Warum ich nicht wissen will, warum mein Mac funktioniert

Es gibt eine kleine Weisheit aus den Tiefen des digitalen Netzwerks, die die drei großen Computer-Kulturen treffender nicht beschreiben könnte:

Windows-Benutzer wissen nicht, warum am Computer etwas nicht funktioniert.
Linux-Benutzer wollen wissen, warum am Computer etwas nicht funktioniert.
Mac-Benutzer wollen gar nicht erst wissen, warum ihr Computer funktioniert.

Wer sich gelegentlich mit Achtsamkeit und dem Streben nach innerem Frieden beschäftigt, erkennt schnell: In dieser Anekdote verbirgt sich eine tiefe philosophische Wahrheit über den Umgang mit unserer Lebenszeit. Ich bin Mac-Nutzer. Und ich fühle mich ertappt. Aber auch sehr entspannt.

Es gibt drei Arten, einen Computer zu erleben

Windows-Nutzer leben in einer Welt voller Überraschungen. Sie drücken einen Knopf, und plötzlich wird ein Update installiert. Sie schließen ein Fenster, und drei neue öffnen sich.

Sie wollen einen Drucker hinzufügen und landen nach 45 Minuten in einem Forumseintrag aus dem Jahr 2007, in dem jemand namens „Druckerking_87“ empfiehlt, den Treiber rückwärts im abgesicherten Modus zu deinstallieren, während man gleichzeitig die linke Alt-Taste gedrückt hält.
Windows lehrt Demut. Täglich. Mehrfach.

Linux-Nutzer sitzen vor ihrem Rechner und fragen: „Warum geht das nicht?“ Und dann wollen sie es wirklich wissen. Sie lesen Logs, kompilieren Kernel, diskutieren in Foren über Wayland, X11 und die Seele des Systems. Respekt. Ich kenne Leute , die sehen nach einem Wochenende mit einem Treiberproblem aus wie nach einem dreitägigen Boot-Camp mit Gunnary Sgt. Hartman aus Full Metal Jacket.

Mac-Nutzer sitzen vor ihrem Rechner und fragen: „Warum geht das?“ Und dann antworten sie sich selbst: „Egal. Es geht.“ Ich will nicht wissen, warum mein Mac funktioniert. Ich vermute, tief drin arbeiten Unix, Wärmeleitpaste und ein Apple-Ingenieur mit perfektem Haar. Aber ich will es nicht genauer wissen. Denn Wissen führt zu Schrauben. Schrauben führen zu Linux.
Und genau darin – das würde ich behaupten, während ich gelassen einen Schluck Kaffee trinke, dessen Röstgrad ich ebenfalls nicht hinterfrage – liegt die höchste Form der Achtsamkeit, die die Technikwelt zu bieten hat.

Wartung? Meine Routine in fünf Schritten

  1. Mac aus dem Ruhezustand holen.
  2. Benutzen.
  3. Mac in den Ruhezustand versetzen.
  4. Gelegentlich ein Update installieren, wenn Apple freundlich daran erinnert.
  5. Staub wischen. Aber nicht zu oft, sonst wirkt es wie ein Hobby.

Das ist meine Wartung. Kein Registry-Cleaner. Kein Defragmentieren. Kein Terminal. Kein sudo – außer ich habe mich versehentlich in einem Forum verlaufen. Time Machine macht ein Backup, für gewöhnlich still und leise im Hintergrund. Ich muss nicht dabei zusehen. Ich muss nicht verstehen, wie es funktioniert. Ich muss nur wissen, dass es da ist. Wie ein guter Freund, der nicht redet, aber im Notfall die Kisten trägt.

Fehlermeldungen: eine seltene Spezies

Auf dem Mac gibt es Fehlermeldungen. Aber sie sind höflich. „Passwort falsch“ – ja, mein Fehler. „Speicher voll“ – ja, zu viele Fotos von Katzen. „App reagiert nicht“ – dann warte ich kurz oder starte neu. Keine blauen Bildschirme. Keine Treiber-Hölle. Keine 47 Dialoge, die mich fragen, ob ich wirklich sicher bin, dass ich sicher bin.

Der Mac meckert nicht. Er seufzt höchstens. Und ich seufze zurück. Dann läuft es wieder. Das ist keine Magie. Das ist gutes Design. Und ein bisschen Bequemlichkeit.

Achtsamkeit ohne Räucherstäbchen

Achtsamkeit bedeutet nicht, den Mac zu segnen, den Akku zu streicheln oder dem Prozessor gute Gedanken zu schicken. Achtsamkeit bedeutet: Ich bemerke, dass ich seit zwei Stunden arbeite, ohne an den Rechner zu denken. Ich atme. Ich speichere. Ich mache Kaffee. Der Mac macht derweil Mac-Dinge.

Das ist keine Esoterik. Das ist Aufmerksamkeitsökonomie. Jede Minute, die ich nicht mit Fehlersuche verbringe, ist eine Minute für echtes Leben. Oder fürs Kaffeetrinken. Auch echt.

Wenn der Mac doch mal hakt, atme ich dreimal. Beim dritten Atemzug ist der bunte Ball meistens weg. Wenn nicht: Neustart. Das ist keine Meditation. Das ist Erfahrung.

Mein Mac weiß auch, dass er mich beim arbeiten nicht stört. Am iPhone habe ich im Hauseingang schon den korrekten Fokus, Unterbrechungen reduzieren, eingestellt. Dann klingelt es nicht, am iPad werden keine neuen Katzenvideos auf YouTube angekündigt und der Mac weiß das alles schon und läßt mich in Ruhe meine Oldtimer-Bilder bearbeiten, die ich gerade aufgenommen habe.

Warum ich nicht wissen will, warum er funktioniert

Weil Neugier bisweilen gefährlich ist. Wenn ich anfange zu verstehen, warum mein Mac stabil läuft, will ich ihn womöglich optimieren. Ich installiere Tools, putze Caches, lese Foren. Plötzlich bin ich Linux-Nutzer mit absurd teurem Gehäuse. Nein, danke.

Ich lasse das Betriebssystem in Ruhe. Es lässt mich in Ruhe. Das ist der Deal. Ein friedlicher Nichtangriffspakt zwischen mir und Cupertino.

Fazit

Windows-Nutzer wissen nicht, warum etwas nicht funktioniert. Linux-Nutzer wollen wissen, warum etwas nicht funktioniert. Mac-Nutzer wollen nicht wissen, warum ihr Computer funktioniert.

Ich bin Mac-Nutzer. Und ich will es auch gar nicht wissen. Ich will nur, dass er leise ist, selten meckert und mich arbeiten lässt. Wenn er doch mal zickt: zuklappen, aufklappen, Kaffee.

Sollte tatsächlich einmal etwas nicht funktionieren – es kommt vor, selten, wie eine Sonnenfinsternis –, öffne ich kein Terminal. Ich gehe zur Genius Bar. Dort hört mir jemand zwei Minuten lang zu, tippt kurz auf einem eigenen Gerät herum und sagt dann Dinge wie „Alles klar, das war’s”. Ich frage nicht, was „das” war. Ich bedanke mich und gehe.
Das ist keine Unterwerfung. Das ist Übergabe im Sinne der Achtsamkeitslehre: das Loslassen der Kontrolle an eine höhere, freundlichere Instanz mit Namensschild.




Schimanski statt Schiller – oder: Wie ich 1984 meinen Deutschlehrer zur Verzweiflung brachte

1984.

Heute würde man wahrscheinlich sagen: ein Schlüsseljahr.
Ich würde eher sagen: Wat für ein Jahr!

Die Neue Deutsche Welle lief aus den Lautsprechern, die ersten Leute trugen neonfarbene Klamotten, Schulterpolster machten aus normalen Menschen Kleiderständer und irgendwo stand garantiert ein Kassettenrekorder, bei dem man mit einem Bleistift das Band zurückspulen konnte.

Und im Fernsehen? Da lief Tatort. Und da gab es einen Mann, der für mich wesentlich interessanter war als sämtliche Herren der deutschen Klassik zusammen:

Hauptkommissar Horst Schimanski aus Duisburg. Gespielt von Götz George.

Schimanski war kein Kommissar, wie an ihn aus irgendwelchen alten Tatorten kannte, beispielsweise sein Vorgänger Haferkamp, gespielt von Hans-Jörg Felmy – der sah immer adrett aus und wußte sich zu benehmen. Schimanski hingegen war Duisburg pur. M-65 Feldjacke, Jeans, verschwitztes T-Shirt, schlechte Laune und eine Sprache, bei der unser Deutschlehrer vermutlich jedes zweite Wort mit einem roten Stift unterstrichen hätte, weil es „Scheiße“ war.

Aber genau deshalb mochte ich ihn. Schimanski war nicht geschniegelt. Der Mann war echt. Wenn er irgendwo reinkam, wusste man: Jetzt wird’s ungemütlich. Und manchmal wurde es sogar für die Einrichtung ungemütlich.


Dann kam diese verhängnisvolle Deutschstunde

Wir saßen also 1984 im Deutschunterricht. Unser Lehrer stellte eine eigentlich völlig harmlose Frage:

„Welche Lektüre würdet ihr gerne einmal im Unterricht behandeln?“

Unser Lehrer erwartete vermutlich Antworten wie:
„Die Räuber“ von Schiller.
„Der Zauberberg“ von Thomas Mann.
Vielleicht Goethe. Kafka. Büchner.

Literarische Schwergewichte eben. Ich hatte allerdings eine andere Vorstellung davon, was man im Deutschunterricht lesen könnte.

Ich dachte: Warum eigentlich nicht Schimanski?

Immerhin war das auch Sprache. Dialoge. Dramaturgie. Charaktere. Gesellschaft. Moral. Konflikte. Und vor allem: Es passierte etwas. Also meldete ich mich. Ich weiß nicht mehr, ob ich besonders mutig oder einfach nur völlig ahnungslos war.

Ich sagte sinngemäß: „Wie wäre es denn mal mit einem Tatort-Drehbuch mit Hauptkommissar Schimanski?“ Ruhe. Absolute Ruhe. Diese Art von Ruhe, bei der man plötzlich merkt: Oh. Das war jetzt vielleicht nicht die erwartete Antwort.

Der Gesichtsausdruck meines Lehrers glich jedoch eher dem von Kollege Christian Thanner, wenn Schimi mal wieder mit dreckigen Stiefeln durch dessen penibel aufgeräumte Wohnung gestapft war. Absolute, kulturpessimistische Fassungslosigkeit. Ein klassischer Fall von Unverständnis im Endstadium. Das humanistische Gymnasium war offenkundig noch nicht bereit für die rauen Gassen von Duisburg-Ruhrort. Und irgendwo zwischen uns lag die gesamte deutsche Literaturgeschichte.

Auf meiner Seite: Schimanski.

Auf meiner Seite: „Ey, wat soll dat denn?“

Auf der anderen Seite: Schiller.

Auf der einen Seite: „Die Räuber“.

Ich glaube, unser Lehrer musste diesen Moment erst einmal verarbeiten. Vielleicht fragte er sich: „Hat der Junge gerade tatsächlich vorgeschlagen, einen Tatort im Deutschunterricht zu lesen?“ Ja. Hatte ich. Und ich meinte es ernst.


Schimanski war für mich Literatur – nur anders

Ich fand Schimanski damals faszinierend. Nicht nur wegen der Fälle. Sondern wegen dieser Figur. Der Typ war kein Held, der immer alles im Griff hatte. Schimanski war oft selbst ziemlich fertig. Er machte Fehler. Er war stur. Er hatte Ecken und Kanten. Und er hatte eine ganz eigene Sprache.

Dieses Ruhrpott-Ding.
Dieses: „Hömma!“
Dieses: „Wat is?“

Dieses kurze, direkte Reden, bei dem man nicht erst drei Seiten Goethe lesen musste, um zu verstehen, was jemand eigentlich sagen wollte. Schimanski brauchte keine großen Monologe. Der schaute jemanden an und man wusste:

Jetzt gibt’s Ärger.

Und wenn Worte nicht mehr reichten, hatte er zur Not noch andere Möglichkeiten. Ich fand das großartig. Für mich war das damals wesentlich näher am echten Leben als irgendein perfekt formulierter Dialog aus einem Klassiker.


Unser Lehrer war nicht überzeugt

Ich glaube, spätestens nach meinem Vorschlag war die Sache für unseren Lehrer klar. Er wollte uns in die Welt der Hochliteratur führen. Ich wollte ihn nach Duisburg schicken. Er wollte Thomas Mann. Ich wollte Schimanski. Er wollte wahrscheinlich Interpretationen schreiben lassen.

Ich wollte wissen: „Wer war der Mörder?“

Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich glaube, ich hätte eine Schimanski-Szene wesentlich lieber analysiert als drei Seiten über die Symbolik eines Herbstblattes in irgendeinem Gedicht.

Heute würde man vielleicht sagen: „Der Schüler hatte einen individuellen Zugang zur Literatur.“

1984 hieß das wahrscheinlich eher: „Der Junge hat sie nicht alle.“


Und dann kam die Konsequenz

Irgendwann war für mich klar: Deutsch als Wahlfach in der 12. Klasse? Nee.

Abgewählt. Aus. Fertig.

Vielleicht hätte ich mich damals etwas mehr mit Schiller beschäftigen sollen. Vielleicht hätte ich feststellen können, dass Schiller und Schimanski sogar gewisse Gemeinsamkeiten haben. Beide beschäftigen sich mit Freiheit.

Mit Macht. Mit Moral. Mit Konflikten. Mit Menschen, die sich gegen irgendwelche Autoritäten stellen. Der Unterschied? Schiller schrieb Dramen. Schimanski lebte sie. Und vermutlich hätte Schimanski selbst bei einer Schiller-Interpretation irgendwann gesagt:

„Hömma, können wir jetzt mal zum Punkt kommen?“


Die 80er waren eben anders

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, sehe ich nicht nur das Klassenzimmer. Ich sehe diese ganze verrückte Welt der 80er. Kassetten, die sich im Rekorder verhedderten. Mixtapes, die man mit viel Liebe zusammenstellte. VHS-Kassetten, die man unter Freunden weitergab. Telefonieren mit einem Telefon, das tatsächlich an einem Kabel hing. Fernbedienungen, die man suchen musste, weil man aufstehen musste, um den Fernseher umzuschalten.

Und natürlich Fernsehen zu festen Zeiten. Kein Streaming. Kein „Ich schaue später“. Wenn der Tatort lief, lief der Tatort. Und wenn Schimanski kam, dann war das für mich Pflichtprogramm. Da saß ich. Vielleicht mit einer Cola. Vielleicht mit irgendeinem Snack. Und wartete darauf, dass Duisburg wieder einmal zum Schauplatz des Verbrechens wurde. Schimanski tauchte auf. M-65 Feldjacke. Jeans. Diese unverwechselbare Körpersprache. Und ich wusste:

Jetzt geht’s los.


Heute verstehe ich meinen Lehrer sogar ein bisschen

Mit fast vier Jahrzehnten Abstand kann ich über diese Geschichte natürlich lachen. Und ich muss zugeben: Ich verstehe meinen Deutschlehrer heute sogar ein bisschen.

Er hatte wahrscheinlich einen Lehrplan. Er hatte Vorstellungen davon, was gute Literatur ist. Und vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass plötzlich ein Schüler mit einem Tatort-Drehbuch um die Ecke kommt.

Aber vielleicht lag genau darin das Problem. Ich wollte Geschichten verstehen. Nicht unbedingt Literaturgeschichte lernen. Ich wollte Figuren kennenlernen. Menschen beobachten. Dialoge hören. Mich in Geschichten verlieren. Und Schimanski war dafür mein Einstieg. Vielleicht war mein Vorschlag deshalb gar nicht so daneben. Vielleicht war ich einfach nur meiner Zeit ein bisschen voraus.


Schimanski gegen Schiller – das Duell, das nie stattfand

Manchmal stelle ich mir heute vor, was passiert wäre, wenn unser Lehrer meinen Vorschlag tatsächlich angenommen hätte.

Deutschstunde. Tafel. Darauf steht:

HORST SCHIMANSKI – TATORT

Unser Lehrer betritt den Raum. „Heute analysieren wir die Figur des Hauptkommissars.“

Ich sitze hinten. Grinse. Endlich. Der Lehrer fragt: „Was fällt Ihnen an Schimanskis Sprache auf?“ Ich melde mich. „Hömma, Herr Lehrer. Die is direkt.“ Der Lehrer seufzt.„Und welche Funktion hat die Gewalt in diesem Zusammenhang?“ Ich: „Wenn der Typ sich aufregt, wird’s meistens interessant.“

Pause.

Der Lehrer: „Sehr gut.“ Ich: „Siehste.“Und dann kommt Schiller. „Die Räuber“.Der Lehrer fragt: „Was ist das zentrale Motiv?“ Ich: „Freiheit.“ Der Lehrer schaut überrascht. „Richtig.“ Ich lehne mich zurück.

Schimanski hätte das genauso gesehen.


Vielleicht war Abwählen gar nicht so schlecht

Dass ich Deutsch als Wahlfach abgewählt habe, habe ich jedenfalls nie als großes Drama empfunden.

Im Gegenteil.

Vielleicht war es sogar eine meiner ersten bewussten Entscheidungen, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe damals vielleicht nicht die klassische Route genommen. Aber genau das ist mir bis heute geblieben:

Nicht immer das zu tun, was alle erwarten.

Vielleicht war sie einfach meine ganz persönliche Form von Take The Long Way Home – nicht den vorgegebenen Weg nehmen, sondern den eigenen. Nicht automatisch den Weg zu wählen, den jemand für mich vorgesehen hat. Und manchmal eben zu sagen:

„Nee. Dat is nicht mein Ding.“

Vielleicht steckt darin sogar ein bisschen Schimanski. Dieser Typ hätte vermutlich auch nicht erst gefragt, ob sein Vorgehen mit dem Lehrplan abgestimmt ist. Er hätte gemacht. Er hätte sich Ärger eingehandelt. Er hätte wahrscheinlich ordentlich eins auf die Mütze bekommen. Und anschließend wäre er trotzdem weitergegangen.


Mein persönlicher Tatort

Wenn ich heute auf diesen Moment von 1984 zurückblicke, muss ich deshalb vor allem schmunzeln. Da saß ein Schüler im Deutschunterricht und wollte Schimanski. Der Lehrer wollte Schiller.

Und irgendwo zwischen diesen beiden Welten saß ich. Vielleicht war ich damals kein besonders guter Schüler in Sachen klassischer Literatur. Aber ich wusste schon ziemlich genau, welche Geschichten mich interessierten.

Und das war vielleicht wichtiger. Denn das Leben hält sich schließlich auch nicht an Lehrpläne. Das Leben ist kein sauber gebundener Thomas-Mann-Roman. Das Leben ist manchmal eher ein Schimanski-Tatort:

Ein bisschen chaotisch. Ein bisschen dreckig. Manchmal brutal. Oft absurd. Zwischendurch bisweilen ziemlich lustig. Und meistens weiß man erst am Ende, wie der Fall eigentlich ausgegangen ist. Und wenn es ganz dick kommt, steht man irgendwann irgendwo im Ruhrpott, schaut sich die ganze Sache an und sagt:

„Hömma… wat soll ich dazu noch sagen?“

Dann zieht man die Jacke an. Geht raus. Und macht weiter.

1984 hätte ich vielleicht Schiller lesen sollen.

Aber ich hatte Schimanski.
Und ganz ehrlich?

Ich würde es heute wieder genauso machen.




Konrad Beikircher, der Erfinder des Rheinlandes

Am 28.Juli 2026 ist der Kabarettist, Musiker und Autor Konrad Beikircher, dessen Wirken sich vor allem der rheinischen Wesensart und dem rheinischen Regiolekt widmete, verstorben. Der Kabarettist Jürgen Becker bezeichnete ihn als Erfinder des Rheinlandes. In diesem Sinne eine kleine Hommage an den 1945 in Südtirol geborenen wunderbaren Kabarettisten, einem der letzten dieser Sorte.

Es gibt Menschen, die erfinden das Rad.
Andere erfinden das Internet.
Konrad Beikircher aber erfand etwas viel Komplizierteres:
das Rheinland
.

Und zwar nicht am Reißbrett, mit Bauplan oder Ministerialerlass, sondern mit dem einzig dafür zulässigen Werkzeug: mit Sprache, Staunen, Musik, genauer Beobachtung und einer ordentlichen Portion „Nä, wat is dat schön hier, aber erklären kannste dat keinem“.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da kommt jemand aus Südtirol ins Rheinland, also aus einer Gegend, in der Berge noch Berge sind und nicht leichte Erhebungen hinterm Autobahnkreuz, und entdeckt hier eine Landschaft, die auf den ersten Blick aussieht wie eine Mischung aus Karneval, Baustelle, Stadtarchiv und Familienfeier. Andere wären wieder abgereist. Beikircher jedoch blieb. Vermutlich, weil er ahnte: Hier ist gibt es noch etwas zu tun.

Denn das Rheinland vor Beikircher war zwar schon existent, aber es wusste es noch nicht so ganz genau. Köln hatte den Dom, Bonn hatte Beethoven, Düsseldorf hatte ein übersteigertes Selbstbewusstsein, und dazwischen lagen Orte, in denen man sich mit drei Silben, zwei Blicken und einem „Jaja“ vollständige Weltanschauungen mitteilen konnte. Aber erst Beikircher kam und sagte sinngemäß: Moment mal, das ist gar kein Durcheinander. Das ist ein System. Ein sehr rheinisches System, also eins, das funktioniert, solange man nicht hinterfragt, wie.

Er nahm den rheinischen Dialekt ernst, ohne ihm die Krawatte anzuziehen. Er erklärte die rheinische Seele, ohne sie in ihre Einzelteile zu sezieren. Und wenn er sie doch sezierte, dann so, dass die Seele selbst dabei lachen musste und hinterher sagte: „Dat hässte ävver schön jesaat.

Seine große Leistung war nicht, dass er den Rheinländern etwas beigebracht hätte. Nein, schlimmer: Er hat ihnen erklärt, was sie ohnehin schon sind. Und das ist im Rheinland brandgefährlich! Denn wenn ein Rheinländer sich selbst erkennt, bestellt er entweder ein Kölsch, gründet einen Stammtisch oder sagt: „Dat han ich dir doch immer schon jesaat.

Beikircher machte aus dem rheinischen Singsang eine Wissenschaft, aus der Wissenschaft Kabarett und aus dem Kabarett Heimatkunde mit Lachgarantie. Er zeigte, dass ein Satz wie „Da kannste nix machen“ keineswegs Resignation bedeutet, sondern eine philosophische Weltformel ist. Er bewies, dass „Et kütt wie et kütt“ nicht etwa Fatalismus ist, sondern angewandte Metaphysik mit regionalem Qualitätssiegel. Denn es gilt im Rheinland:“Ett hätt noch immer joot jejange“.

Und so wurde aus dem Südtiroler ein Rheinländer, aus dem Beobachter ein Botschafter, aus dem Kabarettisten ein Kartograf einer inneren Landschaft. Er zeichnete keine Flüsse und Grenzen ein, sondern Tonfälle, Denkpausen, Ausweichmanöver, Umständlichkeiten, Herzlichkeiten und jene geheimnisvolle rheinische Fähigkeit, gleichzeitig verbindlich und völlig unverbindlich zu sein.

Das eigentlich Komische daran: Er musste all das nie erfinden. Er musste nur genau genug hinhören, während die Südtiroler Seele in ihm ungläubig den Kopf schüttelte – über Menschen, die eine Beerdigung als Anlass für einen guten Witz betrachten und die Bewerbung des Karnevalsprinzen ernster nehmen als die Kommunalwahl.

Der „Erfinder des Rheinlandes“ war also kein Herrscher, kein Stadtplaner, kein Bürokrat mit Ärmelschomern. Er war eher der Mann, der mit gespitztem Ohr durch Bonn, Köln und den ganzen rheinischen Kosmos ging und sagte: „Hört doch mal hin. Ihr seid ein Gedicht. Ein etwas verschachteltes, gelegentlich nuschelndes, aber ein Gedicht.

Lieber Konrad Beikircher, wenn das Rheinland heute weiß, dass es nicht nur eine Gegend ist, sondern eine Haltung, dann auch wegen dir. Du hast ihm kein Denkmal gebaut, sondern etwas viel Passenderes: eine Pointe. Und eine Pointe ist im Rheinland bekanntlich stabiler als Beton, weil sie sich besser weitererzählen lässt.

Kurz gesagt:
Konrad Beikircher hat das Rheinland nicht erfunden, wie man ein Gerät erfindet.
Er hat es erfunden, wie man eine Melodie findet, die schon immer in der Luft lag.
Er hat nur als Erster genau hingehört.

Und dafür sagt das Rheinland, wie nur das Rheinland sagen kann:
Konrad, dat haste joot jemaat. Wirklich. Also jetzt nicht übertreiben, aber: sehr joot.

„Maach ett joot …“

Titelbild:Elke Wetzig (Elya)

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Der Chilli-Tester

NOTIZEN EINES UNERFAHRENEN CHILI-TESTERS WÄHREND SEINES URLAUBS IN TEXAS

Kürzlich wurde mir die Ehre zuteil, als Ersatzpunktrichter bei einem Chili-Kochwettbewerb teilzunehmen, Der ursprüngliche Punktrichter war kurzfristig erkrankt und ich stand gerade in der Nähe des Punktrichterstandes und erkundigte mich nach dem Bierstand, als die Nachricht über seinen Ausfall eintraf. Die beiden Punktrichter (beides gebürtige Texaner) versicherten mir, dass die zu testenden Chilis nicht allzu scharf sein würden. Außerdem versprachen sie mir Freibier während des ganzen Wettbewerbs.

Hier sind die Bewertungskarten des Wettbewerbs:

 

Chilli Nr.1 Maniac Mobster Monster Chili

  • Richter 1: Etwas zu tomatenbetont, amüsanter Kick
  • Richter 2: Angenehmes, geschmeidiges Tomatenaroma, sehr mild.
  • Ich: Ach Du Scheiße! Was ist das für ein Zeug? Damit kann man getrocknete Farbe von der Autobahn lösen! Brauchte zwei Bier, um die Flammen zu löschen; ich hoffe, das war das Übelste. Diese Texaner sind echt bescheuert.



Chilli Nr.2 McArthurs Nachbrenner-Chili

  • Richter 1: Rauchig, mit einer Note von Speck. Leichte Pepperonibetonung.
  • Richter 2: Aufregendes Grill-Aroma, braucht mehr Pepperoni, um ernst genommen zu werden.
  • Ich: Schließt das Zeug vor den Kindern weg. Ich weiß nicht, was ich außer Schmerzen hier noch schmecken könnte. Zwei Leute wollen mir Erste Hilfe leisten und schleppen mehr Bier an, als sie meinen Geichtsausdruck sahen.


Chilli Nr.3 Fred’s berühmtes “Brennt die Hütte nieder”-Chilli

  • Richter 1: Exzellentes Feuerwehrchili! Mordskick. Brauch mehr Bohnen.
  • Richter 2: Ein bohnenloses Chili, ein wenig salzig, gute Dosierung roter Pfefferschoten.
  • Ich: Ruf den Katastrophenschutz! Ich habe ein Uranleck gefunden. Meine Nase fühlt sich an, als hätte ich Rohrfrei geschnieft. Inzwischen weiß jeder, was zu tun ist; bringt mir mehr Bier, bevor ich zünde!


Chilli Nr. 4 Bubba’s Black Magic

  • Richter 1: Chili mit schwarzen Bohnen und fast ungewürzt. Enttäuschend.
  • Richter 2: Ein Touch von Limonen in den schwarzen Bohnen. Gute Beilage für Fisch und andere milde Gerichte, eigentlich kein richtiges Chili.
  • Ich: Irgendetwas ist über meine Zunge gekratzt, aber ich konnte nichts schmecken. Ist es möglich, einen Tester auszubrennen?


Chilli Nr.5 Lisa’s legaler Lippenentferner

  • Richter 1: Fleischiges, starkes Chili. Frisch gemahlener Cheyennepfeffer fügt einen bemerkenswerten Kick hinzu. Sehr beeinruckend.
  • Richter 2: Hackfleisch-Chili, könnte mehr Tomaten vertragen. Ich muss zugeben, dass der Cheyennepfeffer einen bemerkenswerten Eindruck hinterlässt.
  • Ich: Meine Ohren klingeln. Schweiß läuft in Bächen meine Stirn hinab und ich kann nicht mehr klar sehen. Musste furzen und vier Leute hinter mir mussten von einem Sanitäter behandelt werden. Die Köchin schien beleidigt zu sein, als ich ihr erklärte, dass ich von dem Zeug einen Hirnschaden erlitten habe. Sally goß Bier direkt aus dem Pitcher auf meine Zunge und stoppte die Blutung. Ich frage mich, ob meine Lippen abgebrannt sind?


Chilli Nr.6 Vera’s sehr vegetarisches Chilli

  • Richter 1: Dünnes, aber dennoch kräftiges Chili. Gute Balance zischen Chilis und anderen Gewürzen.
  • Richter 2: Das beste bis jetzt! Aggressiver Einsatz von Chilischoten, Zwiebeln und Knoblauch. Superb!
  • Ich: Meine Därme sind gerade ein Rohr voller gasiger, schwefeliger Flammen. Ich habe mich vollgeschissen, als ich furzen musste und ich fürchte, es wird sich durch Hose und Suhl fressen. Niemand traut sich mehr, hinter mir zu stehen. Kann meine Lippen nicht mehr fühlen. Ich habe gerade das dringende Bedürfnis, mir den Hintern mit einem großen Schneeball abzuwischen.


Chilli Nr.7 Susanne’s “Schreiende Sensation”-Chilli

  • Richter 1: Ein moderates Chili mit zu großer Betonung auf Dosenpepperoni.
  • Richter 2: Ahhm, … schmeckt, als hätte der Koch tatsächlich im letzten Moment eine Dose Pepperoni hineingeworfen. Ich mache mir Sorgen um Richter 3. Er scheint sich ein wenig unwohl zu fühlen und fluchtvöllig unkontrolliert.
  • Ich: Ihr könnt eine Granate in meinen Mund stecken und den Bolzen ziehen, ich würde nicht einen Mucks fühlen. Auf einem Auge sehe ich gar nichts mehr und die Welt hört sich wie ein rauschender Wasserfall an. Mein Hemd ist voller Chili, das mir unbemerkt aus dem Mund getropft ist und meine Hose ist voll mit lava-artigem Schiss und passt damit hervorragend zu meinem Hemd. Wenigstens werden sie bei der Autopsie schnell erfahren, was mich getötet hat. Habe beschlossen, das Atmen einzustellen, es ist einfach zu schmerzvoll. Was soll’s, ich bekomme keinen Sauerstoff mehr. Wenn ich Luft brauche, werde ich sie einfach durch das große Loch in meinem Bauch einsaugen.


Chilli Nr.8 Helena’s Mount Saint Chilli

  • Richter 1: Ein perfekter Ausklang – ein ausgewogenes Chili, pikant und für jeden geeignet. Nicht zu wuchtig, aber würzig genug, um auf seine Existenz hinzuweisen.
  • Richter 2: Der letzte Bewerber ist ein gut ausbalanciertes Chili, weder zu mild noch zu scharf. Bedauerlich ist nur, dass das meiste davon verloren ging, als Richter 3 ohnmächtig vom Stuhl fiel und dabei den Topf über sich ausleerte. Bin mir nicht sicher, ob er durchkommt. Armer Kerl, ich frage mich, wie er auf ein scharfes Chili reagiert hätte …