Die Feststellung zu treffen, ob er in eine Reihe mit Willy Brandt, Konrad Adenauer oder Helmut Kohl passt, halte ich für etwas verfrüht.
Leider hat er sich zu Begin seiner Kanzlerschaft bereits ein Bein gestellt.
Man möge ihn an den Arbeitslosenzahlen messen, hat er vollmundig im Jahr 1998 gesagt.
Demnach würde der Lehrer jetzt sagen: „Sechs, Schröder. Setzen“.
Aber egal, wie der Kanzler heißt und welcher politischen Couleur er angehört, ich bezweifle doch stark, dass die Zahl heute wesentlich kleiner wäre.
Die Gründe für die Massenarbeitslosigkeit in Deutschland sind vielschichtig und sollen hier auch nicht weiter beleuchtet werden.
Ich will auch gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn der Dicke aus Oggersheim im September 1998 noch einmal das Rennen gemacht hätte und die 20 Jahre Kanzler vollgemacht hätte.
Hat er nicht; die Parteispendenaffäre hätte sich so leicht zu einer Staatskrise ausweiten können.
So bescherte uns der September 1998 die Gerd-Show, in der nicht alles besser, aber vieles anders werden sollte.
27.September 1998.
Ich sitze bei Freunden in Zürich und sehe, dass am Wahlabend nach 16 Jahren endlich einmal jemand mehr jubelt als Herr Dr.Kohl.
Der hat noch am Wahlabend abgedankt. „So“, hat er gesagt und ging.
Da standen sie nun im Rampenlicht, die Neuen. Der Selfmade-Mann aus Niedersachsen, der Straßenkämpfer aus Frankfurt und der Terroristenanwalt, der bei der Obduktion von Andreas Baader anwesend war und den Staat des kollektiven Selbstmordes an den Terroristen beschuldigte.
Und der Napoleon von der Saar war auch noch da. Er war mir jedoch immer ein Dorn im Auge, ich mochte ihn einfach nicht und heute noch viel weniger.
Ich hatte meine Zweifel, ob das mit ihm und dem Gerd gut gehen konnte.
Schließlich hat er es eingesehen und ist vorrübergehend aufs Altenteil gegangen, bevor er mit samt seinem Keynesianismus Amok gelaufen wäre.
So konnte nun das rot-grüne Projekt Mitte März 1999 nun endlich ohne gravierendes internes Störfeuer an die Arbeit gehen, die jedoch beileibe keine alltägliche Arbeit wurde.
Bereits 1999 sah man sich dort mit einer schweren Entscheidung konfrontiert.
Der Balkan-Nero Milosevic konnte nicht ruhig gestellt werden und so beschloss die NATO, ihm ein wenig einzuheizen.
Von Deutschland und der neuen Regierung wurde, vor allem seitens der USA, erwartet, dass man sich an einer militärischen Aktion beteiligt.
An Schröder und auch an Joschka Fischer lag es nun, diese Erwartung in die Tat umzusetzen.
Seit 1945 waren nun erstmals deutsche Soldaten wieder im Ausland aktiv, und das unter einer rot-grünen Regierung, deren Protagonisten zum großen Teil aus der Friedensbewegung der späten 70er und frühen 80er Jahre kamen.
Die Zeit der gemütlichen Bonner Republik war nun endgültig „Gechcichte“, wie Herr Dr.Kohl das wohl formulieren würde.
Vor der heimeligen Bonner Republik stand auf einmal eine Bedrohung für die Freiheit und die Existenz eines europäischen Volkes vor der Haustür.
Ich rechne es der Regierung hoch an, dass sie sich nicht weggeduckt hat, sondern Farbe bekannt hat.
Jahre später hat Gerd Schröder auch wieder Farbe bekennen müssen, als Herr Bush meinte, im Irak eine von ihm erfundene „Achse des Bösen“ zu brechen.
Die Entscheidung, sich an keiner militärischen Aktion im Irak zu beteiligen, mag zwar wahltaktische Gründe gehabt haben, aber sie spiegelte auch den Willen einer großen Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland wieder.
Ich denke, Gerd Schröder hat damit die erste souveräne Entscheidung in der deutschen Politik nach 1945 getroffen.
Freilich hat Gerd Schröder hier vermutlich mehr aus Intuition als aus politischem Kalkül gehandelt.
Erst als das Lügengebäude von Bush und Powell, welches vor der UNO inszeniert wurde, zusammenbrach, hat ihm der Lauf der Geschichte rechtgegeben.
Schröder hat das Exempel Krieg durchexerziert: Es darf ihn nur geben, wenn sachliche und ethische Gründe dafür sprechen. Im Irak-Krieg gab es die nicht.
Aus einer Intuition wurde Strategie, und vielleicht macht das einen großen Staatsmann aus.
Vielmehr Kalkül als Intuition war die Agenda 2010.
Das Wirtschaftswunderland Deutschland, dessen letztes Aufbäumen in die Zeit der Wiedervereinigung fiel, gibt es nicht mehr.
Der Sozialstaat schließt Eigeninitiative und Eigenverantwortung nicht aus. Der Sozialstaat in der europäischen Ausprägung ist keine neoliberale Floskel und unbedingt erhaltenswert und auch erhaltensfähig.
So etwas im allgegenwärtigen deutschen Konsens zu erreichen, ist fast ein hoffnungsloses Unterfangen.
Letztendlich ist Gerd Schröder daran und an seiner eigenen Partei gescheitert.
Ein wichtiges Indiz dafür ist, dass Oskar Lafontaine sich ab dem 18.Oktober 2005 wieder im Bundestag breit machen darf, letztendlich auf Kosten von Schröder und den Spezialdemokraten.
Was bleibt jedoch von 7 Jahren Gerd-Show?
Die innenpolitischen Probleme sind beim besten Willen nicht kleiner geworden, aber ich denke, dass Deutschland durch Gerd Schröder seinen Platz in Europa und in der Welt gefunden hat, auch wenn sich das nicht in einem permanenten Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ausdrückt.
Gerd Schröder hat das einmal mit dem schwammigen Begriff einer „mittleren Macht des Friedens“ ausgedrückt.
Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass wir in der Mitte Europas liegen und uns in diesem Kontext ausrichten müssen. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist dabei das Verhältnis zu Frankreich und zu Russland, welches seine Essenz nicht zuletzt aus der „Männerfreundschaft“ zu Jacques Chirac und Vladimir Putin bezieht. Hier liegen unsere Wurzeln und nicht im blinden Gehorsam über den großen Teich.
An dieser Hinterlassenschaft kann auch eine neue Bundesregierung nicht vorbei, zumal ein enger Vertrauter von Gerd Schröder sich zukünftig für die deutsche Außenpolitik verantwortlich zeichnet und dadurch ein Stück Kontinuität gewährleistet ist.
Und vielleicht ist es paradoxerweise einer Regierung unter Gerd Schröder zu verdanken, dass wir heute ein gesellschaftliches Klima haben, unter dem wir eine Angela Merkel als Kanzlerin akzeptieren können und dass wir es als normal empfunden haben, dass sich ein bekennender Homosexueller für das Amt in einer schwarz-gelben Regierung bewerben konnte (was uns Gott sei Dank erspart geblieben ist).
In einer „Bonner Republik“ wäre das vor 7 Jahren noch undenkbar gewesen.
Die Gerd-Show ist am 18.September 2005 mit einem Knall zu Ende gegangen, mit dem „suboptimalen“ Auftritt des Kanzlers in der Elefantenrunde.
Ein letztes Mal konnte er hier den Ober-Macker heraushängen lassen.
Sich selbst hätte er einen eleganteren Abgang verschaffen können, so wie sein Kumpel Joschka, der leise „Servus“ gesagt hat.
Aber vielleicht ist das nicht das Ding des Mannes, den sie früher auf dem Bolzplatz „Acker“ genannt haben.
Durch sein Auftreten hat er jedoch Genossen wie Steinmeier, Steinbrück und Tiefensee das Karrieretor weit aufgestoßen und erreicht damit eventuell mehr als mit weiteren 4 Jahren rot-grün, wenn auch ohne die persönliche Gerd-Show.
Vielleicht vermissen wir diese ja zukünftig, wenn demnächst ein neuer, technokratisch-wissenschaftlicher Stil in dem kolossalen Gebäude gegenüber dem Berliner Reichstag Einzug hält.
Vielleicht wünschen wir uns, dass hin und wieder einmal ein „Basta“ in den großen Räumen wiederhallt.