offenbar nicht automatisch mitaktualisiert.




Das Lokalradio: Unerträgliche Belanglosigkeit und „Das beste der 80er, der 90er und von heute“

So don’t become some background noise
A backdrop for the girls and boys
Who just don’t know or just don′t care
And just complain when you′re not there

Radio GaGa, Queen, 1984

Es gibt in Nordrhein-Westfalen viele Dinge, die erstaunlich zuverlässig funktionieren: der Regen im Juli, Baustellen auf der A1 und die Fähigkeit der Lokalradios, aus Hunderten Jahren Musikgeschichte immer wieder dieselben 25 seichten Titel auszuwählen.

Wer durch NRW fährt und zwischen den gefühlten 1.200 Lokalsendern umschaltet, erlebt ein faszinierendes Experiment. Auf dem Display steht zwar jedes Mal ein anderer Sendername, musikalisch befindet man sich jedoch im selben Paralleluniversum. Das Programm bleibt selbstverständlich unverändert. Dort laufen seit etwa 1998 dieselben Songs in einer gnadenlosen Zeitschleife. Irgendwo singt Bryan Adams, kurz darauf kommt Pink, dann folgt Ed Sheeran. Nach einer Werbepause meldet sich die Moderatorin, die wie Heidi Klum auf Ecstasy klingt, mit der sensationellen Nachricht, dass es heute warm, nass oder abwechselnd warm und nass werden könnte. Und das mit geiler Musik trotzdem für gute Laune gesorgt wird.

Denn überall läuft „der beste Mix aus den 80ern, 90ern und von heute“. Eine Formulierung, die vermutlich irgendwann in einem unterirdischen Radiolabor entwickelt wurde. Dort sitzen grenzdebile Musikredakteure in weißen Kitteln und erforschen, wie oft ein Mensch denselben Phil-Collins oder Bryan Adams-Song hören kann, bevor er mit dem Autoradio zu verhandeln beginnt.

Jeder Sender wirbt stolz mit dem Slogan: „Das beste der 80er, der 90er und von heute.

Das klingt zunächst in der Tat nach enormer musikalischer Vielfalt. Tatsächlich bedeutet es: „Wir spielen exakt die gleiche Soße wie alle anderen, aber in einer leicht veränderten Reihenfolge.

Man fragt sich manchmal, was mit dem Rest der Musikgeschichte passiert ist.
Jazz? Zu kompliziert.
Afrobeat? Zu interessant.
Elektronische Experimente? Könnten gegebenenfalls Neugier auslösen.
Weltmusik? Was sollen die Leute denn denken? Dass Radio zum Entdecken neuer Klänge da ist?

Nein, Sicherheit geht vor.

Das moderne Lokalradio behandelt Musik wie eine Versicherungsgesellschaft Risiken. Alles, was auch nur den Verdacht erweckt, überraschend zu sein, wird sofort aussortiert. Übrig bleiben jene Lieder, die so oft getestet wurden, dass niemand sie wirklich mag, aber auch niemand aktiv hasst.

Zwischen den Titeln werden dann die ganz großen Themen unserer Zeit verhandelt.

Zum Beispiel:
“Eine Katze saß heute Morgen auf einem Garagendach in Wanne-Eickel.”

Oder:
“Der Verkehrsfluss auf dem Feldweg zwischen Niedermörmter und Obermörmter ist auf Grund diverser Kufladen leicht beeinträchtigt.”

Oder mein persönlicher Favorit:
“Jetzt gewinnen Sie einen Einkaufsgutschein im Wert von 50 Euro für Brunhildes Batik- und Bastelstudio!”

Es gibt auch Wortbeiträge. Etwa die wichtige Frage, ob man beim Grillen lieber Würstchen oder Steak isst, und ob das Zeug darüber hinaus auch vegan sein darf. Hörer dürfen anrufen, abstimmen und dabei unbeabsichtigt beweisen, dass die Demokratie vielleicht doch hin und wieder Grenzen braucht.

Hinzu kommen Wetter, Verkehr und lokale Meldungen. Der Bürgermeister hat ein Band durchschnitten. Im Gewerbegebiet wurde ein Schlüsselbund gefunden. Auf eine Baustelle ist ein Spaten umgefallen. Beim Stadtfest tritt eine Coverband auf, die keine Sau kennt und die „die größten Hits aus den 80ern, 90ern und von heute“ intoniert, selbstverständlich mit freundlicher Unterstützung des Scheunenradios Niederrhein und den Theken-Freunden Oer-Erkenschwick.

Endlich Synergie.

Vielen Dank für diesen enormen journalistischen Kraftakt.

Kulturelle Hintergründe, internationale Perspektiven, gesellschaftliche Debatten oder längere Gespräche wären natürlich auch möglich. Allerdings könnten solche Inhalte dazu führen, dass jemand zuhört, nachdenkt oder sogar eine neue Musikrichtung entdeckt. Dieses Risiko möchte man offenbar nicht eingehen.

Irgendein Siegerländer Birkenwld-Sender hat es sogar geschafft, am 20.August 2026 in den sozialen Medien Ralf Hütter von Kraftwerk zum 80. Geburtstag zu gratulieren und sein Lebenswerk zu würdigen. Wie schön, warum hört man bei denen dann keine Musik von Kraftwerk, wo diese doch House, Techno, Hip-Hop, Electro und was weiß ich nicht noch was erfunden haben? Dazu reicht der Mut offensichtlich nicht. Statt dessen wird der Sicherheitsgurt angelegt und der Airbag aktiviert, damit auch ja nichts passiert.
Summer of 69 von Bryan Adams oder It’s my life von Bon Jovi sind hier die beste Unfallverhütung!

Umso auffälliger wird der Kontrast zu Sendern wie WDR Cosmo. Dort scheint man auf die vollkommen beknackte Idee gekommen zu sein, dass Hörer vielleicht tatsächlich neugierig sein könnten!
Plötzlich hört man Musik aus Lagos, Bogotá, Berlin oder Beirut. Menschen sprechen über Kultur, Migration, Kunst, gesellschaftliche Fragen oder neue Musikströmungen, teilweise gar auf Englisch, Türkisch oder französisch. Die Sendungen vermitteln den Eindruck, die Welt sei größer als das Einzugsgebiet des örtlichen Kirmesplatzes oder einer Sparkassenfiliale.

Für manche Radiostrategen scheint das ungefähr so bedrohlich zu sein wie die jährliche Steuerprüfung. Das kann natürlich irritierend sein. Schließlich besteht die Gefahr, dass Hörer etwas Neues entdecken.

Dabei lebt gerade Radio doch von Überraschungen. Früher schaltete man ein, um etwas zu hören, das man noch nicht kannte. Heute schaltet man ein und denkt: „Ah, dieses Lied über Agathe Bauer (für Insider: I‘ve got the power von Snap). Wieder. Das habe ich vor zwölf Minuten bereits auf dem anderen Sender gehört.“

Vielleicht wäre es ehrlicher, wenn die Lokalsender ihren Werbeslogan anpassen würden:

„Unerträgliche Seichtheit: Die gleichen 80er, die gleichen 90er und die gleichen Songs von heute wie alle anderen.“

Oder noch präziser:

„Lokalradio NRW: Weil kulturelle Vielfalt anstrengend ist.“

Dabei wäre Lokalradio eigentlich eine großartige Idee. Es könnte regionale Künstler vorstellen, kleine Kulturveranstaltungen begleiten, migrantische Communities hörbar machen, lokale Konflikte vertiefen und Menschen zu Wort kommen lassen, die sonst selten im Radio auftauchen oder anderswo keine Stimme bekommen.

Stattdessen gibt es häufig akustisches Hintergrundrauschen im Farbton stützstrumpf-beige:
freundlich, vorhersehbar und so sorgfältig von jeder Irritation befreit, dass selbst ein überraschender Basslauf vermutlich vorher von der Programmleitung genehmigt werden müsste.

Vielleicht braucht NRW nicht weniger Lokalradio. Vielleicht braucht es einfach ein Lokalradio, das sich wieder etwas traut.

Bis dahin bleibt immerhin die Gewissheit, dass irgendwo im Sendegebiet gerade jemand mit großer Begeisterung ankündigt, jetzt komme wieder einer der größten Hits aller Zeiten.
Vom Bryan Adams natürlich …

Und man kennt ihn bereits.




Herzlichen Glückwunsch, Ralf Hütter

80 Jahre Ralf Hütter. 80 Jahre Zukunft.

Am 20. August feiern wir nicht nur den Geburtstag eines Musikers, sondern eines Visionärs, dessen Ideen den Klang der Moderne geprägt haben. Ralf Hütter hat mit Kraftwerk nicht einfach Musik geschaffen. Er hat eine neue Sprache erfunden, in der Mensch und Maschine, Rhythmus und Technologie, Präzision und Emotion miteinander verschmelzen.

Während andere den Zeitgeist beschrieben, hat er ihn oft vorweggenommen. Die elektronischen Landschaften von Kraftwerk wurden zu Wegweisern für Generationen von Künstlerinnen und Künstlern. Von Elektro über Techno bis Hip-Hop reichen die Spuren seines Schaffens. Was einst futuristisch erschien, ist heute Teil unseres Alltags geworden.

Doch hinter den ikonischen Melodien und den kühlen, eleganten Klangarchitekturen stand stets eine neugierige, schöpferische Persönlichkeit. Ralf Hütter zeigte, dass Innovation nicht laut sein muss. Mit Beharrlichkeit, Klarheit und künstlerischer Konsequenz formte er ein Werk, das Grenzen überwand und Kulturen auf der ganzen Welt miteinander verband.

Seine Kompositionen sind längst Teil des kulturellen Gedächtnisses geworden. Sie erinnern uns daran, dass Fortschritt nicht nur eine technische, sondern auch eine kreative und menschliche Dimension besitzt. In einer Welt ständiger Veränderung blieb seine Kunst zeitlos.

Lieber Ralf Hütter,
zu Deinem 80. Geburtstag danken wir Dir für den Mut, Neuland zu betreten, für die Inspiration, die Du Millionen Menschen geschenkt hast, und für den unverwechselbaren Soundtrack einer digitalen Epoche.

Möge die Reise weitergehen.

Alles Gute zum 80. Geburtstag, Ralf Hütter.
Du hast die Zukunft hörbar gemacht.
🎶⚙️🚴‍♂️✨

Neonlight, Royal Festival Hall, London, 18.März 2004
Titelfoto von Gershowitz

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Deutschland, das kontaktlose Museum

Es gibt Länder, in denen man eine Straßenzeitung, einen Espresso, eine Parkbank-Spende und vermutlich auch den Ablass in der Kirche kontaktlos bezahlen kann. Und dann gibt es Deutschland: das Land, in dem man im Jahr 2026 mit einem Smartphone in der Tasche, einer Smartwatch am Arm und einer App für den Kühlschrank vor der Bäckerei steht — und an der Kasse erfährt, dass technologische Zivilisation leider erst ab 10 Euro beginnt.

Nicht falsch verstehen: Natürlich kann man in Deutschland bargeldlos bezahlen. Die Bundesbank sieht sogar, dass Kartenzahlungen und mobiles Bezahlen deutlich zunehmen; Bargeld bleibt aber weiterhin sehr präsent, und gerade kleinere Betriebe sowie Dienstleister sind noch nicht überall auf der Höhe der digitalen Bezahlromantik. [1][2]
Mit anderen Worten: Wir sind auf dem Weg in die Zukunft. Nur eben mit Zwischenstopp am Geldautomaten.

„Kartenzahlung? Heute leider nicht.“

Dieser Satz hat in Deutschland ungefähr denselben kulturellen Stellenwert wie „Da könnte ja jeder kommen“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht“. Er fällt bevorzugt in Situationen, in denen man keine Münzen dabeihat, hinter einem bereits drei Menschen schnaufen und die Verkäuferin einen anschaut, als hätte man gerade gefragt, ob man mit Muschelgeld aus dem Club Robinson zahlen darf.

Man hebt entschuldigend das Handy.
Sie hebt entschuldigend die Augenbraue.
Die Kasse schweigt.
Die Republik hält den Atem an.

Dann kommt die Diagnose: „Nur bar.“

Nicht etwa „Unser Terminal ist gerade defekt“. Nicht „Die Verbindung ist instabil“. Nein. „Nur bar“ — als Geschäftsmodell, Haltung und Weltanschauung.

Bargeld: das deutsche Sicherheitsgefühl in Scheinen

Bargeld ist hierzulande nicht einfach ein Zahlungsmittel. Es ist ein emotionales Unterstützungsprogramm. Ein Stück geprägte Privatsphäre. Ein analoger Talisman gegen Gebühren, Stromausfälle, Datenkraken und die Zumutung, dass ein Cappuccino einfach schnell bezahlt werden könnte.

Natürlich gibt es gute Gründe für Bargeld: Datenschutz, Unabhängigkeit, Kontrolle. Niemand will in einer Welt leben, in der jede Kugel Stracciatella ein Datensatz ist. Aber zwischen „Bargeld soll bleiben“ und „Kartenlesegeräte sind ein Hexenwerk“ liegt ein ziemlich breiter Bürgersteig.

Und auf diesem Bürgersteig steht dann jemand mit einer Obdachlosenzeitung in einem anderen Land, hält ein kleines Kartenterminal hin und sagt: „Kontaktlos geht auch.
Während man in Deutschland im Café noch fragt, ob Kartenzahlung „ausnahmsweise“ möglich sei — als wolle man ein Pferd im Gastraum parken.

Die große deutsche Bezahl-Choreografie

Der typische Bezahlvorgang läuft so ab:

  1. Man fragt extrem vorsichtig: „Kann ich mit Karte zahlen?
  2. Die Stimmung kippt minimal.
  3. Jemand zeigt auf ein handgeschriebenes Schild: „Kartenzahlung ab 15 €“.
  4. Man bestellt spontan noch ein Croissant, ein Barolo für €60,- oder vielleicht gar eine kleine Eigentumswohnung.
  5. Das Terminal wird unter der Theke hervorgeholt wie ein archäologischer Fund.
  6. Es piept.
  7. Alle sind erleichtert, aber niemand sagt es laut.

Besonders schön ist die Variante „Kartenzahlung ja, aber nicht mit Kreditkarte“. Oder „Karte ja, aber kein Handy“. Oder „Handy ja, aber nur wenn der Chef da ist“. Deutschland hat aus dem einfachen Vorgang des Bezahlens eine Art Escape Room gemacht.

Digitalisierung — aber bitte laminiert

Wir digitalisieren natürlich. Sehr sogar. Wir haben Apps, Portale, QR-Codes, Onlineformulare, Zwei-Faktor-Authentifizierung, elektronische Patientenakten und digitale Parkscheine. Aber an der Imbissbude heißt es dann: „Der Chef möchte das nicht.

Der Chef, diese mythische Figur des deutschen Zahlungsverkehrs. Er erscheint selten persönlich, wirkt aber überall. Er entscheidet, ob Apple Pay akzeptiert wird. Er kennt jemanden, der mal Gebühren zahlen musste. Er besitzt vermutlich einen Drucker mit Faxfunktion und ein sehr klares Bauchgefühl.

Warum einfach, wenn es auch umständlich geht?

Das Faszinierende ist ja: Viele Kundinnen und Kunden wollen einfach bezahlen. Schnell, sauber, ohne Kleingeldsuche in der Manteltasche von 2018. Die Technik existiert. Die Nachfrage existiert. Die Geräte existieren. Sogar die Menschen, die sie bedienen könnten, existieren.

Und doch stehen wir regelmäßig da wie Zeitreisende aus der Zukunft, die in einem Dorf des 18. Jahrhunderts mit NFC winken.

„Ich würde gern zahlen.“
„Haben Sie es passend?“
„Ich habe ein Telefon, das mein Gesicht erkennt.“
„Also nein.“

Fazit: Deutschland braucht keine Revolution. Nur ein Terminal.

Niemand verlangt, dass Bargeld abgeschafft wird. Niemand möchte die Oma zwingen, ihren Wochenmarkt-Einkauf mit Bitcoins zu begleichen. Es geht um Wahlfreiheit. Um Alltagstauglichkeit. Um die kleine Utopie, dass man einen Kaffee bezahlen kann, ohne vorher eine Bankfiliale zu suchen.

Vielleicht ist das die deutsche Version von Fortschritt: nicht, dass etwas möglich ist — sondern dass es irgendwann nicht mehr als Zumutung gilt.

Bis dahin tragen wir weiter Karte, Handy, Smartwatch und Bargeld mit uns herum. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus Erfahrung.

Denn in Deutschland weiß man nie, ob man gerade einkauft — oder an einer historischen Nachstellung teilnimmt.




Klein Montmartre – Kunst in Krefeld-Fischeln

Zufriedenheit – Goldblättchen vom 08.08.2026

Your whisper tells a secret
Your laughter brings me joy

Even In the Quietest Moments, Supertramp, 1977


Manchmal muss man gar nicht weit reisen, um sich wie in einer kleinen Künstlerkolonie zu fühlen. Am 08.08.2026 hat Krefeld-Fischeln genau das bewiesen: Rund um die Mariensäule verwandelte sich das Viertel für einen Tag in ein echtes “Klein Montmartre” – mit Staffeleien, Farbe an den Fingern und jeder Menge kreativer Energie in der Luft. Organisiert wurde dieses Event vom Bürgerverein Krefeld Fischeln.

Ein Markt voller Ideen

Schon von Weitem erkannte man die bunten Stände, an denen lokale Künstlerinnen und Künstler ihre Werke präsentierten – von zarten Aquarellen über kräftige Acrylbilder bis hin zu handgefertigtem Kunsthandwerk. Es war einer dieser Tage, an denen man eigentlich “nur mal schauen” wollte und dann doch von Stand zu Stand gezogen wird, weil überall etwas Neues zu entdecken ist.

Und dann: Liebe auf den ersten Blick

An einem der Stände stand es dann einfach da – ein Bild, das uns sofort in seinen Bann gezogen hat: eine Frau mit Hut, voller Ruhe und Ausstrahlung, mit dem wunderschön treffenden Titel “Zufriedenheit”. Gemalt von der lokalen Künstlerin Dagmar Lingel, strahlt das Werk genau die Gelassenheit aus, die sein Name verspricht.

Wir mussten nicht lange überlegen: Dieses Bild ist wie gemacht für unser Wohnzimmer! Die Farben, der Titel, die Haltung, die stille Freude im Gesicht der dargestellten Frau – alles passt einfach perfekt in unsere eigenen vier Wände. Wir haben ihr sogar sofort einen Namen gegeben – „Katje“.
Manchmal weiß man einfach sofort, wenn etwas “nach Hause” gehört.

Unser heutiges Goldblättchen ✨

So ist “Zufriedenheit” zu unserem Goldblättchen des Tages geworden – dem kleinen, besonderen Fund, der einen ganz normalen Samstag in etwas Besonderes verwandelt. Es ist genau diese Art von Moment, für die sich ein Bummel über einen Kreativmarkt lohnt: nicht geplant, nicht gesucht, aber genau richtig, wenn man es findet.

Danke an alle Künstlerinnen und Künstler, die “Klein Montmartre” in Fischeln zu einem so inspirierenden Ort gemacht haben – und ein ganz besonderer Dank an Dagmar Lingel für ein Bild, das ab sofort einen Ehrenplatz bei uns hat.




Konrad Beikircher, der Erfinder des Rheinlandes

Am 28.Juli 2026 ist der Kabarettist, Musiker und Autor Konrad Beikircher, dessen Wirken sich vor allem der rheinischen Wesensart und dem rheinischen Regiolekt widmete, verstorben. Der Kabarettist Jürgen Becker bezeichnete ihn als Erfinder des Rheinlandes. In diesem Sinne eine kleine Hommage an den 1945 in Südtirol geborenen wunderbaren Kabarettisten, einem der letzten dieser Sorte.

Es gibt Menschen, die erfinden das Rad.
Andere erfinden das Internet.
Konrad Beikircher aber erfand etwas viel Komplizierteres:
das Rheinland
.

Und zwar nicht am Reißbrett, mit Bauplan oder Ministerialerlass, sondern mit dem einzig dafür zulässigen Werkzeug: mit Sprache, Staunen, Musik, genauer Beobachtung und einer ordentlichen Portion „Nä, wat is dat schön hier, aber erklären kannste dat keinem“.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da kommt jemand aus Südtirol ins Rheinland, also aus einer Gegend, in der Berge noch Berge sind und nicht leichte Erhebungen hinterm Autobahnkreuz, und entdeckt hier eine Landschaft, die auf den ersten Blick aussieht wie eine Mischung aus Karneval, Baustelle, Stadtarchiv und Familienfeier. Andere wären wieder abgereist. Beikircher jedoch blieb. Vermutlich, weil er ahnte: Hier ist gibt es noch etwas zu tun.

Denn das Rheinland vor Beikircher war zwar schon existent, aber es wusste es noch nicht so ganz genau. Köln hatte den Dom, Bonn hatte Beethoven, Düsseldorf hatte ein übersteigertes Selbstbewusstsein, und dazwischen lagen Orte, in denen man sich mit drei Silben, zwei Blicken und einem „Jaja“ vollständige Weltanschauungen mitteilen konnte. Aber erst Beikircher kam und sagte sinngemäß: Moment mal, das ist gar kein Durcheinander. Das ist ein System. Ein sehr rheinisches System, also eins, das funktioniert, solange man nicht hinterfragt, wie.

Er nahm den rheinischen Dialekt ernst, ohne ihm die Krawatte anzuziehen. Er erklärte die rheinische Seele, ohne sie in ihre Einzelteile zu sezieren. Und wenn er sie doch sezierte, dann so, dass die Seele selbst dabei lachen musste und hinterher sagte: „Dat hässte ävver schön jesaat.

Seine große Leistung war nicht, dass er den Rheinländern etwas beigebracht hätte. Nein, schlimmer: Er hat ihnen erklärt, was sie ohnehin schon sind. Und das ist im Rheinland brandgefährlich! Denn wenn ein Rheinländer sich selbst erkennt, bestellt er entweder ein Kölsch, gründet einen Stammtisch oder sagt: „Dat han ich dir doch immer schon jesaat.

Beikircher machte aus dem rheinischen Singsang eine Wissenschaft, aus der Wissenschaft Kabarett und aus dem Kabarett Heimatkunde mit Lachgarantie. Er zeigte, dass ein Satz wie „Da kannste nix machen“ keineswegs Resignation bedeutet, sondern eine philosophische Weltformel ist. Er bewies, dass „Et kütt wie et kütt“ nicht etwa Fatalismus ist, sondern angewandte Metaphysik mit regionalem Qualitätssiegel. Denn es gilt im Rheinland:“Ett hätt noch immer joot jejange“.

Und so wurde aus dem Südtiroler ein Rheinländer, aus dem Beobachter ein Botschafter, aus dem Kabarettisten ein Kartograf einer inneren Landschaft. Er zeichnete keine Flüsse und Grenzen ein, sondern Tonfälle, Denkpausen, Ausweichmanöver, Umständlichkeiten, Herzlichkeiten und jene geheimnisvolle rheinische Fähigkeit, gleichzeitig verbindlich und völlig unverbindlich zu sein.

Das eigentlich Komische daran: Er musste all das nie erfinden. Er musste nur genau genug hinhören, während die Südtiroler Seele in ihm ungläubig den Kopf schüttelte – über Menschen, die eine Beerdigung als Anlass für einen guten Witz betrachten und die Bewerbung des Karnevalsprinzen ernster nehmen als die Kommunalwahl.

Der „Erfinder des Rheinlandes“ war also kein Herrscher, kein Stadtplaner, kein Bürokrat mit Ärmelschomern. Er war eher der Mann, der mit gespitztem Ohr durch Bonn, Köln und den ganzen rheinischen Kosmos ging und sagte: „Hört doch mal hin. Ihr seid ein Gedicht. Ein etwas verschachteltes, gelegentlich nuschelndes, aber ein Gedicht.

Lieber Konrad Beikircher, wenn das Rheinland heute weiß, dass es nicht nur eine Gegend ist, sondern eine Haltung, dann auch wegen dir. Du hast ihm kein Denkmal gebaut, sondern etwas viel Passenderes: eine Pointe. Und eine Pointe ist im Rheinland bekanntlich stabiler als Beton, weil sie sich besser weitererzählen lässt.

Kurz gesagt:
Konrad Beikircher hat das Rheinland nicht erfunden, wie man ein Gerät erfindet.
Er hat es erfunden, wie man eine Melodie findet, die schon immer in der Luft lag.
Er hat nur als Erster genau hingehört.

Und dafür sagt das Rheinland, wie nur das Rheinland sagen kann:
Konrad, dat haste joot jemaat. Wirklich. Also jetzt nicht übertreiben, aber: sehr joot.

„Maach ett joot …“

Titelbild:Elke Wetzig (Elya)

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Mit Plane, Paletten und Portugiesisch: Ein kleiner Glücksmoment in der Logistik




Es gibt Tage in der Logistik, da läuft alles nach Plan: Lkw kommt pünktlich, Ware steht bereit, Stapler schnurrt wie ein zufriedener Kater und niemand fragt fünf Minuten vor Feierabend: „Kann das noch schnell raus?“

Und dann gibt es Tage, an denen zusätzlich noch etwas passiert, womit man nicht rechnet: ein echter kleiner Glücksmoment zwischen Laderampe, Lkw-Plane und Sprachbarriere.

Heute kam ein portugiesischer Fahrer zu uns, der kaum Deutsch oder Englisch sprach. Also standen wir da: er mit seinem Lkw, ich mit meinem Auftrag, und zwischen uns ungefähr so viel gemeinsame Sprache wie Platz in einem überfüllten ALDI, wenn es kurz vor Ferienende Schulsachen zu kaufen gibt.

Aber manchmal reichen eben keine perfekten Sätze. Manchmal reichen ein paar mutige Brocken. Ich sammelte also mein karges Portugiesisch zusammen – irgendwo zwischen Urlaubserinnerung, Google-Übersetzer-Mut und „wird schon irgendwie stimmen“ – und sagte:

Por favor, abra a lona no caminhão à esquerda.
Also sinngemäß: „Bitte öffne die Plane am Lkw links.

Und siehe da: Der Fahrer verstand mich. Die Plane ging auf. Die Welt drehte sich weiter. Kein internationaler Zwischenfall. Kein portugiesischer Grammatik-Alarm. Nur ein kleiner logistischer Erfolg mit etwas südländischem Flair.
Nach der Beladung verabschiedete ich ihn dann noch mit einem freundlichen:

Boa viagem“ — gute Fahrt —
und natürlich:
Muito obrigado“ — vielen Dank.

Der Fahrer freute sich sichtbar. Nicht über perfekte Aussprache, nicht über einen grammatikalisch nobelpreisverdächtigen Satzbau, sondern darüber, dass sich jemand die Mühe gemacht hatte, ihm ein paar Worte in seiner Sprache zu sagen. Zum Abschied reichte er mir die Hand.

Gut, vielleicht war mein Portugiesisch ungefähr so flüssig wie ein 50 Jahre alter VW-Käfer mit stotterndem Motor. Aber es kam an. Und zwar nicht nur sprachlich.

Und genau da war er: dieser kleine Moment, der aus einem ganz normalen Arbeitstag etwas Besonderes macht.

Logistik ist mehr als Ware von A nach B

In der Logistik reden wir oft über Zeitfenster, Lieferpapiere, Ladungssicherung, Tourenplanung und Rampenzeiten. Alles wichtig. Ohne Frage.

Aber manchmal vergisst man dabei, dass hinter jedem Lkw auch ein Mensch sitzt. Einer, der vielleicht seit Stunden unterwegs ist. Einer, der in einem fremden Land versucht, sich zurechtzufinden. Einer, der vielleicht wochenlang nicht bei seiner Familie war. Einer, der froh ist, wenn ihm jemand nicht nur zeigt, wo er hinmuss, sondern ihm auch menschlich entgegenkommt.

Und manchmal braucht es dafür gar nicht viel.

Ein „Por favor“.
Ein „Obrigado“.
Ein freundliches Lächeln.
Oder im Zweifel ein Satz, der klingt, als hätte man Portugiesisch mit beiden Händen aus der Werkzeugkiste gezogen.

Die Grammatik fährt nicht mit — die Geste schon

Natürlich könnte man jetzt sagen: „Na ja, war ja nur ein bisschen Portugiesisch.
Stimmt. Es war nicht viel. Kein flammender Vortrag über europäische Transportwege. Keine philosophische Abhandlung über Lenk- und Schichtzeiten im internationalen Güterverkehr. Nur ein paar Worte.

Aber genau diese paar Worte haben gereicht, um zu zeigen:
Ich sehe dich. Ich gebe mir Mühe. Du bist hier nicht nur irgendein Fahrer mit irgendeiner Lieferung.

Und das ist im Arbeitsalltag manchmal mehr wert als die schönste Prozessoptimierung.

Mein Fazit des Tages

Man muss keine Sprache perfekt beherrschen, um eine Brücke zu bauen. Man muss nur bereit sein, den ersten wackeligen Satz darüberzugehen.
Heute war diese Brücke portugiesisch, gespannt zwischen Laderampe und Lkw-Plane. Und sie hat gehalten.
Vielleicht nehme ich mir daraus mit: Ein paar Worte in der Sprache des Gegenübers können Türen öffnen — oder eben Planen.

Muito obrigado“, unbekannter Fahrer. „Boa viagem“. Und danke für diesen kleinen Glücksmoment im ganz normalen Logistik-Wahnsinn.