Native Instruments – vom Synthesizer-Pionier zum Sample-Kaufhaus?

Es gab einmal eine Zeit, da musste man einem Musiker nicht erklären, warum Native Instruments etwas Besonderes war.

Man sagte einfach: Reaktor. Absynth. Kontakt.

Und jeder, der sich auch nur ein bisschen mit elektronischer Musik beschäftigte, wusste, was gemeint war.

Native Instruments war für mich nicht einfach ein Hersteller von Software. Das Unternehmen stand für eine Idee: Ein Computer kann ein Instrument sein. Nicht nur ein Abspielgerät für Samples, sondern ein eigenständiges, kreatives Musikinstrument.

Reaktor war eine digitale Spielwiese für Klangforscher. Absynth war ein Synthesizer für Menschen, die keine Lust hatten, immer nur den nächsten analogen Klassiker zu emulieren. Und Kontakt entwickelte sich zu einer Plattform, die in der professionellen Musikproduktion bis heute eine enorme Bedeutung besitzt. Doch irgendwann änderte sich die Richtung. Und genau darüber lohnt es sich zu sprechen.

Vom Instrumentenbauer zum Plattformanbieter

Native Instruments hat sich in den vergangenen Jahren immer stärker um Kontakt, Komplete, NKS und Sample-Libraries herum organisiert. Das ist wirtschaftlich nachvollziehbar.

Kontakt ist eine riesige Plattform. Entwickler können darauf Instrumente aufbauen, Native Instruments kann Libraries verkaufen und der Kunde bekommt ein ständig wachsendes Ökosystem.

Das Problem ist nur:

  • Wo sind die neuen großen Ideen?
  • Wo ist das Instrument, bei dem man denkt: „Das gab es so bisher noch nicht.“
  • Das ist nicht das gesammelte Piano oder der gesammelte Moog-Synthesizer.

Genau dieses Gefühl des besonderen, einzigartigen hatte ich früher bei Native Instruments ziemlich häufig. Bei Reaktor sowieso. Bei Absynth erst recht. Und auch bei noch Massive.

Heute dagegen wirkt Native Instruments zunehmend wie ein Unternehmen, das weniger neue Instrumente erfindet und mehr eine bestehende Infrastruktur verwaltet und vermarktet. Das ist ein großer Unterschied.

Und dann kam Absynth 6

Ironischerweise musste ausgerechnet Absynth zurückkommen, um daran zu erinnern, wofür Native Instruments einmal stand.

Absynth 6 wurde im Dezember 2025 veröffentlicht und bringt den legendären Hybrid-Synthesizer mit modernisiertem Konzept zurück. Subtraktive Synthese, FM, Wavetable und Granular-Synthese treffen erneut aufeinander. (Native Instruments Blog)

Und plötzlich ist dieses alte Gefühl wieder da:

Da ist ein Instrument.
Nicht einfach die nächste Sample-Library.
Nicht die nächste Expansion.
Nicht das nächste Bundle.
Ein richtiges Instrument.

Dass Absynth anschließend weiter gepflegt wurde und bereits Version 6.1 mit zusätzlichen Presets, Samples und neuen Funktionen erhielt, zeigt immerhin, dass Native Instruments die Rückkehr ernst nimmt. (Community)

Aber gleichzeitig stellt sich die Frage: Warum ist Absynth die Ausnahme und nicht wieder die Regel?

Komplete ist beeindruckend – aber beeindruckend ist nicht automatisch innovativ

Natürlich wäre es unfair, Native Instruments kleinzureden.

Komplete ist ein gigantisches Paket. Kontakt 8, Massive X, FM8, Reaktor-Instrumente, Effekte, Sample-Libraries und unzählige weitere Produkte ergeben ein Ökosystem, von dem Produzenten vor zwanzig Jahren vermutlich nur geträumt hätten. Die aktuelle Komplete-26-Generation führt diese Strategie konsequent fort. (Native Instruments)

Aber genau hier liegt für mich der Unterschied zwischen Menge und Innovation. Man kann ein riesiges Warenhaus bauen. Man kann darin hunderte Produkte anbieten. Man kann jedes Jahr neue Bundles schnüren.

Aber irgendwann stellt sich die Frage: Was davon bringt die Entwicklung des Instruments Synthesizer eigentlich noch weiter? Und da wird die Luft dünner.

Da bringt es auch keinen Mehrwert, wenn die riesige Reaktor-Community, in der Benutzer ihre eigenen Reaktor-Kreationen zum Download anbieten, optisch überarbeitet wurde. Sie fristet auf der Homepage von Native Instruments weiter ein Schattendasein! Doch gerade hier lassen sich einige Juwelen entdecken, wie beispielsweise die Instrumente von OreKore.

Die neue Website: viel Design, wenig Orientierung

Dazu kommt ein Problem, das eigentlich überhaupt nichts mit Synthesizern zu tun hat:

Die Benutzerfreundlichkeit

Die neue Native-Instruments-Website wirkt auf mich teilweise wie ein typisches Beispiel dafür, was passiert, wenn eine Website unbedingt modern aussehen soll, dabei aber vergisst, dass Menschen dort tatsächlich etwas suchen wollen. Gerade bei Komplete möchte ich als Kunde nicht erst eine digitale Schnitzeljagd veranstalten.

Ich möchte wissen:

  • Was ist enthalten?
  • Welche Instrumente?
  • Welche Effekte?
  • Welche Libraries?
  • Welche Versionen?

Und vor allem: Was bekomme ich für mein Geld?

Native Instruments listet die Bestandteile von Komplete zwar weiterhin auf – beispielsweise werden auf der aktuellen Komplete-26-Seite einzelne Instrumente wie Kontakt 8, FM8 und Reaktor Prism genannt. (Native Instruments)

Doch wenn Navigation, Verlinkungen oder Produktdarstellung nicht sauber funktionieren, entsteht beim Kunden schnell der Eindruck: Hier wurde mehr Energie in das Aussehen als in die Benutzerführung gesteckt. Und das ist gerade bei einem Unternehmen, das von Software lebt, eine ziemlich bittere Ironie.

Und dann gibt es Unternehmen wie Cherry Audio

Cherry Audio zeigt momentan ziemlich eindrucksvoll, dass man hochwertige Softwareinstrumente entwickeln kann, ohne dafür jedes Mal ein halbes Monatsgehalt zu verlangen.

Die Produktpalette ist inzwischen beeindruckend breit: DCO-106, Mercury-4, GX-80, Memorymode 2, Ensoniq ESQ-1, Eight Voice, PS-20, Miniverse und viele andere. Viele Einzelinstrumente liegen im Bereich von etwa 30 bis 70 Dollar. (Cherry Audio)

Und genau das finde ich bemerkenswert. Cherry Audio verkauft nicht nur Samples. Cherry Audio baut Instrumente. Instrumente mit eigener Oberfläche. Instrumente mit eigener Klangerzeugung. Instrumente, bei denen man Lust bekommt, sich hinzusetzen und einfach zu spielen. Und das zu Preisen, bei denen man nicht erst den Bausparvertrag kündigen muss.

Und jetzt kommt Traveler

Noch interessanter wird es mit TRAVELER von KeySolutions Sounds. Traveler ist kein weiterer liebloser Vintage-Klon, sondern ein eigenständiger Hybrid-Synthesizer mit drei Oszillatoren, Wavetable-Funktionen, verschiedenen Filterarchitekturen, umfangreichen Modulationsmöglichkeiten, Sequencer, Arpeggiator und Effekten. Der reguläre Preis liegt aktuell bei 149 US-Dollar, wobei zum Start ein deutlich reduzierter Einführungspreis angeboten wird. (KeySolutions Sounds)

Und hier wird es für Native Instruments wirklich interessant. Denn Traveler zeigt, was ein vergleichsweise kleines Team heute leisten kann.

Die Reaktionen aus der Synthesizer-Szene sind entsprechend bemerkenswert. Ein aktueller Test bezeichnet Traveler sogar als möglichen Kandidaten für die erste Liga und zieht ausdrücklich den Vergleich zu u-he Diva. (BuenasIdeas)

Ich würde allerdings einen Satz wie „Traveler ist objektiv besser als Diva“ nicht als wissenschaftliche Tatsache verkaufen. Klang ist schließlich keine Excel-Tabelle.

Aber wenn ein neues Instrument für rund hundert Dollar plötzlich neben einem der angesehensten Software-Synthesizer überhaupt diskutiert wird, sollte man sich bei den großen Herstellern zumindest einmal fragen:

Was machen die kleinen Entwickler eigentlich gerade richtig? Vielleicht fehlt Native Instruments inzwischen ein bisschen der Pioniergeist Das ist letztlich mein eigentlicher Kritikpunkt. Ich vermisse bei Native Instruments nicht unbedingt noch mehr Produkte. Davon gibt es wahrlich genug.

Ich vermisse Mut. Den Mut, wieder ein Instrument zu bauen, das nicht in erster Linie in ein bestehendes Verkaufssystem passt. Ein Instrument, bei dem die Marketingabteilung vielleicht zunächst fragt „Wer braucht das?“

Und der Entwickler antwortet: „Keine Ahnung. Aber hört euch das an!“ Genau so fühlten sich Reaktor und Absynth für mich an. Das waren keine Produkte, bei denen man zuerst darüber nachdachte, welche Expansion man dafür verkaufen könnte. Das waren Werkzeuge für Klangabenteurer.

Die Übernahme durch inMusic ist deshalb eine Chance

Nach der Restrukturierungs- und Insolvenzphase wurde im Mai 2026 die Übernahme von Native Instruments durch inMusic vereinbart. (Native Instruments Blog)

Und vielleicht ist genau das die Chance für einen Neustart. Denn inMusic besitzt mit Marken wie Akai Professional, Moog Music, Rane, Denon DJ, Numark und anderen bereits ein bemerkenswertes Hardware- und Softwareportfolio. (Native Instruments Blog)

Was wäre also, wenn Native Instruments seine alte DNA wiederentdecken würde? Nicht weniger Kontakt. Nicht weniger Komplete. Aber mehr eigene Instrumente. Mehr Forschung. Mehr ungewöhnliche Synthese. Mehr Reaktor. Mehr Absynth. Mehr Überraschungen. Mehr Produkte, bei denen man als Musiker nicht denkt: „Brauche ich das wirklich?“, sondern: „Verdammt – das klingt interessant. Das muss ich ausprobieren!“

Native Instruments muss wieder Instrumente bauen, nicht nur Produkte verwalten

Ich habe großen Respekt vor dem, was Native Instruments aufgebaut hat.

Kontakt ist ein Meilenstein.
Reaktor ist ein Meilenstein.
Absynth ist ein Meilenstein.
Massive war ein Meilenstein.

Aber genau deshalb darf man auch kritisch sein.

Denn wer einmal zu den Pionieren gehört hat, wird nicht plötzlich dadurch uninteressant, dass er erfolgreicher geworden ist.

Man wird uninteressant, wenn man aufhört, Pionier zu sein.

Cherry Audio zeigt, dass gute Klangerzeuger heute nicht zwangsläufig teuer sein müssen.

KeySolutions Sounds zeigt mit Traveler, dass auch kleine Entwickler mit einer guten Idee und viel Erfahrung erstaunliche Ergebnisse erzielen können.

Und u-he zeigt seit Jahren, dass man mit eigenständigen Synthesizer-Konzepten eine treue Fangemeinde aufbauen kann.

Native Instruments hat dagegen etwas, das diese Unternehmen nicht haben:

eine riesige Geschichte, eine enorme technische Kompetenz und ein gewaltiges Ökosystem.

Jetzt müsste man daraus nur wieder etwas machen, das sich nach Zukunft anfühlt.

Denn ganz ehrlich: Ich möchte von Native Instruments nicht unbedingt die nächste 40-GB-Library. Ich möchte wieder dieses Gefühl von damals.

Dieses: „Was zum Teufel ist das – und warum kann ich nicht aufhören, daran herumzuschrauben?“ Das war für mich Native Instruments. Und genau dahin würde ich mir wünschen, dass Native Instruments wieder zurückfindet.




Cinestill 400D in Lightroom nachbauen

Der CineStill 400D hat sich seit seiner Einführung fest in der analogen Fotoszene etabliert. Basierend auf dem Kinofilm Kodak Vision3 250D begeistert er durch natürliche Farbabbildung, warme Hauttöne und weiche Kontraste. Durch das Fehlen der Remjet-Schicht entstehen an hellen Lichtquellen zudem die typischen rötlich-warmen Lichthöfe (Halations).

Wer diesen zeitlosen Film-Look digital in Adobe Lightroom nachbauen möchte, sollte nicht beim Standard-Farbprofil anfangen. Die beste Ausgangslage bietet das flache Profil Adobe Neutral, da es die maximale Dynamik erhält und sanfte Gradationsübergänge ermöglicht.

Wichtig vorab: Ein Lightroom-Preset kann niemals echten Film perfekt ersetzen. Film reagiert auf Licht, Entwicklung, Scan und Objektiv immer etwas unterschiedlich. Aber du kannst Dir einen Look bauen, der die typischen visuellen Assoziationen von Cinestill 400D aufgreift:

  • Relativ neutrale Grundfarbe mit leicht warmer Tendenz.
  • Angenehme Hauttöne ohne starke Magenta- oder Grünstiche.
  • Farben wirken etwas gesättigter als bei Kodak Portra 400, aber zurückhaltender als bei Kodak Ektar 100.
  • Blautöne und warme Gelb-Orange-Töne werden besonders schön differenziert dargestellt.

1. Die Basis: Profil & Grundeinstellungen

Stelle zuerst das Profil deines Fotos auf Adobe Neutral. Das nimmt dem Bild die starre digitale Schärfe und schafft Platz für fließende Analog-Übergänge.

  • Profil: Adobe Neutral
  • Belichtung: 0,00 | Kontrast: -12
  • Lichter: -25 | Tiefen: +20
  • Weiß: -15 | Schwarz: +12
  • Klarheit: -6 | Dunst entfernen: -4
  •  Dynamik: +12 | Sättigung: -4

2. Gradationskurve für den matten Film-Look

In der RGB-Punktkurve wird der Schwarzpunkt leicht angehoben, um Schatten auszublochen. Eine feine Anhebung der Rot-Kurve in den obersten Lichtern deutet den charakteristischen Halation-Effekt an. Wie man den Halation-Effekt, also das rote Leuchten um eine Lichtquelle verstärken kann, erkläre ich am Schluss der Bearbeitung.

  • RGB-Punkte: ⁠(0 / 7)⁠, ⁠(25 / 20)⁠, ⁠(50 / 52)⁠, ⁠(90 / 87)⁠
  • Rot-Kurve: Minimales Anheben in den obersten Lichtern bei ⁠(95 / 97)⁠

3. HSL & Color Grading

Gelb- und Grüntöne werden leicht ins Warme verschoben, während Blautöne eine dezente Teal-Note erhalten.

  • Farbtöne: Rot -4, Gelb -8, Grün +18, Blau -10
  • Sättigung: Grün -14, Blau -8, Rot +8
  • Luminanz: Orange +6 (für strahlendere Teints), Gelb +4
  • Color Grading: Schatten mit warmem Amber (⁠42°⁠, Sättigung ⁠5⁠), Lichter mit Rot-Orange (⁠28°⁠, Sättigung ⁠7⁠), Abgleich auf ⁠+10⁠.

4. Kamera-Kalibrierung (Der entscheidende Schlüssel)

Die Kalibrierung verleiht dem Bild die typisch analoge Farbtrennung, die man über normale Regler kaum erreicht.

  • Schatten Tönung: +3 (wirkt digitalen Grünstichen entgegen)
  • Rot Primärton: Farbton +8 | Sättigung +12
  • Grün Primärton: Farbton +22 | Sättigung -10
  • Blau Primärton: Farbton -14 | Sättigung +16

5. Körnung & Finish

Unter Effekte bekommt das Bild die feine 400-ISO-Struktur: Betrag 28, Größe 35, Rauheit 40.

6. Präzise Halation über Luminanz-Maskierung

Luminanz-Maske erstellen: Öffne das Maskieren-Werkzeug, wähle Luminanzbereich und klicke auf die hellsten Lichtquellen oder überstrahlenden Kanten. Grenze den Bereich im Regler so ein, dass wirklich nur die obersten 10–15 % der Lichter erfasst werden.

  • Rotes Glühen einfärben: Ziehe im Masken-Panel die Temperatur stark nach rechts (+30 bis +50) und wähle über den Regler Farbe ein gesättigtes Rot-Orange.
  • Bloom & Saum erzeugen: Drehe Klarheit auf ⁠-50⁠ bis ⁠-80⁠ und Struktur auf ⁠-30⁠ bis ⁠-50⁠. Senke Dunst entfernen leicht ab (⁠-10⁠ bis ⁠-20⁠).
  • Ergebnis prüfen: Die Kanten von Lampen, Reflexionen oder Fenstern erhalten einen weichen, rötlichen Schein, während der Rest des Bildes unangetastet bleibt.

Praxis-Tipp für das beste Ergebnis

Das Preset entfaltet seine volle Wirkung bei Tageslicht- und Portraitaufnahmen während der goldenen Stunde. Passe nach dem Anwenden des Presets primär die Belichtung und den Weißabgleich an – ein leicht wärmerer Weißabgleich betont den sonnigen CineStill-Charakter zusätzlich.

Der beste Tipp: Erstelle das Preset nicht an nur einem Foto. Teste es an mindestens fünf bis zehn Bildern mit unterschiedlichem Licht. Erst dann siehst Du, ob Hauttöne, Schatten und Highlights wirklich stabil funktionieren. 
Im folgenden findest Du einige Vorher/Nachher-Beispiele:




Warum ich nicht wissen will, warum mein Mac funktioniert

Es gibt eine kleine Weisheit aus den Tiefen des digitalen Netzwerks, die die drei großen Computer-Kulturen treffender nicht beschreiben könnte:

Windows-Benutzer wissen nicht, warum am Computer etwas nicht funktioniert.
Linux-Benutzer wollen wissen, warum am Computer etwas nicht funktioniert.
Mac-Benutzer wollen gar nicht erst wissen, warum ihr Computer funktioniert.

Wer sich gelegentlich mit Achtsamkeit und dem Streben nach innerem Frieden beschäftigt, erkennt schnell: In dieser Anekdote verbirgt sich eine tiefe philosophische Wahrheit über den Umgang mit unserer Lebenszeit. Ich bin Mac-Nutzer. Und ich fühle mich ertappt. Aber auch sehr entspannt.

Es gibt drei Arten, einen Computer zu erleben

Windows-Nutzer leben in einer Welt voller Überraschungen. Sie drücken einen Knopf, und plötzlich wird ein Update installiert. Sie schließen ein Fenster, und drei neue öffnen sich.

Sie wollen einen Drucker hinzufügen und landen nach 45 Minuten in einem Forumseintrag aus dem Jahr 2007, in dem jemand namens „Druckerking_87“ empfiehlt, den Treiber rückwärts im abgesicherten Modus zu deinstallieren, während man gleichzeitig die linke Alt-Taste gedrückt hält.
Windows lehrt Demut. Täglich. Mehrfach.

Linux-Nutzer sitzen vor ihrem Rechner und fragen: „Warum geht das nicht?“ Und dann wollen sie es wirklich wissen. Sie lesen Logs, kompilieren Kernel, diskutieren in Foren über Wayland, X11 und die Seele des Systems. Respekt. Ich kenne Leute , die sehen nach einem Wochenende mit einem Treiberproblem aus wie nach einem dreitägigen Boot-Camp mit Gunnary Sgt. Hartman aus Full Metal Jacket.

Mac-Nutzer sitzen vor ihrem Rechner und fragen: „Warum geht das?“ Und dann antworten sie sich selbst: „Egal. Es geht.“ Ich will nicht wissen, warum mein Mac funktioniert. Ich vermute, tief drin arbeiten Unix, Wärmeleitpaste und ein Apple-Ingenieur mit perfektem Haar. Aber ich will es nicht genauer wissen. Denn Wissen führt zu Schrauben. Schrauben führen zu Linux.
Und genau darin – das würde ich behaupten, während ich gelassen einen Schluck Kaffee trinke, dessen Röstgrad ich ebenfalls nicht hinterfrage – liegt die höchste Form der Achtsamkeit, die die Technikwelt zu bieten hat.

Wartung? Meine Routine in fünf Schritten

  1. Mac aus dem Ruhezustand holen.
  2. Benutzen.
  3. Mac in den Ruhezustand versetzen.
  4. Gelegentlich ein Update installieren, wenn Apple freundlich daran erinnert.
  5. Staub wischen. Aber nicht zu oft, sonst wirkt es wie ein Hobby.

Das ist meine Wartung. Kein Registry-Cleaner. Kein Defragmentieren. Kein Terminal. Kein sudo – außer ich habe mich versehentlich in einem Forum verlaufen. Time Machine macht ein Backup, für gewöhnlich still und leise im Hintergrund. Ich muss nicht dabei zusehen. Ich muss nicht verstehen, wie es funktioniert. Ich muss nur wissen, dass es da ist. Wie ein guter Freund, der nicht redet, aber im Notfall die Kisten trägt.

Fehlermeldungen: eine seltene Spezies

Auf dem Mac gibt es Fehlermeldungen. Aber sie sind höflich. „Passwort falsch“ – ja, mein Fehler. „Speicher voll“ – ja, zu viele Fotos von Katzen. „App reagiert nicht“ – dann warte ich kurz oder starte neu. Keine blauen Bildschirme. Keine Treiber-Hölle. Keine 47 Dialoge, die mich fragen, ob ich wirklich sicher bin, dass ich sicher bin.

Der Mac meckert nicht. Er seufzt höchstens. Und ich seufze zurück. Dann läuft es wieder. Das ist keine Magie. Das ist gutes Design. Und ein bisschen Bequemlichkeit.

Achtsamkeit ohne Räucherstäbchen

Achtsamkeit bedeutet nicht, den Mac zu segnen, den Akku zu streicheln oder dem Prozessor gute Gedanken zu schicken. Achtsamkeit bedeutet: Ich bemerke, dass ich seit zwei Stunden arbeite, ohne an den Rechner zu denken. Ich atme. Ich speichere. Ich mache Kaffee. Der Mac macht derweil Mac-Dinge.

Das ist keine Esoterik. Das ist Aufmerksamkeitsökonomie. Jede Minute, die ich nicht mit Fehlersuche verbringe, ist eine Minute für echtes Leben. Oder fürs Kaffeetrinken. Auch echt.

Wenn der Mac doch mal hakt, atme ich dreimal. Beim dritten Atemzug ist der bunte Ball meistens weg. Wenn nicht: Neustart. Das ist keine Meditation. Das ist Erfahrung.

Mein Mac weiß auch, dass er mich beim arbeiten nicht stört. Am iPhone habe ich im Hauseingang schon den korrekten Fokus, Unterbrechungen reduzieren, eingestellt. Dann klingelt es nicht, am iPad werden keine neuen Katzenvideos auf YouTube angekündigt und der Mac weiß das alles schon und läßt mich in Ruhe meine Oldtimer-Bilder bearbeiten, die ich gerade aufgenommen habe.

Warum ich nicht wissen will, warum er funktioniert

Weil Neugier bisweilen gefährlich ist. Wenn ich anfange zu verstehen, warum mein Mac stabil läuft, will ich ihn womöglich optimieren. Ich installiere Tools, putze Caches, lese Foren. Plötzlich bin ich Linux-Nutzer mit absurd teurem Gehäuse. Nein, danke.

Ich lasse das Betriebssystem in Ruhe. Es lässt mich in Ruhe. Das ist der Deal. Ein friedlicher Nichtangriffspakt zwischen mir und Cupertino.

Fazit

Windows-Nutzer wissen nicht, warum etwas nicht funktioniert. Linux-Nutzer wollen wissen, warum etwas nicht funktioniert. Mac-Nutzer wollen nicht wissen, warum ihr Computer funktioniert.

Ich bin Mac-Nutzer. Und ich will es auch gar nicht wissen. Ich will nur, dass er leise ist, selten meckert und mich arbeiten lässt. Wenn er doch mal zickt: zuklappen, aufklappen, Kaffee.

Sollte tatsächlich einmal etwas nicht funktionieren – es kommt vor, selten, wie eine Sonnenfinsternis –, öffne ich kein Terminal. Ich gehe zur Genius Bar. Dort hört mir jemand zwei Minuten lang zu, tippt kurz auf einem eigenen Gerät herum und sagt dann Dinge wie „Alles klar, das war’s”. Ich frage nicht, was „das” war. Ich bedanke mich und gehe.
Das ist keine Unterwerfung. Das ist Übergabe im Sinne der Achtsamkeitslehre: das Loslassen der Kontrolle an eine höhere, freundlichere Instanz mit Namensschild.




Wolfgang Graf Berghe von Trips – Ein Leben im Aufbruch

Es gibt Rennfahrer, die schnell sind. Es gibt Rennfahrer, die beliebt sind. Und dann gibt es Wolfgang Graf Berghe von Trips – einen Mann, der beides war und darüber hinaus zu einer Symbolfigur des deutschen Motorsports wurde.
Geboren am 4. Mai 1928 in Köln und aufgewachsen auf Burg Hemmersbach in Kerpen-Horrem, entstammte er einem alten niederrheinischen Adelsgeschlecht. Seine Herkunft war aristokratisch, sein Lebensweg jedoch alles andere als vornehm zurückhaltend: Von Trips suchte die Geschwindigkeit, die Herausforderung, das Risiko.
Sein Leben endete tragisch beim Großen Preis von Italien 1961 in Monza, heute vor 65 Jahren.

Vom kränklichen Jungen zum internationalen Rennfahrer

Seine Kindheit war geprägt von gesundheitlichen Rückschlägen – Kinderlähmung, Hirnhautentzündung, Mittelohr-OP –, doch er kämpfte sich zurück. Ausgleichssport und eiserner Wille formten aus dem fragilen Jungen einen Mann, der später mit über 250 km/h durch Monza donnern sollte.

Seine ersten Schritte im Motorsport machte er 1950 auf einer 500er BMW, später unter dem Pseudonym „Axel Linther“ auf einem VW Käfer – damit die Eltern nichts vom gefährlichen Hobby erfuhren. 1954 folgte der Durchbruch: Klassensieg bei der Mille Miglia und Deutscher Meister in der GT-Klasse bis 1600 cm³

Von Trips war mehr als ein Fahrer. Er war ein Botschafter, ein Brückenbauer, ein Mann, der Deutschland nach dem Krieg wieder auf die internationale Motorsportkarte setzte.
Er fuhr nicht nur Rennen – er fuhr für ein Land, das wieder Hoffnung brauchte.

Nachdem er bei der Mille Miglia 1957 kurz vor dem Ziel auf einen Sieg verzichtete, um den deutlich älteren Piero Taruffi aus Respekt vor Enzo Ferrari nicht mehr zu überholen, erklärte er sein Handeln in der Zeitschrift Kristall:

Ich wollte dem alten Herrn den Sieg überlassen, schon aus Respekt gegenüber Enzo Ferrari. Es war auch, weil sein Wagen nicht mehr richtig lief. Es war kein fairer Kampf mehr

Seine Siege 1961 – Zandvoort, Aintree – waren nicht nur sportliche Erfolge. Sie waren Momente des Aufbruchs, Augenblicke, in denen Deutschland wieder jubeln durfte.
Und er tat es mit einer Bescheidenheit, die ihn noch größer machte.

Ferrari, Porsche und die große Bühne der Formel 1

Von Trips war kein Fahrer, der sich langsam hocharbeitete – er explodierte förmlich in die internationale Szene.
Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer entdeckte ihn 1955, doch der Stern verließ die Formel 1. Also ging Trips dorthin, wo die schnellsten Männer der Welt fuhren: Ferrari.

Zwischen 1956 und 1961 startete er in der Formel 1, holte 2 Siege, 6 Podien, 1 Pole Position und sammelte 56 WM-Punkte. 1961 war sein Jahr:

  • Sieg beim Großen Preis der Niederlande
  • Sieg beim Großen Preis von Großbritannien
  • Führung in der Weltmeisterschaft

Er war auf dem Weg, Deutschlands erster Formel‑1‑Weltmeister zu werden.

Der Mann hinter dem Helm: Weltoffen, sympathisch, ein Botschafter

Wer ihn kannte, sprach von einem Mann, der lachte, der zuhörte, der sich kümmerte.
Ein Mann, der trotz seiner adligen Herkunft nie Distanz suchte, sondern Nähe.
Ein Mann, der wusste, wie zerbrechlich das Leben ist – vielleicht gerade deshalb suchte er die Geschwindigkeit, nicht als Flucht, sondern als intensivste Form des Daseins. Sein Stil war elegant, fast aristokratisch, aber nie abgehoben. Er sprach mehrere Sprachen, bewegte sich selbstverständlich zwischen Kulturen, und überall, wo er auftauchte, hinterließ er den Eindruck eines Mannes, der mit dem Herzen führt.

Er brachte den Kartsport nach Deutschland, gründete den „Scuderia Colonia“-Club, förderte junge Talente. Ohne ihn wäre die Geschichte eines gewissen Michael Schumacher womöglich anders verlaufen.
Von Trips war ein Pionier, ohne sich selbst so zu nennen.

Monza 1961 – Der Tag, an dem die Welt stillstand

Der 10. September 1961 ist ein Datum, das sich in die Geschichte eingebrannt hat.
In der zweiten Runde des Grand Prix von Italien kam es zur Kollision mit Jim Clark. Der Ferrari hob ab, überschlug sich – und die Welt verlor einen Mann, der gerade dabei war, Deutschlands erster Formel‑1‑Weltmeister zu werden.

Er starb mit 33 Jahren.
Er starb an einem Ort, den er liebte.
Er starb, während er tat, was ihn lebendig machte.

Sein Tod war ein Schock, ein Riss, ein Moment, in dem die Formel 1 ihre Unschuld verlor. Doch sein Vermächtnis blieb – und es leuchtet bis heute. Phil Hill, sein Teamkollege, wurde später Weltmeister – um einen Punkt. Von Trips wurde posthum Vizeweltmeister.
Rennleiter Huschke von Hanstein würdigte ihn bei der Trauerfeier 1961 mit den Worten: „Über Dich, Wolfgang Graf Berghe von Trips, kann man nur Gutes sprechen.

Vermächtnis eines verlorenen Weltmeisters

Wolfgang Graf Berghe von Trips wurde nur 33 Jahre alt, doch sein Einfluss reicht weit über seine kurze Karriere hinaus:

  • Er war Deutschlands erster internationaler Motorsportstar nach dem Krieg.
  • Er prägte Ferrari in einer ihrer stärksten Ären.
  • Er brachte Kartsport und Nachwuchsförderung nach Deutschland.
  • Er bleibt ein Symbol für Mut, Eleganz und tragische Größe.

Wolfgang Graf Berghe von Trips ist nicht einfach ein Name in den Geschichtsbüchern.
Er ist der Mann, der Deutschland wieder träumen ließ, der zeigte, dass Größe nicht laut sein muss, sondern klar, menschlich und aufrichtig.

Wenn von Trips fuhr, schien die Luft um ihn herum weicher zu werden.
Nicht, weil er langsam war – im Gegenteil.
Sondern weil er eine Art hatte, die Geschwindigkeit zu zähmen, sie nicht zu bekämpfen, sondern mit ihr zu tanzen.
Er war kein Fahrer, der die Strecke eroberte.
Er war ein Fahrer, der sie verstand.

Seine Siege waren keine Explosionen, sondern Lichtkegel, die sich über Europa legten.
Zandvoort, Aintree – Orte, die heute noch seinen Namen tragen wie ein Echo, das nicht verstummen will.

Seine Grabstätte in Kerpen-Horrem liegt nicht weit entfernt von jener Region, die später weitere Weltmeister hervorbringen sollte. Es ist, als hätte er den Boden vorbereitet – als hätte er etwas hinterlassen, das weiterwächst.

Wolfgang Graf Berghe von Trips war ein Rennfahrer.
Ein Aristokrat.
Ein Visionär.
Ein Mensch.

Und vor allem:
Er war jemand, der die Welt ein Stück heller machte, indem er sie mit Leidenschaft berührte.


Im Jahr 2021 habe ich mit meinem Projekt Son Electronique anlässlich des 60. Todestages von Wolfgang Graf Berghe von Trips ein paar Stücke zu einem Album „The Count“ aufgenommen, die an sein Leben und seinen Sport erinnern.




Der Musiker Chris Rea war in seiner Kindheit ein großer Fan von Wolfgang Graf Berghe von Trips, und verarbeitet im Film „La Passione“ einen Teil seiner eigenen Familiengeschichte mit Bildern aus dem Leben seines Helden.

Rea schrieb das Drehbuch selbst, produzierte den Film und komponierte den kompletten Soundtrack – ein Mix aus orchestralen Stücken, nostalgischen Themen und musikalischen Miniaturen, die wie kleine Fenster in seine eigene Jugend wirken. Shirley Bassey verleiht dem Projekt zusätzlich Glamour, unter anderem mit dem Titelsong „La Passione“ und dem wunderschönen „Shirley, Do You Own A Ferrari“.

Mein Blogbeitrag aus November 2016 zu La Passione



Die Stimme, die die Welt noch immer elektrisiert

Bring it back, bring it back
Don’t take it away from me
Because you don’t know
What it means to me

Love Of My Life, Queen, 1975

Wenn man die Augen schließt und sich das vollbesetzte Wembley-Stadion im Sommer 1985 vorstellt, hört man ihn sofort: diesen unverwechselbaren Call-and-Response-Ruf, der Zehntausende Menschen augenblicklich in eine einzige, synchrone Masse verwandelte. „Day-Oh!“ – ein simpler Gesang, angestimmt von einem Mann im schlichten weißen Unterhemd, der die Welt im Sturm eroberte. Heute würde Farrokh Bulsara, den die Welt als den unsterblichen Freddie Mercury kennt, seinen 80. Geburtstag feiern.

Freddie war nie einfach nur ein Rocksänger; er war ein visuelles Phänomen, ein meisterhafter Magier der Selbstdarstellung und eine der gewaltigsten Stimmen der modernen Musikgeschichte. Geboren auf Sansibar und aufgewachsen in indischen Internaten, erfand er sich im vibrierenden London der 1970er Jahre völlig neu. Aus dem schüchternen Kunststudenten wurde der ultimative Frontmann von Queen – eine Galionsfigur, die Genregrenzen mit einer schier mühelosen Eleganz einriss.

Wer an Freddie denkt, denkt an Gigantismus. Er brachte die Oper ins Fußballstadion und verwandelte Rockkonzerte in opulente Theaterstücke. Mit Bohemian Rhapsody erschuf er ein vielschichtiges Meisterwerk, das sämtliche Konventionen der Musikindustrie brach und bis heute Generationen verbindet. Stücke wie Don’t Stop Me Now, We Are the Champions oder Somebody to Love sind längst kein bloßes Kulturgut mehr – sie sind der zeitlose Soundtrack für Momente des Triumphs, der Ekstase und der Sehnsucht.

Doch hinter der pompösen Bühnenfigur mit der gewaltigen Vier-Oktaven-Stimme steckte ein hochsensibler Musiker von akribischer Disziplin. Selbst als seine körperlichen Kräfte gegen Ende seines Lebens schwanden, schenkte er der Welt Werke von bittersüßer Perfektion. Mit welcher Hingabe und Unbeugsamkeit er The Show Must Go On im Studio einsang, bleibt eine der bewegendsten Demonstrationen künstlerischer Leidenschaft.

Freddie Mercury lehrte die Welt, mutig zu sein, die eigene Individualität zu feiern und das Leben in vollen Zügen zu genießen. Er lebte nicht nach vorgegebenen Skripten, sondern schrieb seine eigenen. Auch Jahrzehnte nach seinem Abschied ist seine Energie ungebrochen spürbar.
Wenn heute überall auf dem Globus Queen-Klassiker erklingen, feiern wir nicht bloß eine Nostalgie, sondern ein unsterbliches Feuer.
Danke für die Musik, die Show und den Zauber, Freddie.




Der angekettete Elefant

So often times it happens that we live our lives in chains
And we never even know we have the key.

Already Gone, Eagles, 1974

Irgendwann kommst Du in eine Situation, in der Du denkst: „Warum fällt mir das jetzt so schwer?“ oder „Was hindert mich im Moment daran?“ Die Antwort kann, wie so oft, in der eigenen Vergangenheit liegen , man muss es sich bisweilen nur einmal bewusst machen und auch eingestehen!

Dazu gibt es eine kleine Geschichte von einem angeketteten Elefanten im Zirkus:
Warum uns unsichtbare Fesseln aufhalten.

Es ist eine der ältesten und zugleich bewegendsten Geschichten über die Kraft unserer eigenen Glaubenssätze. Vielleicht hast Du schon einmal davon gehört, ihre Botschaft verliert nie an Aktualität. Sie handelt von einem kleinen Elefanten, einem großen Zirkus und der unsichtbaren Kette, die wir oft alle mit uns herumtragen.

Der mächtige Riese an der kleinen Kette

Stell Dir einen riesigen, ausgewachsenen Zirkuselefanten vor. Ein Tier von unbändiger Kraft, das Bäume ausreißen und Mauern einreißen könnte. Doch nach der Show steht dieses kolossale Wesen friedlich im Zelt – gehalten von nichts weiter als einer dünnen Kette, die an einem winzigen Holzpflock im Boden befestigt ist. Der Pflock steckt kaum ein paar Zentimeter tief in der Erde. Ein einziger kräftiger Ruck würde genügen, und der Elefant wäre frei.
Warum tut er es nicht?
Warum läuft er nicht einfach weg?

Die Wurzel der Ohnmacht

Die Antwort liegt in seiner Vergangenheit. Der Elefant läuft nicht weg, weil er es gelernt hat, seit er ein winziges Baby war. Als der Elefant noch ganz klein und zerbrechlich war, banden die Zirkusleute sein Bein mit einer schweren Kette an genau so einen Holzpflock.
Damals war der kleine Elefant noch nicht stark genug. Er zog, er zerrte, er weinte und versuchte mit aller Kraft, sich zu befreien. Jeden Tag aufs Neue. Doch der Pflock saß zu fest, und die Kette war zu stark.
Nach Wochen des Scheiterns geschah das Unvermeidliche: Der kleine Elefant akzeptierte seine Ohnmacht. Er sagte sich: „Ich kann es nicht. Ich werde es niemals schaffen.

Das Phänomen nennt sich „erlernten Hilflosigkeit“: Der Elefant wuchs und wurde zu einem tonnenschweren Riesen. Doch in seinem Kopf blieb er der kleine, schwache Baby-Elefant. Er hinterfragte den Pflock nie wieder. Für ihn war die Kette kein physisches Hindernis mehr, sondern ein mentales.

Welche Ketten trägst Du?

Diese Geschichte (die unter anderem durch den Therapeuten Jorge Bucay berühmt wurde) ist eine perfekte Metapher für unser eigenes Leben. Wie oft verhalten wir uns wie der große Zirkuselefant? Wir alle haben in unserer Kindheit oder Jugend Erfahrungen gemacht, bei denen wir gescheitert sind. Vielleicht hat uns jemand gesagt, wir seien „nicht musikalisch“, „schlecht in Mathe“ oder „nicht mutig genug“. Wir haben es geglaubt. Und heute, Jahre später, schränken uns diese alten Glaubenssätze immer noch ein, obwohl wir längst die Kraft hätten, sie zu sprengen.

So brichst Du Deine unsichtbaren Ketten:

Identifiziere den Pflock: Frage Dich selbst: Welche Überzeugung hält mich zurück? (z.B. „Das schaffe ich eh nicht“ oder „Dafür bin ich nicht gemacht“). Prüfe deine aktuelle Kraft: Vergiss nicht, dass Du nicht mehr das Kind von damals bist. Du hast neue Fähigkeiten erlernt, mehr Erfahrung gesammelt und eine ganz andere Stärke gewonnen.

Der erste Ruck: Teste deine Grenzen neu aus. Mach den ersten Schritt, auch wenn der alte Glaubenssatz Dir sagt, dass es unmöglich ist. Du wirst überrascht sein, wie leicht der Pflock nachgibt.

Fazit:

Der Elefant ist nicht frei, weil er glaubt, es nicht zu sein. Lass nicht zu, dass die Enttäuschungen Deiner Vergangenheit die Grenzen Deiner Zukunft bestimmen. Du bist längst stark genug – Du musst nur wissen, dass da eine Kette ist und Du musst anfangen, zu ziehen.




Schimanski statt Schiller – oder: Wie ich 1984 meinen Deutschlehrer zur Verzweiflung brachte

1984.

Heute würde man wahrscheinlich sagen: ein Schlüsseljahr.
Ich würde eher sagen: Wat für ein Jahr!

Die Neue Deutsche Welle lief aus den Lautsprechern, die ersten Leute trugen neonfarbene Klamotten, Schulterpolster machten aus normalen Menschen Kleiderständer und irgendwo stand garantiert ein Kassettenrekorder, bei dem man mit einem Bleistift das Band zurückspulen konnte.

Und im Fernsehen? Da lief Tatort. Und da gab es einen Mann, der für mich wesentlich interessanter war als sämtliche Herren der deutschen Klassik zusammen:

Hauptkommissar Horst Schimanski aus Duisburg. Gespielt von Götz George.

Schimanski war kein Kommissar, wie an ihn aus irgendwelchen alten Tatorten kannte, beispielsweise sein Vorgänger Haferkamp, gespielt von Hans-Jörg Felmy – der sah immer adrett aus und wußte sich zu benehmen. Schimanski hingegen war Duisburg pur. M-65 Feldjacke, Jeans, verschwitztes T-Shirt, schlechte Laune und eine Sprache, bei der unser Deutschlehrer vermutlich jedes zweite Wort mit einem roten Stift unterstrichen hätte, weil es „Scheiße“ war.

Aber genau deshalb mochte ich ihn. Schimanski war nicht geschniegelt. Der Mann war echt. Wenn er irgendwo reinkam, wusste man: Jetzt wird’s ungemütlich. Und manchmal wurde es sogar für die Einrichtung ungemütlich.


Dann kam diese verhängnisvolle Deutschstunde

Wir saßen also 1984 im Deutschunterricht. Unser Lehrer stellte eine eigentlich völlig harmlose Frage:

„Welche Lektüre würdet ihr gerne einmal im Unterricht behandeln?“

Unser Lehrer erwartete vermutlich Antworten wie:
„Die Räuber“ von Schiller.
„Der Zauberberg“ von Thomas Mann.
Vielleicht Goethe. Kafka. Büchner.

Literarische Schwergewichte eben. Ich hatte allerdings eine andere Vorstellung davon, was man im Deutschunterricht lesen könnte.

Ich dachte: Warum eigentlich nicht Schimanski?

Immerhin war das auch Sprache. Dialoge. Dramaturgie. Charaktere. Gesellschaft. Moral. Konflikte. Und vor allem: Es passierte etwas. Also meldete ich mich. Ich weiß nicht mehr, ob ich besonders mutig oder einfach nur völlig ahnungslos war.

Ich sagte sinngemäß: „Wie wäre es denn mal mit einem Tatort-Drehbuch mit Hauptkommissar Schimanski?“ Ruhe. Absolute Ruhe. Diese Art von Ruhe, bei der man plötzlich merkt: Oh. Das war jetzt vielleicht nicht die erwartete Antwort.

Der Gesichtsausdruck meines Lehrers glich jedoch eher dem von Kollege Christian Thanner, wenn Schimi mal wieder mit dreckigen Stiefeln durch dessen penibel aufgeräumte Wohnung gestapft war. Absolute, kulturpessimistische Fassungslosigkeit. Ein klassischer Fall von Unverständnis im Endstadium. Das humanistische Gymnasium war offenkundig noch nicht bereit für die rauen Gassen von Duisburg-Ruhrort. Und irgendwo zwischen uns lag die gesamte deutsche Literaturgeschichte.

Auf meiner Seite: Schimanski.

Auf meiner Seite: „Ey, wat soll dat denn?“

Auf der anderen Seite: Schiller.

Auf der einen Seite: „Die Räuber“.

Ich glaube, unser Lehrer musste diesen Moment erst einmal verarbeiten. Vielleicht fragte er sich: „Hat der Junge gerade tatsächlich vorgeschlagen, einen Tatort im Deutschunterricht zu lesen?“ Ja. Hatte ich. Und ich meinte es ernst.


Schimanski war für mich Literatur – nur anders

Ich fand Schimanski damals faszinierend. Nicht nur wegen der Fälle. Sondern wegen dieser Figur. Der Typ war kein Held, der immer alles im Griff hatte. Schimanski war oft selbst ziemlich fertig. Er machte Fehler. Er war stur. Er hatte Ecken und Kanten. Und er hatte eine ganz eigene Sprache.

Dieses Ruhrpott-Ding.
Dieses: „Hömma!“
Dieses: „Wat is?“

Dieses kurze, direkte Reden, bei dem man nicht erst drei Seiten Goethe lesen musste, um zu verstehen, was jemand eigentlich sagen wollte. Schimanski brauchte keine großen Monologe. Der schaute jemanden an und man wusste:

Jetzt gibt’s Ärger.

Und wenn Worte nicht mehr reichten, hatte er zur Not noch andere Möglichkeiten. Ich fand das großartig. Für mich war das damals wesentlich näher am echten Leben als irgendein perfekt formulierter Dialog aus einem Klassiker.


Unser Lehrer war nicht überzeugt

Ich glaube, spätestens nach meinem Vorschlag war die Sache für unseren Lehrer klar. Er wollte uns in die Welt der Hochliteratur führen. Ich wollte ihn nach Duisburg schicken. Er wollte Thomas Mann. Ich wollte Schimanski. Er wollte wahrscheinlich Interpretationen schreiben lassen.

Ich wollte wissen: „Wer war der Mörder?“

Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich glaube, ich hätte eine Schimanski-Szene wesentlich lieber analysiert als drei Seiten über die Symbolik eines Herbstblattes in irgendeinem Gedicht.

Heute würde man vielleicht sagen: „Der Schüler hatte einen individuellen Zugang zur Literatur.“

1984 hieß das wahrscheinlich eher: „Der Junge hat sie nicht alle.“


Und dann kam die Konsequenz

Irgendwann war für mich klar: Deutsch als Wahlfach in der 12. Klasse? Nee.

Abgewählt. Aus. Fertig.

Vielleicht hätte ich mich damals etwas mehr mit Schiller beschäftigen sollen. Vielleicht hätte ich feststellen können, dass Schiller und Schimanski sogar gewisse Gemeinsamkeiten haben. Beide beschäftigen sich mit Freiheit.

Mit Macht. Mit Moral. Mit Konflikten. Mit Menschen, die sich gegen irgendwelche Autoritäten stellen. Der Unterschied? Schiller schrieb Dramen. Schimanski lebte sie. Und vermutlich hätte Schimanski selbst bei einer Schiller-Interpretation irgendwann gesagt:

„Hömma, können wir jetzt mal zum Punkt kommen?“


Die 80er waren eben anders

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, sehe ich nicht nur das Klassenzimmer. Ich sehe diese ganze verrückte Welt der 80er. Kassetten, die sich im Rekorder verhedderten. Mixtapes, die man mit viel Liebe zusammenstellte. VHS-Kassetten, die man unter Freunden weitergab. Telefonieren mit einem Telefon, das tatsächlich an einem Kabel hing. Fernbedienungen, die man suchen musste, weil man aufstehen musste, um den Fernseher umzuschalten.

Und natürlich Fernsehen zu festen Zeiten. Kein Streaming. Kein „Ich schaue später“. Wenn der Tatort lief, lief der Tatort. Und wenn Schimanski kam, dann war das für mich Pflichtprogramm. Da saß ich. Vielleicht mit einer Cola. Vielleicht mit irgendeinem Snack. Und wartete darauf, dass Duisburg wieder einmal zum Schauplatz des Verbrechens wurde. Schimanski tauchte auf. M-65 Feldjacke. Jeans. Diese unverwechselbare Körpersprache. Und ich wusste:

Jetzt geht’s los.


Heute verstehe ich meinen Lehrer sogar ein bisschen

Mit fast vier Jahrzehnten Abstand kann ich über diese Geschichte natürlich lachen. Und ich muss zugeben: Ich verstehe meinen Deutschlehrer heute sogar ein bisschen.

Er hatte wahrscheinlich einen Lehrplan. Er hatte Vorstellungen davon, was gute Literatur ist. Und vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass plötzlich ein Schüler mit einem Tatort-Drehbuch um die Ecke kommt.

Aber vielleicht lag genau darin das Problem. Ich wollte Geschichten verstehen. Nicht unbedingt Literaturgeschichte lernen. Ich wollte Figuren kennenlernen. Menschen beobachten. Dialoge hören. Mich in Geschichten verlieren. Und Schimanski war dafür mein Einstieg. Vielleicht war mein Vorschlag deshalb gar nicht so daneben. Vielleicht war ich einfach nur meiner Zeit ein bisschen voraus.


Schimanski gegen Schiller – das Duell, das nie stattfand

Manchmal stelle ich mir heute vor, was passiert wäre, wenn unser Lehrer meinen Vorschlag tatsächlich angenommen hätte.

Deutschstunde. Tafel. Darauf steht:

HORST SCHIMANSKI – TATORT

Unser Lehrer betritt den Raum. „Heute analysieren wir die Figur des Hauptkommissars.“

Ich sitze hinten. Grinse. Endlich. Der Lehrer fragt: „Was fällt Ihnen an Schimanskis Sprache auf?“ Ich melde mich. „Hömma, Herr Lehrer. Die is direkt.“ Der Lehrer seufzt.„Und welche Funktion hat die Gewalt in diesem Zusammenhang?“ Ich: „Wenn der Typ sich aufregt, wird’s meistens interessant.“

Pause.

Der Lehrer: „Sehr gut.“ Ich: „Siehste.“Und dann kommt Schiller. „Die Räuber“.Der Lehrer fragt: „Was ist das zentrale Motiv?“ Ich: „Freiheit.“ Der Lehrer schaut überrascht. „Richtig.“ Ich lehne mich zurück.

Schimanski hätte das genauso gesehen.


Vielleicht war Abwählen gar nicht so schlecht

Dass ich Deutsch als Wahlfach abgewählt habe, habe ich jedenfalls nie als großes Drama empfunden.

Im Gegenteil.

Vielleicht war es sogar eine meiner ersten bewussten Entscheidungen, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich habe damals vielleicht nicht die klassische Route genommen. Aber genau das ist mir bis heute geblieben:

Nicht immer das zu tun, was alle erwarten.

Vielleicht war sie einfach meine ganz persönliche Form von Take The Long Way Home – nicht den vorgegebenen Weg nehmen, sondern den eigenen. Nicht automatisch den Weg zu wählen, den jemand für mich vorgesehen hat. Und manchmal eben zu sagen:

„Nee. Dat is nicht mein Ding.“

Vielleicht steckt darin sogar ein bisschen Schimanski. Dieser Typ hätte vermutlich auch nicht erst gefragt, ob sein Vorgehen mit dem Lehrplan abgestimmt ist. Er hätte gemacht. Er hätte sich Ärger eingehandelt. Er hätte wahrscheinlich ordentlich eins auf die Mütze bekommen. Und anschließend wäre er trotzdem weitergegangen.


Mein persönlicher Tatort

Wenn ich heute auf diesen Moment von 1984 zurückblicke, muss ich deshalb vor allem schmunzeln. Da saß ein Schüler im Deutschunterricht und wollte Schimanski. Der Lehrer wollte Schiller.

Und irgendwo zwischen diesen beiden Welten saß ich. Vielleicht war ich damals kein besonders guter Schüler in Sachen klassischer Literatur. Aber ich wusste schon ziemlich genau, welche Geschichten mich interessierten.

Und das war vielleicht wichtiger. Denn das Leben hält sich schließlich auch nicht an Lehrpläne. Das Leben ist kein sauber gebundener Thomas-Mann-Roman. Das Leben ist manchmal eher ein Schimanski-Tatort:

Ein bisschen chaotisch. Ein bisschen dreckig. Manchmal brutal. Oft absurd. Zwischendurch bisweilen ziemlich lustig. Und meistens weiß man erst am Ende, wie der Fall eigentlich ausgegangen ist. Und wenn es ganz dick kommt, steht man irgendwann irgendwo im Ruhrpott, schaut sich die ganze Sache an und sagt:

„Hömma… wat soll ich dazu noch sagen?“

Dann zieht man die Jacke an. Geht raus. Und macht weiter.

1984 hätte ich vielleicht Schiller lesen sollen.

Aber ich hatte Schimanski.
Und ganz ehrlich?

Ich würde es heute wieder genauso machen.




Take The Long Way Home

Warum mein Lebenskompass eine Mundharmonika hat

Does it feel that your life’s become a catastrophe?
Oh, it has to be for you to grow, boy

Take The Long Way Home, Supertramp, 1979

Es gibt Menschen, die orientieren sich im Leben an Zitaten von Philosophen, an Karriereplänen, an Vision Boards oder an Apps, die Dich morgens daran erinnern, selbstständig mit dem Atmen zu beginnen und die Dir zeigen, wie Du lernst, Dir selbsttätig die Schuhe zu binden.
Ich dagegen habe seit den frühen 80er Jahren einen Song als Kompass:
Take The Long Way Home“ von Supertramp, mit seinem unverwechselbaren Mundharmonika-Intro — erschienen auf dem Album Breakfast in America und geschrieben von Roger Hodgson. [1][2] Für mich ist dieser Song mehr als nur Musik. Er ist ein textlicher und akustischer Kompass. Allerdings einer mit einem kleinen technischen Defekt: Er zeigt nicht immer den kürzesten Weg an. Aber dafür meistens den interessanteren.

Das klingt auf den ersten Blick nicht besonders effizient. Wer nimmt denn freiwillig den langen Weg?
Der kurze Weg ist doch schneller. Jedes Navigationssystem empfiehlt ihn. Der Kalender verlangt ihn. Die To-do-Liste schreit ihn. Die Gesellschaft nickt anerkennend, wenn man ihn nimmt.

Aber genau da beginnt das Problem.

Der kurze Weg bringt Dich ans Ziel.
Der lange Weg bringt Dich zu Dir.

Der kurze Weg ist praktisch.
Der lange Weg ist ehrlich.
Der kurze Weg sagt: „Beeil Dich, Du musst ankommen.
Der lange Weg sagt: „Schau mal links. Da ist ein Sonnenuntergang. Und rechts steht ein Bäcker, der noch echte Brötchen macht.

Der kurze Weg ist der Fahrstuhl.
Der lange Weg ist das Treppenhaus, in dem man zufällig dem Nachbarn begegnet, der seit 2008 immer denselben Jogginganzug trägt und trotzdem irgendwie weiser wirkt als jeder Führungskräfte-Coach.

Für mich bedeutet „den langen Weg nach Hause nehmen“ nicht Trödeln. Es bedeutet:
nicht nur funktionieren.
Denn wer immer nur den schnellsten Weg nimmt, verpasst manchmal die Landschaft. Und manchmal sogar sich selbst.

Heimat ist kein Ort mit WLAN-Passwort

Roger Hodgson hat den Song selbst auf einer tieferen Ebene mit der Suche nach einem inneren Zuhause verbunden — einem Ort, an dem man sich im Herzen zu Hause fühlt. [2]
Genau das macht den Song für mich so stark: Er ist keine simple Verkehrsregel. Er ist eine Lebenshaltung.
Zuhause“ ist nicht nur die Wohnung, in der der Kühlschrank brummt und irgendwo ein Ladekabel verschollen ist.
Zuhause ist auch dieser Moment, in dem man merkt:
Ich bin gerade nicht auf der Flucht. Ich bin da.

Das passiert vor allem mit der Partnerin ❤️.
Das kann im Auto passieren.
Beim Spaziergang.
Im Supermarkt zwischen Suppengemüse und Sonderangeboten.
Oder nachts, wenn man plötzlich begreift, dass man jahrelang versucht hat, jemand zu sein, der man gar nicht werden wollte.

Der lange Weg nach Hause ist also manchmal ein Umweg.
Manchmal eine Pause.
Manchmal ein Nein.
Und manchmal ein sehr lautes Ja zu sich selbst.

Die Kunst, nicht immer die Abkürzung zu wählen

Wir leben in einer Welt, die Abkürzungen liebt.

  • Schneller lernen
  • Schneller arbeiten
  • Schneller antworten
  • Schneller essen
  • Schneller leben

Sogar Entspannung soll inzwischen effizient sein: „10 Minuten Meditation für maximale Gelassenheit.“ Das ist ungefähr so, als würde man sagen: „Erleuchtung, aber bitte mit Expressversand und Prime-Account.“ Der Song erinnert mich daran, dass das Leben nicht immer eine Lieferando-Bestellung ist. Manche Dinge brauchen Zeit:

  • Vertrauen.
  • Charakter.
  • Geschmack.
  • Gelassenheit.
  • wirklich gute Pasteis de nata.
  • Ein Glas La Chouffe
  • Und die Erkenntnis, dass man nicht auf jede Nachricht sofort antworten muss.

Der lange Weg ist nicht die Route der Faulen. Er ist die Route der Menschen, die verstanden haben, dass Geschwindigkeit nicht dasselbe ist wie Richtung.

Mein inneres Navigationssystem klingt nach Supertramp

Wenn mein Leben ein Navi hätte, würde es vermutlich nicht neutral sagen:
In 300 Metern links abbiegen.“ Es würde eher sagen:
Fahr ruhig noch ein Stück weiter. Du musst heute nicht alles lösen.“
Oder:
Achtung, in deinem Ego befindet sich ein Stau.“
Oder:
Wenn möglich, bitte wenden — du versuchst schon wieder, allen zu gefallen.

Und im Hintergrund: diese lässige Supertramp-Energie, irgendwo zwischen Melancholie, Ironie und dem Gefühl, dass das Leben ein Lächeln auf den Lippen hat und trotz allem tanzbar bleibt.

Das ist das Großartige an diesem Song: Er klingt nicht wie eine Predigt. Er klingt wie ein Freund, der dich mit einem schiefen Grinsen anschaut und sagt: „Komm, wir gehen noch eine Runde.

Warum der lange Weg unterhaltsamer ist

Der lange Weg hat Geschichten.
Auf dem kurzen Weg passiert meistens: nichts. Man kommt an. Punkt.
Auf dem langen Weg dagegen:

  • entdeckt man Straßen, die aussehen, als hätte die Stadtplanung kurz Jazz gehört;
  • trifft man Menschen, die in einem Satz mehr Wahrheit sagen als manche Bücher auf 300 Seiten;
  • findet man Cafés, in denen die Stühle wackeln, aber der Kaffee ein einfacher und ehrlicher, rechter Aufwärtshaken ist;
  • denkt man Gedanken zu Ende, die sonst immer von Push-Nachrichten zerschossen werden.

Der lange Weg ist der Ort, an dem das Leben seine Nebenfiguren vorstellt. Und oft sind genau die interessanter als die Hauptstory.

Auch mein „Supertramp-Kompass“ bewahrt mich nicht vor Fehlern. Ich nehme weiterhin falsche Ausfahrten, sage gelegentlich zu früh „kein Problem“, obwohl es sehr wohl ein Problem ist, und kaufe manchmal Dinge, weil sie im Angebot sind, nicht weil ich sie brauche.

Kompass“ heißt nicht: immer wissen, wohin

Ein Kompass zeigt Richtung. Er erklärt nicht das ganze Gelände. Aber der Song erinnert mich daran, regelmäßig zu fragen:

Bin ich noch auf meinem Weg — oder nur auf dem schnellsten?

Das ist ein Unterschied. Der schnellste Weg kann dich zu einem Ziel bringen, das gar nicht deins ist. Der lange Weg gibt dir unterwegs Zeit, das zu merken.

Fazit: Geh ruhig langsam, aber geh wach

Take The Long Way Home“ ist für mich mehr als ein Songtitel. Es ist ein freundlicher Tritt gegen die Eile. Ein musikalischer Wegweiser. Eine Erinnerung daran, dass man nicht jeden Umweg erklären muss.

Manche Umwege sind keine Fehler.
Manche sind Ausbildung.
Manche sind Heilung.
Manche sind einfach bessere Geschichten.

Und wenn ich am Ende meines Tages nach Hause komme — im wörtlichen oder im inneren Sinn — dann möchte ich nicht nur sagen können: „Ich war schnell.

Ich möchte sagen können:
Ich habe etwas gesehen. Ich habe etwas verstanden. Ich war unterwegs wirklich da.

Also ja: Ich nehme den langen Weg nach Hause.

Nicht, weil ich mich verlaufen habe.
Sondern weil ich mich finden will.

Take The Long Way Home, Paris Pavillion, 1979



Die Knäckebrot-Telefonierer sind unter uns

Früher hielt man ein Telefon ans Ohr. Das war allerdings zu einfach, zu unauffällig und vor allem viel zu privat. Heute hält der fortschrittliche Mensch sein Mobiltelefon waagerecht vor den Mund, als wäre es ein besonders dünn belegtes, fragiles Knäckebrot, dem er vertrauliche Informationen zuflüstern möchte.

Dabei ist der Lautsprecher selbstverständlich aktiviert. Schließlich wäre es ausgesprochen egoistisch, das Gespräch nur mit der Person am anderen Ende zu führen. Die wartenden Fahrgäste, Restaurantbesucher und Supermarktkunden haben ebenfalls ein Recht darauf zu erfahren, dass Kevin schon wieder nicht zurückgerufen hat, die Hautärztin erst im November einen Termin frei hat, dass es ein Mittel gegen Scheidentrockenheit gibt, dass Torben-Wirsing mal wieder anderen Frauen hinterher schaut und dass Tante Gisela „wirklich unmöglich“ ist.

Besonders elegant wirkt diese Telefontechnik in öffentlichen Verkehrsmitteln. Während andere Menschen aus dem Fenster schauen oder still über ihre Lebensentscheidungen nachdenken oder einfach nur die Fahrt geniessen, übernimmt der Knäckebrot-Telefonierer kostenlos das komplette Unterhaltungsprogramm. Eine Stimme kommt aus dem Smartphone, die andere schallt direkt durch den ganzen Bus. Stereo, aber ohne Kopfhörer.

Die Haltung verlangt höchste Präzision: Das Gerät muss ungefähr zehn Zentimeter vor dem Mund schweben. Zu nah wäre ein normales Telefonat, zu weit entfernt könnte der Gesprächspartner nicht mehr jedes Schmatzen und jeden Windstoß genießen. Gelegentlich wird das Smartphone auch leicht schräg gehalten, vermutlich damit das WLAN besser abtropfen kann.

Warum man das Gerät nicht ans Ohr hält, bleibt eines der großen Rätsel unserer Zeit. Vielleicht gelten Ohren inzwischen nur noch als dekorative Halterungen für kabellose Kopfhörer, die man ausgerechnet beim Telefonieren nicht benutzt. Vielleicht ist die klassische Telefonhaltung auch einfach zu wenig sichtbar. Wer privat spricht, riskiert schließlich, von der Umgebung gar nicht wahrgenommen zu werden.

Dabei beweist der Knäckebrot-Stil vor allem eines:
Privatsphäre ist ein Gemeinschaftsprojekt.
Persönliche Probleme sollten nicht hinter verschlossenen Türen bleiben, wenn man sie auch zwischen Tiefkühlpizza und Waschmittel diskutieren kann.
Konflikte mit dem Arbeitgeber gewinnen deutlich an Qualität, sobald zwölf Fremde in der Kassenschlange mithören und innerlich Position beziehen.

Natürlich könnte man Kopfhörer verwenden. Oder leiser sprechen. Oder kurz nach draußen gehen. Doch das wäre Rücksichtnahme, und Rücksichtnahme ist bekanntlich eine veraltete Technologie, die mit modernen Smartphones offenbar vollkommen inkompatibel ist.

So bleibt uns nur, dankbar zu sein. Dankbar für jedes ungefragte Hörspiel im Regionalzug. Dankbar für jede öffentlich ausgetragene Beziehungskrise.
Und dankbar für die Erkenntnis, dass man ein Smartphone zwar immer intelligenter machen kann, seinen Besitzer aber offenbar nicht automatisch mitaktualisiert.




Campus Culture am 22.08.2026

Glänzender Chrom, der Duft von Benzin und Geschichte auf zwei und vier Rädern: Das Oldtimertreffen Campus Culture in Krefeld Fichtenhain hat auch im August wieder automobile Schätze aus allen Epochen zusammengebracht. Neben den gewohnten Klassikern gab es ein ganz besonderes Schmuckstück zu bewundern, das selbst eingefleischten Kennern Herzklopfen bereitete: den LMX 2300 HCS.

Der Exot aus Mailand

Der LMX 2300 HCS ist das Erstlingswerk der kurzlebigen italienischen Schmiede L.M.X. Automobile (Lina Mandato e X), gegründet von Michel Liprandi und Giovanni Mandelli. In den späten 1960ern entworfen, verkörpert das Fahrzeug die pure Faszination des italienischen Prototypenbaus.

  • Design: Entworfen von Franco Scaglione, besticht der Wagen durch eine atemberaubende, keilförmige Fastback-Linienführung mit klappbaren Scheinwerfern und Muskeln an den richtigen Stellen.
  • Technik: Unter der eleganten Glasfaser-Karosserie schlägt ein Herz von Ford – ein 2,3-Liter-V6-Motor (Köln-V6), der dem Leichtgewicht ordentlich Vortrieb verleiht. Das Kürzel HCS steht dabei für High Compression Shell.
  • Seltenheitswert: Aufgrund finanzieller Turbulenzen wurden zwischen 1968 und 1974 schätzungsweise nur etwa 50 Fahrzeuge gebaut. Ein LMX in freier Wildbahn ist also eine echte Rarität.

 Ein Hauch von Concurs-Flair in Fichtenhain

Dass ein solch rares Stück automobiler Zeitgeschichte den Weg nach Krefeld Fichtenhain gefunden hat, unterstreicht die wachsende Klasse des Campus-Culture-Treffens. Der LMX zog mit seinen dramatischen Proportionen unzählige Blicke auf sich und war das perfekte Fotomotiv für Enthusiasten.


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