Die Klangreise

Dem Alltag entfliehen: Meine erste Klangreise im Artrium 39 (Und warum mein innerer Skeptiker jetzt meditiert)

Hand aufs Herz: Wenn der Wecker morgens wie das Geläut des Kölner Doms klingt und die To-Do-Liste länger ist als die Quittung eines Wocheneinkaufs für eine zehnköpfige Familie, braucht man mal eine Pause. Und zwar nicht die Art von Pause, in der man auf dem Sofa hockt und Netflix leerguckt, sondern eine echte Auszeit. Unser Ziel für diese Mission: Das Atrium 39 in Krefeld. Das Versprechen: Eine Klangreise. Wir hatte vergangenes Weihnachten einen Gutschein für diese Klangreise geschenkt bekommen und waren zunächst ein ein wenig skeptisch. ‘Ne Stunde Glöckenklänge und dafür ein Kampf durch den Berufsverkehr mitten in die Krefelder Innenstadt?

Spoiler-Alarm: Ich bin zurück, tiefenentspannt und mein Blutdruck befindet sich vermutlich einem Bereich, der die medizinische Diagnose Bradykardie nahelegt.

Also, was bitteschön ist eine Klangreise?

Für alle, die beim Wort „Klangreise“ sofort an Waldorf-Schüler denken, die in wallenden Leinenklamotten ihren Namen tanzen und ihre Chakren zählen: Atmet tief durch und packt die ganzen Vorurteile dahin, wo sie hingehören – weit, weit, weg! Ich hatte zunächst auch die leise Befürchtung, gleich im Schneidersitz tibetische Mantras mitsingen zu müssen (was bei meiner Stimme in einer mittelschweren Katastrophe geendet wäre).

Aber Entwarnung. Es kommt immer anders, als man denkt. Das Ganze läuft zunächst herrlich unaufgeregt ab:

1. Ankommen. Mitten in der Stadt ist das Atrium 39 eine echte kleine Oase. Helle Räume, eine unaufdringliche Atmosphäre und: Ruhe!

2. Hinlegen (auf eine gemütliche Matte, Decke drüber, Kissen parat) – fertig.

3. Augen zu und den Rest der Welt einfach mal gepflegt ignorieren.

Sobald die ersten Schalen, Gongs und Monochorde im Raum sanft angeschlagen werden, merkt man erst, wie viel Lärm man eigentlich permanent im Kopf hat. Die Schwingungen breiten sich langsam bis in den letzen Winkel des Raumes aus – und auch im eigenen Körper. Kein Staccato, nix hektisches – nur nie enden wollende einfache Töne. Die Klangfülle und das Frequenzspektrum der gebotenen Instrumente, Gongs und Klangschalen ist überwältigend und faszinierend zugleich. Ich war zunächst geneigt zu fragen, welche Konzert-Verstärker hier am Start sind. Nicht auf Grund der Lautstärke, sondern wegen der überragenden Klangfülle.

Mein Gehirn schaltet um (auf Zeitlupe)

Die ersten fünf Minuten hat mein innerer Kontrollfreak noch verzweifelt versucht, die Einkaufsliste für morgen zu schreiben. „Habe ich eigentlich die Milch… oh, schöner Ton… war das ein Gong?… was kostet auf dem Rückweg an der Tanke der Sprit?… wow, das vibriert aber angenehm…“

Und schwupp die Wupp – Kartoffelsupp’ kehrte eine wunderbare Ruhe ein. Wenn die Klänge den Raum füllen, ist das ein bisschen wie eine akustische Massage. Man reist nirgendwohin (außer vielleicht ins Land der Träume, das ein oder andere sanfte Schnarchen aus der Nachbarecke war jedenfalls der ultimative Beweis für maximale Entspannung), aber man kommt verdammt gut bei sich selbst an. Das Artrium 39 bietet dafür genau die richtige, fast schon magische Kulisse. Mitte im Krefeld is es jedoch ein Ort, an dem man sofort runterschalten kann, sobald man die Tür hinter sich schließt.

Das Fazit: Akkus voll, Geist sortiert

Nach gefühlt einer halben Stunde (in Wahrheit waren es fast 90 Minuten, aber Raum und Zeit sind bei so einer Klangreise ohnehin nur grobe Richtwerte) hieß es dann langsam wieder: Füße bewegen, Gliedmaßen strecken, Augen auf, einen leckeren Tee trinken und zurück in die urbane Realität.

Das Ergebnis? Ich habe mich selten so leicht und gleichzeitig so „geerdet“ gefühlt. Die permanente Hintergrundstrahlung an Alltagsstress war einfach wie weggewischt.

Wer also mal wieder ein Reset für die Nerven braucht und den ewigen Autopiloten im Kopf ausschalten möchte, dem kann ich eine Klangreise im Artrium 39 nur wärmstens ans Herz legen. Zeiht Euch bequem an, packt die Kuschelsocken ein und probiert es einfach aus – euer Geist (und euer Blutdruck) werden es euch danken!

Wenn Du jetzt ein wenig neugierig geworden bist, zögere nicht eine Klangreise für Dich zu buchen. Mit schlanken €25 bist Du dabei:

Klangreise im Atrium 39 in Krefeld buchen




Coffee To Go – flüssiges Statussymbol im Pappbecher

Als ich vor einigen Tagen morgens zur Arbeit fuhr, kam aus einer Seitenstraße fast unbemerkt, quasi aus dem „Off“ eine junge Frau, die so ziemlich jedes gängige Klischee erfüllte: adrett frisiert, ein schwarzes Kostüm, darunter ein weißes Blüschen und in der Hand einen Coffee To Go. Sie war so dermaßen unscheinbar, sie ist mir nur aufgefallen, weil sie kurz stolperte und sich fast die ganze Brühe aus ihrem Pappbecher über das schmucke Kostüm gekleckert hätte. Wir beobachten das des öfteren : ein Schritt zu schnell, ein Deckel zu locker, und plötzlich wird aus uniformer Business-Kleidung ein individuelles Kunstwerk.

Es gibt drei Dinge, die diese „modernen“ Menschen ausmachen: WLAN, Lieferando und Coffee to go. Ohne diese Trias würden derartige Durchschnittsbüromenschen vermutlich zu Grunde gehen, in der Wildnis verhungern, verdursten oder – schlimmer noch – offline sein.

Coffee to go ist längst kein Getränk mehr, sondern ein Accessoire. Er wird nicht gekauft, um ihn zu trinken – nein! – er wird getragen wie eine Valentino-Handtasche oder wie eine Monstranz bei der alljährlichen Fronleichnamsprozession. Man balanciert ihn stolz durch die Fußgängerzone, leicht angewinkelt, damit das Logo des hippen Coffeeshops auch im Vorbeigehen die maximale Aufmerksamkeit entfaltet. Seht her: Ich habe keine Zeit, mir meinen Kaffee selbst aufzubrühen, ich kann und muss ihn für eine Mörderkohle im angesagten Coffeeshop kaufen. Der Inhalt? Irrelevant. Ob Latte Macchiato, Triple Caramel Pumpkin Spice Unicorn Latte, HimalayanDeCaff mit Hafermilch, Eau de Toilette und Sojasahne oder im schlimmsten Fall einfach nur Kaffee – Hauptsache, man trägt den Lifestyle wie eine Monstranz oder einen Wanderpokal vor sich her.

Natürlich ist der Coffee to go zugleich auch ein messerscharfes soziales Statement. Wer ihn trägt, signalisiert: „Ich bin busy. Ich habe keine Zeit, wie normale Menschen zu sitzen und Kaffee zu trinken. Ich laufe, während ich schlürfe, weil jede Sekunde zählt.“ Ironischerweise führt dieses Power-Walking mit Koffeinbecher dann häufig dazu, dass man mehr Zeit damit verbringt, den Schaum von der Jacke zu tupfen, als man beim Sitzen im Café je verloren hätte.

Und wie ist das ganze nun geschmacklich einzuordnen? Für sechs bis acht Euronen bekommt man eine Brühe der Mittelmäßigkeit. Es schmeckt alles nicht so, wie es zunächst klingt. Ein Latte Macchiato klingt wie die Ouvertüre zu einer Verdi-Oper, verkommt aber zur Mundwasserspülung beim örtlichen Zahnarzt. Ein Cappuccino klingt wie ein Sonnenuntergang an der Amalfi-Küste, ist aber in Wirklichkeit ein „Shit, das nächste Teams-Meeting wartet bereits“. Am ehrlichsten ist immer noch ein Espresso, klein, stark, schwarz und ohne Firlefanz, ein kleiner, brutaler rechter Aufwärtshaken mitten zwischen die Zähne, der einfach nur sagt: „Komm klar, Du Lappen“. Alles andere ist nur parfümiertes Theater mit Schaum, Zimt und Zucker.

Coffee To Go ist nichts anderes ist als ein Spiegel unserer Gegenwart: Wir trinken im Grunde nicht mehr, wir halten etwas fest, wir genießen nicht mehr und nehmen uns fünf Minuten Zeit, wir rennen nur noch rastlos durch die Weltgeschichte herum. Am Ende bleibt nur ein Pappbecher übrig, der sich schneller auflöst als die Hoffnung, den Tag halbwegs normal, ohne nervenaufreibenden Stress und bekleckerten Designer-Klamotten zu überstehen.




Enkelkind

Wer jetzt auf niedliche Bilder von süßen Enkelkindern wartet, der wird enttäuscht werden, obwohl ich mittlerweile in einer Altersklasse bin, wo dieses Thema nicht so ganz abwegig wäre. Was soll hier jetzt also über Enkelkinder stehen?

Es sind nicht die eigenen Enkelkinder gemeint, sondern die “Kriegsenkel”. Wir alle kennen “Kriegskinder” – das ist die Generation unserer Eltern, also den Menschen, die in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren worden. Die “Kriegsenkel” – das ist die Generation, die folgte, also in den 60er und 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts geboren wurden. Dazu zähle auch ich.

Auf dieses Thema bin ich durch ein Buch von Sabine Bode gestossen. Der Titel lautet “Kriegsenkel – Die Erben der vergessenen Generation”.
Ich habe es eher beiläufig in einer Buchhandlung gefunden, als ich auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für einen Freund war (der das Buch dann auch geschenkt bekommen hat).

Wir alle aus der oben genannten Generation aus den Jahren 1960 bis 1970 kennen die Worte unserer Eltern: “Ihr sollt es einmal besser haben!”, “Du hast so viel mehr als wir damals.”, “Wir meinten es doch nur gut.” , “Sei nicht so undankbar.”
Dabei ist jedoch einiges schief gelaufen. Meine Generation ist halb in der sichtbaren Welt des materiellen Wohlstandes und halb in der Welt der verschwiegenen Nöte aufgewachsen.

Über den zweiten Weltkrieg haben wir unser Wissen nur aus Erzählungen von Eltern und Großeltern. Die meisten Eltern oder Großeltern redeten nicht gerne über diese Zeit, um das Erlebte zu verdrängen oder wegzusperren. Doch auch wenn in vielen Familien über das Erlebte kaum gesprochen wurde, ist es nicht verschwunden.

Erst seit einigen Jahren gibt es ein Bewusstsein dafür, dass sich die Traumata der Eltern und Großeltern in den Nachkriegsgenerationen fortsetzen und verschiedenste Symptome produzieren können.

Ich habe dieses Buch verschlungen; die 304 Seiten hatte ich innerhalb einer Woche hinter mich gebracht. Ich denke, jeder aus meiner Generation wird sich darin in irgendeiner Form wiederfinden.
Meine Generation ist in einer Zeit aufgewachsen, in der es materiell im Grunde an nichts gefehlt hat und wir in Sicherheit leben konnten. Wir konnten uns satt essen, wir hatten genug Spielzeug, wir hatten die sagenhafte Auswahl an drei Fernsehprogrammen, wir konnten sagen, was wir denken.
Auch brauchten wir keine Angst zu haben, dass unsere Eltern von irgendwelchen Schlapphüten in Ledermänteln abgeholt wurden, noch hatten wir keine Angst, dass unsere Väter unvermittelt in den Krieg ziehen müssen und dass uns die Dächer weggebombt wurden. Und hätte zu der Zeit irgend jemand auf den Knopf gedrückt, dann wären einstürzende Dächer das kleinste Problem gewesen.

In vielen Passagen aus dem Buch, in dem eine Vielzahl von Menschen meiner Generation über ihre Kindheit berichten, habe ich mich selbst erstaunt wiedergefunden. Es kamen Dinge zu Tage, über die ich nie besondere Gedanken verschwendet habe.

Als ich zu schreiben begann, tat ich das mit der linken Hand!
Meinen Eltern mißfiel das aus mir nicht erklärlichen Gründen. Ich konnte doch bereits einige Worte schreiben (und Kreuzworträtsel lösen!), dennoch musste ich lernen, mit der rechten Hand zu schreiben. Das hat mich einige Mühe gekostet, mehr jedoch hat es in mir das Gefühl aufkommen lassen, das etwas mit mir falsch ist!

Mich hat Politik und Geschichte schon sehr früh interessiert, ich war neugierig und wollte alles wissen.
Über die Zeit des Krieges erfuhr ich fast ausschließlich von meinem Vater. Er hat es mir seine Jugend im dritten Reich sehr bildlich nahegebracht, ich konnte mir viel von dem Leben damals vorstellen. Ich wußte Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre sogar, wer damals in meiner Heimatstadt die größten Nazis waren (obwohl es die ja eigentlich gar nicht gab).

Von meiner Mutter, die eine Flucht aus Schlesien über Sachsen und Thüringen bis nach Berlin hinter sich hatte, erfuhr ich leider so gut wie gar nichts. Ich erfuhr sogar recht beiläufig, dass sie einen Bruder hatte, der kurz vor Ende des Krieges an Trisomie-21 verstorben ist. Es gibt leider nur ein einziges Foto, auf dem er zu sehen ist. Ich hätte sehr gerne mehr über ihn erfahren, aber es wurde nie darüber geredet. Es war schließlich mein Onkel, auch wenn ich ihn nie gekannt habe …

In den 70er Jahren wurde die Bundesrepublik durch die RAF terrorisiert. Es herrschte eine seltsame Stimmung der Angst im ganzen Land, die immer spürbar war. Mir wurde nur beigebracht, dass man sich “in Acht nehmen” soll …
Wovor? Warum hätte Andreas Baader oder Ulrike Meinhof aus Stammheim ausbrechen sollen und ausgerechnet in unserer Wohnung aufkreuzen sollen? Was hätten sie dort wollen  können? Ich verstand damals den ganzen Almauftrieb nicht, der da veranstaltet wurde. Es ging sogar soweit, dass Nachbarn von uns, die vom Aussehen heute einfach nur “Ökos” wären, argwöhnisch beobachtet wurden, da sie lange Haare und Bärte trugen (und bestimmt nichtmals die SPD gewählt hätten).

Warum das alles so war, wie es war habe ich mir selbst in Büchern angeeignet.
Was ist in meinem Geburtsjahr in Berlin passiert, warum waren die alle so böse auf den Schah von Persien mit seiner wundeschönen Gattin? Wer war Benno Ohnesorg? Warum wurde er umgerbacht? Ebenso Rudi Dutschke?
Es gab einfach keine Antworten!

Alles das hatte seine Ursachen im zweiten Weltkrieg und der nicht aufgearbeiteten Vergangenheit.  Es ging allen besser, man “war wieder wer” und lud auf der anderen Seite Despoten in die Berliner Oper ein, prügelte Menschen nieder, die dagegen demonstrierten  und nahm kritiklos die Entlaubung von Vietnam durch unsere amerikanischen Freunde hin.
Selbst in der Schule war das alles kein Thema, geschweige denn, dass ich mit meinen Eltern oder Verwandten, also der Familie darüber reden konnte. Ich wollte einfach nur wissen, warum das so war, ich wollte es verstehen.

“Kriegsenkel” von Sabine Bode hat mir geholfen, es letztendlich, mit über 50 Jahren doch etwas zu verstehen.
Es liegt schlicht und ergreifend an der Generation unserer Eltern, die im Krieg schreckliches erlebt haben und es zu großen Teilen irgendwo tief im Inneren vergraben haben. Es sollte auch nie mehr ans Tageslicht kommen. Ängste und Sorgen werden so natürlich nicht verarbeitet und kommen auch nie ans Tageslicht.
Diese unterschwelligen Nöte, Sorgen und Ängste haben sich auf meiner Generation übertragen. Es zeigt sich in unterschiedlichen Symptomen.

Ich bin vor 4 Jahren selbst an “Burn-Out”, oder besser gesagt an Depressionen erkrankt. Ich fühlte mich überfordert und manchen Situationen nicht gewachsen. In den “landläufigen” Therapien lernt man dann, dass man sich abgrenzen soll und auf sich achten soll. Das geht nur zu einem gewissen Grad.
Nach der Lektüre des Buches bin ich der festen Überzeugung, dass ich Ursachen meiner damaligen Krankheit unter anderem auch aus meiner Kindheit herrühren. Nicht auffallen, vorsichtig sein, nicht anecken, nicht alles hinterfragen. Letzter fiel mir mit meiner angeborenen Neugier besonders schwer!
All dessen muss man sich bewusst werden. Vor allem muss man sich bewußt sein, das man nicht falsch ist!
Wir müssen schauen, dass wir mit diesem Erbe leben können.