Joe Zawinul – „A Remark You Made“ mit der WDR Big Band Köln

Vor Joe Zawinul klangen Synthesizer im Jazz oft wie Fremdkörper: technisch, futuristisch, manchmal ornamental. Zawinul machte daraus eine melodische und emotionale Stimme. Seine Sounds konnten wie Bläser, Stimmen, Streicher, Orgeln oder völlig neue Wesen klingen – aber immer mit jazzmusikalischer Phrasierung.

Das Besondere war: Er spielte Synthesizer nicht „keyboardmäßig“, sondern fast wie ein Sänger oder Bläser. Die Linien atmeten, bogen sich, riefen, antworteten. Dadurch wurde der Synthesizer im Jazz ein Instrument mit Seele und Persönlichkeit.

Bei Zawinul war ein Sound nie zufällig. Ein Akkord, ein Basslauf oder ein Solo hatte nicht nur Harmonie und Rhythmus, sondern auch eine genau geformte Klangfarbe. Damit verschob er das Denken im Jazz: Nicht nur „welche Note?“ war wichtig, sondern auch „welcher Klang?“.

Und jetzt ist es so, diese Piano Samples sind ja awfully gut. Und mir ist es ja wurscht, wie es ausschaut, wichtig ist, wie das klingt. Verstehst du, was ich meine.

Joe Zawinul, 2010

Da steht er nun nicht einfach vor einem Orchester.
Er steht inmitten eines Atems.

Joe Zawinul hebt die Hand nicht wie ein Dirigent, sondern wie jemand, der eine Erinnerung berührt. Ein Akkord öffnet sich — weich, dunkel, elektrisch — und plötzlich ist der Raum größer als der Saal. Die WDR Big Band Köln legt sich um ihn wie warmes Licht: Blech, Holz, Rhythmus, Stimmen aus Messing und Luft. Aber im Zentrum bleibt dieser Ton, dieser unverwechselbare Zawinul-Klang: halb Mensch, halb Maschine, ganz Seele.

„A Remark You Made“ ist keine Ballade im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Nachhall. Ein Satz, der nie ganz ausgesprochen wurde. Eine Melodie, die sich nicht aufdrängt, sondern bleibt, weil sie etwas weiß, das Worte nicht wissen. Zawinuls Synthesizer singt hier nicht über den Jazz hinweg — er singt durch ihn hindurch. Jeder Ton scheint eine eigene Temperatur zu haben: ein wenig Abschied, ein wenig Trost, ein wenig Himmel über dem Rhein.

Und dann diese Big Band: nicht als großes Gewicht, sondern als Wolke. Sie vergrößert die Melancholie, ohne sie zu beschädigen. Sie gibt dem Stück Flügel, ohne ihm die Intimität zu nehmen. Köln wird für ein paar Minuten zu Birdland, zu Wien, zu New York, zu irgendeinem Ort im Inneren, an dem Musik nicht gespielt, sondern erinnert wird.

Zawinul war ein Meister darin, Elektronik menschlich klingen zu lassen. Bei ihm war der Synthesizer kein Effektgerät, sondern eine Stimme mit Narben. In dieser Begegnung mit der WDR Big Band hört man genau das: einen Klang, der aus Kabeln kommt und trotzdem atmet; eine Melodie, die modern ist und zugleich uralt wirkt.

Diese Aufführung ist deshalb mehr als ein Arrangement.
Sie ist eine Verbeugung.
Vor Weather Report.
Vor der Kunst des Klangs.
Vor einem Musiker, der zeigen konnte, dass ein einziger Ton manchmal reicht, um ein ganzes Leben anzudeuten.

Joe Zawinul spielt nicht einfach ein Solo.
Er sagt etwas.
Und wir hören noch lange nach, was er gemeint haben könnte.




Absynth ist tot. Lang lebe Absynth.

Wie Native Instruments das Konzept „Überraschung“ neu synthetisiert

Es gibt Momente in der Musiksoftware-Geschichte, da lehnt man sich zurück, nippt am längst kalten Kaffee und denkt: „Ja, genau so hatte ich mir den Fortschritt vorgestellt: erst beerdigen, dann mit neuer Benutzeroberfläche wieder auferstehen lassen.“

Native Instruments hatte 2022 beschlossen, Absynth 5 nicht mehr in Komplete 14 aufzunehmen, den Einzelverkauf einzustellen und alle Verkaufs- sowie Entwicklungsaktivitäten zu stoppen — offiziell, weil der Aufwand, das Produkt an moderne Standards anzupassen, zu groß geworden sei. Bestehende Nutzer sollten Absynth 5 weiterhin verwenden können. Es sei denn, man nutzt einen Mac mit Apple Silicon-Prozessor – da gingen die Lichter aus, es sei denn man arbeitet in der Rosetta-Umgebung. Kann man machen, muss man nicht. Es dient dann lediglich der Erinnerung, wie ineffizient Intel-Prozessoren mit derartiger Software umgegangen sind. [1]
Und dann, als hätte jemand im Marketing versehentlich den „Undo“-Button für Produktentscheidungen gefunden, kam 2025 die Wiederauferstehung:
Absynth 6, angekündigt als Rückkehr des klassischen semi-modularen Softsynths. [2]

Kapitel 1: Das unwürdige Ende eines Klassikers

Absynth 5 war nie einfach nur ein Synthesizer. Absynth war ein Zustand. Ein Ort. Ein Geräusch, das klang, als hätte ein Außerirdischer im Wald beschlossen, ein Ambient-Album aufzunehmen.

Dann kam das Ende. Mit einem Knall, in Form eines offiziellen Statements, das sinngemäß sagte: Wir lieben Dich, aber moderne Standards sind anstrengend.
Eine Formulierung, die jeder kennt, der schon einmal versucht hat, ein altes Plug-in auf einem neuen macOS zu starten und dabei mehr über Gatekeeper gelernt hat als über Sounddesign.

Natürlich war die Community traurig. Schließlich war Absynth nicht irgendein Preset-Schleuderbrett, sondern ein Labor für Pads, Drones, Texturen und all diese wunderbaren Sounds, bei denen man nach zehn Minuten nicht mehr weiß, ob man gerade Musik macht oder Kontakt mit einer feuchten Höhle im Orionnebel aufgenommen hat.

Kapitel 2: Native Instruments entdeckt die Archäologie

Und dann: Absynth 6.

Native Instruments beschreibt Absynth 6 als Rückkehr eines legendären semi-modularen Synthesizers, gebaut für atmende, sich verwandelnde Texturen, mit hybrider Engine aus granularer, FM-, Wavetable- und subtraktiver Synthese. [3]
Mit anderen Worten: Absynth darf wieder das tun, was Absynth immer getan hat — nur diesmal hoffentlich ohne das Gefühl, dass die Benutzeroberfläche heimlich auf einem Bernsteinfossil kompiliert wurde.

Völlig unerwartet. Also wirklich völlig. Niemand hätte damit gerechnet – außer vielleicht alle, die irgendwann gelernt haben, dass in der Softwarebranche „eingestellt“ gelegentlich nur bedeutet: Bitte jetzt emotional investieren, damit die Rückkehr später dramatischer wirkt.

Kapitel 3: „Weird by Design“ — endlich ein ehrliches Produktversprechen

Der schönste Teil: Absynth 6 kommt offiziell mit dem Motto „Weird by Design“. [3]
Das ist mutig. Nicht etwa, weil Absynth jemals normal gewesen wäre. Sondern weil hier endlich ausgesprochen wird, was Nutzer seit Jahrzehnten wussten: Dieses Instrument war nie dafür da, eine brave EDM-Bassline in 14 Sekunden zu liefern. Es war dafür da, dass man um 2:37 Uhr morgens einen Klang baut, ihn „Breathing Glass Lung Cathedral In Space 04“ nennt und sich fragt, ob man noch Produzent ist oder schon wabernder Nebel.

Absynth 6 bringt außerdem unter anderem einen visuellen Preset Explorer, ein 68-Punkt-Hüllkurvensystem und den Mutator zurück beziehungsweise weiter. [3]
Das ist großartig, denn nichts sagt „kontrollierte Kreativität“ so sehr wie ein Mutator, der einem Sounddesign-Vorschläge macht, die klingen, als hätte ein modularer Synthesizer einen ansteckenden Fiebertraum.

Kapitel 4: Die Industrie lernt Wiederbelebung

Man muss Native Instruments fast bewundern. Erst erklärt man, dass Absynth 5 zu viel Aufwand sei. Dann bringt man Absynth 6 zurück — moderner, hübscher, kompatibler, expressiver. Laut DJ Mag wurde die neue Version mit Absynths ursprünglichem Designer Brian Clevinger erstellt und für moderne Kompatibilität sowie mehr Ausdruckskraft neu aufgebaut. [2]

Das ist natürlich erfreulich. Wirklich. Aber es ist auch ein bisschen so, als würde ein Restaurant Dein Lieblingsgericht von der Karte nehmen, Dir erklären, dass Kartoffeln leider zu komplex geworden sind, und drei Jahre später mit „Potato 2.0 — now with feelings“ zurückkommen.

Kapitel 5: Wir vergeben. Aber wir speichern das Preset.

Am Ende ist die Sache klar: Absynth 6 ist eine gute Nachricht. Eine sehr gute sogar. Der Synth war zu eigenartig, zu wichtig und zu klanglich seltsam, um dauerhaft in der Software-Mottenkiste zu verschwinden.

Aber natürlich darf man ein wenig sarkastisch applaudieren. Denn die Wiederauferstehung eines eingestellten Klassikers ist immer auch ein kleines Theaterstück in drei Akten:

  1. Akt eins: „Dieses Produkt hat leider keine Zukunft.“
  2. Akt zwei: Nutzer trauern, diskutieren, frieren Installer ein.
  3. Akt drei: „Überraschung! Die Zukunft kostet 199 Euro.“

Absynth ist also zurück. Die Hüllkurven atmen wieder. Die Texturen wabern. Der Mutator mutiert. Und irgendwo sitzt ein alter Absynth-5-Nutzer, startet sein DAW-Template von 2011 und flüstert:

„Ich wusste, Du würdest zurückkommen. Ich habe nur nie gedacht, dass Du skalierbare Fenster mitbringst.“

Willkommen zurück, Absynth. Wir haben Dich vermisst. Und ja, wir tun jetzt so, als wäre das alles vollkommen normal.

Hier ein Stück, „Lost In The Fog“, welches ich vor ein paar Jahren ausschließlich mit Absynth 5 eingespielt habe:




20. Juli 1944: Ein kritischer Blick auf Attentat und politische Ziele

Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehört zu den meistverehrten Figuren der deutschen Erinnerungskultur. Straßen, Kasernen und Schulen tragen seinen Namen, jedes Jahr wird am 20. Juli seiner und der anderen Verschwörer im Innenhof des Bendlerblocks gedacht. Diese Verehrung ist verständlich – wer unter Lebensgefahr gegen ein mörderisches Regime aufbegehrt, verdient Respekt. Doch eine unkritische Heldenerzählung wird der historischen Komplexität nicht gerecht. Wer genauer hinschaut, stößt auf ambivalente Motive, ein zögerliches Handeln erst in der Spätphase des Krieges und – vor allem – auf politische Neuordnungspläne, die alles andere als eine liberale Demokratie vorsahen – ein Aspekt, der heute weitgehend unbeachtet ist.

Wer war Stauffenberg?

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde 1907 in eine alte schwäbisch-katholische Adelsfamilie geboren und war von Jugend an geprägt von einem konservativ-nationalen, elitären Standesbewusstsein. Als Berufsoffizier diente er unter anderem in Polen, Frankreich, der Sowjetunion und Nordafrika, wo er im April 1943 bei einem alliierten Luftangriff schwer verwundet wurde: Er verlor das linke Auge, die rechte Hand sowie zwei Finger der linken Hand. 1944 wurde er Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres, General Friedrich Fromm – eine Position, die ihm Zugang zu Hitlers Lagebesprechungen verschaffte und ihn zur Schlüsselfigur der militärischen Verschwörung machte.

Der 20. Juli 1944: Ablauf und Scheitern

Am Vormittag des 20. Juli 1944 platzierte Stauffenberg in der „Wolfsschanze“, Hitlers Führerhauptquartier in Rastenburg, Ostpreußen, eine mit Sprengstoff präparierte Aktentasche unter dem massiven Kartentisch, an dem die Mittagslage besprochen wurde.

Zwei Umstände retteten Hitler vermutlich das Leben: Die Besprechung fand wegen der sommerlichen Hitze in einer leichten Holzbaracke statt, anstatt im üblichen Betonbunker, wodurch sich die Druckwelle weniger konzentriert entlud, und ein Offizier soll die Tasche kurz vor der Explosion hinter einen massiven Tischfuß geschoben haben, der einen Teil der Wucht abfing. Vier Menschen starben, Hitler selbst erlitt nur leichte Verletzungen.

Stauffenberg, der die Explosion aus der Ferne beobachtete und Hitler für tot hielt, flog nach Berlin, um dort „Operation Walküre“ auszulösen – den eigentlich für die Niederschlagung von Unruhen vorgesehenen Plan des Ersatzheeres, der nun zur Machtergreifung der Verschwörer umfunktioniert werden sollte. Doch die Umsetzung geriet von Beginn an ins Stocken: Zögerliche Befehlshaber, unklare Kommunikation und vor allem die sich schnell verbreitende Nachricht, dass Hitler überlebt hatte, ließen den Staatsstreich binnen weniger Stunden kollabieren.

General Fromm, selbst in die Vorbereitungen eingeweiht, wechselte die Seiten, um sich selbst zu schützen, und ließ Stauffenberg noch in der Nacht zum 21. Juli zusammen mit Friedrich Olbricht, Werner von Haeften und Albrecht Mertz von Quirnheim im Hof des Bendlerblocks erschießen.

In den folgenden Wochen wurden etwa 200 Personen im Zusammenhang mit der Verschwörung hingerichtet, Tausende verhaftet – darunter, im Rahmen der „Sippenhaft“, auch unbeteiligte Familienangehörige.

Die geplante politische Neuordnung: kritische Fragen

Der eigentlich aufschlussreiche – und in der öffentlichen Wahrnehmung meist ausgeblendete – Teil der Geschichte betrifft das politische Programm, das nach einem geglückten Umsturz hätte umgesetzt werden sollen.

Keine Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie. Die führenden zivilen Köpfe der Verschwörung, allen voran der als künftiger Reichskanzler vorgesehene Carl Friedrich Goerdeler und der als Staatsoberhaupt vorgesehene General Ludwig Beck, lehnten die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik mehrheitlich ab. Sie machten sie – wie große Teile des konservativen Bürgertums und Militärs – für die politische Instabilität der 1920er Jahre mitverantwortlich. Ihr Ziel war kein Zurück zu einem Staat nach Prägung der Weimarer Republik, sondern ein autoritär geführter, ständisch geprägter Staat mit starker Exekutive.

Goerdelers Verfassungsentwürfe. Die von Goerdeler und seinem Umfeld erarbeiteten Verfassungspläne sahen unter anderem vor:

  • ein abgestuftes, an Alter, Familienstand oder Leistung geknüpftes Wahlrecht anstelle des gleichen allgemeinen Wahlrechts,
  • eine berufsständisch statt parteipolitisch zusammengesetzte zweite Kammer,
  • eine deutliche Beschneidung der Rolle politischer Parteien,
  • ein starkes, kaum parlamentarisch kontrolliertes Kanzleramt.

Das war, in der Rückschau vieler Historiker, eher der Entwurf eines konservativ-autoritären Obrigkeitsstaats als einer liberalen Demokratie westlichen Zuschnitts.

Antisemitismus und Ambivalenz im konservativen Widerstand. Ein besonders unbequemer Befund: Nicht alle Verschwörer waren im heutigen Sinne uneingeschränkte Gegner rassistischer Politik. In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass frühe Nachkriegsentwürfe aus Goerdelers Umfeld noch Einschränkungen der vollen bürgerlichen Gleichstellung von Juden vorsahen – weit entfernt zwar von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, die die Verschwörer ausdrücklich verurteilten, aber ebenso weit entfernt von einem konsequenten Gleichheitsgrundsatz. Das verweist auf den nationalkonservativen, keineswegs liberal-egalitären Hintergrund vieler Beteiligter.

Der „Spätzünder“-Einwand. Auffällig ist auch der Zeitpunkt: Ernsthafte Umsturzpläne mit realistischer Erfolgsaussicht verdichteten sich vor allem nach der Niederlage von Stalingrad 1943, als eine deutsche Kriegsniederlage absehbar wurde. Das nährt die in der Forschung diskutierte These, ein wesentliches Motiv sei weniger die Rettung der NS-Opfer als vielmehr die Rettung Deutschlands vor der totalen Zerstörung und die Sicherung eines Verhandlungsfriedens aus einer noch nicht völlig aussichtslosen Position gewesen. Andere Widerstandskreise – etwa der Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke oder die Studenten der „Weißen Rose“ – handelten demgegenüber bereits Jahre früher und deutlich stärker aus grundsätzlicher moralischer beziehungsweise religiöser Überzeugung, obwohl sie über weit weniger Machtmittel verfügten.

Stauffenberg selbst: eine ambivalente Entwicklung

Auch Stauffenbergs eigener Weg war kein geradliniger. In seinem Milieu aus katholischem Adel und Militär war in den frühen 1930er Jahren eine Sympathie für Teile der „nationalen Erneuerung“ und einen autoritären Führungsstaat verbreitet, und Stauffenberg bildete davon keine Ausnahme. Erst der direkte Kontakt mit Kriegsverbrechen an der Ostfront – Massenerschießungen, die menschenverachtende Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilisten – sowie die sich abzeichnende militärische Katastrophe führten ihn ab etwa 1942/43 in aktiven Widerstand. Über seine konkreten politischen Vorstellungen für die Zeit nach einem geglückten Staatsstreich ist deutlich weniger überliefert als über die Goerdelers, da Stauffenberg vor allem der militärische Kopf, nicht der politische Theoretiker der Gruppe war. Vieles spricht jedoch dafür, dass auch er sich eher eine autoritär geführte Übergangsordnung als eine sofortige Rückkehr zur vollen parlamentarischen Demokratie vorstellte.

Einordnung und Fazit

Nichts von alldem schmälert, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer unter Einsatz ihres Lebens gehandelt haben und dass ein Gelingen des Attentats den Krieg früher beendet, Millionen Menschenleben gerettet und den Holocaust früher gestoppt hätte. Doch eine seriöse historische Betrachtung – wie sie in der deutschen Forschung seit den 1980er Jahren zunehmend Standard ist – darf nicht bei der Heroisierung stehenbleiben. Der 20. Juli war der Versuch einer nationalkonservativen Elite, den Nationalsozialismus zu beenden, um an dessen Stelle einen autoritären, ständisch geprägten Staat zu setzen – nicht den Aufbau der liberalen Demokratie, wie sie später mit dem Grundgesetz entstand. Diese Differenzierung nimmt den Verschwörern nichts von ihrem persönlichen Mut, macht die Geschichte aber ehrlicher und komplexer, als es das gängige Gedenknarrativ oft zulässt.




Oldtimertreffen an der Krefelder Rennbahn: Wolken, Chrom und ein Countach ohne Firlefanz

Am 19.07.2026 war es wieder so weit: Die Oldtimerfreunde Egelsberg luden erneut zum Oldtimertreffen an die Krefelder Rennbahn — und wie immer folgten zahlreiche Klassiker, Schrauber, Stauner und Benzingespräche der Einladung.

Das Wetter zeigte sich dabei angenehm zurückhaltend: mild, leicht bewölkt, also genau richtig für Mensch und Maschine. Kein Sonnenbrand auf der Stirn, kein Regen auf dem Lack — kurz gesagt: perfektes Oldtimerwetter. Selbst empfindliche Chromstoßstangen konnten entspannt durchatmen.

Viele Fahrzeuge, viele Besucher — und noch mehr Geschichten

Trotz der Bewölkung war ordentlich Betrieb auf dem Gelände. Zahlreiche Fahrzeuge rollten an, parkten sich in Pose und warteten darauf, bewundert, fotografiert und fachmännisch kommentiert zu werden. Zwischen liebevoll restaurierten Klassikern, gepflegten Alltagshelden vergangener Jahrzehnte und Fahrzeugen mit mehr Charakter als so mancher Neuwagen gab es reichlich zu entdecken.

Natürlich wurde auch wieder gefachsimpelt: über Originalzustand, Ersatzteillage, Lacktöne, Motorvarianten — und vermutlich mindestens einmal über die Frage, ob „der früher nicht viel besser klang“. Antwort: Ja. Natürlich. Immer!

Das Highlight: Lamborghini Countach LP 400

Der unangefochtene Star des Tages war ein Lamborghini Countach LP 400 — und zwar in seiner besonders eleganten Form: ohne störende Flügel und Spoiler.

Ein Countach, wie er ursprünglich gedacht war: flach, kantig, dramatisch und ungefähr so dezent wie ein Opernauftritt in einer Tiefgarage. Aber eben ohne das spätere aerodynamische Zubehör, das zwar spektakulär aussieht, aber manchmal wirkt, als hätte jemand beim Zubehörkatalog sehr selbstbewusst „einmal alles“ angekreuzt.

Der LP 400 stand da wie ein Design-Statement aus einer Zeit, in der Autos noch mit Lineal, Mut und italienischem Espresso entworfen wurden. Türen? Natürlich nach oben. Übersichtlichkeit? Eher ein Gerücht. Alltagstauglichkeit? Sagen wir: Für Menschen mit sehr viel Humor und sehr wenig Gepäck.

Ein Treffen mit Herz, Patina und Benzinduft

Was solche Treffen so besonders macht, ist nicht nur die Technik. Es sind die Gespräche, die Erinnerungen und die Begeisterung, die überall spürbar ist. Manche Besucher entdecken das Auto ihrer Kindheit wieder, andere erklären ihren Kindern, warum früher ein Fensterkurbelmechanismus völlig ausreichend war — und wieder andere stehen einfach nur lächelnd vor einem Motorraum und nicken wissend.

Das Oldtimertreffen an der Krefelder Rennbahn war auch 2026 wieder ein schöner Beweis dafür, dass alte Autos nicht einfach nur Fahrzeuge sind. Sie sind rollende Geschichten, manchmal kleine Zeitmaschinen — und gelegentlich auch sehr elegante Ausreden, um sonntags früh aufzustehen.

Fazit

Mildes Wetter, viele Besucher, jede Menge automobile Schätze und als Krönung ein Lamborghini Countach LP 400 ohne Flügelwerk: Das Treffen der Oldtimerfreunde Egelsberg hatte alles, was ein gelungener Klassiker-Tag braucht.

Und wenn ein Auto auch ohne Spoiler so viel Aufmerksamkeit bekommt, dann weiß man: Gutes Design braucht keine Anbauteile. Nur Mut, Kanten — und offenbar ein bisschen italienische Theatralik.

Hier ein paar Impressionen vom Oldtimertreffen:


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Ein Moment auf dem Feldweg

Kleiner Moment der Freundlichkeit – Goldblättchen vom 16.07.2026

Hey now, where are you going?
Where are you going, to my friend?
Said, “I’m going out to find the pastures of plenty
I believe they’re out there somewhere”

Pastures Of Plenty, Bruce Hornsby, 1993


Manchmal braucht es nur wenige Sekunden, um einen Tag ein kleines bisschen schöner zu machen.
Heute war ich auf dem Heimweg von der Arbeit, wie so oft über einen Feldweg. Und dort sah ich einen Radfahrer, der angehalten hatte. Er stand mit seinem Rad am Wegrand und fotografierte den weiten Blick über das Feld – dieses Licht, diese Weite, die man an manchen Tagen einfach festhalten möchte.

Wäre ich einfach weitergefahren , wäre ich vermutlich mit auf das Bild gekommen. Stattdessen habe ich angehalten und gewartet, bis er sein Foto im Kasten hatte. Dieser Mensch war gerade achtsam und ich wollte ihn in dieser Achtsamkeit nicht stören.

Es war keine große Sache. Aber er hat sich sichtlich gefreut, sich bedankt, und wir haben uns gegenseitig noch einen schönen Tag gewünscht, bevor jeder seines Weges weiterzog.

Genau das war heute mein Goldblättchen: dieser kurze, unaufgeregte Moment der Rücksichtnahme. Kein Aufwand, keine große Geste – dort ein Daumen hoch, hier ein Winken; nur ein bisschen Geduld und ein ehrliches Lächeln. Und trotzdem blieb er hängen, den ganzen Weg nach Hause über.

Es sind oft diese kleinen Augenblicke, die uns daran erinnern, dass Freundlichkeit nichts kostet, aber viel wert ist.




Ockhams Rasiermesser

Ockhams Rasiermesser (auch Sparsamkeitsprinzip) besagt, dass man bei mehreren möglichen Erklärungen für dasselbe Phänomen immer die einfachste Theorie mit den wenigsten Annahmen bevorzugen sollte. Zusätzliche, unbewiesene Variablen oder Entitäten sollten vermieden werden, da die einfachste Erklärung meist die wahrscheinlichste ist. 
Der Name leitet sich metaphorisch davon ab, dass überflüssige und unnötige Annahmen wie mit einem Rasiermesser abgeschnitten werden. Dieses Prinzip wurde durch den Franziskanermönch und Philosophen Wilhelm von Ockham in der Scholastik geprägt und lautet: „Wesenheiten dürfen nicht über das Notwendige hinaus vermehrt werden“.

Entia non sunt multiplicanda praeter necessitatem

Wilhelm von Ockham

Zeitreise in das 21.Jahrhundert

Es gibt Momente, da öffnet man seinen Newsfeed und denkt:
„Wenn das die Informationsgesellschaft ist, dann war das Mittelalter vermutlich ein Wellness‑Retreat.“ Zwischen Katzenvideos, Weltuntergangsprophezeiungen, Expertenmeinungen von Leuten, deren einzige Lebensleistung darin besteht, die Adresse von NIUS oder BILD-Online korrekt im Browser einzugeben, und dem fünften „Skandal“ des Tages, der morgen schon wieder vergessen ist, fragt man sich: Wie soll man da noch durchblicken?

Das Problem:
Im Internet ist die einfachste Erklärung ungefähr so beliebt wie ein Veggie‑Burger oder eine Soja-Wurst auf einem Grillfest des lokalen Fleischfabrikanten.
Die simple Antwort kommt aus dem 14. Jahrhundert und trägt ein Rasiermesser.

Ockhams Rasiermesser – das Minimalprinzip für geistige Hygiene

Der mittelalterliche Philosoph Wilhelm von Ockham formulierte eine Regel, die heute dringender ist als je zuvor:
Wenn mehrere Erklärungen möglich sind, ist die einfachste meist die beste.

Oder anders gesagt:
Bevor man eine Verschwörung mit 17 beteiligten Geheimdiensten, drei Schattenregierungen und einem außerirdischen Illuminaten-Beraterstab annimmt, könnte man auch einfach überlegen, ob vielleicht irgendjemand einfach nur einen Fehler gemacht hat.

Die einfache Erklärung ist jedoch immer langweilig.
Sie bringt keine Klicks.
Sie zerstört die Dramatik.
Sie verhindert Empörung – und Empörung ist die Währung des digitalen Zeitalters.

Wer Ockhams Rasiermesser einmal verstanden hat, erkennt schnell:
Es ist das perfekte Gegenmittel gegen die tägliche Social‑Media‑Reizüberflutung.

Social Media: Das Gegenteil von Einfachheit

Plattformen wie Instagram, TikTok oder X leben davon, dass alles komplizierter wirkt, als es im Grunde genommen ist.
Denn Komplexität erzeugt Aufmerksamkeit – und Aufmerksamkeit erzeugt Klicks.

  • Ein Promi trägt ein neues T‑Shirt? → Geheime Botschaft an die Welt.
  • Ein Politiker stolpert über ein Kabel? → Geheime Sabotageaktion.
  • Ein Promi löscht ein Foto? → Beziehungsdrama, PR‑Strategie, zu dämlich, einen Computer oder Smartphone zu bedienen.
  • Ein Influencer postet nichts für 24 Stunden? → Burnout, Trennung, Skandal, Entführung, zu dämlich, einen Computer oder Smartphone zu bedienen. – bitte wählen Sie eine Option.
  • Ein Unternehmen ändert sein Logo? → Psychologische Massenmanipulation.

Warum wir das Rasiermesser heute brauchen

Die einfachste mögliche Erklärung – „Es ist nichts passiert“ – ist im Social‑Media‑Ökosystem praktisch ebenso verboten wie die Ehe bei katholischen Geistlichen und Römer in einem gallischem Dorf.

Ockhams Rasiermesser ist kein Werkzeug, das man im Badezimmer vergisst.
Es ist ein mentales Filterinstrument, das uns hilft, die Welt wieder lesbar zu machen. Ockhams Rasiermesser ist kein philosophisches Spielzeug.
Es ist ein Überlebenswerkzeug in einer Welt, die sich selbst mit unnötiger Komplexität stranguliert.

Drei Gründe, warum es im Newsfeed Pflicht sein sollte:

  • Kognitive Entlastung — Wer jede Meldung maximal komplex denkt, landet früher oder später im digitalen Burnout.
  • Faktenorientierung — Die einfachste Erklärung ist oft die, die nicht sofort zusammenbricht, wenn man sie googelt.
  • Selbstschutz — Je weniger man sich in wilde Spekulationen verheddert, desto weniger wird man manipulierbar.

Ein Beispiel aus dem Alltag

Du liest:
„Große Plattform XY hat plötzlich die Reichweite bestimmter Beiträge reduziert.“
Die komplizierte Erklärung:
Ein globaler Masterplan stalinistischen Ausmaßes zur Manipulation der öffentlichen Meinung, orchestriert von einer geheimen Elite, die im Hintergrund von eigens eingeschleusten Migrant:innen in U-Bahn Schächten mit gefangenen Kindern die Fäden zieht läßt.
Die einfache Erklärung:
Entwickler hat ein Update eingespielt, das so schlecht getestet wurde, dass selbst die Kontrolleuchte des Kaffeeautomat im Büro jetzt blinkt wie eine Disco-Kugel im „Musikladen“ mit Manfred Sexauer in den 70er Jahren.
Ockham würde sagen:
„Nimm die zweite Erklärung. Die erste ist nur gut für Leute, die Drama lieben.“ Und spätestens seit Freddie Mercury wissen wir: Es kann nur eine Drama-QUEEN geben!

In einer Welt, in der jeder Newsfeed wie ein digitaler Jahrmarkt voller Absurditäten, Gaukler und Schreihälse wirkt, ist Ockhams Rasiermesser ein Akt der puren Selbstverteidigung.
Es trennt das Wahrscheinliche vom Fantastischen, das Relevante vom Lärm und die Realität vom Content‑Brainfuck.

Fazit: Rasieren wir den Unsinn weg

Die einfachste Erklärung ist nicht immer richtig – aber sie ist fast immer die, die uns davor bewahrt, komplett den Verstand zu verlieren.




Tag der Solidarität mit Israel und den Juden

Das Volk Israel lebt – עַם יִשְׂרָאֵל חַי

Der Tag der Solidarität mit Israel und den Juden ist einer dieser Tage, die im Kalender auftauchen wie ein moralischer TÜV-Termin: Man weiß, er ist wichtig, man weiß, man sollte hingehen, aber irgendwie hofft man doch, dass niemand merkt, wenn man ihn verpasst.
Spoiler: Man merkt es. Immer.

Das Datum geht auf den 10. Juli 1945 zurück, als in Dresden mit Lessings „Nathan der Weise“ erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Theaterstück in Deutschland aufgeführt wurde, um ein Zeichen für Toleranz zu setzen.


Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine Geschichte von Kultur, Wissenschaft, Musik, Sprache, Überleben — und leider auch eine Geschichte von Verfolgung. Antisemitismus ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine Realität der Gegenwart. Genau deshalb braucht es diesen Tag: um sichtbar zu machen, was oft übersehen wird, und um auszusprechen, was oft verschwiegen wird.

Solidarität bedeutet hier nicht, politische Positionen zu vertreten, sondern Menschen zu schützen, die aufgrund ihrer Identität bedroht werden. Es bedeutet, die Stimmen zu hören, die zu oft übertönt werden. Es bedeutet, sich gegen jede Form von Hass zu stellen — ob laut oder leise, ob auf der Straße oder im Netz.

Israel als Ort der Vielfalt

Israel ist ein Land, das es irgendwie geschafft hat, gleichzeitig Projektionsfläche, Politikum, Sehnsuchtsort und Streitobjekt zu sein. Jeder hat eine Meinung dazu, auch wenn viele nicht einmal wissen, wo Haifa, Hebron oder Tel Aviv liegen. Es ist ein kultureller Knotenpunkt, ein Ort, an dem Sprachen, Religionen, Traditionen und Geschichten aufeinandertreffen. Ein Land, das gleichzeitig modern und uralt ist, verletzlich und stark, umstritten und faszinierend.
Solidarität mit Israel heißt nicht, jede politische Entscheidung zu feiern. Es heißt schlicht, die Existenz eines Landes anzuerkennen, das seit Jahrzehnten darum kämpft, überhaupt existieren zu dürfen.

Solidarität mit den Juden weltweit

Jüdisches Leben ist vielfältig: religiös, säkular, traditionell, modern, kulturell, politisch, künstlerisch. Es ist Teil Europas, Teil Deutschlands, Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Und trotzdem müssen Juden sich immer noch erklären, rechtfertigen, schützen, verteidigen.
Solidarität bedeutet, sich gegen Antisemitismus zu stellen — nicht nur, wenn er laut brüllt, sondern auch, wenn er leise flüstert.
Solidarität bedeutet, jüdisches Leben sichtbar zu machen, zu schützen und zu feiern. Es bedeutet, sich gegen antisemitische Mythen, Verschwörungen und Feindbilder zu stellen — und stattdessen die Menschen zu sehen, die dahinter stehen.

Warum dieser Tag wichtig bleibt

Weil Erinnerung verblasst.
Weil Hass laut ist.
Weil Schweigen gefährlich ist.
Weil Solidarität eine Haltung ist, die jeden Tag neu gewählt werden muss .

Der Tag der Solidarität mit Israel und den Juden ist ein Reminder, der uns sagt:
„Hey, Menschlichkeit ist kein optionales Update. Das gehört zur Grundausstattung.“ Sie ist eine Entscheidung — und dieser Tag hilft uns, sie bewusst zu treffen.




Happy Birthday, Neil Tennant

Now I sit with different faces
In rented rooms and foreign places
All the people I was kissing
Some are here and some are missing
In the 1990s

Being Boring, 1990

Heute ist ein ganz besonderer Tag für die Welt der elektronischen Popmusik. Wir feiern den 72. Geburtstag von Neil Tennant, der Stimme und dem lyrischen Genie hinter den Pet Shop Boys.

Seit über vier Jahrzehnten prägt Tennant (* 10. Juli 1954 in North Shields, England) mit seinem unverkennbaren Stil – einer Mischung aus intellektuellem Understatement, messerscharfen Beobachtungen und unwiderstehlichen Synthesizer-Melodien – die Musiklandschaft.

Ein Mann, ein Geist, ein Sound

Neil Tennant ist kein gewöhnlicher Popstar. Vor seinem musikalischen Durchbruch arbeitete er als Journalist beim Musikmagazin Smash Hits. Während seiner Zeit bei Smash Hits führte er unter anderem ein wegweisendes Interview mit Dusty Springfield, was später zur Zusammenarbeit an dem Hit “What Have I Done to Deserve This?” führte. Diese journalistische Vergangenheit spürt man in jedem Songtext: Tennant schreibt keine bloßen Liebeslieder, er erzählt kleine, oft melancholische Kurzgeschichten über das Leben in der Großstadt, Sehnsüchte, gesellschaftliche Beobachtungen und den flüchtigen Glamour des Ruhms.

Bild: Raph_PH – PSBHydePark150919-77, CC BY 2.0, Link

Gemeinsam mit seinem Partner Chris Lowe hat er ein Universum geschaffen, das sowohl die Tanzflächen der Welt als auch die intellektuellen Feuilletons bedient. Von Hymnen wie “West End Girls” bis hin zu zeitlosen Klassikern wie “It’s a Sin” oder “Always on My Mind” – Tennants prägnante, fast gesprochene Gesangsstimme ist das Herzstück, das diese Songs zu zeitlosen Meisterwerken macht.

Warum er heute noch so wichtig ist

Was Neil Tennant und die Pet Shop Boys so bemerkenswert macht, ist ihre Beständigkeit. Während viele Bands der 80er Jahre in der Nostalgie gefangen blieben, haben sich Tennant und Lowe stets weiterentwickelt, neue Sounds integriert und bleiben doch immer zu 100 % “Pet Shop Boys“. Er outete sich 1994 in der Zeitschrift Attitude als homosexuell und gilt seitdem als prominente Stimme für LGBTQ+-Themen in der Musikindustrie.

Tennant schreibt oft wie ein Flaneur oder ein Dokumentarist. Er beobachtet das soziale Gefüge, die Anonymität der Großstadt (besonders London) und die kleinen, oft unbedeutenden Momente, in denen sich große Lebensgeschichten abspielen.

Beispiel: In „West End Girls“ verwebt er sozialkritische Beobachtungen über Klassenunterschiede in London mit einem fast filmischen, düsteren Unterton. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Distanz. Seine Texte handeln oft von dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein, der das Geschehen beobachtet, anstatt mitten darin zu stehen. Dies verbindet er häufig mit einer sehr distanzierten, fast kühlen Sicht auf Begehren, Einsamkeit und das „Anderssein“.
Tennant ist ein belesener Songwriter. Er scheut sich nicht, komplexe Themen wie Religion, Politik oder historische Ereignisse in den Kontext eines Drei-Minuten-Popsongs zu setzen.

  •  Religiöse Ambivalenz: „It’s a Sin“ ist eine brillante Auseinandersetzung mit der katholischen Erziehung, Schuldgefühlen und dem daraus resultierenden Rebellionstrieb, verpackt in eine mitreißende Hymne.
  • Politischer Kommentar: Lieder wie „Left to My Own Devices“ oder „Opportunities (Let’s Make Lots of Money)“ spielen mit gesellschaftlichen Erwartungen und dem britischen Klassensystem.

„Wir schreiben Texte, die eigentlich traurig oder nachdenklich sind, legen diese aber über eine euphorische, tanzbare Produktion.“

Neil Tennant

Dieser bewusste Bruch zwischen dem Inhalt (Text) und der Form (Musik) verleiht den Liedern ihre tiefe Resonanz. Man kann zu den Songs tanzen, ohne den Text zu hinterfragen – oder man kann in die Texte eintauchen und eine bittere, oft satirische Gesellschaftskritik entdecken.
Tennant nutzt oft eine dialogische Erzählweise. Er lässt die Songs wie kleine, abgeschlossene Kurzgeschichten wirken, in denen Charaktere miteinander sprechen oder über ihre Situation reflektieren. Das macht seine Lieder sehr persönlich, ohne dass sie in den bei Popstars oft üblichen „Selbstmitleid-Kitsch“ abrutschen.

Ein Beispiel für seine lyrische Meisterschaft:

In „Being Boring“ verarbeitet er das Älterwerden und den Verlust von Freunden während der AIDS-Krise der 80er Jahre. Es ist einer der persönlichsten und bewegendsten Texte der Popgeschichte, der das Thema Vergänglichkeit mit einer bemerkenswerten, fast schon nüchternen Eleganz behandelt.

An seinem 72. Geburtstag erinnert uns Neil Tennant daran, dass Popmusik keine Frage des Alters ist. Es ist eine Frage der Haltung:

  • Neugier: Er zeigt uns, wie man sich künstlerisch ständig neu erfindet.
  • Intelligenz: Er beweist, dass Mainstream-Erfolg und lyrische Tiefe sich nicht ausschließen müssen.
  • Stil: Er bleibt sich treu, ohne jemals in die Falle der Selbstkopie zu tappen.

Die Top 3 “Neil Tennant”-Momente

Wenn wir heute auf sein Werk zurückblicken, dürfen diese drei Meilensteine in keiner Playlist fehlen:

  • West End Girls (1984):
    Die Geburtsstunde eines völlig neuen, urbanen Pop-Sounds
  • It‘s A Sin (1987):
    Ein dramatisches, kathartisches Meisterwerk über Schuld und Befreiung.
  • Being Boring (1990):
    Vielleicht einer der ehrlichsten und bewegendsten Songs über das Älterwerden und die Vergangenheit.

Neil Tennant hat das Genre des elektronischen Pop maßgeblich mitdefiniert und bleibt ein Vorbild für Generationen von Musikern. Er zeigt uns, dass man die Welt mit einem ironischen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Melancholie betrachten kann – und dabei verdammt gut tanzt.

Alles Gute zum Geburtstag, Neil! Wir freuen uns auf alles, was da noch kommen mag …

Weil es für mich der schönste Song der Pet Shop Boys ist – Being Boring als Video:




Sommermärchen 2006

Erinnerst du dich noch an das Jahr 2006? Zwanzig Jahre ist das her. Die Welt war eine andere. Smartphones waren noch klobige Knochen mit winzigen Bildschirmen, auf denen man auf einer Mäusetastatur verzweifelt versucht hat, eine SMS mit dreimaligem Drücken der Taste „7“ zu tippen. Und mitten in dieser analogen Gemütlichkeit geschah das Unfassbare: Deutschland verlor für genau vier Wochen seine sprichwörtliche, unterkühlte Effizienz und mutierte zur größten Open-Air-Partyzone der Welt.

Willkommen beim Sommermärchen 2006.

Phase 1: Die kollektive Skepsis (Der typisch deutsche Start)

Bevor der erste Ball rollte, war die Stimmung – sagen wir es höflich – äußerst verhalten. Jürgen Klinsmann, unser damaliger Bundestrainer, wurde von den Medien fast schon wie ein Staatsfeind eines Schurkenstaates behandelt, weil er es gewagt hatte, im fernen Kalifornien zu leben und von dort aus Fitness-Gurus aus den USA einfliegen zu lassen. Die Schlagzeilen prophezeiten das sportliche Waterloo.

Der O-Ton im Mai 2006: „Mit der Abwehr fliegen wir in der Vorrunde raus. Und warum trägt dieser Klinsmann eigentlich keinen Anzug?“

Und dann? Kam der 9. Juni. München. Philipp Lahm zieht von links nach innen und schweißt das Ding im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica unhaltbar in den Winkel. Gänsehaut. Plötzlich war allen klar: Moment mal, da geht was, wir können ja doch kicken!

Phase 2: Schwarz-Rot-Goldene Extase

Was in den nächsten Wochen passierte, spottet bis heute jeder soziologischen Beschreibung. Ein ganzes Land, das sonst beim Thema Nationalstolz eher verlegen auf die eigenen Schuhe schaut, wickelte sich plötzlich in Flaggen ein, als gäbe es im Winter keine Decken mehr.

Plötzlich geschahen wundersame Dinge:

  • Die Seitenspiegel-Kondome: Jeder – wirklich jeder – Kleinwagen hatte plötzlich kleine Flaggen-Socken über den Außenspiegeln. Wer ohne fuhr, war verdächtig.
  • Public Viewing: Das Wort kannte vorher kein Mensch. Plötzlich standen Millionen Menschen bei 30 Grad im Schatten Schulter an Schulter auf Marktplätzen, tranken lauwarmes Bier aus Plastikbechern und starrten auf riesige Pixel-Leinwände.
  • Die Grill-Industrie: Fleischwurst und Nackensteaks wurden zur Hauptnahrungsquelle befördert. Vegetarismus war 2006 gefühlt noch ein Gerücht.

Wir lernten Namen wie David Odonkor (der Mann, der schneller lief als sein eigener Schatten) und klatschten euphorisch, wenn Oliver Neuville den Ball irgendwie über die Linie grätschte. Selbst Menschen, die Abseits bis heute für eine Designermarke halten, diskutierten plötzlich über die Vorzüge einer Viererkette.
Optimistische Zeitgenossen widmeten das Motto dieser WM, „die Welt zu Gast bei Freunden“ kurzerhand in „Freunde zu Gast beim Weltmeister“ um.

Phase 3: Das bittere, wunderschöne Ende

Es musste kommen, wie es kam: Italien. Dortmund. 4.Juli 2006. Die 119. Minute im Halbfinale. Fabio Grosso trifft uns mitten ins Herz, gefolgt von Alessandro Del Piero. Das Sommermärchen war sportlich vorbei, die Tränen flossen in Strömen.

Aber anstatt in den gewohnten Blues zu verfallen, einen Umbruch in der Mannschaft und gleichzeitigem Trainerrauswurf zu fordern, passierte etwas Magisches: Wir feierten einfach weiter.
Platz 3 gegen Portugal am 8.Juli 2006 wurde zelebriert, als hätten wir die Erde vor einer Invasion der Klingonen gerettet. Schweini traf aus allen Lebenslagen, Kahn reichte Lehmann die Hand (ein Moment für die Geschichtsbücher!) und Berlin verwandelte sich in ein Meer aus glücklichen Menschen.

Was bleibt vom Märchen?

Das Sommermärchen 2006 hat uns gezeigt, dass Deutschland auch mal unperfekt, laut, emotional und verdammt entspannt sein kann. Es war der Sommer, in dem das Wetter hielt, was die Reisebüros versprachen, und in dem wir der Welt bewiesen haben: Wir können nicht nur pünktlich sein, wir können auch Party. Wir können Gäste auch wie Freunde behandeln.

Wer weiß, vielleicht brennt das Feuer ja irgendwann wieder genau so. Bis dahin schwelgen wir in Erinnerungen, summen leise „Zeit, dass sich was dreht“ von Herbert Grönemeyer und hoffen, dass die Flaggen-Socken für die Außenspiegel im Keller nicht ganz eingestaubt sind, auch wenn wir sie 2026 mal wieder nicht gebraucht haben …




Notte italiana

Castello da Chiara- Goldblättchen vom 06.07. 2026

A bottle of red, ooh, a bottle of white
Whatever kind of mood you′re in tonight
I’ll meet you anytime you want
In our Italian restaurant

Scenes From An Italian Restaurant, Billy Joel, 1977

Bistecca della nonna & Saltimbocca alla Romana


Am Montag, den 06.Juli 2026 war der „Giornata mondiale del bacio“ – der Weltkusstag. Das klingt bereits wie die Ouvertüre zu einer Verdi-Oper, der beste Grund also, an diesem Abend ein italienisches Restaurant aufzusuchen, das Castello da Chiara in Willich-Neersen, unmittelbar am Schloß gelegen.

Die Küche liefert dazu den passenden Soundtrack. Wir wählten als Vorspeise Antipasti misto und Gamberi diavolo, als Hauptgericht ein Bistecca della nonna und ein Saltimbocca alla Romana.

Das Bistecca della nonna ist – ein Steak, das so saftig auf dem Teller liegt, als hätte es gerade ein Wellness-Wochenende hinter sich. Außen eine Kruste, die klingt, wenn man sie anschneidet, wie das leise Applaudieren einer italienischen Nonna (Großmutter), die zufrieden nickt und sagt: „Bravissimo.“

Das Saltimbocca alla Romana ist das Gegenteil von Drama.
Zartes Kalbfleisch, Salbei, Schinken – eine Kombination, die nicht laut ist, sondern leise überzeugt. Ein kulinarischer Gentleman, der nicht prahlt, sondern einfach abliefert.

Der Service ist eine kleine Studie in Menschenkenntnis. Man bekommt ein Lächeln, das nicht aus dem Handbuch stammt, sondern aus echter Freude am Gastgebersein.

Am Ende sitzt man dort, schaut auf den leeren Teller, nippt am letzten Schluck seines Getränkes und denkt: Neersen ist heute ein bisschen Italien geworden. Nicht wegen der Architektur, nicht wegen des Wetters, sondern wegen eines Restaurants, das verstanden hat, dass gutes Essen immer auch ein kleines Stück Urlaub ist.

Und so verlässt man das Castello Da Chiara mit dem Gefühl, dass die Welt ein bisschen freundlicher ist, als sie es beim Reingehen war. Ein Effekt, den man nicht unterschätzen sollte – und den man unbedingt wiederholen muss.