Mittwoch, 15. September 2004

Feiertag

Abgelegt unter: Nachtgedanken — Juergen Langenberg @ 23:54

Am 06. September forderte das deutsche Body-Double von Fidél Castro, der Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, auf einer Podiumsdiskussion, dass es einen neuen Nationalfeiertag geben soll.
Nach fast 15 Jahren hartem Einsatz soll der 3.Oktober seiner Meinung nach ausgedient haben.
Angeblich gibt’s geeignetere Tage für einen solchen hochheiligen Feiertag.
Da war ich natürlich gespannt, was kommt.

Schliesslich gibt die deutsche Geschichte ‘ne Menge denkwürdiger Tage für dieses Fest her:

  • 8.Mai 1945 - Ende des tausendjährigen Reiches
  • 23.Mai 1949 - Grundgesetz
  • 17.Juni 1953 - Aufstand in der DDR
  • 13.August 1963 - Bau der Mauer
  • 3.November 1967 – mein Geburtstag

Die Liste läßt sich beliebig fortsetzen.

Herr Thierse kam nun auf ‘ne ganz tolle Idee. Anstatt dem 3.Oktober sollte man doch den 9. Oktober nehmen. Zunächst einmal ist das in diesem Jahr genau so schwachsinnig wie der 3.Oktober, weil der neue Feiertag auf einen Samstag fällt. Also wieder kein arbeitsfreier Tag (Friseusen und Verkäuferinnen ausgenommen).
Noch hirnrissiger ist aber die Begründung des bärtigen Bundestags-Häuptlings.
Mit diesem Datum würde auch der Beitrag der Ossis zur Wiedervereinigung gewürdigt.

Was war nun am 9.Oktober und welches Jahr meint er überhaupt ?
Er meint den 9.Oktober 1989.
An diesem Tag protestierten rund 70.000 Menschen in der Zone gegen das damalige SED-Panoptikum, und zwar friedlich. Honecker und seine Kumpanen hatten an diesem Tag noch mal alles dagegen aufgeboten, was sie hatten: Volkseigener Schützenverein, Bullen und Stasi-Halbstarke.
Die von vielen befürchtete Keilerei ist allerdings ausgeblieben. Die Russen saßen damals wie Waldorf & Stattler in ihrer Loge, und haben dem Treiben nur zugeschaut.
Also mussten der Erich und seine Freunde selbst entscheiden, was zu tun ist. Da aber der große rote Bruder ihnen die Entscheidung immer abgenommen hat, wussten sie nicht so recht, was sie machen sollten. Also machten sie erst mal gar nix. Einzig die Leipziger Funktionäre und ein paar örtliche Stasi-Recken haben Erich’s Zinnsoldaten damals zurückgepfiffen. Als das Spektakel dann vorbei war, hat der menschlichste Politiker der DDR, Egon Krenz, befohlen, nicht gegen das Volk vorzugehen. Komischerweise hat ihn selbst dafür später keiner mehr so richtig lieb gehabt und er ist in den Knast eingefahren.

So, nun rekapitulieren wir für die MTV-Kids und BLÖD-Leser noch einmal die Inhalte der Montagsdemo.
Das Volk in der Zone hatte die Faxen dicke. Gorbatschow machte in Russland seine Perestroika und predigte Glasnost. Sogar Ronald „Raketen-Ronnie“ Reagan durfte im Sowjet-Fernsehen eine Ansprache halten (1987), es gab erste Privatisierungen und die ersten Atomraketen wanderten in den Schredder.
Die Ungarn kauften sich ein paar Bolzenschneider und machten damit den Grenzzaun nach Österreich platt. Entgegen allen Erwartungen flüchtete kein einziger Österreicher nach Ungarn.
Vielmehr nutzen unsere Brüder und Schwestern aus der DDR die Möglichkeit, während ihres Ungarn-Urlaubs den Trabi einfach Richtung Westen zu steuern. Der große sowjetische Bruder in Form von Gorbatschow lehnte bereits am 6.Juli 1989 eine Intervention der roten Armee zur Beilegung der Unruhen ab. Damit verlor die Zone ihre Existenzgarantie.
Erich & Co. fanden das natürlich überhaupt nicht komisch und setzten dem Volk die Daumenschrauben an. Reisen nach Ungarn wurden beispielsweise erschwert oder unmöglich gemacht.
Am 7.Oktober 1989 feierte der erste Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden dann sein 40-jähriges Bestehen mit einem letzten Schützenfest. Natürlich wurde auch Michail Gorbatschow eingeladen. Der Erich hatte bereits mehrfach angedeutet, dass er bei Genosse Michail`s neuen Spielen wie Perestroika und Glasnost nicht mitspielen will. Wahrscheinlich hat er die Spielregeln nicht kapiert. Gorbi sagte: „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“. Aber Erich und sein Panoptikum hatten nicht nur den Zug verpasst, sondern fanden auch den Weg zum Bahnhof nicht mehr (wahrscheinlich hatte Wandlitz keinen Gleisanschluss).
So sah Gorbi sich das Schauspiel ein letztes Mal an und verschwand dann wieder in den unendlichen Weiten des sowjetischen Riesenreiches.
Zwei Tage später fand dann besagte Großdemo in Leipzig statt.
Hier wurde der wunderbare Slogan „Wir sind das Volk“ erfunden.
Die Menschen forderten mehr Mitbestimmung und eine Abschaffung der Stasi-Büttel. Sie wünschten sich einen Mann und eine Politk wie Gorbatschow.

Von einem „Deutschland, einig Vaterland“ war da noch herzlich wenig zu hören.
Auch von ALDI und IKEA wollte das Volk im Grunde nix wissen. Nach dem Krieg wollten wir ja auch kein Disneyland, also haben wir Care-Pakete erhalten.
Niemand hatte damals damit gerechnet, dass einen Monat später die Mauer geöffnet wird und dass Trabis den Ku`Damm bevölkern.
Die Leute wollten schlicht und ergreifend ihren Staat ein wenig mehr selbst gestalten.
Mit deutscher Einheit oder Wiedervereinigung hatte das in diesem Stadium herzlich wenig zu tun.
Viele hatten von der SED und dem alten Erich einfach die Faxen dicke, sie wollten ihren Staat, in dem sie teilweise aufgewachsen sind, einfach nur umgestalten.
Denen jetzt die Wiege für die Wiedervereinigung in die Schuhe zu schieben ist schwachsinnig !

Verzeih` mir bitte die Parallele – aber es ist genau so schwachsinnig, Graf Schenck von Stauffenberg und seine Freunde, die das Attentat auf Adolf Hitler am 20.Juli 1944 planten, als Gründungsväter oder Wegbereiter der Bundesrepublik zu glorifzieren, wie es unser erster Bundespräsident Theodor „Papa“ Heuss einst tat.
Die hatten nämlich mit einem demokratischen, föderativen Bundesstaat vom Format der späteren BRD rein gar nix am Hut. Es waren nicht mal überzeugte Demokraten im Sinne späterer Nachkriegspolitiker wie Adenauer, Heuss oder Schumacher. Der von Stauffenberg vorgesehene Reichskanzler Carl Goerdeler hatte beispielsweise seine Herkunft in der „Deutschnationalen Volkspartei“, die sich in der Tradition der „Deutschnationalen Bewegung“ sah und für kaiserlichen Konservatismus, Nationalismus und rechten Liberalismus stand. Aber lassen wir die Geschichte hier einmal ruhen …

Auf jeden Fall hat der 9.Oktober 1989 auf keinen Fall das Zeug, zu einem nationalen Feiertag zu werden, zumal sich die Ereignisse, die Thierse in seiner Argumentation beschreibt, an diesem Tag „nur“ auf die Stadt Leipzig begrenzten.
Genau so gut könnte man den D-Day, den 6.Juni 1944 als Nationalfeiertag nehmen. Denn mit der Landung der Alliierten in der Normandie wurde faktisch das Ende des Faschismus in Europa eingeläutet.
Niemand würde das ernsthaft in Erwägung ziehen.
Ebenso hirnrissig ist die Begründung von Christian Führer, Pfaffe der Nikolaikirche in Leipzig, der damals bei den Demos federführend war. „Damals saß die ganze DDR in der Nikolaikirche“, tönt er. Erstens ist die gar nicht so groß, und zweitens waren unter den 8.000 Besuchern mindestens 1.000 Stasi-Büttel und drittens ist das ein ziemlich größenwahnsinnige Selbstüberschätzung. Andere Städte in der ehem. DDR haben ihre ganz eigenen Geschichten der „Montagsdemo“, die nicht unbedingt mit dem 9.Oktober 1989 korrospondiert.

Um einiges wertvoller finde ich den Vorschlag des Abgeordneten der Grünen, Werner Schulz, den 9.November als Nationalfeiertag einzuführen.
Das ist der Tag, an dem 1989 die Mauer geöffnet wurde. Das ist aber auch der Tag, an dem im Jahr 1938 das Progrom gegen die Juden inszeniert wurde, vielen als „Reichskristallnacht“ bekannt.
Denn Schulz hat sehr richtig erkannt, dass der 3.Oktober, der Tag des Beitritts der DDR zu Bundesrepublik (so der verfassungsrechtliche Vorgang) schon längst von keinem mehr wahrgenommen wird. Eben weil es im Grunde nur ein verfassungsrechtlicher Vorgang war. `Ne andere Möglichkeit schien es damals gar nicht zu geben.
Das ist, für sich betrachtet, schon ein ziemliches Trauerspiel.
Da ist endlich das in Erfüllung gegangen, was wir uns 40 Jahre lang gewünscht haben.
Und in diesem Jahr regen wir uns auf, dass der Tag auf einen Sonntag fällt und wir einen freien Tag weniger haben. Hauptsache nicht arbeiten. In Frankreich regt sich kein Mensch darüber auf, dass evtl. der 14. Juli auf einen Sonntag fällt, oder in Aremorika der 4.Juli.
Gefeiert wird trotzdem, und das mit Stolz.
Und hier ?
Hauptsache, wir haben einen Tag, an dem wir nicht arbeiten müssen.
In der Retrospektive ist das jedoch ein Tag, für den Kurt Schumacher und Konrad Adenauer sich heftige Wortgefechte im Bundestag lieferten, die bis an die Grenze der Erträglichkeit gingen und es ist ein Tag, für den Willy Brandt den berühmten Kniefall von Warschau machte. Es ist auch ein Tag, für den einige unserer Landsleute in den Knast eingefahren sind und viele Entbehrungen hinnehmen mussten.
Darauf sollten wir verdammt noch mal sehr stolz sein.

Genau so solz sollten wir darauf sein, dass es das Volk (zugegebenermassen in der Hauptsache das Volk der ehem. DDR) geschafft hat, diese unsägliche Mauer mit Mut, Witz und Wort wegzudemonstieren ohne dass dabei .ein einziger Gewehrschuss abgefeuert wurde – und das auf einem Minenefeld, auf dem sich die beiden Supermächte bis an die Zähne bewaffnet gegenüberstanden.

Ich denke, dass sich so ein Tag nicht in regionalen Protesten (wenn auch gewaltigen Ausmasses) oder in in verfassungsrechtlichen Vorgängen ausdrücken kann.
Es sollte ein Tag sein, der die Herzen der Menschen berührt.
Der 9.November ist so ein Tag. In Berlin haben sich an diesem Herbsttag in Berlin teilweise wildfremde Menschen in den Armen gelegen und einfach nur die Sau durchs Dorf getrieben; über die Freude, dass man einfach mal „rüberfahren“ kann.
An diesem Tag haben wir ebenfalls die Gelegenheit, uns an das Jahr 1938 und die „Kristallnacht“ zu erinnern. Das zeigt, wozu wir fähig sind, im Guten, wie im Schlechten. An diesem Tag könnten wir der Welt zeigen: „Seht her, wir erinnern uns an die unheilvolle Geschichte, aber wir zeigen Euch auch, wie man absolut friedlich Geschichte machen kann und darauf sind wir stolz“. Nicht zu vergessen ist auch die einmalige Solidarität, die in diesen Tagen in ganz Deutschland herrschte (und leider bis heute immer mehr dahinsiecht …).

Aber das ist ein grundsätzliches Problem der Deutschen nach 1945. Alles, was mit Nationalstolz zu tun hat, berührt uns nicht mehr im Herzen und wird als braune Soße abgetan.
Sicher: alles, was mit „Nationalstolz“ zu tun hat, hat bis 1945 inflationäre Ausmasse angenommen.
Doch die Zeiten sind ein für alle Male vorbei. So langsam aber sicher sollten wir uns vor Augen halten, dass es Dinge gibt, auf die wir sehr Stolz sein können, freilich ohne uns, auf braunem Notstrom laufend, über irgendwelche anderen Völker zu erheben. Wir haben 1939 die Welt in Brand gesetzt und 50 Jahre später bewiesen, dass wir einen totalitären Staat allein mit Demonstrationen in die Wüste schicken können. Ich hab’ zwar damals nicht mitgemacht, ich bin aber trotzdem Stolz auf das, was passiert ist.

Der 9.November wäre dazu der ideale Feiertag, wir müssen nur noch lernen, ihn als das zu würdigen, was er ist. Dann kann es auch ein wirklicher Feier-Tag werden.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf …