Wolfgang Graf Berghe von Trips – Ein Leben im Aufbruch

Es gibt Rennfahrer, die schnell sind. Es gibt Rennfahrer, die beliebt sind. Und dann gibt es Wolfgang Graf Berghe von Trips – einen Mann, der beides war und darüber hinaus zu einer Symbolfigur des deutschen Motorsports wurde.
Geboren am 4. Mai 1928 in Köln und aufgewachsen auf Burg Hemmersbach in Kerpen-Horrem, entstammte er einem alten niederrheinischen Adelsgeschlecht. Seine Herkunft war aristokratisch, sein Lebensweg jedoch alles andere als vornehm zurückhaltend: Von Trips suchte die Geschwindigkeit, die Herausforderung, das Risiko.
Sein Leben endete tragisch beim Großen Preis von Italien 1961 in Monza, heute vor 65 Jahren.

Vom kränklichen Jungen zum internationalen Rennfahrer

Seine Kindheit war geprägt von gesundheitlichen Rückschlägen – Kinderlähmung, Hirnhautentzündung, Mittelohr-OP –, doch er kämpfte sich zurück. Ausgleichssport und eiserner Wille formten aus dem fragilen Jungen einen Mann, der später mit über 250 km/h durch Monza donnern sollte.

Seine ersten Schritte im Motorsport machte er 1950 auf einer 500er BMW, später unter dem Pseudonym „Axel Linther“ auf einem VW Käfer – damit die Eltern nichts vom gefährlichen Hobby erfuhren. 1954 folgte der Durchbruch: Klassensieg bei der Mille Miglia und Deutscher Meister in der GT-Klasse bis 1600 cm³

Von Trips war mehr als ein Fahrer. Er war ein Botschafter, ein Brückenbauer, ein Mann, der Deutschland nach dem Krieg wieder auf die internationale Motorsportkarte setzte.
Er fuhr nicht nur Rennen – er fuhr für ein Land, das wieder Hoffnung brauchte.

Nachdem er bei der Mille Miglia 1957 kurz vor dem Ziel auf einen Sieg verzichtete, um den deutlich älteren Piero Taruffi aus Respekt vor Enzo Ferrari nicht mehr zu überholen, erklärte er sein Handeln in der Zeitschrift Kristall:

Ich wollte dem alten Herrn den Sieg überlassen, schon aus Respekt gegenüber Enzo Ferrari. Es war auch, weil sein Wagen nicht mehr richtig lief. Es war kein fairer Kampf mehr

Seine Siege 1961 – Zandvoort, Aintree – waren nicht nur sportliche Erfolge. Sie waren Momente des Aufbruchs, Augenblicke, in denen Deutschland wieder jubeln durfte.
Und er tat es mit einer Bescheidenheit, die ihn noch größer machte.

Ferrari, Porsche und die große Bühne der Formel 1

Von Trips war kein Fahrer, der sich langsam hocharbeitete – er explodierte förmlich in die internationale Szene.
Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer entdeckte ihn 1955, doch der Stern verließ die Formel 1. Also ging Trips dorthin, wo die schnellsten Männer der Welt fuhren: Ferrari.

Zwischen 1956 und 1961 startete er in der Formel 1, holte 2 Siege, 6 Podien, 1 Pole Position und sammelte 56 WM-Punkte. 1961 war sein Jahr:

  • Sieg beim Großen Preis der Niederlande
  • Sieg beim Großen Preis von Großbritannien
  • Führung in der Weltmeisterschaft

Er war auf dem Weg, Deutschlands erster Formel‑1‑Weltmeister zu werden.

Der Mann hinter dem Helm: Weltoffen, sympathisch, ein Botschafter

Wer ihn kannte, sprach von einem Mann, der lachte, der zuhörte, der sich kümmerte.
Ein Mann, der trotz seiner adligen Herkunft nie Distanz suchte, sondern Nähe.
Ein Mann, der wusste, wie zerbrechlich das Leben ist – vielleicht gerade deshalb suchte er die Geschwindigkeit, nicht als Flucht, sondern als intensivste Form des Daseins. Sein Stil war elegant, fast aristokratisch, aber nie abgehoben. Er sprach mehrere Sprachen, bewegte sich selbstverständlich zwischen Kulturen, und überall, wo er auftauchte, hinterließ er den Eindruck eines Mannes, der mit dem Herzen führt.

Er brachte den Kartsport nach Deutschland, gründete den „Scuderia Colonia“-Club, förderte junge Talente. Ohne ihn wäre die Geschichte eines gewissen Michael Schumacher womöglich anders verlaufen.
Von Trips war ein Pionier, ohne sich selbst so zu nennen.

Monza 1961 – Der Tag, an dem die Welt stillstand

Der 10. September 1961 ist ein Datum, das sich in die Geschichte eingebrannt hat.
In der zweiten Runde des Grand Prix von Italien kam es zur Kollision mit Jim Clark. Der Ferrari hob ab, überschlug sich – und die Welt verlor einen Mann, der gerade dabei war, Deutschlands erster Formel‑1‑Weltmeister zu werden.

Er starb mit 33 Jahren.
Er starb an einem Ort, den er liebte.
Er starb, während er tat, was ihn lebendig machte.

Sein Tod war ein Schock, ein Riss, ein Moment, in dem die Formel 1 ihre Unschuld verlor. Doch sein Vermächtnis blieb – und es leuchtet bis heute. Phil Hill, sein Teamkollege, wurde später Weltmeister – um einen Punkt. Von Trips wurde posthum Vizeweltmeister.
Rennleiter Huschke von Hanstein würdigte ihn bei der Trauerfeier 1961 mit den Worten: „Über Dich, Wolfgang Graf Berghe von Trips, kann man nur Gutes sprechen.

Vermächtnis eines verlorenen Weltmeisters

Wolfgang Graf Berghe von Trips wurde nur 33 Jahre alt, doch sein Einfluss reicht weit über seine kurze Karriere hinaus:

  • Er war Deutschlands erster internationaler Motorsportstar nach dem Krieg.
  • Er prägte Ferrari in einer ihrer stärksten Ären.
  • Er brachte Kartsport und Nachwuchsförderung nach Deutschland.
  • Er bleibt ein Symbol für Mut, Eleganz und tragische Größe.

Wolfgang Graf Berghe von Trips ist nicht einfach ein Name in den Geschichtsbüchern.
Er ist der Mann, der Deutschland wieder träumen ließ, der zeigte, dass Größe nicht laut sein muss, sondern klar, menschlich und aufrichtig.

Wenn von Trips fuhr, schien die Luft um ihn herum weicher zu werden.
Nicht, weil er langsam war – im Gegenteil.
Sondern weil er eine Art hatte, die Geschwindigkeit zu zähmen, sie nicht zu bekämpfen, sondern mit ihr zu tanzen.
Er war kein Fahrer, der die Strecke eroberte.
Er war ein Fahrer, der sie verstand.

Seine Siege waren keine Explosionen, sondern Lichtkegel, die sich über Europa legten.
Zandvoort, Aintree – Orte, die heute noch seinen Namen tragen wie ein Echo, das nicht verstummen will.

Seine Grabstätte in Kerpen-Horrem liegt nicht weit entfernt von jener Region, die später weitere Weltmeister hervorbringen sollte. Es ist, als hätte er den Boden vorbereitet – als hätte er etwas hinterlassen, das weiterwächst.

Wolfgang Graf Berghe von Trips war ein Rennfahrer.
Ein Aristokrat.
Ein Visionär.
Ein Mensch.

Und vor allem:
Er war jemand, der die Welt ein Stück heller machte, indem er sie mit Leidenschaft berührte.


Im Jahr 2021 habe ich mit meinem Projekt Son Electronique anlässlich des 60. Todestages von Wolfgang Graf Berghe von Trips ein paar Stücke zu einem Album „The Count“ aufgenommen, die an sein Leben und seinen Sport erinnern.




Der Musiker Chris Rea war in seiner Kindheit ein großer Fan von Wolfgang Graf Berghe von Trips, und verarbeitet im Film „La Passione“ einen Teil seiner eigenen Familiengeschichte mit Bildern aus dem Leben seines Helden.

Rea schrieb das Drehbuch selbst, produzierte den Film und komponierte den kompletten Soundtrack – ein Mix aus orchestralen Stücken, nostalgischen Themen und musikalischen Miniaturen, die wie kleine Fenster in seine eigene Jugend wirken. Shirley Bassey verleiht dem Projekt zusätzlich Glamour, unter anderem mit dem Titelsong „La Passione“ und dem wunderschönen „Shirley, Do You Own A Ferrari“.

Mein Blogbeitrag aus November 2016 zu La Passione



Schimanski statt Schiller – oder: Wie ich 1984 meinen Deutschlehrer zur Verzweiflung brachte

1984.

Heute würde man wahrscheinlich sagen: ein Schlüsseljahr.
Ich würde eher sagen: Wat für ein Jahr!

Die Neue Deutsche Welle lief aus den Lautsprechern, die ersten Leute trugen neonfarbene Klamotten, Schulterpolster machten aus normalen Menschen Kleiderständer und irgendwo stand garantiert ein Kassettenrekorder, bei dem man mit einem Bleistift das Band zurückspulen konnte.

Und im Fernsehen? Da lief Tatort. Und da gab es einen Mann, der für mich wesentlich interessanter war als sämtliche Herren der deutschen Klassik zusammen:

Hauptkommissar Horst Schimanski aus Duisburg. Gespielt von Götz George.

Schimanski war kein Kommissar, wie an ihn aus irgendwelchen alten Tatorten kannte, beispielsweise sein Vorgänger Haferkamp, gespielt von Hans-Jörg Felmy – der sah immer adrett aus und wußte sich zu benehmen. Schimanski hingegen war Duisburg pur. M-65 Feldjacke, Jeans, verschwitztes T-Shirt, schlechte Laune und eine Sprache, bei der unser Deutschlehrer vermutlich jedes zweite Wort mit einem roten Stift unterstrichen hätte, weil es „Scheiße“ war.

Aber genau deshalb mochte ich ihn. Schimanski war nicht geschniegelt. Der Mann war echt. Wenn er irgendwo reinkam, wusste man: Jetzt wird’s ungemütlich. Und manchmal wurde es sogar für die Einrichtung ungemütlich.


Dann kam diese verhängnisvolle Deutschstunde

Wir saßen also 1984 im Deutschunterricht. Unser Lehrer stellte eine eigentlich völlig harmlose Frage:

„Welche Lektüre würdet ihr gerne einmal im Unterricht behandeln?“

Unser Lehrer erwartete vermutlich Antworten wie:
„Die Räuber“ von Schiller.
„Der Zauberberg“ von Thomas Mann.
Vielleicht Goethe. Kafka. Büchner.

Literarische Schwergewichte eben. Ich hatte allerdings eine andere Vorstellung davon, was man im Deutschunterricht lesen könnte.

Ich dachte: Warum eigentlich nicht Schimanski?

Immerhin war das auch Sprache. Dialoge. Dramaturgie. Charaktere. Gesellschaft. Moral. Konflikte. Und vor allem: Es passierte etwas. Also meldete ich mich. Ich weiß nicht mehr, ob ich besonders mutig oder einfach nur völlig ahnungslos war.

Ich sagte sinngemäß: „Wie wäre es denn mal mit einem Tatort-Drehbuch mit Hauptkommissar Schimanski?“ Ruhe. Absolute Ruhe. Diese Art von Ruhe, bei der man plötzlich merkt: Oh. Das war jetzt vielleicht nicht die erwartete Antwort.

Der Gesichtsausdruck meines Lehrers glich jedoch eher dem von Kollege Christian Thanner, wenn Schimi mal wieder mit dreckigen Stiefeln durch dessen penibel aufgeräumte Wohnung gestapft war. Absolute, kulturpessimistische Fassungslosigkeit. Ein klassischer Fall von Unverständnis im Endstadium. Das humanistische Gymnasium war offenkundig noch nicht bereit für die rauen Gassen von Duisburg-Ruhrort. Und irgendwo zwischen uns lag die gesamte deutsche Literaturgeschichte.

Auf meiner Seite: Schimanski.

Auf meiner Seite: „Ey, wat soll dat denn?“

Auf der anderen Seite: Schiller.

Auf der einen Seite: „Die Räuber“.

Ich glaube, unser Lehrer musste diesen Moment erst einmal verarbeiten. Vielleicht fragte er sich: „Hat der Junge gerade tatsächlich vorgeschlagen, einen Tatort im Deutschunterricht zu lesen?“ Ja. Hatte ich. Und ich meinte es ernst.


Schimanski war für mich Literatur – nur anders

Ich fand Schimanski damals faszinierend. Nicht nur wegen der Fälle. Sondern wegen dieser Figur. Der Typ war kein Held, der immer alles im Griff hatte. Schimanski war oft selbst ziemlich fertig. Er machte Fehler. Er war stur. Er hatte Ecken und Kanten. Und er hatte eine ganz eigene Sprache.

Dieses Ruhrpott-Ding.
Dieses: „Hömma!“
Dieses: „Wat is?“

Dieses kurze, direkte Reden, bei dem man nicht erst drei Seiten Goethe lesen musste, um zu verstehen, was jemand eigentlich sagen wollte. Schimanski brauchte keine großen Monologe. Der schaute jemanden an und man wusste:

Jetzt gibt’s Ärger.

Und wenn Worte nicht mehr reichten, hatte er zur Not noch andere Möglichkeiten. Ich fand das großartig. Für mich war das damals wesentlich näher am echten Leben als irgendein perfekt formulierter Dialog aus einem Klassiker.


Unser Lehrer war nicht überzeugt

Ich glaube, spätestens nach meinem Vorschlag war die Sache für unseren Lehrer klar. Er wollte uns in die Welt der Hochliteratur führen. Ich wollte ihn nach Duisburg schicken. Er wollte Thomas Mann. Ich wollte Schimanski. Er wollte wahrscheinlich Interpretationen schreiben lassen.

Ich wollte wissen: „Wer war der Mörder?“

Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich glaube, ich hätte eine Schimanski-Szene wesentlich lieber analysiert als drei Seiten über die Symbolik eines Herbstblattes in irgendeinem Gedicht.

Heute würde man vielleicht sagen: „Der Schüler hatte einen individuellen Zugang zur Literatur.“

1984 hieß das wahrscheinlich eher: „Der Junge hat sie nicht alle.“


Und dann kam die Konsequenz

Irgendwann war für mich klar: Deutsch als Wahlfach in der 12. Klasse? Nee.

Abgewählt. Aus. Fertig.

Vielleicht hätte ich mich damals etwas mehr mit Schiller beschäftigen sollen. Vielleicht hätte ich feststellen können, dass Schiller und Schimanski sogar gewisse Gemeinsamkeiten haben. Beide beschäftigen sich mit Freiheit.

Mit Macht. Mit Moral. Mit Konflikten. Mit Menschen, die sich gegen irgendwelche Autoritäten stellen. Der Unterschied? Schiller schrieb Dramen. Schimanski lebte sie. Und vermutlich hätte Schimanski selbst bei einer Schiller-Interpretation irgendwann gesagt:

„Hömma, können wir jetzt mal zum Punkt kommen?“


Die 80er waren eben anders

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, sehe ich nicht nur das Klassenzimmer. Ich sehe diese ganze verrückte Welt der 80er. Kassetten, die sich im Rekorder verhedderten. Mixtapes, die man mit viel Liebe zusammenstellte. VHS-Kassetten, die man unter Freunden weitergab. Telefonieren mit einem Telefon, das tatsächlich an einem Kabel hing. Fernbedienungen, die man suchen musste, weil man aufstehen musste, um den Fernseher umzuschalten.

Und natürlich Fernsehen zu festen Zeiten. Kein Streaming. Kein „Ich schaue später“. Wenn der Tatort lief, lief der Tatort. Und wenn Schimanski kam, dann war das für mich Pflichtprogramm. Da saß ich. Vielleicht mit einer Cola. Vielleicht mit irgendeinem Snack. Und wartete darauf, dass Duisburg wieder einmal zum Schauplatz des Verbrechens wurde. Schimanski tauchte auf. M-65 Feldjacke. Jeans. Diese unverwechselbare Körpersprache. Und ich wusste:

Jetzt geht’s los.


Heute verstehe ich meinen Lehrer sogar ein bisschen

Mit fast vier Jahrzehnten Abstand kann ich über diese Geschichte natürlich lachen. Und ich muss zugeben: Ich verstehe meinen Deutschlehrer heute sogar ein bisschen.

Er hatte wahrscheinlich einen Lehrplan. Er hatte Vorstellungen davon, was gute Literatur ist. Und vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass plötzlich ein Schüler mit einem Tatort-Drehbuch um die Ecke kommt.

Aber vielleicht lag genau darin das Problem. Ich wollte Geschichten verstehen. Nicht unbedingt Literaturgeschichte lernen. Ich wollte Figuren kennenlernen. Menschen beobachten. Dialoge hören. Mich in Geschichten verlieren. Und Schimanski war dafür mein Einstieg. Vielleicht war mein Vorschlag deshalb gar nicht so daneben. Vielleicht war ich einfach nur meiner Zeit ein bisschen voraus.


Schimanski gegen Schiller – das Duell, das nie stattfand

Manchmal stelle ich mir heute vor, was passiert wäre, wenn unser Lehrer meinen Vorschlag tatsächlich angenommen hätte.

Deutschstunde. Tafel. Darauf steht:

HORST SCHIMANSKI – TATORT

Unser Lehrer betritt den Raum. „Heute analysieren wir die Figur des Hauptkommissars.“

Ich sitze hinten. Grinse. Endlich. Der Lehrer fragt: „Was fällt Ihnen an Schimanskis Sprache auf?“ Ich melde mich. „Hömma, Herr Lehrer. Die is direkt.“ Der Lehrer seufzt.„Und welche Funktion hat die Gewalt in diesem Zusammenhang?“ Ich: „Wenn der Typ sich aufregt, wird’s meistens interessant.“

Pause.

Der Lehrer: „Sehr gut.“ Ich: „Siehste.“Und dann kommt Schiller. „Die Räuber“.Der Lehrer fragt: „Was ist das zentrale Motiv?“ Ich: „Freiheit.“ Der Lehrer schaut überrascht. „Richtig.“ Ich lehne mich zurück.

Schimanski hätte das genauso gesehen.


Vielleicht war Abwählen gar nicht so schlecht

Dass ich Deutsch als Wahlfach abgewählt habe, habe ich jedenfalls nie als großes Drama empfunden.

Im Gegenteil.

Vielleicht war es sogar eine meiner ersten bewussten Entscheidungen, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe damals vielleicht nicht die klassische Route genommen. Aber genau das ist mir bis heute geblieben:

Nicht immer das zu tun, was alle erwarten.

Vielleicht war sie einfach meine ganz persönliche Form von Take The Long Way Home – nicht den vorgegebenen Weg nehmen, sondern den eigenen. Nicht automatisch den Weg zu wählen, den jemand für mich vorgesehen hat. Und manchmal eben zu sagen:

„Nee. Dat is nicht mein Ding.“

Vielleicht steckt darin sogar ein bisschen Schimanski. Dieser Typ hätte vermutlich auch nicht erst gefragt, ob sein Vorgehen mit dem Lehrplan abgestimmt ist. Er hätte gemacht. Er hätte sich Ärger eingehandelt. Er hätte wahrscheinlich ordentlich eins auf die Mütze bekommen. Und anschließend wäre er trotzdem weitergegangen.


Mein persönlicher Tatort

Wenn ich heute auf diesen Moment von 1984 zurückblicke, muss ich deshalb vor allem schmunzeln. Da saß ein Schüler im Deutschunterricht und wollte Schimanski. Der Lehrer wollte Schiller.

Und irgendwo zwischen diesen beiden Welten saß ich. Vielleicht war ich damals kein besonders guter Schüler in Sachen klassischer Literatur. Aber ich wusste schon ziemlich genau, welche Geschichten mich interessierten.

Und das war vielleicht wichtiger. Denn das Leben hält sich schließlich auch nicht an Lehrpläne. Das Leben ist kein sauber gebundener Thomas-Mann-Roman. Das Leben ist manchmal eher ein Schimanski-Tatort:

Ein bisschen chaotisch. Ein bisschen dreckig. Manchmal brutal. Oft absurd. Zwischendurch bisweilen ziemlich lustig. Und meistens weiß man erst am Ende, wie der Fall eigentlich ausgegangen ist. Und wenn es ganz dick kommt, steht man irgendwann irgendwo im Ruhrpott, schaut sich die ganze Sache an und sagt:

„Hömma… wat soll ich dazu noch sagen?“

Dann zieht man die Jacke an. Geht raus. Und macht weiter.

1984 hätte ich vielleicht Schiller lesen sollen.

Aber ich hatte Schimanski.
Und ganz ehrlich?

Ich würde es heute wieder genauso machen.




65 Jahre Mauerbau: Erinnerungen an eine Grenze, die Menschen trennte

„The green grass grows forever
Beneath the bloody sky
In memory of the martyrs
She′ll cover when they die“

In Memory Of The Martyrs, Barclay James Harvest, 1980

Am 13. August 1961 begann eines der einschneidendsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die DDR-Führung ließ in Berlin die Sektorengrenze abriegeln. In den frühen Morgenstunden wurden Straßen aufgerissen, Barrikaden errichtet, Betonpfähle eingerammt und Stacheldraht gezogen. Der Übergang von Ost nach West war plötzlich versperrt, Berlin war geteilt. [1][2]

Heute, 65 Jahre später, ist der Jahrestag mehr als ein historisches Datum. Er erinnert daran, wie schnell Freiheit verloren gehen kann und wie tief politische Entscheidungen in das Leben einzelner Menschen eingreifen können.

Eine Nacht, die Berlin veränderte

Was am 13. August 1961 begann, war zunächst vor allem eine Abriegelung: Sicherheitskräfte der DDR sperrten die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Panzersperren, Stacheldraht und Barrikaden. Polizei, Kampfgruppen und Armee blockierten die Zugänge zum Westteil der Stadt. [3]

Für viele Berlinerinnen und Berliner bedeutete dieser Morgen einen Schock. Familien, Nachbarn, Freundeskreise und Arbeitswege wurden abrupt auseinandergerissen. Wer am Vorabend noch selbstverständlich eine Straße, eine Bahnlinie oder einen Grenzübergang genutzt hatte, stand nun vor Stacheldraht und bewaffneten Posten.

Die Berliner Mauer entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem massiven Grenzsystem. Sie teilte die Stadt entlang ihrer Mitte und umschloss zugleich das gesamte Gebiet West-Berlins. [3]

Warum die Mauer gebaut wurde

Die DDR-Führung wollte mit der Abriegelung vor allem die Massenabwanderung in den Westen stoppen. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt den Mauerbau als Maßnahme, mit der die DDR-Führung die Fluchtbewegung in Richtung Westen unterband. [3]

Berlin spielte dabei eine besondere Rolle. Obwohl die Stadt vollständig innerhalb der sowjetischen Besatzungszone lag, war sie nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren aufgeteilt worden. West-Berlin galt nach 1949 im Osten als „Schaufenster des Westens“. [3]

Mit dem Bau der Mauer wurde aus einer politischen Teilung eine sichtbare, harte Grenze aus Beton, Stacheldraht und Kontrolle.

Symbol des Kalten Krieges

Die Berliner Mauer war weit mehr als ein Bauwerk. Sie wurde zum Symbol der konfliktreichen Nachkriegsordnung und des Kalten Krieges. [1] Auch die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet sie als das symbolträchtigste Bauwerk des Kalten Krieges. [3]

Für die einen stand sie für Macht, Abschottung und Kontrolle. Für die anderen war sie ein Mahnmal der Unfreiheit. Sie zeigte der Welt, wie tief Europa politisch und ideologisch geteilt war.

Besonders tragisch ist, dass die Mauer nicht nur Städte und Staaten trennte, sondern Menschenleben kostete. Mindestens 140 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. [1][3]

Erinnerung heißt Verantwortung

Der 65. Jahrestag des Mauerbaus ist kein Anlass für bloße Rückschau. Er ist eine Erinnerung daran, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Bewegungsfreiheit nicht selbstverständlich sind. Die Geschichte der Berliner Mauer zeigt, wie wichtig es ist, politische Freiheit zu schützen und autoritäre Entwicklungen früh ernst zu nehmen.

Gleichzeitig erinnert dieser Tag an den Mut vieler Menschen: an diejenigen, die Widerstand leisteten, die Flucht wagten, die getrennte Familien zusammenhielten und die später friedlich für Veränderung eintraten.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ihr Fall wurde zu einem Symbol der friedlichen Revolution in der DDR und der Überwindung der deutschen Teilung. [4]

Was bleibt

Von der Berliner Mauer stehen heute nur noch einzelne Abschnitte. Doch ihre Geschichte bleibt präsent: in Gedenkstätten, in Familienerzählungen, in Schulbüchern und im öffentlichen Bewusstsein. Besonders die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße gilt heute als zentraler Erinnerungsort. [4]

65 Jahre nach dem Mauerbau lautet die wichtigste Botschaft: Mauern entstehen nicht nur aus Beton. Sie entstehen auch durch Misstrauen, Angst, Propaganda und die Missachtung menschlicher Freiheit. Umso wichtiger ist es, Geschichte wachzuhalten.

Denn Erinnerung ist nicht nur ein Blick zurück. Sie ist auch eine Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.




20. Juli 1944: Ein kritischer Blick auf Attentat und politische Ziele

Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehört zu den meistverehrten Figuren der deutschen Erinnerungskultur. Straßen, Kasernen und Schulen tragen seinen Namen, jedes Jahr wird am 20. Juli seiner und der anderen Verschwörer im Innenhof des Bendlerblocks gedacht. Diese Verehrung ist verständlich – wer unter Lebensgefahr gegen ein mörderisches Regime aufbegehrt, verdient Respekt. Doch eine unkritische Heldenerzählung wird der historischen Komplexität nicht gerecht. Wer genauer hinschaut, stößt auf ambivalente Motive, ein zögerliches Handeln erst in der Spätphase des Krieges und – vor allem – auf politische Neuordnungspläne, die alles andere als eine liberale Demokratie vorsahen – ein Aspekt, der heute weitgehend unbeachtet ist.

Wer war Stauffenberg?

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde 1907 in eine alte schwäbisch-katholische Adelsfamilie geboren und war von Jugend an geprägt von einem konservativ-nationalen, elitären Standesbewusstsein. Als Berufsoffizier diente er unter anderem in Polen, Frankreich, der Sowjetunion und Nordafrika, wo er im April 1943 bei einem alliierten Luftangriff schwer verwundet wurde: Er verlor das linke Auge, die rechte Hand sowie zwei Finger der linken Hand. 1944 wurde er Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres, General Friedrich Fromm – eine Position, die ihm Zugang zu Hitlers Lagebesprechungen verschaffte und ihn zur Schlüsselfigur der militärischen Verschwörung machte.

Der 20. Juli 1944: Ablauf und Scheitern

Am Vormittag des 20. Juli 1944 platzierte Stauffenberg in der „Wolfsschanze“, Hitlers Führerhauptquartier in Rastenburg, Ostpreußen, eine mit Sprengstoff präparierte Aktentasche unter dem massiven Kartentisch, an dem die Mittagslage besprochen wurde.

Zwei Umstände retteten Hitler vermutlich das Leben: Die Besprechung fand wegen der sommerlichen Hitze in einer leichten Holzbaracke statt, anstatt im üblichen Betonbunker, wodurch sich die Druckwelle weniger konzentriert entlud, und ein Offizier soll die Tasche kurz vor der Explosion hinter einen massiven Tischfuß geschoben haben, der einen Teil der Wucht abfing. Vier Menschen starben, Hitler selbst erlitt nur leichte Verletzungen.

Stauffenberg, der die Explosion aus der Ferne beobachtete und Hitler für tot hielt, flog nach Berlin, um dort „Operation Walküre“ auszulösen – den eigentlich für die Niederschlagung von Unruhen vorgesehenen Plan des Ersatzheeres, der nun zur Machtergreifung der Verschwörer umfunktioniert werden sollte. Doch die Umsetzung geriet von Beginn an ins Stocken: Zögerliche Befehlshaber, unklare Kommunikation und vor allem die sich schnell verbreitende Nachricht, dass Hitler überlebt hatte, ließen den Staatsstreich binnen weniger Stunden kollabieren.

General Fromm, selbst in die Vorbereitungen eingeweiht, wechselte die Seiten, um sich selbst zu schützen, und ließ Stauffenberg noch in der Nacht zum 21. Juli zusammen mit Friedrich Olbricht, Werner von Haeften und Albrecht Mertz von Quirnheim im Hof des Bendlerblocks erschießen.

In den folgenden Wochen wurden etwa 200 Personen im Zusammenhang mit der Verschwörung hingerichtet, Tausende verhaftet – darunter, im Rahmen der „Sippenhaft“, auch unbeteiligte Familienangehörige.

Die geplante politische Neuordnung: kritische Fragen

Der eigentlich aufschlussreiche – und in der öffentlichen Wahrnehmung meist ausgeblendete – Teil der Geschichte betrifft das politische Programm, das nach einem geglückten Umsturz hätte umgesetzt werden sollen.

Keine Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie. Die führenden zivilen Köpfe der Verschwörung, allen voran der als künftiger Reichskanzler vorgesehene Carl Friedrich Goerdeler und der als Staatsoberhaupt vorgesehene General Ludwig Beck, lehnten die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik mehrheitlich ab. Sie machten sie – wie große Teile des konservativen Bürgertums und Militärs – für die politische Instabilität der 1920er Jahre mitverantwortlich. Ihr Ziel war kein Zurück zu einem Staat nach Prägung der Weimarer Republik, sondern ein autoritär geführter, ständisch geprägter Staat mit starker Exekutive.

Goerdelers Verfassungsentwürfe. Die von Goerdeler und seinem Umfeld erarbeiteten Verfassungspläne sahen unter anderem vor:

  • ein abgestuftes, an Alter, Familienstand oder Leistung geknüpftes Wahlrecht anstelle des gleichen allgemeinen Wahlrechts,
  • eine berufsständisch statt parteipolitisch zusammengesetzte zweite Kammer,
  • eine deutliche Beschneidung der Rolle politischer Parteien,
  • ein starkes, kaum parlamentarisch kontrolliertes Kanzleramt.

Das war, in der Rückschau vieler Historiker, eher der Entwurf eines konservativ-autoritären Obrigkeitsstaats als einer liberalen Demokratie westlichen Zuschnitts.

Antisemitismus und Ambivalenz im konservativen Widerstand. Ein besonders unbequemer Befund: Nicht alle Verschwörer waren im heutigen Sinne uneingeschränkte Gegner rassistischer Politik. In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass frühe Nachkriegsentwürfe aus Goerdelers Umfeld noch Einschränkungen der vollen bürgerlichen Gleichstellung von Juden vorsahen – weit entfernt zwar von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, die die Verschwörer ausdrücklich verurteilten, aber ebenso weit entfernt von einem konsequenten Gleichheitsgrundsatz. Das verweist auf den nationalkonservativen, keineswegs liberal-egalitären Hintergrund vieler Beteiligter.

Der „Spätzünder“-Einwand. Auffällig ist auch der Zeitpunkt: Ernsthafte Umsturzpläne mit realistischer Erfolgsaussicht verdichteten sich vor allem nach der Niederlage von Stalingrad 1943, als eine deutsche Kriegsniederlage absehbar wurde. Das nährt die in der Forschung diskutierte These, ein wesentliches Motiv sei weniger die Rettung der NS-Opfer als vielmehr die Rettung Deutschlands vor der totalen Zerstörung und die Sicherung eines Verhandlungsfriedens aus einer noch nicht völlig aussichtslosen Position gewesen. Andere Widerstandskreise – etwa der Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke oder die Studenten der „Weißen Rose“ – handelten demgegenüber bereits Jahre früher und deutlich stärker aus grundsätzlicher moralischer beziehungsweise religiöser Überzeugung, obwohl sie über weit weniger Machtmittel verfügten.

Stauffenberg selbst: eine ambivalente Entwicklung

Auch Stauffenbergs eigener Weg war kein geradliniger. In seinem Milieu aus katholischem Adel und Militär war in den frühen 1930er Jahren eine Sympathie für Teile der „nationalen Erneuerung“ und einen autoritären Führungsstaat verbreitet, und Stauffenberg bildete davon keine Ausnahme. Erst der direkte Kontakt mit Kriegsverbrechen an der Ostfront – Massenerschießungen, die menschenverachtende Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilisten – sowie die sich abzeichnende militärische Katastrophe führten ihn ab etwa 1942/43 in aktiven Widerstand. Über seine konkreten politischen Vorstellungen für die Zeit nach einem geglückten Staatsstreich ist deutlich weniger überliefert als über die Goerdelers, da Stauffenberg vor allem der militärische Kopf, nicht der politische Theoretiker der Gruppe war. Vieles spricht jedoch dafür, dass auch er sich eher eine autoritär geführte Übergangsordnung als eine sofortige Rückkehr zur vollen parlamentarischen Demokratie vorstellte.

Einordnung und Fazit

Nichts von alldem schmälert, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer unter Einsatz ihres Lebens gehandelt haben und dass ein Gelingen des Attentats den Krieg früher beendet, Millionen Menschenleben gerettet und den Holocaust früher gestoppt hätte. Doch eine seriöse historische Betrachtung – wie sie in der deutschen Forschung seit den 1980er Jahren zunehmend Standard ist – darf nicht bei der Heroisierung stehenbleiben. Der 20. Juli war der Versuch einer nationalkonservativen Elite, den Nationalsozialismus zu beenden, um an dessen Stelle einen autoritären, ständisch geprägten Staat zu setzen – nicht den Aufbau der liberalen Demokratie, wie sie später mit dem Grundgesetz entstand. Diese Differenzierung nimmt den Verschwörern nichts von ihrem persönlichen Mut, macht die Geschichte aber ehrlicher und komplexer, als es das gängige Gedenknarrativ oft zulässt.




Tag der Solidarität mit Israel und den Juden

Das Volk Israel lebt – עַם יִשְׂרָאֵל חַי

Der Tag der Solidarität mit Israel und den Juden ist einer dieser Tage, die im Kalender auftauchen wie ein moralischer TÜV-Termin: Man weiß, er ist wichtig, man weiß, man sollte hingehen, aber irgendwie hofft man doch, dass niemand merkt, wenn man ihn verpasst.
Spoiler: Man merkt es. Immer.

Das Datum geht auf den 10. Juli 1945 zurück, als in Dresden mit Lessings „Nathan der Weise“ erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Theaterstück in Deutschland aufgeführt wurde, um ein Zeichen für Toleranz zu setzen.


Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine Geschichte von Kultur, Wissenschaft, Musik, Sprache, Überleben — und leider auch eine Geschichte von Verfolgung. Antisemitismus ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine Realität der Gegenwart. Genau deshalb braucht es diesen Tag: um sichtbar zu machen, was oft übersehen wird, und um auszusprechen, was oft verschwiegen wird.

Solidarität bedeutet hier nicht, politische Positionen zu vertreten, sondern Menschen zu schützen, die aufgrund ihrer Identität bedroht werden. Es bedeutet, die Stimmen zu hören, die zu oft übertönt werden. Es bedeutet, sich gegen jede Form von Hass zu stellen — ob laut oder leise, ob auf der Straße oder im Netz.

Israel als Ort der Vielfalt

Israel ist ein Land, das es irgendwie geschafft hat, gleichzeitig Projektionsfläche, Politikum, Sehnsuchtsort und Streitobjekt zu sein. Jeder hat eine Meinung dazu, auch wenn viele nicht einmal wissen, wo Haifa, Hebron oder Tel Aviv liegen. Es ist ein kultureller Knotenpunkt, ein Ort, an dem Sprachen, Religionen, Traditionen und Geschichten aufeinandertreffen. Ein Land, das gleichzeitig modern und uralt ist, verletzlich und stark, umstritten und faszinierend.
Solidarität mit Israel heißt nicht, jede politische Entscheidung zu feiern. Es heißt schlicht, die Existenz eines Landes anzuerkennen, das seit Jahrzehnten darum kämpft, überhaupt existieren zu dürfen.

Solidarität mit den Juden weltweit

Jüdisches Leben ist vielfältig: religiös, säkular, traditionell, modern, kulturell, politisch, künstlerisch. Es ist Teil Europas, Teil Deutschlands, Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Und trotzdem müssen Juden sich immer noch erklären, rechtfertigen, schützen, verteidigen.
Solidarität bedeutet, sich gegen Antisemitismus zu stellen — nicht nur, wenn er laut brüllt, sondern auch, wenn er leise flüstert.
Solidarität bedeutet, jüdisches Leben sichtbar zu machen, zu schützen und zu feiern. Es bedeutet, sich gegen antisemitische Mythen, Verschwörungen und Feindbilder zu stellen — und stattdessen die Menschen zu sehen, die dahinter stehen.

Warum dieser Tag wichtig bleibt

Weil Erinnerung verblasst.
Weil Hass laut ist.
Weil Schweigen gefährlich ist.
Weil Solidarität eine Haltung ist, die jeden Tag neu gewählt werden muss .

Der Tag der Solidarität mit Israel und den Juden ist ein Reminder, der uns sagt:
Hey, Menschlichkeit ist kein optionales Update. Das gehört zur Grundausstattung.“ Sie ist eine Entscheidung — und dieser Tag hilft uns, sie bewusst zu treffen.




Sommermärchen 2006

Erinnerst du dich noch an das Jahr 2006? Zwanzig Jahre ist das her. Die Welt war eine andere. Smartphones waren noch klobige Knochen mit winzigen Bildschirmen, auf denen man auf einer Mäusetastatur verzweifelt versucht hat, eine SMS mit dreimaligem Drücken der Taste „7“ zu tippen. Und mitten in dieser analogen Gemütlichkeit geschah das Unfassbare: Deutschland verlor für genau vier Wochen seine sprichwörtliche, unterkühlte Effizienz und mutierte zur größten Open-Air-Partyzone der Welt.

Willkommen beim Sommermärchen 2006.

Phase 1: Die kollektive Skepsis (Der typisch deutsche Start)

Bevor der erste Ball rollte, war die Stimmung – sagen wir es höflich – äußerst verhalten. Jürgen Klinsmann, unser damaliger Bundestrainer, wurde von den Medien fast schon wie ein Staatsfeind eines Schurkenstaates behandelt, weil er es gewagt hatte, im fernen Kalifornien zu leben und von dort aus Fitness-Gurus aus den USA einfliegen zu lassen. Die Schlagzeilen prophezeiten das sportliche Waterloo.

Der O-Ton im Mai 2006: „Mit der Abwehr fliegen wir in der Vorrunde raus. Und warum trägt dieser Klinsmann eigentlich keinen Anzug?“

Und dann? Kam der 9. Juni. München. Philipp Lahm zieht von links nach innen und schweißt das Ding im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica unhaltbar in den Winkel. Gänsehaut. Plötzlich war allen klar: Moment mal, da geht was, wir können ja doch kicken!

Phase 2: Schwarz-Rot-Goldene Extase

Was in den nächsten Wochen passierte, spottet bis heute jeder soziologischen Beschreibung. Ein ganzes Land, das sonst beim Thema Nationalstolz eher verlegen auf die eigenen Schuhe schaut, wickelte sich plötzlich in Flaggen ein, als gäbe es im Winter keine Decken mehr.

Plötzlich geschahen wundersame Dinge:

  • Die Seitenspiegel-Kondome: Jeder – wirklich jeder – Kleinwagen hatte plötzlich kleine Flaggen-Socken über den Außenspiegeln. Wer ohne fuhr, war verdächtig.
  • Public Viewing: Das Wort kannte vorher kein Mensch. Plötzlich standen Millionen Menschen bei 30 Grad im Schatten Schulter an Schulter auf Marktplätzen, tranken lauwarmes Bier aus Plastikbechern und starrten auf riesige Pixel-Leinwände.
  • Die Grill-Industrie: Fleischwurst und Nackensteaks wurden zur Hauptnahrungsquelle befördert. Vegetarismus war 2006 gefühlt noch ein Gerücht.

Wir lernten Namen wie David Odonkor (der Mann, der schneller lief als sein eigener Schatten) und klatschten euphorisch, wenn Oliver Neuville den Ball irgendwie über die Linie grätschte. Selbst Menschen, die Abseits bis heute für eine Designermarke halten, diskutierten plötzlich über die Vorzüge einer Viererkette.
Optimistische Zeitgenossen widmeten das Motto dieser WM, „die Welt zu Gast bei Freunden“ kurzerhand in „Freunde zu Gast beim Weltmeister“ um.

Phase 3: Das bittere, wunderschöne Ende

Es musste kommen, wie es kam: Italien. Dortmund. 4.Juli 2006. Die 119. Minute im Halbfinale. Fabio Grosso trifft uns mitten ins Herz, gefolgt von Alessandro Del Piero. Das Sommermärchen war sportlich vorbei, die Tränen flossen in Strömen.

Aber anstatt in den gewohnten Blues zu verfallen, einen Umbruch in der Mannschaft und gleichzeitigem Trainerrauswurf zu fordern, passierte etwas Magisches: Wir feierten einfach weiter.
Platz 3 gegen Portugal am 8.Juli 2006 wurde zelebriert, als hätten wir die Erde vor einer Invasion der Klingonen gerettet. Schweini traf aus allen Lebenslagen, Kahn reichte Lehmann die Hand (ein Moment für die Geschichtsbücher!) und Berlin verwandelte sich in ein Meer aus glücklichen Menschen.

Was bleibt vom Märchen?

Das Sommermärchen 2006 hat uns gezeigt, dass Deutschland auch mal unperfekt, laut, emotional und verdammt entspannt sein kann. Es war der Sommer, in dem das Wetter hielt, was die Reisebüros versprachen, und in dem wir der Welt bewiesen haben: Wir können nicht nur pünktlich sein, wir können auch Party. Wir können Gäste auch wie Freunde behandeln.

Wer weiß, vielleicht brennt das Feuer ja irgendwann wieder genau so. Bis dahin schwelgen wir in Erinnerungen, summen leise „Zeit, dass sich was dreht“ von Herbert Grönemeyer und hoffen, dass die Flaggen-Socken für die Außenspiegel im Keller nicht ganz eingestaubt sind, auch wenn wir sie 2026 mal wieder nicht gebraucht haben …




Treuhand bis in den Tod

Am 1.April 1991 wurde Detlev Karsten Rohwedder, der damalige Präsident der Treuhandanstalt in seinem Haus in Düsseldorf durch einen präzisen Schuß getötet. Die Tat gehört bis heute zu den rätselhaftesten politischen Attentaten der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Wer jetzt nicht mehr weiß, wer oder was die Treuhandanstalt war, hier eine kurze Erklärung. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990 wurde die Treuhandanstalt als Anstalt des öffentlichen Rechtes mit dem Ziel gegründet, die volkseigenen Betriebe der damaligen DDR nach den Maßgaben des Kapitalismus zu sanieren und zu privatisieren. Darüber hinaus konnte sie Betriebe verkaufen oder im schlimmsten Fall schließen. Im Umfeld der Treuhand kam es zu Wirtschaftskriminalität und Fördermittelmißbrauch. Die Treuhandanstalt existierte bis 31.12.1994, danach wurde sie in Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben umbenannt.

Detlev Karsten Rohwedder war zu der Zeit kein Unbekannter. Im Jahr 1983 errang er in der damaligen Bundesrepublik hohe Bekanntheit und hohes Ansehen durch die Sanierung des Hoesch-Konzerns. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl setzte sich für Rohwedder als Leiter der zu gründenden Treuhandanstalt ein, obwohl dieser Sozialdemokrat war. Es wird bisweilen unterstellt, dass Kohl hier in voller Absicht derart handelte, da bei einem Scheitern Rohwedders und/oder der Treuhand ein nicht unerheblicher Teil der Schuld der SPD hätte in die Schuhe geschoben werden können. Am 3.Juli 1990 wurde Detlev Karsten Rohwedder durch den Ministerrat der damaligen DDR zum Leiter der Treuhandanstalt berufen. Rohwedder sprach von „einer Aufgabe von nahezu furchterregender Dimension“. Er hatte den Auftrag, eine ganze Volkswirtschaft zu privatisieren. Ein Auftrag, der eigentlich gar nicht auszuführen war…. Als Treuhandchef ist der einst als Jobretter gefeierte Topmanager nun zum “Buhmann der Nation” geworden.

Am 1.April 1991 sitzt Rohwedder in den späten Abendstunden am Schreibtisch seiner Villa in Düsseldorf-Niederkassel mit Blick auf den Rhein. Als er von seinem Schreibtisch aufstand, traf ihn der tödlich Schuß in den Rücken. Ein weitere Schuß traf seine Frau Hergard in den Arm, ein dritter Schuß traf das Bücherregal des Arbeitszimmers. Die Rekonstruktion der Tat durch die Ermittlungsbehörden ergab, dass Rohwedder aus der gegenüberliegenden Schrebergartenkolonie aus 63m Entfernung mit einem Schnellfeuergewehr des belgischen Typs Fusil Automatique Léger (FAL) getötet wurde. Das Projektil vom NATO-Standardkaliber 7,62 Millimeter zerfetzte sowohl die Aorta als auch die Luft- und Speiseröhre des 58-Jährigen, der daraufhin in Sekundenschnelle verblutete. An dieser Stelle wurde am 6.April 1991 ein Bekennerschreiben der RAF gefunden, welches von den Ermittlungsbehörden als echt eingestuft wurde. Zur Begründung hieß es in dem Bekennerschreiben, der „brutale sanierer“ sei „seit zwanzig jahren in schlüsselfunktionen in politik und wirtschaft“ tätig gewesen und danach zum „bonner statthalter in ost-berlin“ aufgestiegen, wo er „die wirtschaft der ex-ddr genauso wie die sozialen strukturen dort“ systematisch habe zerstören sollen.

Neben dem Bekennerschreiben fanden die Ermittler dort einen Plastikstuhl, einen Feldstecher, drei Patronenhülsen und ein Handtuch. Drei dort ebenfalls gefundene Zigarettenkippen wurden von einem Menschen mit der Blutgruppe A geraucht. An dem Handtuch wurde ein Haar gefunden, dass später dem 1993 in Bad Kleinen getöteten, mutmaßlichen RAF-Mitglied Wolfgang Grams zugeordnet werden konnte, jedoch nicht die Zigarettenkippen. Dieses Haar ist der einzige forensische Ansatz der Ermittlungen. Dieser läßt lediglich den Schluß zu, das Grams entweder am Tatort war oder Kontakt zu dem oder den Tätern hatte. Die Aservate im Fall Rohwedder wurden später mit den neuen Techniken zur DNA-Analyse erneut untersucht, ein weiterer Durchbruch wie im Fall des Haares von Wolfgang Grams blieb jedoch aus. Die Bundesanwaltschaft schweigt sich bis heute darüber mit dem Hinweis auf laufende Ermittlungen aus, ob die Zigarettenkippen mit Spuren der Blutgruppe A zu Birgit Hogefeld, die bei dem Einsatz in Bad Kleinen festgenommen und später verurteilt wurde, gehören. Die Zigarettenkippen wurden in den 1990er Jahren verbraucht, ohne dass moderne DNA-Spurenanalytik angewendet wurde – eine heute nicht wiederholbare Lücke. Birgit Hogefeld befindet sich mittlerweile auf freiem Fuß und schweigt ebenfalls zu den Ermittlungen im Falle Rohwedder.

Das Ehepaar Rohwedder war sich bewusst, dass es gefährdet war. Hergard Rohweddder bat vergeblich wenige Tage vor dem Attentat die Polizei für mehr Schutz zu sorgen. Sie berichtete von anonymen, nächtlichen Telefonanrufen und Unbekannten, die an der Haustür klingelten und anschließend nicht mehr auffindbar waren. Vermutlich hatten der oder die Täter genaue Kenntnisse der Sicherheitseinrichtungen des Hauses der Familie Rohwedder. Im Gegensatz zu dem unteren Stockwerk waren die Fenster im Arbeitszimmer nicht aus Panzerglas.

Die Ermittlungen im Tötungsdelikt gegen Detlev Karsten Rohwedder werden von der Bundesanwaltschaft auf Grund der Annahme, dass es sich um einen politischen Mord handelt nach wie vor unter dem Aktenzeichen 2 BJs 62/91-2 gegen „Unbekannt“ geführt. Im Fachjargon redet man von einem „Cold Case“. Ebenso sind auch die Morde an dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen und dem Diplomaten Gero von Braunmühl bis heute nicht aufgeklärt, geschweige denn, dass jemals eine tatverdächtige Person festgenommen wurde.

Alle diese Verbrechen werden der Dritten Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) zugeschrieben, da diese sich offensichtlich zu den Taten bekannte. Kein mutmaßliches Mitglied dieser Dritten Generation der RAF ist bis heute dieser Verbrechen überführt und verurteilt worden.

Angesichts der dürftigen Beweislage wurden einige Zweifel an der Täterschaft der RAF laut, zumal die damals angeblich aktive sogenannte dritte Generation der RAF nur als kaum zu greifendes Phantom galt. Selbst heute kennt die Bundesanwaltschaft nicht einmal die Hälfte der Mitglieder dieser mutmaßlichen dritten Generation namentlich. Von den Morden, die ihr außer dem Attentat auf Rohwedder noch zur Last gelegt werden, konnte lediglich die Erschießung des GSG-9-Mannes Michael Newrzella durch Grams bei dem Einsatz 1993 in Bad Kleinen zweifelsfrei aufgeklärt werden.

An einer Durchführung der Tat oder einer Tatbeteiligung der RAF kamen recht zügig Zweifel auf. Zunächst braucht es einen Schützen der fähig ist, auf 63m Entfernung in der Dunkelheit einen tödlichen Schuß abzugeben. Es muss sich demnach um eine in der Tötung von Menschen erfahrenen Person handeln. Wenn das zutrifft, stellt sich die Frage, warum diese Person am Tatort eine Plastikstuhl, Zigarettenkippen und ein Handtuch mit einem eindeutig zu identifizierenden Haar hinterlässt. Für eine solche Version eines „Profis“ spricht ebenfalls, dass der Täter trotz einer sofortigen Ringfahndung bis heute unerkannt entkommen konnte. Bei einem Attentat sind zwei Dinge von essentieller Bedeutung: Die Zielpersonen muss sofort ausgeschaltet werden und der Täter muss unerkannt entkommen können, um keine Rückschlüsse auf die Hintergründe, bzw. mutmaßliche Auftraggeber ziehen zu können. Weiterhin gilt es ebenso, unter allen Umständen Spuren jeglicher Art zu vermeiden. Zu alldem sind in der Regel nur „Profis“ in der Lage, also Menschen, die mit dem gezielten Ausschalten ihrer Opfer eine gewisse Erfahrung haben. Es bleibt die Frage, ob die der Dritten Generation der RAF zugerechneten Personen (Grams, Hogefeld, etc.) dazu befähigt waren oder sind. Darüber hinaus stellt sich ebenfalls die Frage, warum am Tatort dennoch Spuren gefunden wurden und ein Bekennerschreiben dort lag. Alle diesbezüglichen Vermutungen sind jedoch bis heute weder bestätigt noch widerlegt. Birgit Hogefeld äußerte sich 2010 lediglich zu den möglichen Motiven der RAF: „Die RAF hatte keinerlei Interesse daran, Rohwedder zu töten.“ und „ Er war in der Linken nicht unbeliebt – eher als jemand, der versuchte, den Osten nicht kaputt zu machen.

Kurz nach der Tat fiel ein Verdacht auf Mitarbeiter des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit der ehemaligen DDR. Diese hatten sowohl die logistischen Möglichkeiten als auch ein Motiv, das darin bestand, dass die Treuhand unter Rohwedder eventuell das verschwundene Parteivermögen der SED aufspürt. Es soll sich dabei um ungefähr 800 Millionen D-Mark gehandelt haben. Im gleichen Zuge kam der Verdacht auf, dass die Stasi dieses Geld „beiseite geschafft“ haben soll und mit dem Attentat auf Rohwedder die Suche danach unterbinden wollte. Als möglicher Drahtzieher wurde unter anderem Ralf-Peter Devaux genannt. Der ehemalige Stasi-Offizier klagte erfolgreich gegen alle und jeden, die ihn mit dem Anschlag in Verbindung zu bringen versuchten.

Spekuliert wurde ebenfalls über einen sogenannten einsamen Wolf (lone wolf) aus der ehemaligen DDR mit militärischer Ausbildung als Scharfschütze, der den Treuhandchef Rohwedder wegen dessen Vorreiterrolle bei der Abwicklung der DDR-Wirtschaft ermordet haben soll. Immerhin hatte die Treuhand damals die Verantwortung für knapp 14.600 vormalige volkseigene Betriebe mit rund vier Millionen Beschäftigten.

Die US-amerikanischen Enthüllungsautoren John Perkins und Fletcher Prouty, sowie Wirtschafts- und Geheimdienstexperten verwiesen auf Verwicklungen der CIA in das Attentat. Rohwedder war bekannt dafür, dass er zunächst dazu tendierte, die Betriebe der ehemaligen Betriebe der DDR zu sanieren anstatt zu verkaufen oder stillzulegen. Er beabsichtigte gar, die Mitarbeiter zu Eigentümern an den Betrieben zu machen. Das war weder im Sinne derer gewesen, die beim Verkauf der Betriebe ein „Schnäppchen“ hätten machen wollen, noch derjenigen, die kein Interesse daran gehabt hätten, wenn eine derartige Beteiligung der Mitarbeiter zu einem Präzedenzfall mit Vorbildwirkung auf die alten Bundesländer oder andere westlichen Staaten geworden wäre. Es sei noch angemerkt, dass die Nachfolgerin des Sozialdemokraten Rohwedder, die Christdemokratin Birgit Breuel eine deutlich härtere und weniger soziale Gangart an den Tag legte. Anstatt behutsam zu sanieren wurde unter ihrer Ägide bei der Treuhand nach der Maxime „schnell privatisieren“ gehandelt. Birgit Breuel war zudem Mitglied des Vereins Die Atlantik-Brücke e.V., welcher als Verein im Jahr 1952 mit dem Ziel gegründet, eine wirtschafts-, finanz-, bildungs- und militärpolitische Brücke zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Deutschland zu schlagen.

Für all diese Verdächtigungen und Vermutungen jenseits einer Tatbeteiligung der RAF gibt es jedoch bis heute keinerlei Beweise.

Zu dem Mordanschlag auf Detlev Karsten Rohwedder gibt es vom ZDF einen sehr interessanten Zweiteiler mit dem großartigen Ulrich Tukur in der Hauptrolle, der sich lose an den Geschehnissen orientiert und die Abläufe frei interpretiert. Es ist kein Werk über das letzte Gefecht des Linksterrorismus, sondern es sät Zweifel an jeglicher Art ideologischer Gewalt. Zweifel an der gängigen Theorie einer RAF-Täterschaft lassen dieses Werk zwar in die Nähe von Verschwörungstheorien entgleiten, aber macht es auch zu mehr als nur Geschichtsfernsehen, zudem mit einem guten Unterhaltungswert.

Am Ende stellt sich bei derartigen Ereignissen im die Frage Qui bono – wer zieht einen Nutzen daraus? Die RAF lehnte jede Form des Kapitalismus ab, somit und auf Grund des Bekennerschreibens sind sie natürlich die „ersten“ Tatverdächtigen. Rohwedder vorrangiges Ziel war es jedoch, die marode Wirtschaft der ehemaligen DDR zu sanieren und die Menschen in Arbeit zu halten. Ihm lag es fern, die dortigen Betriebe zu „verscherbeln“ und Spekulanten zu überlassen. Im Grunde überwogen also sozial-marktwirtschaftliche Aspekte, die sich nicht zwingend mit rein kapitalistischen Interessen deckten. Nutznießer der seit Rohwedders Tod konsequent verfolgten Privatiesierungsstrategie seiner Nachfolgerin Brigit Breuel waren insbesondere große Konzerne.

Die größten Profiteure der Wiedervereinigung waren westdeutsche (und teilweise) internationale Großkonzerne wie Volkswagen, Opel (damals GM), BMW, Siemens, RWE, E.ON, Vattenfall, Edeka, Aldi, Lidl, Rewe, Nestlé, Coca-Cola, Procter & Gamble, sowie Beratungsfirmen wie PwC, KPMG, Deloitte, McKinsey und Roland Berger, die schnell Marktanteile in Ostdeutschland sichern konnten – oft gestützt durch staatliche Subventionen, Privatisierungen und günstige Arbeitskosten, bzw. Verträgen zur Umstrukturierung und Strukturplanung der ostdeutschen Wirtschaft. Ostdeutsche Unternehmen hingegen verschwanden in diesem Zuge weitgehend – mit gravierenden Folgen für Beschäftigung und Vermögensverteilung.

Rohwedder hatte sich unter Ostdeutschen Respekt erarbeitet – vor allem, weil er die Privatisierung mit sozialem Augenmaß gestalten wollte. Er plante, wie bereits erwähnt, Betriebe nicht nur an Westinvestoren zu verkaufen, sondern teilweise auch Belegschaftsmodelle zu fördern. Viele Ostdeutsche trauten ihm mehr Gerechtigkeit zu als seiner Nachfolgerin. Nach dem Attentat wuchs das Misstrauen gegenüber der Treuhand. Rohwedders Nachfolgerin, Birgit Breuel, galt als wirtschaftsliberaler und marktorientierter. Die Treuhand wurde zunehmend als Instrument des Ausverkaufs wahrgenommen, nicht mehr als Garant für einen sozialverträglichen Umbau. Das Vertrauen in den Vereinigungsprozess litt – der Mord galt als Symbol für die Härte und Gewalt des Umbruchs.




Sofort, … unverzüglich!

Keine Atempause
Geschichte wird gemacht
Das geht voran!

Fehlfarben

Es ist der 9.November 1989, kurz vor 19.00 Uhr. Im Wohnzimmer lief das Fernsehgerät. Die Nachrichten im Herbst 1989 überschlugen sich. Demonstrationen in allen großen Städten der DDR, Gorbatschow, Glasnost & Perestroika, ein letztes, großes Schützenfest in Ost-Berlin, mit dem die DDR ihr 40-jähriges Bestehen feierte, Honeckers Abgang, Egon Krenz, der Geläuterte, usw. und sofort.
Das Abendessen stand auf dem Tisch, mein Vater ging in die Küche, da er Hunger hatte und ich harrte noch einen Moment am Fernseher bei der täglichen “heute”-Sendung aus.

Kurzfristig wurde in eine Pressekonferenz nach Ost-Berlin umgeschaltet. Günter Schabowski, seit wenigen Tagen „Sekretär für Informationswesen“ gab eine Erklärung ab – in tadellosem “Verwaltungsdeutsch”.

Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Die zuständigen Abteilungen Paß- und Meldewesen der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. […] Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD bzw. zu West-Berlin erfolgen.

Auf die Frage eines Journalisten, ab wann diese Verordnung in Kraft tritt, stammelte Schabowski: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Man konnte den Eindruck gewinnen, dass er gar nicht überrissen hat, was er da gerade von sich gegeben hat.

Die Mauer, die Grenze, die schikanösen Kontrollen und Todesängste hatten mit einem Satz aufgehört zu existieren. Ich ging in die Küche an den Abendbrottisch und mein Vater fragte: “Watt jibbet Neues?”
Ich sagte, dass die Mauer auf ist, dass jeder DDR-Bürger ohne Grund ins Ausland, also auch in die Bundesrepublik reisen kann. “So schnell wird bei den Preussen nicht geschossen”, entgegnete mein Vater. Meine Mutter schüttelte nur ungläubig den Kopf.
Danach überschlugen sich die Ereignisse – wenig später wurde auf allen Sendern das Programm geändert und es wurde live von sämtlichen Grenzkontrollstellen in Berlin und vom Ku’Damm berichtet. Kilometerlange Trabant- und Wartburgschlangen bildeten sich Richtung Westen, selbst in meiner Heimatstadt Neuss fuhren Autos hupend durch die Strassen.

Doch es blieb immer noch eine gespenstische Angst: Was machen die Grenzkontrollposten der DDR angesichts der unübersichtlichen Lage? Was machte die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, die mit knapp 380.000 Mann vor Ort war? Ich erinnerte mich an die Worte eines britischen Colonel während meiner Bundeswehrzeit: „We don’t fear the Soviet forces, we fear the forces of the GDR, the Nationale Volksarmee“.
Wie auch bei sämtlichen Demonstrationen schritten die Sowjets hier nicht ein, die Grenzkontrollkräfte und die Nationale Volksarmee der DDR konnten nur in Schockstarre die Ereignisse geschehen lassen, insbesondere, da es hier keine eindeutigen Befehle der Staats- und Parteiführung gab und diese zunächst auf Tauchstation ging. Niemand wollte sich die Finger schmutzig machen, … Gott sei Dank!
Aufatmen.

Bundeskanzler Helmut Kohl befand sich an diesem Tag mit einer Delegation in Warschau, um mit der ersten frei gewählten Regierung Polens nach dem 2.Weltkrieg zu sprechen. Er brach seinen Besuch ab, konnte jedoch mit der Regierungsmaschine nicht nach Berlin fliegen, da es nur Flugzeugen der Alliierten des 2.Weltkrieges vorbehalten war, West-Berlin anzufliegen. Mit Hilfe des amerikanischen Botschafters in Bonn gelang es, am Nachmittag des 10. November in ein in Hamburg wartendes US-Flugzeug umzusteigen und Berlin noch rechtzeitig zu erreichen. Dort fand vor dem Schöneberger Rathaus eine denkwürdige Veranstaltung statt, auf der Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper feststellte, dass die Deutschen momentan das glücklichste Volk der Erde seien und Willy Brand orakelte, dass nun zusammenwächst was zusammen gehört. Es sollte freilich nicht ganz so reibungslos über die Bühne gehen …

Aus heutiger Sicht ist die damalige Situation, dass eine der bestgesicherten Grenzen der Welt quer durch Deutschland verläuft, schwierig zu begreifen. Im Jahr 1986 reiste ich mit meinem Vater und einem Kollegen geschäftlich nach Berlin. Wir fuhren mit dem Auto und überquerten bei Helmstedt/Marienborn die innerdeutsche Grenze. Wir kannten damals zwar dank Enterprise die unendlichen Weiten des Weltalls, dank Dallas und Denver Clan unermesslichen Reichtum und Dank Miami Vice Drogendealer vor einer irrealen Neonlicht-Kulisse, aber etwas surrealeres als diese Grenze kann sich heute keiner mehr vorstellen. Strassensperren, gleißendes Licht, Stahlkrallen in den Strassen und schwerbewaffnete Grenzschützer kann und will sich heute niemand mehr vorstellen.
Wir mussten aus dem Auto aussteigen, unsere Koffer wurden durchsucht und die Unterseite des Autos mit Spiegeln inspiziert. Natürlich mussten wir in unserer freien Zeit auch den Ostteil von Berlin besuchen.
Auf den heute pulsierenden Strassen Berlins fuhren nur vereinzelt Autos, es roch dabei wie auf unserem Schulhof, wenn alles Mopeds und Mofas gleichtzeitig starten. Die Strassen waren marode, die Häuser grau und teilweise noch von Kriegsschäden behaftet.
Da es Herbst war, stellten wir fest, dass die Prachtstraße Unter den Linden bis zum Alexanderlplatz und der folgenden Stalin-Allee in der Dämmerung komplett finster waren, was eine ziemlich morbide Stimmung erzeugte. An der Oranienburger Straße fuhren wir mit unserem S-Klasse Mercedes versehentlich in einen Bereich, der nur für Angehörige der Nationalen Volksarmee und der Volkspolizei zugänglich waren. Sofort erschien ein als Geländewagen umgebauter Trabant mit zwei Volksploizisten, die uns an der Weiterfahrt hinderten. Am Ende waren sie Gott sei Dank eher an dem Mercedes als an uns interessiert. Nach einer Beschau des Autos haben sie uns freundlich empfohlen, zurückzufahren. Am Ende des Tages waren wir froh, wieder im Westteil der Stadt mit seinen funkelnden Neonlichtern zu sein.

Das alles war am 9.November 1989 alles Geschichte. Eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen, uns hat jedoch die Angst eines Dritten Weltkrieges, insbesondere im Hinblick auf die Rolle eines Michail Gorbatschow verlassen.

Die folgende Zeit war eine der spannendsten meines Lebens. In meiner Ausbildung zum Speditionskaufmann lernten wir sämtliche Autobahnen und Grenzübergänge auswendig. Plötzlich mussten wir feststellen, dass hinter Gudow/Zarrentin, Helmstedt/Marienborn und Wartha/Herleshausen die Welt nicht aufhörte, sondern auf maroden Autobahnen weiterging. Ich hatte die große Chance, mit zwei erfahrenen Kollegen unser Speditionsgeschäft in den nun neuen Bundesländern mit aufzubauen. Wir hatten Glück, dass auf den Telefonleitungen nach zigmaligem Wählen eine Verbindung zustande kam und feierten das erste Faxgerät bei einem Ost-Berliner Partnerbetrieb wie eine olympische Goldmedaille. Es herrschte eine regelrechte Goldgräberstimmung und alles mögliche aus „dem Westen“ wurde in „den Osten“ gekarrt. Leider nicht umgekehrt, was aus logistischen Aspekten einem Super-GAU glich. So ging es auch in den folgenden Jahren mit der Wirtschaft in den neuen Ländern stetig bergab.
Schuld gab man in den allermeisten Fällen der Treuhand, die die Wirtschaft der ehemaligen DDR sanieren, privatisieren und im schlimmsten Fall abwickeln sollte. Auf Grund der maroden Industrie war Letzteres allzu häufig das Mittel der Wahl.
Meinen Job in dem Speditionsbetrieb, in dem ich meine Ausbildung absolvierte, hängte ich 1996 an den Nagel. Geblieben ist jedoch die Erfahrung mit den Menschen in den neuen Ländern. Es sind teilweise freundschaftliche Verbindungen entstanden, wir haben sehr viel voneinander gelernt, auch wenn nicht alles die Zeit überdauert hat.

Wir hatten damals die Hoffnung auf ein wirklich geeintes und friedliches Europa ohne Grenzen vom Atlantik bis weit hinter den Ural.
Dass 35 Jahre später im Weißen Haus in Washington erneut ein psychopathischer Egomane, dem der Rest der Welt am Arsch vorbeigeht, einzieht und dass im Kreml ein Schulhofschläger sitzt, der versucht, Europa in Brand zu setzen konnten wir uns damals überhaupt nicht vorstellen. Es bleibt zu hoffen, dass wir uns, insbesondere im Hinblick auf die Ereignisse und Erfahrungen des November 1989 immer dieses einzigartigen Glückes bewusst werden, egal, was es gekostet hat oder kosten wird. Wir sollten nicht Gefahr laufen, uns dass wieder nehmen zu lassen, egal von wem! Wir müssen nur ein wenig Mut haben und es selbst in die Hand nehmen und nicht mehr im Oktober den Götzen hinterherlaufen und etwas feiern, was es nie gab; sie sind weg und helfen uns nicht mehr.
Sie haben es nie getan …

It’s so bemusing
Will they cancel the parade?
We marched each October
Now they say we were never even saved
We must be very brave

My October Symphony, Pet Shop Boys, 1990




650 Jahre Krefeld

Im Jahr 2023 feiert unsere Nachbarstadt Krefeld ihren 650. Geburtstag. Aus diesem Anlass gibt es vom 30.September bis 03.Oktober eine „leuchtende Zeitreise“, die auf die Fassade des Rathauses projiziert wird.

Der rund 15-minütige Film erzählt die Krefelder Historie von der Stadtgründung im Jahr 1373 bis in die Gegenwart. Die Show wird täglich zwischen 18.30 und 22.00 Uhr vorgeführt, der Eintritt auf dem Von Der Leyen Platz ist frei.

Anbei ein paar Aufnahmen dieser spektakulären Veranstaltung:

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John Lennon

Heute jährt sich zum 36. Mal der Todestag von John Lennon.

Am Abend des 8. Dezember 1980 arbeiteten John Lennon und Yoko an der endgültigen Abmischung der Yoko Ono-Komposition Walking on Thin Ice im Record Plant-East-Studio. Sie kehrten erst um 22:48 Uhr zum Dakota Building, in dem sich die Wohnung der beiden befand, zurück. Entgegen seiner Gewohnheit gab John Lennon seinem Fahrer die Anweisung, ihn und Yoko Ono vor dem Haus aussteigen zu lassen. Nachdem sie am Torbogen des Dakota-Gebäudes vorbeigegangen waren, schoss der Attentäter Mark David Chapman aus etwa sechs Metern Entfernung mit einem Revolver auf John Lennon.  John Lennon war noch bei Bewusstsein, als er ins Roosevelt General Hospital gefahren wurde, erlag aber um 23:07 Uhr seinen schweren Verletzungen.

Hier ein Video mit meinem Lieblingslied von John Lennon: