Keine Angst, ich gehe nicht unter die Poeten.
Mit Schiller meine ich das Musik-Projekt um Christopher von Deylen. Der eine oder andere wird es kennen und jetzt die Nase rümpfen, dass das was für Memmen ist und dass das klingt wie Barclay James Harvest vor schätzungsweise 900 Jahren. Ich oute mich jetzt hier nicht als Memme, wohl aber als BJH-Fan. Ich fand die Jungs immer klasse.
Schiller gab sich am 18.Mai im altehrwürdigen Palladium zu Köln die Ehre. Der Laden war gerammelt voll und die Stimmung war allerbestens, was zu einem nicht unerheblichen Teil wohl auch am Aufstieg des 1.FC Köln in die erste Bundesliga lag.
Mit 10-minütiger Verspätung ging es dann um 20.15 Uhr von der Einlassmusik nahtlos in die Show über. Was sofort ins Ohr stach, war der brilliante Sound. Wie so oft bei solchen Events meinte es der Tonkutscher jedoch etwas zu gut mit dem Bereich bis 200 Hertz. Das klingt dann immer ein wenig nach Kirmeszelt und tut der Musik nie sonderlich gut. Vielleicht bin ich hier auch ein wenig zu empfindlich. Aber die Drums waren mir ein wenig zu laut und der Bass etwas zu mumpfig und undifferenziert.
Bei einem ausverkauften Konzert darf man davon ausgehen, dass die Besucher mit der Musik des Künstlers vertraut ist, doch hier konnte man den Eindruck gewinnen, einige Leute sind nur erschienen sind, weil sie mal was von Schiller im Radio gehört haben, wie beispielsweise die Single “Sehnsucht” mit Xavier Naidoo. Darauf musste man jedoch vergebens warten, da Herr Naidoo bedauerlicherweise nicht zugegen war. Neben vielen Gastauftritten namhafter Künstler besteht die Musik von Schiller großenteils aus Instrumentalstücken. Das war jedoch augenscheinlich nicht so ganz im Sinne der Besucher. Schade, denn besonders hier kam die ganz hervorragende Lightshow voll zur Geltung. Keine Tivoli-Lichterspiele, sondern punktgenau auf die Musik abgestimmte Beleuchtung. Hut ab.
Erst als Jette von Roth und Kim Sanders erschienen, stieg das Stimmungsbarometer, was seinen ersten Höhepunkt mit dem Auftritt von Ben Becker erreichte, der zu sphärischen Klängen Lord Byron rezitierte.
Bei Stücken wie “Distance” (mit einer großartig aufgelegten Kim Sanders), “Schiller” und “Das Glockenspiel” brach dann Gott sei Dank das Eis.
Schmerzlich vermisst habe ich nur “Dream Of You” aus dem Album “Weltreise” mit der unvergleichlichen Stimme von Wolfsheim-Sänger Peter Heppner. Aber man kann nicht alles haben.
Gegen 22.30 Uhr schien das Ende zu nahen, doch das Kölner Publikum forderte erfolgreich mehrere Zugaben ein.
Auch hier zeigte sich wieder die absolute Unsitte einiger Zeitgenossen, die meinen, sie müssen ein Konzert pünktlich verlassen. Wofür bezahlen die Leute eigentlich diese lächerlich hohen Eintrittspreise? Nur, um nachher der erste auf’m Parkplatz zu sein und den Golf ohne Stau nach Hause zu fahren? In meinen Augen sind das Kulturbanausen, sollten sie doch noch ein Highlight verpassen.
Um 23.00 Uhr schien dann wirklich Abpfiff zu sein, doch hier hatten wohl alle die Rechnung ohne den Wirt, genauer gesagt, Ben Becker gemacht.
Irgendwo bekam er ein Mikrofon her und sprach zum Publikum. Er wäre nicht Ben Becker, wenn er nicht noch etwas im Ärmel hätte. Er habe noch etwas vorbereitet und die Band soll ihn dazu begleiten, das Problem wäre nur, dass die Band das Stück noch nicht kennt. Aufmerksame Besucher konnte eine leichten Anflug von Hilflosigkeit innerhalb der Band nicht entgehen.
Ben Becker hat nun den Anfang eines Evangeliums rezitiert (dummerweise weiß ich nicht mehr, welches Evangelium es war) und endete mit ein paar Worten von Jim Morrison. Ein gelungener Übergang, den Schiller musikalisch gekonnt untermalten, was vom Rest des Publikums mit frenetischem Beifall gefeiert wurde.
Wenn man die Musik von Schiller auf CD hört, dient sie in erster Linie der Entspannung. Es besteht also berechtigter Zweifel, dass diese Musik in den Koordinaten eines Live-Konzerts funktioniert.
Am Ende dieses Konzertes musste man sich jedoch eines Besseren belehren lassen. Neben einer großartigen Band ist auch der Computer samt Sequenzer ein wichtiges Instrument (das einmal auch kurzzeitig seinen Dienst verweigerte und ein Reset erforderte). Doch hier hatte man nie den Eindruck, dass die Musik aus der Retorte kam. Einige Stücke wurden gegenüber den Studioaufnahmen variiert und funktionierten live wirklich prima. Auch entspannende Musik kann rocken, wie Schiller hier eindrucksvoll unter Beweis stellen.
Beide Daumen nach oben für wirklich sinnvoll investierte 40 Euro Eintrittsgeld.