Grand Meeting 2026: Viele Klassiker, wenig Glanz

Vom 31. Juli 2026 bis 2.August 2026 findet die Veranstaltung statt, die früher unter dem Namen Classic Days bekannt war und nun erstaunlicherweise als Grand Meeting firmiert. Schon der neue Name ließ eine gewisse Größe erwarten. Vor Ort blieb davon allerdings ein ambivalenter Eindruck zurück.
Zudem soll es Schwierigkeiten bei der Genehmigungserteilung zu der Veranstaltung gegeben haben. Die Stadt Korschenbroich hatte die Genehmigung offenbar erst um 10:45 Uhr erteilt. Laut Thomas Dückers, Beigeordneter der Stadt, seien „viele offene Fragen“ der Grund gewesen, wodurch es für 45 Minuten eine „unklare Rechtslage“ gab.

Die Veranstaltung fand zum zweiten Mal am Rittergut Birkhof statt und wurde vom Veranstalter als Event für automobile Kultur, Eleganz, Zeitreise, Design und Experience angekündigt. [1] Genau diese Erwartung war vermutlich Teil des Problems: Wer frühere Classic Days im Kopf hat, denkt an Atmosphäre, besondere Fahrzeuge, liebevolle Inszenierung und kleine Entdeckungen, die lange im Gedächtnis bleiben. Das Grand Meeting 2026 bot zwar vieles davon in Ansätzen, erreichte für mich aber leider nicht mehr die Strahlkraft vergangener Veranstaltungen.

Anreise: Der erste Dämpfer

Der Verwunderung begann bereits vor dem eigentlichen Besuch. Eine erkennbare Beschilderung zur Zufahrt zum Gelände war schlicht nicht vorhanden oder zumindest nicht so, dass sie hilfreich gewesen wäre. Gerade bei einer Veranstaltung dieser Größe sollte die Anreise selbsterklärend sein. Stattdessen blieb der Eindruck, man müsse sich irgendwie selbst zum Ziel, bzw. den Parkmöglichkeiten durchhangeln.

Auch auf dem Festivalgelände setzte sich dieses Bild fort. Die Beschilderung war spärlich, unübersichtlich und nicht wirklich besucherfreundlich, wie auch teilweise die Wegführung. Wer bestimmte Bereiche suchte, musste eher raten als folgen. Das ist schade, denn ein guter Rundgang lebt nicht nur von den Fahrzeugen, sondern auch davon, dass man sich entspannt treiben lassen kann.

Kulinarik: Currywurst mit Fragezeichen

Kulinarisch blieb der Besuch ebenfalls eher bodenständig. Die Currywurst mit Pommes war in Ordnung, aber für den Preis von €11,00 nur Durchschnitt. Kein Totalausfall, aber auch nichts, wofür man sich vor Begeisterung auf den Rücken wirft.

Rätselhaft blieb für mich außerdem die Bierauswahl. Warum ausgerechnet im Rheinland neben Schlösser Alt und Frankenheim Alt Bier aus einer Bayreuther Brauerei ausgeschenkt wurde, erschloss sich mir nicht. Lediglich ein stand bot Bitburger Pils an. Dieses Bayreuther Bier hatte meiner Ansicht nach nur in Ansätzen etwas mit gutem Bier zu tun. Natürlich muss nicht jede Veranstaltung streng regional auftreten. Aber bei einem Event, das so stark mit Flair, Ort und Atmosphäre wirbt, hätte ein regionaler Bezug beim Bier durchaus besser gepasst. Als die Classic Days noch am Schloß Dyck veranstaltet wurden, gab es dort ein sehr gutes Pils der Brauerei Bolten, obwohl diese hauptsächlich Altbier braut.

Fahrzeuge: Viel zu sehen, wenig Staunen

Positiv bleibt festzuhalten: Es waren viele klassische Fahrzeuge vor Ort. Wer gerne durch Reihen gepflegter Oldtimer schlendert, kam durchaus auf seine Kosten. Das Auge fand immer wieder interessante Details, schöne Lackierungen, Leder, Chrom und Patina.

Was mir jedoch fehlte, waren die echten Highlights. Jene Fahrzeuge, bei denen man stehen bleibt, noch einmal zurückgeht und später sagt: „Das war der Moment des Tages.“ Bei früheren Veranstaltungen war genau das häufiger der Fall. Diesmal wirkte vieles solide, aber weniger außergewöhnlich.

Die große Überraschung blieb bis auf den Auto Union Typ 52 aus. Das Konzept des Fahrzeuges entstand ab 1933/1934 im Konstruktionsbüro von Ferdinand Porsche. Das Fahrzeug war als straßenzulassungsfähiger, V16-angetriebener Supersportwagen geplant, der auch bei Langstreckenrennen wie Le Mans oder der Mille Miglia hätte eingesetzt werden sollen.

Das Projekt wurde jedoch 1935 gestoppt, das Fahrzeug ging nie in Serie. Im Juli 2024 feierte die detailgetreue und seriennahe, handgefertigte Replika beim Goodwood Festival of Speed ihre Weltpremiere.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Das Grand Meeting möchte offenbar mehr sein als ein reines Oldtimertreffen. Der Veranstalter spricht von einem Classic-Car-Lifestyle-Event und nennt unter anderem Themenbereiche, historische Motorsport-Elemente, Picknick, Garden-Party-Flair und Design-Erlebnis. [1] Auf dem Papier klingt das stimmig. In der Praxis kam dieser Anspruch für mich jedoch nur teilweise an. Die Picknick-Wiese war als solche nicht gekennzeichnet und Garden-Party-Feeling stellte sich ebenfalls schwer ein, da die Terasse des Gutshauses mit Blick auf den Park durch eine geschlossene Gesellschaft der Firma Julius Bär in Beschlag genommen wurde.

Es fehlte nicht an Fahrzeugen, nicht an Besuchern und nicht an gutem Willen. Aber es fehlte an Orientierung, Präzision und an jenen besonderen Momenten, die eine Veranstaltung aus der Masse herausheben. Vielleicht ist der neue Name ein Signal für einen Neuanfang. Dann sollte dieser Neuanfang aber auch organisatorisch und atmosphärisch deutlicher spürbar werden.

Fazit

Mein Besuch beim Grand Meeting 2026 war kein Reinfall, aber auch kein Höhepunkt. Es gab viele klassische Fahrzeuge, eine grundsätzlich schöne Kulisse und genügend Anlass für einen entspannten Rundgang. Gleichzeitig trübten die mangelhafte Beschilderung, die unübersichtliche Wegeführung, durchschnittliche Verpflegung und das Fehlen echter automobilhistorischer Glanzlichter den Gesamteindruck deutlich.

Wer Oldtimer mag, konnte einen angenehmen Tag verbringen. Wer jedoch die Magie früherer Classic Days erwartet hatte, dürfte sich gefragt haben, ob mit dem neuen Namen vielleicht auch ein Stück des alten Charmes verloren gegangen ist.

Hier ein paar Impressionen vom Grand Meeting:


ngg_shortcode_0_placeholder




Konrad Beikircher, der Erfinder des Rheinlandes

Am 28.Juli 2026 ist der Kabarettist, Musiker und Autor Konrad Beikircher, dessen Wirken sich vor allem der rheinischen Wesensart und dem rheinischen Regiolekt widmete, verstorben. Der Kabarettist Jürgen Becker bezeichnete ihn als Erfinder des Rheinlandes. In diesem Sinne eine kleine Hommage an den 1945 in Südtirol geborenen wunderbaren Kabarettisten, einem der letzten dieser Sorte.

Es gibt Menschen, die erfinden das Rad.
Andere erfinden das Internet.
Konrad Beikircher aber erfand etwas viel Komplizierteres:
das Rheinland
.

Und zwar nicht am Reißbrett, mit Bauplan oder Ministerialerlass, sondern mit dem einzig dafür zulässigen Werkzeug: mit Sprache, Staunen, Musik, genauer Beobachtung und einer ordentlichen Portion „Nä, wat is dat schön hier, aber erklären kannste dat keinem“.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da kommt jemand aus Südtirol ins Rheinland, also aus einer Gegend, in der Berge noch Berge sind und nicht leichte Erhebungen hinterm Autobahnkreuz, und entdeckt hier eine Landschaft, die auf den ersten Blick aussieht wie eine Mischung aus Karneval, Baustelle, Stadtarchiv und Familienfeier. Andere wären wieder abgereist. Beikircher jedoch blieb. Vermutlich, weil er ahnte: Hier ist gibt es noch etwas zu tun.

Denn das Rheinland vor Beikircher war zwar schon existent, aber es wusste es noch nicht so ganz genau. Köln hatte den Dom, Bonn hatte Beethoven, Düsseldorf hatte ein übersteigertes Selbstbewusstsein, und dazwischen lagen Orte, in denen man sich mit drei Silben, zwei Blicken und einem „Jaja“ vollständige Weltanschauungen mitteilen konnte. Aber erst Beikircher kam und sagte sinngemäß: Moment mal, das ist gar kein Durcheinander. Das ist ein System. Ein sehr rheinisches System, also eins, das funktioniert, solange man nicht hinterfragt, wie.

Er nahm den rheinischen Dialekt ernst, ohne ihm die Krawatte anzuziehen. Er erklärte die rheinische Seele, ohne sie in ihre Einzelteile zu sezieren. Und wenn er sie doch sezierte, dann so, dass die Seele selbst dabei lachen musste und hinterher sagte: „Dat hässte ävver schön jesaat.

Seine große Leistung war nicht, dass er den Rheinländern etwas beigebracht hätte. Nein, schlimmer: Er hat ihnen erklärt, was sie ohnehin schon sind. Und das ist im Rheinland brandgefährlich! Denn wenn ein Rheinländer sich selbst erkennt, bestellt er entweder ein Kölsch, gründet einen Stammtisch oder sagt: „Dat han ich dir doch immer schon jesaat.

Beikircher machte aus dem rheinischen Singsang eine Wissenschaft, aus der Wissenschaft Kabarett und aus dem Kabarett Heimatkunde mit Lachgarantie. Er zeigte, dass ein Satz wie „Da kannste nix machen“ keineswegs Resignation bedeutet, sondern eine philosophische Weltformel ist. Er bewies, dass „Et kütt wie et kütt“ nicht etwa Fatalismus ist, sondern angewandte Metaphysik mit regionalem Qualitätssiegel. Denn es gilt im Rheinland:“Ett hätt noch immer joot jejange“.

Und so wurde aus dem Südtiroler ein Rheinländer, aus dem Beobachter ein Botschafter, aus dem Kabarettisten ein Kartograf einer inneren Landschaft. Er zeichnete keine Flüsse und Grenzen ein, sondern Tonfälle, Denkpausen, Ausweichmanöver, Umständlichkeiten, Herzlichkeiten und jene geheimnisvolle rheinische Fähigkeit, gleichzeitig verbindlich und völlig unverbindlich zu sein.

Das eigentlich Komische daran: Er musste all das nie erfinden. Er musste nur genau genug hinhören, während die Südtiroler Seele in ihm ungläubig den Kopf schüttelte – über Menschen, die eine Beerdigung als Anlass für einen guten Witz betrachten und die Bewerbung des Karnevalsprinzen ernster nehmen als die Kommunalwahl.

Der „Erfinder des Rheinlandes“ war also kein Herrscher, kein Stadtplaner, kein Bürokrat mit Ärmelschomern. Er war eher der Mann, der mit gespitztem Ohr durch Bonn, Köln und den ganzen rheinischen Kosmos ging und sagte: „Hört doch mal hin. Ihr seid ein Gedicht. Ein etwas verschachteltes, gelegentlich nuschelndes, aber ein Gedicht.

Lieber Konrad Beikircher, wenn das Rheinland heute weiß, dass es nicht nur eine Gegend ist, sondern eine Haltung, dann auch wegen dir. Du hast ihm kein Denkmal gebaut, sondern etwas viel Passenderes: eine Pointe. Und eine Pointe ist im Rheinland bekanntlich stabiler als Beton, weil sie sich besser weitererzählen lässt.

Kurz gesagt:
Konrad Beikircher hat das Rheinland nicht erfunden, wie man ein Gerät erfindet.
Er hat es erfunden, wie man eine Melodie findet, die schon immer in der Luft lag.
Er hat nur als Erster genau hingehört.

Und dafür sagt das Rheinland, wie nur das Rheinland sagen kann:
Konrad, dat haste joot jemaat. Wirklich. Also jetzt nicht übertreiben, aber: sehr joot.

„Maach ett joot …“

Titelbild:Elke Wetzig (Elya)

This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.
You are free:
to share – to copy, distribute and transmit the work
to remix – to adapt the work
Under the following conditions:
attribution – You must give appropriate credit, provide a link to the license, and indicate if changes were made. You may do so in any reasonable manner, but not in any way that suggests the licensor endorses you or your use.
share alike – If you remix, transform, or build upon the material, you must distribute your contributions under the same or compatible license as the original.



Joe Zawinul – „A Remark You Made“ mit der WDR Big Band Köln

Vor Joe Zawinul klangen Synthesizer im Jazz oft wie Fremdkörper: technisch, futuristisch, manchmal ornamental. Zawinul machte daraus eine melodische und emotionale Stimme. Seine Sounds konnten wie Bläser, Stimmen, Streicher, Orgeln oder völlig neue Wesen klingen – aber immer mit jazzmusikalischer Phrasierung.

Das Besondere war: Er spielte Synthesizer nicht „keyboardmäßig“, sondern fast wie ein Sänger oder Bläser. Die Linien atmeten, bogen sich, riefen, antworteten. Dadurch wurde der Synthesizer im Jazz ein Instrument mit Seele und Persönlichkeit.

Bei Zawinul war ein Sound nie zufällig. Ein Akkord, ein Basslauf oder ein Solo hatte nicht nur Harmonie und Rhythmus, sondern auch eine genau geformte Klangfarbe. Damit verschob er das Denken im Jazz: Nicht nur „welche Note?“ war wichtig, sondern auch „welcher Klang?“.

Und jetzt ist es so, diese Piano Samples sind ja awfully gut. Und mir ist es ja wurscht, wie es ausschaut, wichtig ist, wie das klingt. Verstehst du, was ich meine.

Joe Zawinul, 2010

Da steht er nun nicht einfach vor einem Orchester.
Er steht inmitten eines Atems.

Joe Zawinul hebt die Hand nicht wie ein Dirigent, sondern wie jemand, der eine Erinnerung berührt. Ein Akkord öffnet sich — weich, dunkel, elektrisch — und plötzlich ist der Raum größer als der Saal. Die WDR Big Band Köln legt sich um ihn wie warmes Licht: Blech, Holz, Rhythmus, Stimmen aus Messing und Luft. Aber im Zentrum bleibt dieser Ton, dieser unverwechselbare Zawinul-Klang: halb Mensch, halb Maschine, ganz Seele.

A Remark You Made“ ist keine Ballade im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Nachhall. Ein Satz, der nie ganz ausgesprochen wurde. Eine Melodie, die sich nicht aufdrängt, sondern bleibt, weil sie etwas weiß, das Worte nicht wissen. Zawinuls Synthesizer singt hier nicht über den Jazz hinweg — er singt durch ihn hindurch. Jeder Ton scheint eine eigene Temperatur zu haben: ein wenig Abschied, ein wenig Trost, ein wenig Himmel über dem Rhein.

Und dann diese Big Band: nicht als großes Gewicht, sondern als Wolke. Sie vergrößert die Melancholie, ohne sie zu beschädigen. Sie gibt dem Stück Flügel, ohne ihm die Intimität zu nehmen. Köln wird für ein paar Minuten zu Birdland, zu Wien, zu New York, zu irgendeinem Ort im Inneren, an dem Musik nicht gespielt, sondern erinnert wird.

Zawinul war ein Meister darin, Elektronik menschlich klingen zu lassen. Bei ihm war der Synthesizer kein Effektgerät, sondern eine Stimme mit Narben. In dieser Begegnung mit der WDR Big Band hört man genau das: einen Klang, der aus Kabeln kommt und trotzdem atmet; eine Melodie, die modern ist und zugleich uralt wirkt.

Diese Aufführung ist deshalb mehr als ein Arrangement.
Sie ist eine Verbeugung.
Vor Weather Report.
Vor der Kunst des Klangs.
Vor einem Musiker, der zeigen konnte, dass ein einziger Ton manchmal reicht, um ein ganzes Leben anzudeuten.

Joe Zawinul spielt nicht einfach ein Solo.
Er sagt etwas.
Und wir hören noch lange nach, was er gemeint haben könnte.




Absynth ist tot. Lang lebe Absynth.

Wie Native Instruments das Konzept „Überraschung“ neu synthetisiert

Es gibt Momente in der Musiksoftware-Geschichte, da lehnt man sich zurück, nippt am längst kalten Kaffee und denkt: „Ja, genau so hatte ich mir den Fortschritt vorgestellt: erst beerdigen, dann mit neuer Benutzeroberfläche wieder auferstehen lassen.“

Native Instruments hatte 2022 beschlossen, Absynth 5 nicht mehr in Komplete 14 aufzunehmen, den Einzelverkauf einzustellen und alle Verkaufs- sowie Entwicklungsaktivitäten zu stoppen — offiziell, weil der Aufwand, das Produkt an moderne Standards anzupassen, zu groß geworden sei. Bestehende Nutzer sollten Absynth 5 weiterhin verwenden können. Es sei denn, man nutzt einen Mac mit Apple Silicon-Prozessor – da gingen die Lichter aus, es sei denn man arbeitet in der Rosetta-Umgebung. Kann man machen, muss man nicht. Es dient dann lediglich der Erinnerung, wie ineffizient Intel-Prozessoren mit derartiger Software umgegangen sind. [1]
Und dann, als hätte jemand im Marketing versehentlich den „Undo“-Button für Produktentscheidungen gefunden, kam 2025 die Wiederauferstehung:
Absynth 6, angekündigt als Rückkehr des klassischen semi-modularen Softsynths. [2]

Kapitel 1: Das unwürdige Ende eines Klassikers

Absynth 5 war nie einfach nur ein Synthesizer. Absynth war ein Zustand. Ein Ort. Ein Geräusch, das klang, als hätte ein Außerirdischer im Wald beschlossen, ein Ambient-Album aufzunehmen.

Dann kam das Ende. Mit einem Knall, in Form eines offiziellen Statements, das sinngemäß sagte: Wir lieben Dich, aber moderne Standards sind anstrengend.
Eine Formulierung, die jeder kennt, der schon einmal versucht hat, ein altes Plug-in auf einem neuen macOS zu starten und dabei mehr über Gatekeeper gelernt hat als über Sounddesign.

Natürlich war die Community traurig. Schließlich war Absynth nicht irgendein Preset-Schleuderbrett, sondern ein Labor für Pads, Drones, Texturen und all diese wunderbaren Sounds, bei denen man nach zehn Minuten nicht mehr weiß, ob man gerade Musik macht oder Kontakt mit einer feuchten Höhle im Orionnebel aufgenommen hat.

Kapitel 2: Native Instruments entdeckt die Archäologie

Und dann: Absynth 6.

Native Instruments beschreibt Absynth 6 als Rückkehr eines legendären semi-modularen Synthesizers, gebaut für atmende, sich verwandelnde Texturen, mit hybrider Engine aus granularer, FM-, Wavetable- und subtraktiver Synthese. [3]
Mit anderen Worten: Absynth darf wieder das tun, was Absynth immer getan hat — nur diesmal hoffentlich ohne das Gefühl, dass die Benutzeroberfläche heimlich auf einem Bernsteinfossil kompiliert wurde.

Völlig unerwartet. Also wirklich völlig. Niemand hätte damit gerechnet – außer vielleicht alle, die irgendwann gelernt haben, dass in der Softwarebranche „eingestellt“ gelegentlich nur bedeutet: Bitte jetzt emotional investieren, damit die Rückkehr später dramatischer wirkt.

Kapitel 3: „Weird by Design“ — endlich ein ehrliches Produktversprechen

Der schönste Teil: Absynth 6 kommt offiziell mit dem Motto „Weird by Design“. [3]
Das ist mutig. Nicht etwa, weil Absynth jemals normal gewesen wäre. Sondern weil hier endlich ausgesprochen wird, was Nutzer seit Jahrzehnten wussten: Dieses Instrument war nie dafür da, eine brave EDM-Bassline in 14 Sekunden zu liefern. Es war dafür da, dass man um 2:37 Uhr morgens einen Klang baut, ihn „Breathing Glass Lung Cathedral In Space 04“ nennt und sich fragt, ob man noch Produzent ist oder schon wabernder Nebel.

Absynth 6 bringt außerdem unter anderem einen visuellen Preset Explorer, ein 68-Punkt-Hüllkurvensystem und den Mutator zurück beziehungsweise weiter. [3]
Das ist großartig, denn nichts sagt „kontrollierte Kreativität“ so sehr wie ein Mutator, der einem Sounddesign-Vorschläge macht, die klingen, als hätte ein modularer Synthesizer einen ansteckenden Fiebertraum.

Kapitel 4: Die Industrie lernt Wiederbelebung

Man muss Native Instruments fast bewundern. Erst erklärt man, dass Absynth 5 zu viel Aufwand sei. Dann bringt man Absynth 6 zurück — moderner, hübscher, kompatibler, expressiver. Laut DJ Mag wurde die neue Version mit Absynths ursprünglichem Designer Brian Clevinger erstellt und für moderne Kompatibilität sowie mehr Ausdruckskraft neu aufgebaut. [2]

Das ist natürlich erfreulich. Wirklich. Aber es ist auch ein bisschen so, als würde ein Restaurant Dein Lieblingsgericht von der Karte nehmen, Dir erklären, dass Kartoffeln leider zu komplex geworden sind, und drei Jahre später mit „Potato 2.0 — now with feelings“ zurückkommen.

Kapitel 5: Wir vergeben. Aber wir speichern das Preset.

Am Ende ist die Sache klar: Absynth 6 ist eine gute Nachricht. Eine sehr gute sogar. Der Synth war zu eigenartig, zu wichtig und zu klanglich seltsam, um dauerhaft in der Software-Mottenkiste zu verschwinden.

Aber natürlich darf man ein wenig sarkastisch applaudieren. Denn die Wiederauferstehung eines eingestellten Klassikers ist immer auch ein kleines Theaterstück in drei Akten:

  1. Akt eins: „Dieses Produkt hat leider keine Zukunft.“
  2. Akt zwei: Nutzer trauern, diskutieren, frieren Installer ein.
  3. Akt drei: „Überraschung! Die Zukunft kostet 199 Euro.“

Absynth ist also zurück. Die Hüllkurven atmen wieder. Die Texturen wabern. Der Mutator mutiert. Und irgendwo sitzt ein alter Absynth-5-Nutzer, startet sein DAW-Template von 2011 und flüstert:

Ich wusste, Du würdest zurückkommen. Ich habe nur nie gedacht, dass Du skalierbare Fenster mitbringst.

Willkommen zurück, Absynth. Wir haben Dich vermisst. Und ja, wir tun jetzt so, als wäre das alles vollkommen normal.

Hier ein Stück, „Lost In The Fog“, welches ich vor ein paar Jahren ausschließlich mit Absynth 5 eingespielt habe:




20. Juli 1944: Ein kritischer Blick auf Attentat und politische Ziele

Claus Schenk Graf von Stauffenberg gehört zu den meistverehrten Figuren der deutschen Erinnerungskultur. Straßen, Kasernen und Schulen tragen seinen Namen, jedes Jahr wird am 20. Juli seiner und der anderen Verschwörer im Innenhof des Bendlerblocks gedacht. Diese Verehrung ist verständlich – wer unter Lebensgefahr gegen ein mörderisches Regime aufbegehrt, verdient Respekt. Doch eine unkritische Heldenerzählung wird der historischen Komplexität nicht gerecht. Wer genauer hinschaut, stößt auf ambivalente Motive, ein zögerliches Handeln erst in der Spätphase des Krieges und – vor allem – auf politische Neuordnungspläne, die alles andere als eine liberale Demokratie vorsahen – ein Aspekt, der heute weitgehend unbeachtet ist.

Wer war Stauffenberg?

Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde 1907 in eine alte schwäbisch-katholische Adelsfamilie geboren und war von Jugend an geprägt von einem konservativ-nationalen, elitären Standesbewusstsein. Als Berufsoffizier diente er unter anderem in Polen, Frankreich, der Sowjetunion und Nordafrika, wo er im April 1943 bei einem alliierten Luftangriff schwer verwundet wurde: Er verlor das linke Auge, die rechte Hand sowie zwei Finger der linken Hand. 1944 wurde er Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres, General Friedrich Fromm – eine Position, die ihm Zugang zu Hitlers Lagebesprechungen verschaffte und ihn zur Schlüsselfigur der militärischen Verschwörung machte.

Der 20. Juli 1944: Ablauf und Scheitern

Am Vormittag des 20. Juli 1944 platzierte Stauffenberg in der „Wolfsschanze“, Hitlers Führerhauptquartier in Rastenburg, Ostpreußen, eine mit Sprengstoff präparierte Aktentasche unter dem massiven Kartentisch, an dem die Mittagslage besprochen wurde.

Zwei Umstände retteten Hitler vermutlich das Leben: Die Besprechung fand wegen der sommerlichen Hitze in einer leichten Holzbaracke statt, anstatt im üblichen Betonbunker, wodurch sich die Druckwelle weniger konzentriert entlud, und ein Offizier soll die Tasche kurz vor der Explosion hinter einen massiven Tischfuß geschoben haben, der einen Teil der Wucht abfing. Vier Menschen starben, Hitler selbst erlitt nur leichte Verletzungen.

Stauffenberg, der die Explosion aus der Ferne beobachtete und Hitler für tot hielt, flog nach Berlin, um dort „Operation Walküre“ auszulösen – den eigentlich für die Niederschlagung von Unruhen vorgesehenen Plan des Ersatzheeres, der nun zur Machtergreifung der Verschwörer umfunktioniert werden sollte. Doch die Umsetzung geriet von Beginn an ins Stocken: Zögerliche Befehlshaber, unklare Kommunikation und vor allem die sich schnell verbreitende Nachricht, dass Hitler überlebt hatte, ließen den Staatsstreich binnen weniger Stunden kollabieren.

General Fromm, selbst in die Vorbereitungen eingeweiht, wechselte die Seiten, um sich selbst zu schützen, und ließ Stauffenberg noch in der Nacht zum 21. Juli zusammen mit Friedrich Olbricht, Werner von Haeften und Albrecht Mertz von Quirnheim im Hof des Bendlerblocks erschießen.

In den folgenden Wochen wurden etwa 200 Personen im Zusammenhang mit der Verschwörung hingerichtet, Tausende verhaftet – darunter, im Rahmen der „Sippenhaft“, auch unbeteiligte Familienangehörige.

Die geplante politische Neuordnung: kritische Fragen

Der eigentlich aufschlussreiche – und in der öffentlichen Wahrnehmung meist ausgeblendete – Teil der Geschichte betrifft das politische Programm, das nach einem geglückten Umsturz hätte umgesetzt werden sollen.

Keine Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie. Die führenden zivilen Köpfe der Verschwörung, allen voran der als künftiger Reichskanzler vorgesehene Carl Friedrich Goerdeler und der als Staatsoberhaupt vorgesehene General Ludwig Beck, lehnten die parlamentarische Demokratie der Weimarer Republik mehrheitlich ab. Sie machten sie – wie große Teile des konservativen Bürgertums und Militärs – für die politische Instabilität der 1920er Jahre mitverantwortlich. Ihr Ziel war kein Zurück zu einem Staat nach Prägung der Weimarer Republik, sondern ein autoritär geführter, ständisch geprägter Staat mit starker Exekutive.

Goerdelers Verfassungsentwürfe. Die von Goerdeler und seinem Umfeld erarbeiteten Verfassungspläne sahen unter anderem vor:

  • ein abgestuftes, an Alter, Familienstand oder Leistung geknüpftes Wahlrecht anstelle des gleichen allgemeinen Wahlrechts,
  • eine berufsständisch statt parteipolitisch zusammengesetzte zweite Kammer,
  • eine deutliche Beschneidung der Rolle politischer Parteien,
  • ein starkes, kaum parlamentarisch kontrolliertes Kanzleramt.

Das war, in der Rückschau vieler Historiker, eher der Entwurf eines konservativ-autoritären Obrigkeitsstaats als einer liberalen Demokratie westlichen Zuschnitts.

Antisemitismus und Ambivalenz im konservativen Widerstand. Ein besonders unbequemer Befund: Nicht alle Verschwörer waren im heutigen Sinne uneingeschränkte Gegner rassistischer Politik. In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass frühe Nachkriegsentwürfe aus Goerdelers Umfeld noch Einschränkungen der vollen bürgerlichen Gleichstellung von Juden vorsahen – weit entfernt zwar von der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, die die Verschwörer ausdrücklich verurteilten, aber ebenso weit entfernt von einem konsequenten Gleichheitsgrundsatz. Das verweist auf den nationalkonservativen, keineswegs liberal-egalitären Hintergrund vieler Beteiligter.

Der „Spätzünder“-Einwand. Auffällig ist auch der Zeitpunkt: Ernsthafte Umsturzpläne mit realistischer Erfolgsaussicht verdichteten sich vor allem nach der Niederlage von Stalingrad 1943, als eine deutsche Kriegsniederlage absehbar wurde. Das nährt die in der Forschung diskutierte These, ein wesentliches Motiv sei weniger die Rettung der NS-Opfer als vielmehr die Rettung Deutschlands vor der totalen Zerstörung und die Sicherung eines Verhandlungsfriedens aus einer noch nicht völlig aussichtslosen Position gewesen. Andere Widerstandskreise – etwa der Kreisauer Kreis um Helmuth James von Moltke oder die Studenten der „Weißen Rose“ – handelten demgegenüber bereits Jahre früher und deutlich stärker aus grundsätzlicher moralischer beziehungsweise religiöser Überzeugung, obwohl sie über weit weniger Machtmittel verfügten.

Stauffenberg selbst: eine ambivalente Entwicklung

Auch Stauffenbergs eigener Weg war kein geradliniger. In seinem Milieu aus katholischem Adel und Militär war in den frühen 1930er Jahren eine Sympathie für Teile der „nationalen Erneuerung“ und einen autoritären Führungsstaat verbreitet, und Stauffenberg bildete davon keine Ausnahme. Erst der direkte Kontakt mit Kriegsverbrechen an der Ostfront – Massenerschießungen, die menschenverachtende Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener und Zivilisten – sowie die sich abzeichnende militärische Katastrophe führten ihn ab etwa 1942/43 in aktiven Widerstand. Über seine konkreten politischen Vorstellungen für die Zeit nach einem geglückten Staatsstreich ist deutlich weniger überliefert als über die Goerdelers, da Stauffenberg vor allem der militärische Kopf, nicht der politische Theoretiker der Gruppe war. Vieles spricht jedoch dafür, dass auch er sich eher eine autoritär geführte Übergangsordnung als eine sofortige Rückkehr zur vollen parlamentarischen Demokratie vorstellte.

Einordnung und Fazit

Nichts von alldem schmälert, dass Stauffenberg und seine Mitverschwörer unter Einsatz ihres Lebens gehandelt haben und dass ein Gelingen des Attentats den Krieg früher beendet, Millionen Menschenleben gerettet und den Holocaust früher gestoppt hätte. Doch eine seriöse historische Betrachtung – wie sie in der deutschen Forschung seit den 1980er Jahren zunehmend Standard ist – darf nicht bei der Heroisierung stehenbleiben. Der 20. Juli war der Versuch einer nationalkonservativen Elite, den Nationalsozialismus zu beenden, um an dessen Stelle einen autoritären, ständisch geprägten Staat zu setzen – nicht den Aufbau der liberalen Demokratie, wie sie später mit dem Grundgesetz entstand. Diese Differenzierung nimmt den Verschwörern nichts von ihrem persönlichen Mut, macht die Geschichte aber ehrlicher und komplexer, als es das gängige Gedenknarrativ oft zulässt.




Oldtimertreffen an der Krefelder Rennbahn: Wolken, Chrom und ein Countach ohne Firlefanz

Am 19.07.2026 war es wieder so weit: Die Oldtimerfreunde Egelsberg luden erneut zum Oldtimertreffen an die Krefelder Rennbahn — und wie immer folgten zahlreiche Klassiker, Schrauber, Stauner und Benzingespräche der Einladung.

Das Wetter zeigte sich dabei angenehm zurückhaltend: mild, leicht bewölkt, also genau richtig für Mensch und Maschine. Kein Sonnenbrand auf der Stirn, kein Regen auf dem Lack — kurz gesagt: perfektes Oldtimerwetter. Selbst empfindliche Chromstoßstangen konnten entspannt durchatmen.

Viele Fahrzeuge, viele Besucher — und noch mehr Geschichten

Trotz der Bewölkung war ordentlich Betrieb auf dem Gelände. Zahlreiche Fahrzeuge rollten an, parkten sich in Pose und warteten darauf, bewundert, fotografiert und fachmännisch kommentiert zu werden. Zwischen liebevoll restaurierten Klassikern, gepflegten Alltagshelden vergangener Jahrzehnte und Fahrzeugen mit mehr Charakter als so mancher Neuwagen gab es reichlich zu entdecken.

Natürlich wurde auch wieder gefachsimpelt: über Originalzustand, Ersatzteillage, Lacktöne, Motorvarianten — und vermutlich mindestens einmal über die Frage, ob „der früher nicht viel besser klang“. Antwort: Ja. Natürlich. Immer!

Das Highlight: Lamborghini Countach LP 400

Der unangefochtene Star des Tages war ein Lamborghini Countach LP 400 — und zwar in seiner besonders eleganten Form: ohne störende Flügel und Spoiler.

Ein Countach, wie er ursprünglich gedacht war: flach, kantig, dramatisch und ungefähr so dezent wie ein Opernauftritt in einer Tiefgarage. Aber eben ohne das spätere aerodynamische Zubehör, das zwar spektakulär aussieht, aber manchmal wirkt, als hätte jemand beim Zubehörkatalog sehr selbstbewusst „einmal alles“ angekreuzt.

Der LP 400 stand da wie ein Design-Statement aus einer Zeit, in der Autos noch mit Lineal, Mut und italienischem Espresso entworfen wurden. Türen? Natürlich nach oben. Übersichtlichkeit? Eher ein Gerücht. Alltagstauglichkeit? Sagen wir: Für Menschen mit sehr viel Humor und sehr wenig Gepäck.

Ein Treffen mit Herz, Patina und Benzinduft

Was solche Treffen so besonders macht, ist nicht nur die Technik. Es sind die Gespräche, die Erinnerungen und die Begeisterung, die überall spürbar ist. Manche Besucher entdecken das Auto ihrer Kindheit wieder, andere erklären ihren Kindern, warum früher ein Fensterkurbelmechanismus völlig ausreichend war — und wieder andere stehen einfach nur lächelnd vor einem Motorraum und nicken wissend.

Das Oldtimertreffen an der Krefelder Rennbahn war auch 2026 wieder ein schöner Beweis dafür, dass alte Autos nicht einfach nur Fahrzeuge sind. Sie sind rollende Geschichten, manchmal kleine Zeitmaschinen — und gelegentlich auch sehr elegante Ausreden, um sonntags früh aufzustehen.

Fazit

Mildes Wetter, viele Besucher, jede Menge automobile Schätze und als Krönung ein Lamborghini Countach LP 400 ohne Flügelwerk: Das Treffen der Oldtimerfreunde Egelsberg hatte alles, was ein gelungener Klassiker-Tag braucht.

Und wenn ein Auto auch ohne Spoiler so viel Aufmerksamkeit bekommt, dann weiß man: Gutes Design braucht keine Anbauteile. Nur Mut, Kanten — und offenbar ein bisschen italienische Theatralik.

Hier ein paar Impressionen vom Oldtimertreffen:


ngg_shortcode_1_placeholder




Tag der Solidarität mit Israel und den Juden

Das Volk Israel lebt – עַם יִשְׂרָאֵל חַי

Der Tag der Solidarität mit Israel und den Juden ist einer dieser Tage, die im Kalender auftauchen wie ein moralischer TÜV-Termin: Man weiß, er ist wichtig, man weiß, man sollte hingehen, aber irgendwie hofft man doch, dass niemand merkt, wenn man ihn verpasst.
Spoiler: Man merkt es. Immer.

Das Datum geht auf den 10. Juli 1945 zurück, als in Dresden mit Lessings „Nathan der Weise“ erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg wieder ein Theaterstück in Deutschland aufgeführt wurde, um ein Zeichen für Toleranz zu setzen.


Die Geschichte des jüdischen Volkes ist eine Geschichte von Kultur, Wissenschaft, Musik, Sprache, Überleben — und leider auch eine Geschichte von Verfolgung. Antisemitismus ist kein Relikt der Vergangenheit, sondern eine Realität der Gegenwart. Genau deshalb braucht es diesen Tag: um sichtbar zu machen, was oft übersehen wird, und um auszusprechen, was oft verschwiegen wird.

Solidarität bedeutet hier nicht, politische Positionen zu vertreten, sondern Menschen zu schützen, die aufgrund ihrer Identität bedroht werden. Es bedeutet, die Stimmen zu hören, die zu oft übertönt werden. Es bedeutet, sich gegen jede Form von Hass zu stellen — ob laut oder leise, ob auf der Straße oder im Netz.

Israel als Ort der Vielfalt

Israel ist ein Land, das es irgendwie geschafft hat, gleichzeitig Projektionsfläche, Politikum, Sehnsuchtsort und Streitobjekt zu sein. Jeder hat eine Meinung dazu, auch wenn viele nicht einmal wissen, wo Haifa, Hebron oder Tel Aviv liegen. Es ist ein kultureller Knotenpunkt, ein Ort, an dem Sprachen, Religionen, Traditionen und Geschichten aufeinandertreffen. Ein Land, das gleichzeitig modern und uralt ist, verletzlich und stark, umstritten und faszinierend.
Solidarität mit Israel heißt nicht, jede politische Entscheidung zu feiern. Es heißt schlicht, die Existenz eines Landes anzuerkennen, das seit Jahrzehnten darum kämpft, überhaupt existieren zu dürfen.

Solidarität mit den Juden weltweit

Jüdisches Leben ist vielfältig: religiös, säkular, traditionell, modern, kulturell, politisch, künstlerisch. Es ist Teil Europas, Teil Deutschlands, Teil unserer gemeinsamen Geschichte. Und trotzdem müssen Juden sich immer noch erklären, rechtfertigen, schützen, verteidigen.
Solidarität bedeutet, sich gegen Antisemitismus zu stellen — nicht nur, wenn er laut brüllt, sondern auch, wenn er leise flüstert.
Solidarität bedeutet, jüdisches Leben sichtbar zu machen, zu schützen und zu feiern. Es bedeutet, sich gegen antisemitische Mythen, Verschwörungen und Feindbilder zu stellen — und stattdessen die Menschen zu sehen, die dahinter stehen.

Warum dieser Tag wichtig bleibt

Weil Erinnerung verblasst.
Weil Hass laut ist.
Weil Schweigen gefährlich ist.
Weil Solidarität eine Haltung ist, die jeden Tag neu gewählt werden muss .

Der Tag der Solidarität mit Israel und den Juden ist ein Reminder, der uns sagt:
Hey, Menschlichkeit ist kein optionales Update. Das gehört zur Grundausstattung.“ Sie ist eine Entscheidung — und dieser Tag hilft uns, sie bewusst zu treffen.




Happy Birthday, Neil Tennant

Now I sit with different faces
In rented rooms and foreign places
All the people I was kissing
Some are here and some are missing
In the 1990s

Being Boring, 1990

Heute ist ein ganz besonderer Tag für die Welt der elektronischen Popmusik. Wir feiern den 72. Geburtstag von Neil Tennant, der Stimme und dem lyrischen Genie hinter den Pet Shop Boys.

Seit über vier Jahrzehnten prägt Tennant (* 10. Juli 1954 in North Shields, England) mit seinem unverkennbaren Stil – einer Mischung aus intellektuellem Understatement, messerscharfen Beobachtungen und unwiderstehlichen Synthesizer-Melodien – die Musiklandschaft.

Ein Mann, ein Geist, ein Sound

Neil Tennant ist kein gewöhnlicher Popstar. Vor seinem musikalischen Durchbruch arbeitete er als Journalist beim Musikmagazin Smash Hits. Während seiner Zeit bei Smash Hits führte er unter anderem ein wegweisendes Interview mit Dusty Springfield, was später zur Zusammenarbeit an dem Hit “What Have I Done to Deserve This?” führte. Diese journalistische Vergangenheit spürt man in jedem Songtext: Tennant schreibt keine bloßen Liebeslieder, er erzählt kleine, oft melancholische Kurzgeschichten über das Leben in der Großstadt, Sehnsüchte, gesellschaftliche Beobachtungen und den flüchtigen Glamour des Ruhms.

Bild: Raph_PHPSBHydePark150919-77, CC BY 2.0, Link

Gemeinsam mit seinem Partner Chris Lowe hat er ein Universum geschaffen, das sowohl die Tanzflächen der Welt als auch die intellektuellen Feuilletons bedient. Von Hymnen wie “West End Girls” bis hin zu zeitlosen Klassikern wie “It’s a Sin” oder “Always on My Mind” – Tennants prägnante, fast gesprochene Gesangsstimme ist das Herzstück, das diese Songs zu zeitlosen Meisterwerken macht.

Warum er heute noch so wichtig ist

Was Neil Tennant und die Pet Shop Boys so bemerkenswert macht, ist ihre Beständigkeit. Während viele Bands der 80er Jahre in der Nostalgie gefangen blieben, haben sich Tennant und Lowe stets weiterentwickelt, neue Sounds integriert und bleiben doch immer zu 100 % “Pet Shop Boys“. Er outete sich 1994 in der Zeitschrift Attitude als homosexuell und gilt seitdem als prominente Stimme für LGBTQ+-Themen in der Musikindustrie.

Tennant schreibt oft wie ein Flaneur oder ein Dokumentarist. Er beobachtet das soziale Gefüge, die Anonymität der Großstadt (besonders London) und die kleinen, oft unbedeutenden Momente, in denen sich große Lebensgeschichten abspielen.

Beispiel: In „West End Girls“ verwebt er sozialkritische Beobachtungen über Klassenunterschiede in London mit einem fast filmischen, düsteren Unterton. Ein wiederkehrendes Motiv ist die Distanz. Seine Texte handeln oft von dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein, der das Geschehen beobachtet, anstatt mitten darin zu stehen. Dies verbindet er häufig mit einer sehr distanzierten, fast kühlen Sicht auf Begehren, Einsamkeit und das „Anderssein“.
Tennant ist ein belesener Songwriter. Er scheut sich nicht, komplexe Themen wie Religion, Politik oder historische Ereignisse in den Kontext eines Drei-Minuten-Popsongs zu setzen.

  •  Religiöse Ambivalenz: „It’s a Sin“ ist eine brillante Auseinandersetzung mit der katholischen Erziehung, Schuldgefühlen und dem daraus resultierenden Rebellionstrieb, verpackt in eine mitreißende Hymne.
  • Politischer Kommentar: Lieder wie „Left to My Own Devices“ oder „Opportunities (Let’s Make Lots of Money)“ spielen mit gesellschaftlichen Erwartungen und dem britischen Klassensystem.

„Wir schreiben Texte, die eigentlich traurig oder nachdenklich sind, legen diese aber über eine euphorische, tanzbare Produktion.“

Neil Tennant

Dieser bewusste Bruch zwischen dem Inhalt (Text) und der Form (Musik) verleiht den Liedern ihre tiefe Resonanz. Man kann zu den Songs tanzen, ohne den Text zu hinterfragen – oder man kann in die Texte eintauchen und eine bittere, oft satirische Gesellschaftskritik entdecken.
Tennant nutzt oft eine dialogische Erzählweise. Er lässt die Songs wie kleine, abgeschlossene Kurzgeschichten wirken, in denen Charaktere miteinander sprechen oder über ihre Situation reflektieren. Das macht seine Lieder sehr persönlich, ohne dass sie in den bei Popstars oft üblichen „Selbstmitleid-Kitsch“ abrutschen.

Ein Beispiel für seine lyrische Meisterschaft:

In „Being Boring“ verarbeitet er das Älterwerden und den Verlust von Freunden während der AIDS-Krise der 80er Jahre. Es ist einer der persönlichsten und bewegendsten Texte der Popgeschichte, der das Thema Vergänglichkeit mit einer bemerkenswerten, fast schon nüchternen Eleganz behandelt.

An seinem 72. Geburtstag erinnert uns Neil Tennant daran, dass Popmusik keine Frage des Alters ist. Es ist eine Frage der Haltung:

  • Neugier: Er zeigt uns, wie man sich künstlerisch ständig neu erfindet.
  • Intelligenz: Er beweist, dass Mainstream-Erfolg und lyrische Tiefe sich nicht ausschließen müssen.
  • Stil: Er bleibt sich treu, ohne jemals in die Falle der Selbstkopie zu tappen.

Die Top 3 “Neil Tennant”-Momente

Wenn wir heute auf sein Werk zurückblicken, dürfen diese drei Meilensteine in keiner Playlist fehlen:

  • West End Girls (1984):
    Die Geburtsstunde eines völlig neuen, urbanen Pop-Sounds
  • It‘s A Sin (1987):
    Ein dramatisches, kathartisches Meisterwerk über Schuld und Befreiung.
  • Being Boring (1990):
    Vielleicht einer der ehrlichsten und bewegendsten Songs über das Älterwerden und die Vergangenheit.

Neil Tennant hat das Genre des elektronischen Pop maßgeblich mitdefiniert und bleibt ein Vorbild für Generationen von Musikern. Er zeigt uns, dass man die Welt mit einem ironischen Augenzwinkern und einer gehörigen Portion Melancholie betrachten kann – und dabei verdammt gut tanzt.

Alles Gute zum Geburtstag, Neil! Wir freuen uns auf alles, was da noch kommen mag …

Weil es für mich der schönste Song der Pet Shop Boys ist – Being Boring als Video:




Sommermärchen 2006

Erinnerst du dich noch an das Jahr 2006? Zwanzig Jahre ist das her. Die Welt war eine andere. Smartphones waren noch klobige Knochen mit winzigen Bildschirmen, auf denen man auf einer Mäusetastatur verzweifelt versucht hat, eine SMS mit dreimaligem Drücken der Taste „7“ zu tippen. Und mitten in dieser analogen Gemütlichkeit geschah das Unfassbare: Deutschland verlor für genau vier Wochen seine sprichwörtliche, unterkühlte Effizienz und mutierte zur größten Open-Air-Partyzone der Welt.

Willkommen beim Sommermärchen 2006.

Phase 1: Die kollektive Skepsis (Der typisch deutsche Start)

Bevor der erste Ball rollte, war die Stimmung – sagen wir es höflich – äußerst verhalten. Jürgen Klinsmann, unser damaliger Bundestrainer, wurde von den Medien fast schon wie ein Staatsfeind eines Schurkenstaates behandelt, weil er es gewagt hatte, im fernen Kalifornien zu leben und von dort aus Fitness-Gurus aus den USA einfliegen zu lassen. Die Schlagzeilen prophezeiten das sportliche Waterloo.

Der O-Ton im Mai 2006: „Mit der Abwehr fliegen wir in der Vorrunde raus. Und warum trägt dieser Klinsmann eigentlich keinen Anzug?“

Und dann? Kam der 9. Juni. München. Philipp Lahm zieht von links nach innen und schweißt das Ding im Eröffnungsspiel gegen Costa Rica unhaltbar in den Winkel. Gänsehaut. Plötzlich war allen klar: Moment mal, da geht was, wir können ja doch kicken!

Phase 2: Schwarz-Rot-Goldene Extase

Was in den nächsten Wochen passierte, spottet bis heute jeder soziologischen Beschreibung. Ein ganzes Land, das sonst beim Thema Nationalstolz eher verlegen auf die eigenen Schuhe schaut, wickelte sich plötzlich in Flaggen ein, als gäbe es im Winter keine Decken mehr.

Plötzlich geschahen wundersame Dinge:

  • Die Seitenspiegel-Kondome: Jeder – wirklich jeder – Kleinwagen hatte plötzlich kleine Flaggen-Socken über den Außenspiegeln. Wer ohne fuhr, war verdächtig.
  • Public Viewing: Das Wort kannte vorher kein Mensch. Plötzlich standen Millionen Menschen bei 30 Grad im Schatten Schulter an Schulter auf Marktplätzen, tranken lauwarmes Bier aus Plastikbechern und starrten auf riesige Pixel-Leinwände.
  • Die Grill-Industrie: Fleischwurst und Nackensteaks wurden zur Hauptnahrungsquelle befördert. Vegetarismus war 2006 gefühlt noch ein Gerücht.

Wir lernten Namen wie David Odonkor (der Mann, der schneller lief als sein eigener Schatten) und klatschten euphorisch, wenn Oliver Neuville den Ball irgendwie über die Linie grätschte. Selbst Menschen, die Abseits bis heute für eine Designermarke halten, diskutierten plötzlich über die Vorzüge einer Viererkette.
Optimistische Zeitgenossen widmeten das Motto dieser WM, „die Welt zu Gast bei Freunden“ kurzerhand in „Freunde zu Gast beim Weltmeister“ um.

Phase 3: Das bittere, wunderschöne Ende

Es musste kommen, wie es kam: Italien. Dortmund. 4.Juli 2006. Die 119. Minute im Halbfinale. Fabio Grosso trifft uns mitten ins Herz, gefolgt von Alessandro Del Piero. Das Sommermärchen war sportlich vorbei, die Tränen flossen in Strömen.

Aber anstatt in den gewohnten Blues zu verfallen, einen Umbruch in der Mannschaft und gleichzeitigem Trainerrauswurf zu fordern, passierte etwas Magisches: Wir feierten einfach weiter.
Platz 3 gegen Portugal am 8.Juli 2006 wurde zelebriert, als hätten wir die Erde vor einer Invasion der Klingonen gerettet. Schweini traf aus allen Lebenslagen, Kahn reichte Lehmann die Hand (ein Moment für die Geschichtsbücher!) und Berlin verwandelte sich in ein Meer aus glücklichen Menschen.

Was bleibt vom Märchen?

Das Sommermärchen 2006 hat uns gezeigt, dass Deutschland auch mal unperfekt, laut, emotional und verdammt entspannt sein kann. Es war der Sommer, in dem das Wetter hielt, was die Reisebüros versprachen, und in dem wir der Welt bewiesen haben: Wir können nicht nur pünktlich sein, wir können auch Party. Wir können Gäste auch wie Freunde behandeln.

Wer weiß, vielleicht brennt das Feuer ja irgendwann wieder genau so. Bis dahin schwelgen wir in Erinnerungen, summen leise „Zeit, dass sich was dreht“ von Herbert Grönemeyer und hoffen, dass die Flaggen-Socken für die Außenspiegel im Keller nicht ganz eingestaubt sind, auch wenn wir sie 2026 mal wieder nicht gebraucht haben …




Notte italiana

Castello da Chiara- Goldblättchen vom 06.07. 2026

A bottle of red, ooh, a bottle of white
Whatever kind of mood you′re in tonight
I’ll meet you anytime you want
In our Italian restaurant

Scenes From An Italian Restaurant, Billy Joel, 1977

Bistecca della nonna & Saltimbocca alla Romana


Am Montag, den 06.Juli 2026 war der „Giornata mondiale del bacio“ – der Weltkusstag. Das klingt bereits wie die Ouvertüre zu einer Verdi-Oper, der beste Grund also, an diesem Abend ein italienisches Restaurant aufzusuchen, das Castello da Chiara in Willich-Neersen, unmittelbar am Schloß gelegen.

Die Küche liefert dazu den passenden Soundtrack. Wir wählten als Vorspeise Antipasti misto und Gamberi diavolo, als Hauptgericht ein Bistecca della nonna und ein Saltimbocca alla Romana.

Das Bistecca della nonna ist – ein Steak, das so saftig auf dem Teller liegt, als hätte es gerade ein Wellness-Wochenende hinter sich. Außen eine Kruste, die klingt, wenn man sie anschneidet, wie das leise Applaudieren einer italienischen Nonna (Großmutter), die zufrieden nickt und sagt: „Bravissimo.“

Das Saltimbocca alla Romana ist das Gegenteil von Drama.
Zartes Kalbfleisch, Salbei, Schinken – eine Kombination, die nicht laut ist, sondern leise überzeugt. Ein kulinarischer Gentleman, der nicht prahlt, sondern einfach abliefert.

Der Service ist eine kleine Studie in Menschenkenntnis. Man bekommt ein Lächeln, das nicht aus dem Handbuch stammt, sondern aus echter Freude am Gastgebersein.

Am Ende sitzt man dort, schaut auf den leeren Teller, nippt am letzten Schluck seines Getränkes und denkt: Neersen ist heute ein bisschen Italien geworden. Nicht wegen der Architektur, nicht wegen des Wetters, sondern wegen eines Restaurants, das verstanden hat, dass gutes Essen immer auch ein kleines Stück Urlaub ist.

Und so verlässt man das Castello Da Chiara mit dem Gefühl, dass die Welt ein bisschen freundlicher ist, als sie es beim Reingehen war. Ein Effekt, den man nicht unterschätzen sollte – und den man unbedingt wiederholen muss.