Cinestill 50D in Lightroom nachbauen

Cinestill 50D gehört zu den Filmlooks, die sofort nach Sommer, Tageslicht, feinem Korn und Kinoästhetik aussehen. Der Film wird von CineStill als „50Daylight Fine Grain Color Negative Film“ angeboten, unter anderem für 35mm und 120 Rollfilm. [1] Er basiert auf dem Kodak Vision3 50D, von dem das Remjet-Layer entfernt wurde, damit er im C-41 Entwicklungsverfahren entwickelt werden kann, was in allen gängigen Fotolaboren möglich ist. Das Original musste im ECN-2 Verfahren entwickelt werden, was nur wenige Labore können. [3] Genau diesen hellen, sauberen, pastellfarbenen und leicht cineastischen Charakter kannst du in Lightroom als eigenes Preset nachbauen.

Wichtig vorab: Ein Lightroom-Preset kann niemals echten Film perfekt ersetzen. Film reagiert auf Licht, Entwicklung, Scan und Objektiv immer etwas unterschiedlich. Aber du kannst Dir einen Look bauen, der die typischen visuellen Assoziationen von Cinestill 50D aufgreift: feine Farben, weiche Kontraste, warme Highlights, zurückhaltende Sättigung und einen leichten analogen Charakter.

1. Was macht den Cinestill-50D-Look aus?

Cinestill 50D ist ein Tageslichtfilm mit feinem Korn. Genau deshalb eignet sich der Look besonders gut für helle Außenaufnahmen, Porträts bei natürlichem Licht, urbane Motive, Strände, Cafés, Architektur und Szenen mit klarer Sonne. CineStill beschreibt die 50D-Filmfamilie als feinkörnigen Farbnegativfilm für Tageslicht. [1]

Für unser Lightroom-Preset übersetzen wir diesen Look in fünf Ziele:

  1. Weicher Kontrast statt harter Digital-Schärfe
  2. Warme, leicht goldene Highlights
  3. Natürliche Hauttöne
  4. Gedämpfte, aber nicht flache Farben
  5. Sehr dezentes Korn und ein analoger Gesamteindruck

2. Die Grundeinstellungen: Licht weich machen

Starte in Lightroom mit einem gut belichteten RAW-Foto. Das Preset funktioniert am besten bei Tageslicht, heller Bewölkung oder leichtem Gegenlicht.

Empfohlene Grundeinstellungen:

Kameraprofil: Adobe Neutral oder Kamera Neutral
Belichtung: nach Bild anpassen
Kontrast: -10 bis -20
Lichter: -20 bis -35
Tiefen: +10 bis +25
Weiß: -5 bis +10
Schwarz: +5 bis +15
Textur: -5
Klarheit: -5 bis -10
Dunst entfernen: -5
Dynamik: -5 bis +5
Sättigung: -5

Der wichtigste Schritt ist hier, die digitale Härte zu reduzieren, unter anderem durch die Auswahl eines neutralen Profils. Cinestill 50D wirkt oft sauber und fein, aber nicht überknackig. Deshalb nehmen wir Kontrast, Klarheit und Dunst leicht zurück.

3. Gradationskurve: der analoge Kern des Looks

Die Tonkurve ist der Teil, der den Look am stärksten prägt. Ziel ist eine weiche S-Kurve mit leicht angehobenen Schwarzwerten.

Punktkurve:

Setze ungefähr diese Punkte:

Schwarzpunkt: leicht anheben
Schatten: minimal abdunkeln
Mitteltöne: leicht anheben
Lichter: weich absenken
Weißpunkt: minimal absenken

4. Farbmischer: Farben kontrolliert entschärfen

Lightroom bietet im Farbmischer die Möglichkeit, einzelne Farbbereiche über Farbton, Sättigung und Luminanz anzupassen. Adobe beschreibt, dass sich mit dem Mixer und Point Color einzelne Farbbereiche im Entwicklungsmodul feinabstimmen lassen. [2]

Für den Cinestill-50D-inspirierten Look würde ich mit diesen Werten starten:

Farbton:

Rot: +5
Orange: -3
Gelb: -10
Grün: -20
Aqua: -10
Blau: -5

Sättigung:

Rot: -5
Orange: +5
Gelb: -15
Grün: -25
Aqua: -10
Blau: -15
Lila: -10
Magenta: -10

Luminanz:

Rot: +5
Orange: +10
Gelb: +5
Grün: -5
Aqua: 0
Blau: -5

Die Idee dahinter: Hauttöne bleiben angenehm, Grün wird weniger digital und Gelb etwas kontrollierter. Blau sollte nicht zu kräftig werden, sonst wirkt der Look schnell moderner als gewünscht.

5. Color Grading: warme Lichter, ruhige Schatten

Jetzt kommt der cineastische Teil. Im Color Grading gibst du den Lichtern eine leichte Wärme und den Schatten eine sehr dezente kühle Färbung.

Schatten:

Farbton: 210 bis 230
Sättigung: 4 bis 8
Luminanz: 0

Mitteltöne:

Farbton: 35 bis 45
Sättigung: 3 bis 6
Luminanz: +3

Lichter:

Farbton: 40 bis 55
Sättigung: 8 bis 14
Luminanz: +5

Balance & Blending:

Blending: 50 bis 65
Balance: +10 bis +25

Dadurch bekommen helle Bildbereiche einen warmen, sonnigen Charakter, ohne dass das gesamte Foto gelb wird.

6. Kalibrierung: der wirkungsvolle Feinschliff

Die Kalibrierung macht oft einen großen Unterschied zwischen „nettem Filter“ und echtem Look – es ist ein mächtiges, weit unterschätztes Werkzeug.

Probiere diese Werte:

Rot Primär Farbton: +5
Rot Primär Sättigung: +5

Grün Primär Farbton: -5
Grün Primär Sättigung: -5

Blau Primär Farbton: -10
Blau Primär Sättigung: -10

Das verschiebt die Farbbasis subtil und sorgt für ein weicheres, weniger digitales Farbbild.

7. Korn und Schärfe: fein, nicht grob

Da Cinestill 50D als feinkörniger Farbnegativfilm beschrieben wird, sollte das Lightroom-Korn sehr zurückhaltend bleiben. [1]

Korn Stärke: 10 bis 18
Größe: 20 bis 25
Unregelmäßigkeit: 40 bis 55

Bei der Schärfung gilt: lieber etwas weniger.

Betrag: 35 bis 45
Radius: 0,8 bis 1,0
Details: 15 bis 25
Maskieren: 40 bis 60

So bleibt das Bild klar, aber nicht überschärft.

Die hier beschriebenen Werte sind keinesfalls in Stein gemeißelt und passen nicht auf 1:1 auf jedes Bild, wie es uns so manche Werbung für kommerzielle Presets glaubhaft machen will. Insbesondere die Regler für Belichtung, Lichter, Tiefen, Schwarz- und Weißpumkt wollen angefasst werden!

8. Preset speichern

Wenn Du mit dem Ergebnis zufrieden bist, speichere den Look als eigenes Preset:

  1. Öffne das Preset-Panel in Lightroom.
  2. Klicke auf das Plus-Symbol.
  3. Wähle „Preset erstellen“.
  4. Benenne es zum Beispiel:
    Cinestill 50D Inspired
  5. Aktiviere vor allem diese Bereiche:

    • Grundeinstellungen
    • Gradationskurve
    • Farbmischer
    • Color Grading
    • Kalibrierung
    • Details
    • Effekte

Belichtung und Weißabgleich würde ich nicht fest ins Preset einbauen, weil sie von Bild zu Bild stark variieren.

9. Wann funktioniert der Look am besten?

Dieses Preset eignet sich besonders für:

  • Tageslichtporträts
  • Strand und Sommermotive
  • helle Straßenszenen
  • Reisen
  • Cafés und Lifestyle-Aufnahmen
  • analoge Editorial-Looks
  • ruhige Architekturaufnahmen

Weniger gut funktioniert es bei sehr dunklen Nachtaufnahmen, Neonlicht oder stark gemischtem Kunstlicht. Dafür wäre ein stärkerer CineStill-800T-inspirierter Look passender.

10. Mein Fazit

Ein gutes Cinestill-50D-inspiriertes Lightroom-Preset lebt nicht von übertriebenen Effekten, sondern von Zurückhaltung. Weiche Kontraste, warme Highlights, kontrollierte Farben und feines Korn bringen dich näher an den Look als extreme Farbverschiebungen.

Der beste Tipp: Erstelle das Preset nicht an nur einem Foto. Teste es an mindestens fünf bis zehn Bildern mit unterschiedlichem Licht. Erst dann siehst Du, ob Hauttöne, Schatten und Highlights wirklich stabil funktionieren.
Im folgenden findest Du einige Vorher/Nachher-Beispiele:






65 Jahre Mauerbau: Erinnerungen an eine Grenze, die Menschen trennte

„The green grass grows forever
Beneath the bloody sky
In memory of the martyrs
She′ll cover when they die“

In Memory Of The Martyrs, Barclay James Harvest, 1980

Am 13. August 1961 begann eines der einschneidendsten Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte: Die DDR-Führung ließ in Berlin die Sektorengrenze abriegeln. In den frühen Morgenstunden wurden Straßen aufgerissen, Barrikaden errichtet, Betonpfähle eingerammt und Stacheldraht gezogen. Der Übergang von Ost nach West war plötzlich versperrt, Berlin war geteilt. [1][2]

Heute, 65 Jahre später, ist der Jahrestag mehr als ein historisches Datum. Er erinnert daran, wie schnell Freiheit verloren gehen kann und wie tief politische Entscheidungen in das Leben einzelner Menschen eingreifen können.

Eine Nacht, die Berlin veränderte

Was am 13. August 1961 begann, war zunächst vor allem eine Abriegelung: Sicherheitskräfte der DDR sperrten die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin mit Panzersperren, Stacheldraht und Barrikaden. Polizei, Kampfgruppen und Armee blockierten die Zugänge zum Westteil der Stadt. [3]

Für viele Berlinerinnen und Berliner bedeutete dieser Morgen einen Schock. Familien, Nachbarn, Freundeskreise und Arbeitswege wurden abrupt auseinandergerissen. Wer am Vorabend noch selbstverständlich eine Straße, eine Bahnlinie oder einen Grenzübergang genutzt hatte, stand nun vor Stacheldraht und bewaffneten Posten.

Die Berliner Mauer entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem massiven Grenzsystem. Sie teilte die Stadt entlang ihrer Mitte und umschloss zugleich das gesamte Gebiet West-Berlins. [3]

Warum die Mauer gebaut wurde

Die DDR-Führung wollte mit der Abriegelung vor allem die Massenabwanderung in den Westen stoppen. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt den Mauerbau als Maßnahme, mit der die DDR-Führung die Fluchtbewegung in Richtung Westen unterband. [3]

Berlin spielte dabei eine besondere Rolle. Obwohl die Stadt vollständig innerhalb der sowjetischen Besatzungszone lag, war sie nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Sektoren aufgeteilt worden. West-Berlin galt nach 1949 im Osten als „Schaufenster des Westens“. [3]

Mit dem Bau der Mauer wurde aus einer politischen Teilung eine sichtbare, harte Grenze aus Beton, Stacheldraht und Kontrolle.

Symbol des Kalten Krieges

Die Berliner Mauer war weit mehr als ein Bauwerk. Sie wurde zum Symbol der konfliktreichen Nachkriegsordnung und des Kalten Krieges. [1] Auch die Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet sie als das symbolträchtigste Bauwerk des Kalten Krieges. [3]

Für die einen stand sie für Macht, Abschottung und Kontrolle. Für die anderen war sie ein Mahnmal der Unfreiheit. Sie zeigte der Welt, wie tief Europa politisch und ideologisch geteilt war.

Besonders tragisch ist, dass die Mauer nicht nur Städte und Staaten trennte, sondern Menschenleben kostete. Mindestens 140 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. [1][3]

Erinnerung heißt Verantwortung

Der 65. Jahrestag des Mauerbaus ist kein Anlass für bloße Rückschau. Er ist eine Erinnerung daran, dass Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Bewegungsfreiheit nicht selbstverständlich sind. Die Geschichte der Berliner Mauer zeigt, wie wichtig es ist, politische Freiheit zu schützen und autoritäre Entwicklungen früh ernst zu nehmen.

Gleichzeitig erinnert dieser Tag an den Mut vieler Menschen: an diejenigen, die Widerstand leisteten, die Flucht wagten, die getrennte Familien zusammenhielten und die später friedlich für Veränderung eintraten.

Am 9. November 1989 fiel die Mauer. Ihr Fall wurde zu einem Symbol der friedlichen Revolution in der DDR und der Überwindung der deutschen Teilung. [4]

Was bleibt

Von der Berliner Mauer stehen heute nur noch einzelne Abschnitte. Doch ihre Geschichte bleibt präsent: in Gedenkstätten, in Familienerzählungen, in Schulbüchern und im öffentlichen Bewusstsein. Besonders die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße gilt heute als zentraler Erinnerungsort. [4]

65 Jahre nach dem Mauerbau lautet die wichtigste Botschaft: Mauern entstehen nicht nur aus Beton. Sie entstehen auch durch Misstrauen, Angst, Propaganda und die Missachtung menschlicher Freiheit. Umso wichtiger ist es, Geschichte wachzuhalten.

Denn Erinnerung ist nicht nur ein Blick zurück. Sie ist auch eine Verpflichtung für Gegenwart und Zukunft.




Deutschland, das kontaktlose Museum

Es gibt Länder, in denen man eine Straßenzeitung, einen Espresso, eine Parkbank-Spende und vermutlich auch den Ablass in der Kirche kontaktlos bezahlen kann. Und dann gibt es Deutschland: das Land, in dem man im Jahr 2026 mit einem Smartphone in der Tasche, einer Smartwatch am Arm und einer App für den Kühlschrank vor der Bäckerei steht — und an der Kasse erfährt, dass technologische Zivilisation leider erst ab 10 Euro beginnt.

Nicht falsch verstehen: Natürlich kann man in Deutschland bargeldlos bezahlen. Die Bundesbank sieht sogar, dass Kartenzahlungen und mobiles Bezahlen deutlich zunehmen; Bargeld bleibt aber weiterhin sehr präsent, und gerade kleinere Betriebe sowie Dienstleister sind noch nicht überall auf der Höhe der digitalen Bezahlromantik. [1][2]
Mit anderen Worten: Wir sind auf dem Weg in die Zukunft. Nur eben mit Zwischenstopp am Geldautomaten.

„Kartenzahlung? Heute leider nicht.“

Dieser Satz hat in Deutschland ungefähr denselben kulturellen Stellenwert wie „Da könnte ja jeder kommen“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht“. Er fällt bevorzugt in Situationen, in denen man keine Münzen dabeihat, hinter einem bereits drei Menschen schnaufen und die Verkäuferin einen anschaut, als hätte man gerade gefragt, ob man mit Muschelgeld aus dem Club Robinson zahlen darf.

Man hebt entschuldigend das Handy.
Sie hebt entschuldigend die Augenbraue.
Die Kasse schweigt.
Die Republik hält den Atem an.

Dann kommt die Diagnose: „Nur bar.“

Nicht etwa „Unser Terminal ist gerade defekt“. Nicht „Die Verbindung ist instabil“. Nein. „Nur bar“ — als Geschäftsmodell, Haltung und Weltanschauung.

Bargeld: das deutsche Sicherheitsgefühl in Scheinen

Bargeld ist hierzulande nicht einfach ein Zahlungsmittel. Es ist ein emotionales Unterstützungsprogramm. Ein Stück geprägte Privatsphäre. Ein analoger Talisman gegen Gebühren, Stromausfälle, Datenkraken und die Zumutung, dass ein Cappuccino einfach schnell bezahlt werden könnte.

Natürlich gibt es gute Gründe für Bargeld: Datenschutz, Unabhängigkeit, Kontrolle. Niemand will in einer Welt leben, in der jede Kugel Stracciatella ein Datensatz ist. Aber zwischen „Bargeld soll bleiben“ und „Kartenlesegeräte sind ein Hexenwerk“ liegt ein ziemlich breiter Bürgersteig.

Und auf diesem Bürgersteig steht dann jemand mit einer Obdachlosenzeitung in einem anderen Land, hält ein kleines Kartenterminal hin und sagt: „Kontaktlos geht auch.
Während man in Deutschland im Café noch fragt, ob Kartenzahlung „ausnahmsweise“ möglich sei — als wolle man ein Pferd im Gastraum parken.

Die große deutsche Bezahl-Choreografie

Der typische Bezahlvorgang läuft so ab:

  1. Man fragt extrem vorsichtig: „Kann ich mit Karte zahlen?
  2. Die Stimmung kippt minimal.
  3. Jemand zeigt auf ein handgeschriebenes Schild: „Kartenzahlung ab 15 €“.
  4. Man bestellt spontan noch ein Croissant, ein Barolo für €60,- oder vielleicht gar eine kleine Eigentumswohnung.
  5. Das Terminal wird unter der Theke hervorgeholt wie ein archäologischer Fund.
  6. Es piept.
  7. Alle sind erleichtert, aber niemand sagt es laut.

Besonders schön ist die Variante „Kartenzahlung ja, aber nicht mit Kreditkarte“. Oder „Karte ja, aber kein Handy“. Oder „Handy ja, aber nur wenn der Chef da ist“. Deutschland hat aus dem einfachen Vorgang des Bezahlens eine Art Escape Room gemacht.

Digitalisierung — aber bitte laminiert

Wir digitalisieren natürlich. Sehr sogar. Wir haben Apps, Portale, QR-Codes, Onlineformulare, Zwei-Faktor-Authentifizierung, elektronische Patientenakten und digitale Parkscheine. Aber an der Imbissbude heißt es dann: „Der Chef möchte das nicht.

Der Chef, diese mythische Figur des deutschen Zahlungsverkehrs. Er erscheint selten persönlich, wirkt aber überall. Er entscheidet, ob Apple Pay akzeptiert wird. Er kennt jemanden, der mal Gebühren zahlen musste. Er besitzt vermutlich einen Drucker mit Faxfunktion und ein sehr klares Bauchgefühl.

Warum einfach, wenn es auch umständlich geht?

Das Faszinierende ist ja: Viele Kundinnen und Kunden wollen einfach bezahlen. Schnell, sauber, ohne Kleingeldsuche in der Manteltasche von 2018. Die Technik existiert. Die Nachfrage existiert. Die Geräte existieren. Sogar die Menschen, die sie bedienen könnten, existieren.

Und doch stehen wir regelmäßig da wie Zeitreisende aus der Zukunft, die in einem Dorf des 18. Jahrhunderts mit NFC winken.

„Ich würde gern zahlen.“
„Haben Sie es passend?“
„Ich habe ein Telefon, das mein Gesicht erkennt.“
„Also nein.“

Fazit: Deutschland braucht keine Revolution. Nur ein Terminal.

Niemand verlangt, dass Bargeld abgeschafft wird. Niemand möchte die Oma zwingen, ihren Wochenmarkt-Einkauf mit Bitcoins zu begleichen. Es geht um Wahlfreiheit. Um Alltagstauglichkeit. Um die kleine Utopie, dass man einen Kaffee bezahlen kann, ohne vorher eine Bankfiliale zu suchen.

Vielleicht ist das die deutsche Version von Fortschritt: nicht, dass etwas möglich ist — sondern dass es irgendwann nicht mehr als Zumutung gilt.

Bis dahin tragen wir weiter Karte, Handy, Smartwatch und Bargeld mit uns herum. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus Erfahrung.

Denn in Deutschland weiß man nie, ob man gerade einkauft — oder an einer historischen Nachstellung teilnimmt.




Mehr LKW wegen Niedrigwasser

Wegen des Niedrigwassers in deutschen Flüssen lockern mehrere Bundesländer das Sonntagsfahrverbot für bestimmte Lkw-Transporte. So sollen Güter, die Binnenschiffe derzeit nur eingeschränkt transportieren können, kurzfristig auf die Straße verlagert werden. [1][2]

Das klingt pragmatisch. Ist es aber nur begrenzt.

Denn die zentrale Frage bleibt: Wer soll diese zusätzlichen Fahrten übernehmen? Die Lockerung des Fahrverbots schafft keine neuen Fahrerinnen und Fahrer. Sie verschiebt lediglich Fahrten auf den Sonntag. Der Bundesverband Güterkraftverkehr und Logistik weist darauf hin, dass Fahrer wegen der Lenk- und Ruhezeiten dann an anderen Tagen pausieren müssten. Die verfügbare Lenkzeit steigt also nicht, sie wird nur anders verteilt. [3][4]

Hinzu kommt der ohnehin massive Personalmangel. Nach Angaben des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen fehlen bundesweit rund 140.000 Lkw-Fahrer. [5] Wer in dieser Lage den Sonntag zur zusätzlichen Transportreserve erklärt, belastet eine Branche und Menschen, die längst am Limit arbeitet.

Auch die Mengenverhältnisse sprechen gegen überzogene Erwartungen. Ein Binnenschiff kann mehrere tausend Tonnen Ladung transportieren. Dafür wären je nach Fracht Dutzende bis Hunderte Lkw nötig. [5][6] Die Straße kann also punktuell entlasten, aber sie ersetzt keine leistungsfähige Binnenschifffahrt.

Die Maßnahme ist deshalb eher ein Notventil als eine Lösung. Sie kann wichtige Transporte vorziehen und Engpässe abmildern. Sie löst aber weder den Fahrermangel noch die Abhängigkeit von überlasteten Verkehrswegen. Im Gegenteil: Sie droht, die Last der Krise auf Fahrer, Speditionen und Autobahnen abzuwälzen.

Wer Niedrigwasser ernst nimmt, braucht mehr als Sonntagsfahrten. Nötig sind robuste Lieferketten, bessere Schienenkapazitäten, eine anpassungsfähige Binnenschifffahrt und vor allem attraktivere Arbeitsbedingungen im Straßengüterverkehr.

Fazit: Die Lockerung des Sonntagsfahrverbots mag kurzfristig helfen. Als politische Antwort auf die Niedrigwasserkrise ist sie zu klein gedacht. Mehr erlaubte Fahrzeiten bedeuten noch lange nicht mehr verfügbare Fahrer.




Klein Montmartre – Kunst in Krefeld-Fischeln

Zufriedenheit – Goldblättchen vom 08.08.2026

Your whisper tells a secret
Your laughter brings me joy

Even In the Quietest Moments, Supertramp, 1977


Manchmal muss man gar nicht weit reisen, um sich wie in einer kleinen Künstlerkolonie zu fühlen. Am 08.08.2026 hat Krefeld-Fischeln genau das bewiesen: Rund um die Mariensäule verwandelte sich das Viertel für einen Tag in ein echtes “Klein Montmartre” – mit Staffeleien, Farbe an den Fingern und jeder Menge kreativer Energie in der Luft. Organisiert wurde dieses Event vom Bürgerverein Krefeld Fischeln.

Ein Markt voller Ideen

Schon von Weitem erkannte man die bunten Stände, an denen lokale Künstlerinnen und Künstler ihre Werke präsentierten – von zarten Aquarellen über kräftige Acrylbilder bis hin zu handgefertigtem Kunsthandwerk. Es war einer dieser Tage, an denen man eigentlich “nur mal schauen” wollte und dann doch von Stand zu Stand gezogen wird, weil überall etwas Neues zu entdecken ist.

Und dann: Liebe auf den ersten Blick

An einem der Stände stand es dann einfach da – ein Bild, das uns sofort in seinen Bann gezogen hat: eine Frau mit Hut, voller Ruhe und Ausstrahlung, mit dem wunderschön treffenden Titel “Zufriedenheit”. Gemalt von der lokalen Künstlerin Dagmar Lingel, strahlt das Werk genau die Gelassenheit aus, die sein Name verspricht.

Wir mussten nicht lange überlegen: Dieses Bild ist wie gemacht für unser Wohnzimmer! Die Farben, der Titel, die Haltung, die stille Freude im Gesicht der dargestellten Frau – alles passt einfach perfekt in unsere eigenen vier Wände. Wir haben ihr sogar sofort einen Namen gegeben – „Katje“.
Manchmal weiß man einfach sofort, wenn etwas “nach Hause” gehört.

Unser heutiges Goldblättchen ✨

So ist “Zufriedenheit” zu unserem Goldblättchen des Tages geworden – dem kleinen, besonderen Fund, der einen ganz normalen Samstag in etwas Besonderes verwandelt. Es ist genau diese Art von Moment, für die sich ein Bummel über einen Kreativmarkt lohnt: nicht geplant, nicht gesucht, aber genau richtig, wenn man es findet.

Danke an alle Künstlerinnen und Künstler, die “Klein Montmartre” in Fischeln zu einem so inspirierenden Ort gemacht haben – und ein ganz besonderer Dank an Dagmar Lingel für ein Bild, das ab sofort einen Ehrenplatz bei uns hat.




Jeff Porcaro: Der Mann, der den Groove atmen ließ

Am 5. August 2026 jährt sich der Tod von Jeff Porcaro zum 34. Mal. Jeff Porcaro, geboren am 1. April 1954 in Hartford, Connecticut, starb am 5. August 1992 und wurde nur 38 Jahre alt. [1]

Es gibt Musiker, die man sofort erkennt, sobald sie einen Ton spielen. Bei Jeff Porcaro reichte oft ein einziger Takt. Nicht, weil er laut sein musste. Nicht, weil er sich in den Vordergrund spielte. Sondern weil sein Schlagzeugspiel etwas hatte, das viel seltener ist als Technik: Haltung, Geschmack und ein unglaubliches Gefühl für den Song.

Porcaro war Gründungsmitglied und Schlagzeuger von Toto, der Band, die mit Songs wie „Hold the Line“, „Rosanna“ und „Africa“ Pop- und Rockgeschichte schrieb. Zugleich war er einer der gefragtesten Sessiondrummer seiner Generation. AllMusic beschreibt ihn als einen der höchst angesehenen Studio-Schlagzeuger im Rock von Mitte der 1970er bis in die frühen 1990er Jahre und schreibt, dass der Sound des Mainstream-Pop/Rock-Drummings der 1980er Jahre zu einem großen Teil der Sound von Jeff Porcaro gewesen sei. [1]

Was Jeff Porcaro so besonders machte, war nicht nur Präzision. Viele Drummer spielen präzise. Bei ihm klang Präzision menschlich. Seine Grooves hatten Luft, Wärme und Bewegung. Sie wirkten nie mechanisch, sondern immer so, als würde das Schlagzeug mit der Musik sprechen. Er konnte einen Song antreiben, ohne ihn zu überladen. Er konnte Spannung erzeugen, ohne sich aufzudrängen. Und er verstand, dass ein großartiger Drumtrack nicht beweisen muss, wie gut der Schlagzeuger ist. Er muss beweisen, wie gut der Song ist.

Schon früh war Musik Teil seines Lebens. Sein Vater Joe Porcaro war ein renommierter Schlagzeuger und Lehrer, und auch Jeffs Brüder Steve und Mike wurden professionelle Musiker. [1] Paiste nennt als Stationen seiner Karriere unter anderem Aufnahmen und Tourneen mit Seals and Crofts, Boz Scaggs und Steely Dan. [2] Gerade diese Mischung aus Familienprägung, Studioerfahrung und musikalischer Offenheit machte Jeff Porcaro zu einem Drummer, der fast jedes Genre bedienen konnte, ohne seine eigene Handschrift zu verlieren.

Sein Name ist für viele Schlagzeuger bis heute untrennbar mit „Rosanna“ verbunden. Der berühmte Groove aus Toto IV gilt als Paradebeispiel für musikalische Kontrolle, Dynamik und Timing. „Rosanna“ ist kein Schlagzeugsolo im klassischen Sinne, aber für Drummer ist es ein Lehrstück: Wie spielt man komplex, ohne kompliziert zu wirken? Wie erzeugt man Bewegung, ohne den Song zu zerdrücken? Wie bringt man Technik zum Grooven?

Doch Porcaros Vermächtnis ist größer als ein einzelner Groove. Er spielte auf unzähligen Aufnahmen mit, unter anderem werden in seiner Diskografie Arbeiten mit Künstlern wie Michael Jackson, Elton John, Don Henley, Warren Zevon, Rickie Lee Jones und Bruce Springsteen genannt. [2] Wer Pop- und Rockmusik der 1970er und 1980er Jahre hört, begegnet Jeff Porcaro deshalb oft, auch wenn sein Name nicht immer auf dem Cover steht.

Vielleicht liegt genau darin seine Größe. Jeff Porcaro war kein Drummer, der ständig „Schaut her!“ rief. Er war einer, der sagte: „Hört hin.“ Sein Spiel lehrte, dass Zurückhaltung keine Schwäche ist. Dass Groove mehr bedeutet als Tempo. Dass ein Song manchmal genau dann am stärksten wird, wenn jeder Musiker weiß, wann er Platz lassen muss.

34 Jahre nach seinem Tod wirkt Jeff Porcaro nicht wie eine Figur aus einer vergangenen Ära. Sein Einfluss lebt in Studios, Proberäumen und auf Bühnen weiter. In jeder Diskussion über Feel, Timing und songdienliches Spiel fällt früher oder später sein Name. Und wenn junge Drummer heute versuchen, den Geist seiner Grooves zu verstehen, lernen sie nicht nur Schlagzeug. Sie lernen Musikalität.

Jeff Porcaro hat den Groove nicht erfunden. Aber er hat gezeigt, wie tief er atmen kann.

Hier das Video zu „Can You Hear What I‘m Saying“ aus dem Jahr 1990, wo Jeff Porcaro mit seinem ebenfalls verstorbenen Bruder Mike Porcaro einen unglaublichen Groove zaubert.




Grand Meeting 2026: Viele Klassiker, wenig Glanz

Vom 31. Juli 2026 bis 2.August 2026 findet die Veranstaltung statt, die früher unter dem Namen Classic Days bekannt war und nun erstaunlicherweise als Grand Meeting firmiert. Schon der neue Name ließ eine gewisse Größe erwarten. Vor Ort blieb davon allerdings ein ambivalenter Eindruck zurück.
Zudem soll es Schwierigkeiten bei der Genehmigungserteilung zu der Veranstaltung gegeben haben. Die Stadt Korschenbroich hatte die Genehmigung offenbar erst um 10:45 Uhr erteilt. Laut Thomas Dückers, Beigeordneter der Stadt, seien „viele offene Fragen“ der Grund gewesen, wodurch es für 45 Minuten eine „unklare Rechtslage“ gab.

Die Veranstaltung fand zum zweiten Mal am Rittergut Birkhof statt und wurde vom Veranstalter als Event für automobile Kultur, Eleganz, Zeitreise, Design und Experience angekündigt. [1] Genau diese Erwartung war vermutlich Teil des Problems: Wer frühere Classic Days im Kopf hat, denkt an Atmosphäre, besondere Fahrzeuge, liebevolle Inszenierung und kleine Entdeckungen, die lange im Gedächtnis bleiben. Das Grand Meeting 2026 bot zwar vieles davon in Ansätzen, erreichte für mich aber leider nicht mehr die Strahlkraft vergangener Veranstaltungen.

Anreise: Der erste Dämpfer

Der Verwunderung begann bereits vor dem eigentlichen Besuch. Eine erkennbare Beschilderung zur Zufahrt zum Gelände war schlicht nicht vorhanden oder zumindest nicht so, dass sie hilfreich gewesen wäre. Gerade bei einer Veranstaltung dieser Größe sollte die Anreise selbsterklärend sein. Stattdessen blieb der Eindruck, man müsse sich irgendwie selbst zum Ziel, bzw. den Parkmöglichkeiten durchhangeln.

Auch auf dem Festivalgelände setzte sich dieses Bild fort. Die Beschilderung war spärlich, unübersichtlich und nicht wirklich besucherfreundlich, wie auch teilweise die Wegführung. Wer bestimmte Bereiche suchte, musste eher raten als folgen. Das ist schade, denn ein guter Rundgang lebt nicht nur von den Fahrzeugen, sondern auch davon, dass man sich entspannt treiben lassen kann.

Kulinarik: Currywurst mit Fragezeichen

Kulinarisch blieb der Besuch ebenfalls eher bodenständig. Die Currywurst mit Pommes war in Ordnung, aber für den Preis von €11,00 nur Durchschnitt. Kein Totalausfall, aber auch nichts, wofür man sich vor Begeisterung auf den Rücken wirft.

Rätselhaft blieb für mich außerdem die Bierauswahl. Warum ausgerechnet im Rheinland neben Schlösser Alt und Frankenheim Alt Bier aus einer Bayreuther Brauerei ausgeschenkt wurde, erschloss sich mir nicht. Lediglich ein stand bot Bitburger Pils an. Dieses Bayreuther Bier hatte meiner Ansicht nach nur in Ansätzen etwas mit gutem Bier zu tun. Natürlich muss nicht jede Veranstaltung streng regional auftreten. Aber bei einem Event, das so stark mit Flair, Ort und Atmosphäre wirbt, hätte ein regionaler Bezug beim Bier durchaus besser gepasst. Als die Classic Days noch am Schloß Dyck veranstaltet wurden, gab es dort ein sehr gutes Pils der Brauerei Bolten, obwohl diese hauptsächlich Altbier braut.

Fahrzeuge: Viel zu sehen, wenig Staunen

Positiv bleibt festzuhalten: Es waren viele klassische Fahrzeuge vor Ort. Wer gerne durch Reihen gepflegter Oldtimer schlendert, kam durchaus auf seine Kosten. Das Auge fand immer wieder interessante Details, schöne Lackierungen, Leder, Chrom und Patina.

Was mir jedoch fehlte, waren die echten Highlights. Jene Fahrzeuge, bei denen man stehen bleibt, noch einmal zurückgeht und später sagt: „Das war der Moment des Tages.“ Bei früheren Veranstaltungen war genau das häufiger der Fall. Diesmal wirkte vieles solide, aber weniger außergewöhnlich.

Die große Überraschung blieb bis auf den Auto Union Typ 52 aus. Das Konzept des Fahrzeuges entstand ab 1933/1934 im Konstruktionsbüro von Ferdinand Porsche. Das Fahrzeug war als straßenzulassungsfähiger, V16-angetriebener Supersportwagen geplant, der auch bei Langstreckenrennen wie Le Mans oder der Mille Miglia hätte eingesetzt werden sollen.

Das Projekt wurde jedoch 1935 gestoppt, das Fahrzeug ging nie in Serie. Im Juli 2024 feierte die detailgetreue und seriennahe, handgefertigte Replika beim Goodwood Festival of Speed ihre Weltpremiere.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Das Grand Meeting möchte offenbar mehr sein als ein reines Oldtimertreffen. Der Veranstalter spricht von einem Classic-Car-Lifestyle-Event und nennt unter anderem Themenbereiche, historische Motorsport-Elemente, Picknick, Garden-Party-Flair und Design-Erlebnis. [1] Auf dem Papier klingt das stimmig. In der Praxis kam dieser Anspruch für mich jedoch nur teilweise an. Die Picknick-Wiese war als solche nicht gekennzeichnet und Garden-Party-Feeling stellte sich ebenfalls schwer ein, da die Terasse des Gutshauses mit Blick auf den Park durch eine geschlossene Gesellschaft der Firma Julius Bär in Beschlag genommen wurde.

Es fehlte nicht an Fahrzeugen, nicht an Besuchern und nicht an gutem Willen. Aber es fehlte an Orientierung, Präzision und an jenen besonderen Momenten, die eine Veranstaltung aus der Masse herausheben. Vielleicht ist der neue Name ein Signal für einen Neuanfang. Dann sollte dieser Neuanfang aber auch organisatorisch und atmosphärisch deutlicher spürbar werden.

Fazit

Mein Besuch beim Grand Meeting 2026 war kein Reinfall, aber auch kein Höhepunkt. Es gab viele klassische Fahrzeuge, eine grundsätzlich schöne Kulisse und genügend Anlass für einen entspannten Rundgang. Gleichzeitig trübten die mangelhafte Beschilderung, die unübersichtliche Wegeführung, durchschnittliche Verpflegung und das Fehlen echter automobilhistorischer Glanzlichter den Gesamteindruck deutlich.

Wer Oldtimer mag, konnte einen angenehmen Tag verbringen. Wer jedoch die Magie früherer Classic Days erwartet hatte, dürfte sich gefragt haben, ob mit dem neuen Namen vielleicht auch ein Stück des alten Charmes verloren gegangen ist.

Hier ein paar Impressionen vom Grand Meeting:


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Konrad Beikircher, der Erfinder des Rheinlandes

Am 28.Juli 2026 ist der Kabarettist, Musiker und Autor Konrad Beikircher, dessen Wirken sich vor allem der rheinischen Wesensart und dem rheinischen Regiolekt widmete, verstorben. Der Kabarettist Jürgen Becker bezeichnete ihn als Erfinder des Rheinlandes. In diesem Sinne eine kleine Hommage an den 1945 in Südtirol geborenen wunderbaren Kabarettisten, einem der letzten dieser Sorte.

Es gibt Menschen, die erfinden das Rad.
Andere erfinden das Internet.
Konrad Beikircher aber erfand etwas viel Komplizierteres:
das Rheinland
.

Und zwar nicht am Reißbrett, mit Bauplan oder Ministerialerlass, sondern mit dem einzig dafür zulässigen Werkzeug: mit Sprache, Staunen, Musik, genauer Beobachtung und einer ordentlichen Portion „Nä, wat is dat schön hier, aber erklären kannste dat keinem“.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da kommt jemand aus Südtirol ins Rheinland, also aus einer Gegend, in der Berge noch Berge sind und nicht leichte Erhebungen hinterm Autobahnkreuz, und entdeckt hier eine Landschaft, die auf den ersten Blick aussieht wie eine Mischung aus Karneval, Baustelle, Stadtarchiv und Familienfeier. Andere wären wieder abgereist. Beikircher jedoch blieb. Vermutlich, weil er ahnte: Hier ist gibt es noch etwas zu tun.

Denn das Rheinland vor Beikircher war zwar schon existent, aber es wusste es noch nicht so ganz genau. Köln hatte den Dom, Bonn hatte Beethoven, Düsseldorf hatte ein übersteigertes Selbstbewusstsein, und dazwischen lagen Orte, in denen man sich mit drei Silben, zwei Blicken und einem „Jaja“ vollständige Weltanschauungen mitteilen konnte. Aber erst Beikircher kam und sagte sinngemäß: Moment mal, das ist gar kein Durcheinander. Das ist ein System. Ein sehr rheinisches System, also eins, das funktioniert, solange man nicht hinterfragt, wie.

Er nahm den rheinischen Dialekt ernst, ohne ihm die Krawatte anzuziehen. Er erklärte die rheinische Seele, ohne sie in ihre Einzelteile zu sezieren. Und wenn er sie doch sezierte, dann so, dass die Seele selbst dabei lachen musste und hinterher sagte: „Dat hässte ävver schön jesaat.

Seine große Leistung war nicht, dass er den Rheinländern etwas beigebracht hätte. Nein, schlimmer: Er hat ihnen erklärt, was sie ohnehin schon sind. Und das ist im Rheinland brandgefährlich! Denn wenn ein Rheinländer sich selbst erkennt, bestellt er entweder ein Kölsch, gründet einen Stammtisch oder sagt: „Dat han ich dir doch immer schon jesaat.

Beikircher machte aus dem rheinischen Singsang eine Wissenschaft, aus der Wissenschaft Kabarett und aus dem Kabarett Heimatkunde mit Lachgarantie. Er zeigte, dass ein Satz wie „Da kannste nix machen“ keineswegs Resignation bedeutet, sondern eine philosophische Weltformel ist. Er bewies, dass „Et kütt wie et kütt“ nicht etwa Fatalismus ist, sondern angewandte Metaphysik mit regionalem Qualitätssiegel. Denn es gilt im Rheinland:“Ett hätt noch immer joot jejange“.

Und so wurde aus dem Südtiroler ein Rheinländer, aus dem Beobachter ein Botschafter, aus dem Kabarettisten ein Kartograf einer inneren Landschaft. Er zeichnete keine Flüsse und Grenzen ein, sondern Tonfälle, Denkpausen, Ausweichmanöver, Umständlichkeiten, Herzlichkeiten und jene geheimnisvolle rheinische Fähigkeit, gleichzeitig verbindlich und völlig unverbindlich zu sein.

Das eigentlich Komische daran: Er musste all das nie erfinden. Er musste nur genau genug hinhören, während die Südtiroler Seele in ihm ungläubig den Kopf schüttelte – über Menschen, die eine Beerdigung als Anlass für einen guten Witz betrachten und die Bewerbung des Karnevalsprinzen ernster nehmen als die Kommunalwahl.

Der „Erfinder des Rheinlandes“ war also kein Herrscher, kein Stadtplaner, kein Bürokrat mit Ärmelschomern. Er war eher der Mann, der mit gespitztem Ohr durch Bonn, Köln und den ganzen rheinischen Kosmos ging und sagte: „Hört doch mal hin. Ihr seid ein Gedicht. Ein etwas verschachteltes, gelegentlich nuschelndes, aber ein Gedicht.

Lieber Konrad Beikircher, wenn das Rheinland heute weiß, dass es nicht nur eine Gegend ist, sondern eine Haltung, dann auch wegen dir. Du hast ihm kein Denkmal gebaut, sondern etwas viel Passenderes: eine Pointe. Und eine Pointe ist im Rheinland bekanntlich stabiler als Beton, weil sie sich besser weitererzählen lässt.

Kurz gesagt:
Konrad Beikircher hat das Rheinland nicht erfunden, wie man ein Gerät erfindet.
Er hat es erfunden, wie man eine Melodie findet, die schon immer in der Luft lag.
Er hat nur als Erster genau hingehört.

Und dafür sagt das Rheinland, wie nur das Rheinland sagen kann:
Konrad, dat haste joot jemaat. Wirklich. Also jetzt nicht übertreiben, aber: sehr joot.

„Maach ett joot …“

Titelbild:Elke Wetzig (Elya)

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Joe Zawinul – „A Remark You Made“ mit der WDR Big Band Köln

Vor Joe Zawinul klangen Synthesizer im Jazz oft wie Fremdkörper: technisch, futuristisch, manchmal ornamental. Zawinul machte daraus eine melodische und emotionale Stimme. Seine Sounds konnten wie Bläser, Stimmen, Streicher, Orgeln oder völlig neue Wesen klingen – aber immer mit jazzmusikalischer Phrasierung.

Das Besondere war: Er spielte Synthesizer nicht „keyboardmäßig“, sondern fast wie ein Sänger oder Bläser. Die Linien atmeten, bogen sich, riefen, antworteten. Dadurch wurde der Synthesizer im Jazz ein Instrument mit Seele und Persönlichkeit.

Bei Zawinul war ein Sound nie zufällig. Ein Akkord, ein Basslauf oder ein Solo hatte nicht nur Harmonie und Rhythmus, sondern auch eine genau geformte Klangfarbe. Damit verschob er das Denken im Jazz: Nicht nur „welche Note?“ war wichtig, sondern auch „welcher Klang?“.

Und jetzt ist es so, diese Piano Samples sind ja awfully gut. Und mir ist es ja wurscht, wie es ausschaut, wichtig ist, wie das klingt. Verstehst du, was ich meine.

Joe Zawinul, 2010

Da steht er nun nicht einfach vor einem Orchester.
Er steht inmitten eines Atems.

Joe Zawinul hebt die Hand nicht wie ein Dirigent, sondern wie jemand, der eine Erinnerung berührt. Ein Akkord öffnet sich — weich, dunkel, elektrisch — und plötzlich ist der Raum größer als der Saal. Die WDR Big Band Köln legt sich um ihn wie warmes Licht: Blech, Holz, Rhythmus, Stimmen aus Messing und Luft. Aber im Zentrum bleibt dieser Ton, dieser unverwechselbare Zawinul-Klang: halb Mensch, halb Maschine, ganz Seele.

A Remark You Made“ ist keine Ballade im gewöhnlichen Sinn. Es ist ein Nachhall. Ein Satz, der nie ganz ausgesprochen wurde. Eine Melodie, die sich nicht aufdrängt, sondern bleibt, weil sie etwas weiß, das Worte nicht wissen. Zawinuls Synthesizer singt hier nicht über den Jazz hinweg — er singt durch ihn hindurch. Jeder Ton scheint eine eigene Temperatur zu haben: ein wenig Abschied, ein wenig Trost, ein wenig Himmel über dem Rhein.

Und dann diese Big Band: nicht als großes Gewicht, sondern als Wolke. Sie vergrößert die Melancholie, ohne sie zu beschädigen. Sie gibt dem Stück Flügel, ohne ihm die Intimität zu nehmen. Köln wird für ein paar Minuten zu Birdland, zu Wien, zu New York, zu irgendeinem Ort im Inneren, an dem Musik nicht gespielt, sondern erinnert wird.

Zawinul war ein Meister darin, Elektronik menschlich klingen zu lassen. Bei ihm war der Synthesizer kein Effektgerät, sondern eine Stimme mit Narben. In dieser Begegnung mit der WDR Big Band hört man genau das: einen Klang, der aus Kabeln kommt und trotzdem atmet; eine Melodie, die modern ist und zugleich uralt wirkt.

Diese Aufführung ist deshalb mehr als ein Arrangement.
Sie ist eine Verbeugung.
Vor Weather Report.
Vor der Kunst des Klangs.
Vor einem Musiker, der zeigen konnte, dass ein einziger Ton manchmal reicht, um ein ganzes Leben anzudeuten.

Joe Zawinul spielt nicht einfach ein Solo.
Er sagt etwas.
Und wir hören noch lange nach, was er gemeint haben könnte.




Absynth ist tot. Lang lebe Absynth.

Wie Native Instruments das Konzept „Überraschung“ neu synthetisiert

Es gibt Momente in der Musiksoftware-Geschichte, da lehnt man sich zurück, nippt am längst kalten Kaffee und denkt: „Ja, genau so hatte ich mir den Fortschritt vorgestellt: erst beerdigen, dann mit neuer Benutzeroberfläche wieder auferstehen lassen.“

Native Instruments hatte 2022 beschlossen, Absynth 5 nicht mehr in Komplete 14 aufzunehmen, den Einzelverkauf einzustellen und alle Verkaufs- sowie Entwicklungsaktivitäten zu stoppen — offiziell, weil der Aufwand, das Produkt an moderne Standards anzupassen, zu groß geworden sei. Bestehende Nutzer sollten Absynth 5 weiterhin verwenden können. Es sei denn, man nutzt einen Mac mit Apple Silicon-Prozessor – da gingen die Lichter aus, es sei denn man arbeitet in der Rosetta-Umgebung. Kann man machen, muss man nicht. Es dient dann lediglich der Erinnerung, wie ineffizient Intel-Prozessoren mit derartiger Software umgegangen sind. [1]
Und dann, als hätte jemand im Marketing versehentlich den „Undo“-Button für Produktentscheidungen gefunden, kam 2025 die Wiederauferstehung:
Absynth 6, angekündigt als Rückkehr des klassischen semi-modularen Softsynths. [2]

Kapitel 1: Das unwürdige Ende eines Klassikers

Absynth 5 war nie einfach nur ein Synthesizer. Absynth war ein Zustand. Ein Ort. Ein Geräusch, das klang, als hätte ein Außerirdischer im Wald beschlossen, ein Ambient-Album aufzunehmen.

Dann kam das Ende. Mit einem Knall, in Form eines offiziellen Statements, das sinngemäß sagte: Wir lieben Dich, aber moderne Standards sind anstrengend.
Eine Formulierung, die jeder kennt, der schon einmal versucht hat, ein altes Plug-in auf einem neuen macOS zu starten und dabei mehr über Gatekeeper gelernt hat als über Sounddesign.

Natürlich war die Community traurig. Schließlich war Absynth nicht irgendein Preset-Schleuderbrett, sondern ein Labor für Pads, Drones, Texturen und all diese wunderbaren Sounds, bei denen man nach zehn Minuten nicht mehr weiß, ob man gerade Musik macht oder Kontakt mit einer feuchten Höhle im Orionnebel aufgenommen hat.

Kapitel 2: Native Instruments entdeckt die Archäologie

Und dann: Absynth 6.

Native Instruments beschreibt Absynth 6 als Rückkehr eines legendären semi-modularen Synthesizers, gebaut für atmende, sich verwandelnde Texturen, mit hybrider Engine aus granularer, FM-, Wavetable- und subtraktiver Synthese. [3]
Mit anderen Worten: Absynth darf wieder das tun, was Absynth immer getan hat — nur diesmal hoffentlich ohne das Gefühl, dass die Benutzeroberfläche heimlich auf einem Bernsteinfossil kompiliert wurde.

Völlig unerwartet. Also wirklich völlig. Niemand hätte damit gerechnet – außer vielleicht alle, die irgendwann gelernt haben, dass in der Softwarebranche „eingestellt“ gelegentlich nur bedeutet: Bitte jetzt emotional investieren, damit die Rückkehr später dramatischer wirkt.

Kapitel 3: „Weird by Design“ — endlich ein ehrliches Produktversprechen

Der schönste Teil: Absynth 6 kommt offiziell mit dem Motto „Weird by Design“. [3]
Das ist mutig. Nicht etwa, weil Absynth jemals normal gewesen wäre. Sondern weil hier endlich ausgesprochen wird, was Nutzer seit Jahrzehnten wussten: Dieses Instrument war nie dafür da, eine brave EDM-Bassline in 14 Sekunden zu liefern. Es war dafür da, dass man um 2:37 Uhr morgens einen Klang baut, ihn „Breathing Glass Lung Cathedral In Space 04“ nennt und sich fragt, ob man noch Produzent ist oder schon wabernder Nebel.

Absynth 6 bringt außerdem unter anderem einen visuellen Preset Explorer, ein 68-Punkt-Hüllkurvensystem und den Mutator zurück beziehungsweise weiter. [3]
Das ist großartig, denn nichts sagt „kontrollierte Kreativität“ so sehr wie ein Mutator, der einem Sounddesign-Vorschläge macht, die klingen, als hätte ein modularer Synthesizer einen ansteckenden Fiebertraum.

Kapitel 4: Die Industrie lernt Wiederbelebung

Man muss Native Instruments fast bewundern. Erst erklärt man, dass Absynth 5 zu viel Aufwand sei. Dann bringt man Absynth 6 zurück — moderner, hübscher, kompatibler, expressiver. Laut DJ Mag wurde die neue Version mit Absynths ursprünglichem Designer Brian Clevinger erstellt und für moderne Kompatibilität sowie mehr Ausdruckskraft neu aufgebaut. [2]

Das ist natürlich erfreulich. Wirklich. Aber es ist auch ein bisschen so, als würde ein Restaurant Dein Lieblingsgericht von der Karte nehmen, Dir erklären, dass Kartoffeln leider zu komplex geworden sind, und drei Jahre später mit „Potato 2.0 — now with feelings“ zurückkommen.

Kapitel 5: Wir vergeben. Aber wir speichern das Preset.

Am Ende ist die Sache klar: Absynth 6 ist eine gute Nachricht. Eine sehr gute sogar. Der Synth war zu eigenartig, zu wichtig und zu klanglich seltsam, um dauerhaft in der Software-Mottenkiste zu verschwinden.

Aber natürlich darf man ein wenig sarkastisch applaudieren. Denn die Wiederauferstehung eines eingestellten Klassikers ist immer auch ein kleines Theaterstück in drei Akten:

  1. Akt eins: „Dieses Produkt hat leider keine Zukunft.“
  2. Akt zwei: Nutzer trauern, diskutieren, frieren Installer ein.
  3. Akt drei: „Überraschung! Die Zukunft kostet 199 Euro.“

Absynth ist also zurück. Die Hüllkurven atmen wieder. Die Texturen wabern. Der Mutator mutiert. Und irgendwo sitzt ein alter Absynth-5-Nutzer, startet sein DAW-Template von 2011 und flüstert:

Ich wusste, Du würdest zurückkommen. Ich habe nur nie gedacht, dass Du skalierbare Fenster mitbringst.

Willkommen zurück, Absynth. Wir haben Dich vermisst. Und ja, wir tun jetzt so, als wäre das alles vollkommen normal.

Hier ein Stück, „Lost In The Fog“, welches ich vor ein paar Jahren ausschließlich mit Absynth 5 eingespielt habe: