Konrad Beikircher, der Erfinder des Rheinlandes

Am 28.Juli 2026 ist der Kabarettist, Musiker und Autor Konrad Beikircher, dessen Wirken sich vor allem der rheinischen Wesensart und dem rheinischen Regiolekt widmete, verstorben. Der Kabarettist Jürgen Becker bezeichnete ihn als Erfinder des Rheinlandes. In diesem Sinne eine kleine Hommage an den 1945 in Südtirol geborenen wunderbaren Kabarettisten, einem der letzten dieser Sorte.

Es gibt Menschen, die erfinden das Rad.
Andere erfinden das Internet.
Konrad Beikircher aber erfand etwas viel Komplizierteres:
das Rheinland
.

Und zwar nicht am Reißbrett, mit Bauplan oder Ministerialerlass, sondern mit dem einzig dafür zulässigen Werkzeug: mit Sprache, Staunen, Musik, genauer Beobachtung und einer ordentlichen Portion „Nä, wat is dat schön hier, aber erklären kannste dat keinem“.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da kommt jemand aus Südtirol ins Rheinland, also aus einer Gegend, in der Berge noch Berge sind und nicht leichte Erhebungen hinterm Autobahnkreuz, und entdeckt hier eine Landschaft, die auf den ersten Blick aussieht wie eine Mischung aus Karneval, Baustelle, Stadtarchiv und Familienfeier. Andere wären wieder abgereist. Beikircher jedoch blieb. Vermutlich, weil er ahnte: Hier ist gibt es noch etwas zu tun.

Denn das Rheinland vor Beikircher war zwar schon existent, aber es wusste es noch nicht so ganz genau. Köln hatte den Dom, Bonn hatte Beethoven, Düsseldorf hatte ein übersteigertes Selbstbewusstsein, und dazwischen lagen Orte, in denen man sich mit drei Silben, zwei Blicken und einem „Jaja“ vollständige Weltanschauungen mitteilen konnte. Aber erst Beikircher kam und sagte sinngemäß: Moment mal, das ist gar kein Durcheinander. Das ist ein System. Ein sehr rheinisches System, also eins, das funktioniert, solange man nicht hinterfragt, wie.

Er nahm den rheinischen Dialekt ernst, ohne ihm die Krawatte anzuziehen. Er erklärte die rheinische Seele, ohne sie in ihre Einzelteile zu sezieren. Und wenn er sie doch sezierte, dann so, dass die Seele selbst dabei lachen musste und hinterher sagte: „Dat hässte ävver schön jesaat.

Seine große Leistung war nicht, dass er den Rheinländern etwas beigebracht hätte. Nein, schlimmer: Er hat ihnen erklärt, was sie ohnehin schon sind. Und das ist im Rheinland brandgefährlich! Denn wenn ein Rheinländer sich selbst erkennt, bestellt er entweder ein Kölsch, gründet einen Stammtisch oder sagt: „Dat han ich dir doch immer schon jesaat.

Beikircher machte aus dem rheinischen Singsang eine Wissenschaft, aus der Wissenschaft Kabarett und aus dem Kabarett Heimatkunde mit Lachgarantie. Er zeigte, dass ein Satz wie „Da kannste nix machen“ keineswegs Resignation bedeutet, sondern eine philosophische Weltformel ist. Er bewies, dass „Et kütt wie et kütt“ nicht etwa Fatalismus ist, sondern angewandte Metaphysik mit regionalem Qualitätssiegel. Denn es gilt im Rheinland:“Ett hätt noch immer joot jejange“.

Und so wurde aus dem Südtiroler ein Rheinländer, aus dem Beobachter ein Botschafter, aus dem Kabarettisten ein Kartograf einer inneren Landschaft. Er zeichnete keine Flüsse und Grenzen ein, sondern Tonfälle, Denkpausen, Ausweichmanöver, Umständlichkeiten, Herzlichkeiten und jene geheimnisvolle rheinische Fähigkeit, gleichzeitig verbindlich und völlig unverbindlich zu sein.

Das eigentlich Komische daran: Er musste all das nie erfinden. Er musste nur genau genug hinhören, während die Südtiroler Seele in ihm ungläubig den Kopf schüttelte – über Menschen, die eine Beerdigung als Anlass für einen guten Witz betrachten und die Bewerbung des Karnevalsprinzen ernster nehmen als die Kommunalwahl.

Der „Erfinder des Rheinlandes“ war also kein Herrscher, kein Stadtplaner, kein Bürokrat mit Ärmelschomern. Er war eher der Mann, der mit gespitztem Ohr durch Bonn, Köln und den ganzen rheinischen Kosmos ging und sagte: „Hört doch mal hin. Ihr seid ein Gedicht. Ein etwas verschachteltes, gelegentlich nuschelndes, aber ein Gedicht.

Lieber Konrad Beikircher, wenn das Rheinland heute weiß, dass es nicht nur eine Gegend ist, sondern eine Haltung, dann auch wegen dir. Du hast ihm kein Denkmal gebaut, sondern etwas viel Passenderes: eine Pointe. Und eine Pointe ist im Rheinland bekanntlich stabiler als Beton, weil sie sich besser weitererzählen lässt.

Kurz gesagt:
Konrad Beikircher hat das Rheinland nicht erfunden, wie man ein Gerät erfindet.
Er hat es erfunden, wie man eine Melodie findet, die schon immer in der Luft lag.
Er hat nur als Erster genau hingehört.

Und dafür sagt das Rheinland, wie nur das Rheinland sagen kann:
Konrad, dat haste joot jemaat. Wirklich. Also jetzt nicht übertreiben, aber: sehr joot.

„Maach ett joot …“

Titelbild:Elke Wetzig (Elya)

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Der Chilli-Tester

NOTIZEN EINES UNERFAHRENEN CHILI-TESTERS WÄHREND SEINES URLAUBS IN TEXAS

Kürzlich wurde mir die Ehre zuteil, als Ersatzpunktrichter bei einem Chili-Kochwettbewerb teilzunehmen, Der ursprüngliche Punktrichter war kurzfristig erkrankt und ich stand gerade in der Nähe des Punktrichterstandes und erkundigte mich nach dem Bierstand, als die Nachricht über seinen Ausfall eintraf. Die beiden Punktrichter (beides gebürtige Texaner) versicherten mir, dass die zu testenden Chilis nicht allzu scharf sein würden. Außerdem versprachen sie mir Freibier während des ganzen Wettbewerbs.

Hier sind die Bewertungskarten des Wettbewerbs:

 

Chilli Nr.1 Maniac Mobster Monster Chili

  • Richter 1: Etwas zu tomatenbetont, amüsanter Kick
  • Richter 2: Angenehmes, geschmeidiges Tomatenaroma, sehr mild.
  • Ich: Ach Du Scheiße! Was ist das für ein Zeug? Damit kann man getrocknete Farbe von der Autobahn lösen! Brauchte zwei Bier, um die Flammen zu löschen; ich hoffe, das war das Übelste. Diese Texaner sind echt bescheuert.



Chilli Nr.2 McArthurs Nachbrenner-Chili

  • Richter 1: Rauchig, mit einer Note von Speck. Leichte Pepperonibetonung.
  • Richter 2: Aufregendes Grill-Aroma, braucht mehr Pepperoni, um ernst genommen zu werden.
  • Ich: Schließt das Zeug vor den Kindern weg. Ich weiß nicht, was ich außer Schmerzen hier noch schmecken könnte. Zwei Leute wollen mir Erste Hilfe leisten und schleppen mehr Bier an, als sie meinen Geichtsausdruck sahen.


Chilli Nr.3 Fred’s berühmtes “Brennt die Hütte nieder”-Chilli

  • Richter 1: Exzellentes Feuerwehrchili! Mordskick. Brauch mehr Bohnen.
  • Richter 2: Ein bohnenloses Chili, ein wenig salzig, gute Dosierung roter Pfefferschoten.
  • Ich: Ruf den Katastrophenschutz! Ich habe ein Uranleck gefunden. Meine Nase fühlt sich an, als hätte ich Rohrfrei geschnieft. Inzwischen weiß jeder, was zu tun ist; bringt mir mehr Bier, bevor ich zünde!


Chilli Nr. 4 Bubba’s Black Magic

  • Richter 1: Chili mit schwarzen Bohnen und fast ungewürzt. Enttäuschend.
  • Richter 2: Ein Touch von Limonen in den schwarzen Bohnen. Gute Beilage für Fisch und andere milde Gerichte, eigentlich kein richtiges Chili.
  • Ich: Irgendetwas ist über meine Zunge gekratzt, aber ich konnte nichts schmecken. Ist es möglich, einen Tester auszubrennen?


Chilli Nr.5 Lisa’s legaler Lippenentferner

  • Richter 1: Fleischiges, starkes Chili. Frisch gemahlener Cheyennepfeffer fügt einen bemerkenswerten Kick hinzu. Sehr beeinruckend.
  • Richter 2: Hackfleisch-Chili, könnte mehr Tomaten vertragen. Ich muss zugeben, dass der Cheyennepfeffer einen bemerkenswerten Eindruck hinterlässt.
  • Ich: Meine Ohren klingeln. Schweiß läuft in Bächen meine Stirn hinab und ich kann nicht mehr klar sehen. Musste furzen und vier Leute hinter mir mussten von einem Sanitäter behandelt werden. Die Köchin schien beleidigt zu sein, als ich ihr erklärte, dass ich von dem Zeug einen Hirnschaden erlitten habe. Sally goß Bier direkt aus dem Pitcher auf meine Zunge und stoppte die Blutung. Ich frage mich, ob meine Lippen abgebrannt sind?


Chilli Nr.6 Vera’s sehr vegetarisches Chilli

  • Richter 1: Dünnes, aber dennoch kräftiges Chili. Gute Balance zischen Chilis und anderen Gewürzen.
  • Richter 2: Das beste bis jetzt! Aggressiver Einsatz von Chilischoten, Zwiebeln und Knoblauch. Superb!
  • Ich: Meine Därme sind gerade ein Rohr voller gasiger, schwefeliger Flammen. Ich habe mich vollgeschissen, als ich furzen musste und ich fürchte, es wird sich durch Hose und Suhl fressen. Niemand traut sich mehr, hinter mir zu stehen. Kann meine Lippen nicht mehr fühlen. Ich habe gerade das dringende Bedürfnis, mir den Hintern mit einem großen Schneeball abzuwischen.


Chilli Nr.7 Susanne’s “Schreiende Sensation”-Chilli

  • Richter 1: Ein moderates Chili mit zu großer Betonung auf Dosenpepperoni.
  • Richter 2: Ahhm, … schmeckt, als hätte der Koch tatsächlich im letzten Moment eine Dose Pepperoni hineingeworfen. Ich mache mir Sorgen um Richter 3. Er scheint sich ein wenig unwohl zu fühlen und fluchtvöllig unkontrolliert.
  • Ich: Ihr könnt eine Granate in meinen Mund stecken und den Bolzen ziehen, ich würde nicht einen Mucks fühlen. Auf einem Auge sehe ich gar nichts mehr und die Welt hört sich wie ein rauschender Wasserfall an. Mein Hemd ist voller Chili, das mir unbemerkt aus dem Mund getropft ist und meine Hose ist voll mit lava-artigem Schiss und passt damit hervorragend zu meinem Hemd. Wenigstens werden sie bei der Autopsie schnell erfahren, was mich getötet hat. Habe beschlossen, das Atmen einzustellen, es ist einfach zu schmerzvoll. Was soll’s, ich bekomme keinen Sauerstoff mehr. Wenn ich Luft brauche, werde ich sie einfach durch das große Loch in meinem Bauch einsaugen.


Chilli Nr.8 Helena’s Mount Saint Chilli

  • Richter 1: Ein perfekter Ausklang – ein ausgewogenes Chili, pikant und für jeden geeignet. Nicht zu wuchtig, aber würzig genug, um auf seine Existenz hinzuweisen.
  • Richter 2: Der letzte Bewerber ist ein gut ausbalanciertes Chili, weder zu mild noch zu scharf. Bedauerlich ist nur, dass das meiste davon verloren ging, als Richter 3 ohnmächtig vom Stuhl fiel und dabei den Topf über sich ausleerte. Bin mir nicht sicher, ob er durchkommt. Armer Kerl, ich frage mich, wie er auf ein scharfes Chili reagiert hätte …