Samstag, 23. August 2003

My home is my castle

Abgelegt unter: Tagebuch — Juergen Langenberg @ 20:18

Gestern lief ausnahmsweise mal ein sehr interessanter Bericht im Fernsehen, aus meiner Heimatstadt.

In einem Vorort von Neuss wird eine Gleisstrecke der Deutschen Bahn modernisiert. Das ist sehr löblich, da die Strecke von vielen Pendlern von Grevenbroich bis zu Voreifel stark genutzt wird.
Noch löblicher ist es, dass die Bahn den unmittelbar an der Bahnstrecke betroffenen Anwohnern anbietet, bei zu starker Lärmbelästigung in ein Hotel zu ziehen. Selbstverfreilich löhnt das die Bahn.

Dazu wurden einige Anwohner interviewt.
Ja, es sei alles furchtbar im Moment, viel Dreck, viel Lärm, … und an der Hitze ist bestimmt auch die Bahn schuld.
Auf die Frage, ob denn die Anwohner das generöse Angebot der Bahn annehmen würden, war die Reaktion gedämpft.

Den Vogel schoss jedoch ein junges Hausmütterchen ab, die stolz vor ihrem Reihenhaus postiert wurde.
“Nee, in ein Hotel gehe ich nicht, ich wohne schon so lange hier und in fremden Betten kann ich nicht schlafen” - so ähnlich die Stellungnahme der Dame.
Auf die Frage, was die Bahn denn sonst noch für die Anwohner tun könnte, kam die selbstlose, von ungeheurem Weitblick zeugende Antwort:
“Na, … am besten baut die Bahn hier erst gar nicht”.

Jawoll, am besten legt die Bahn die Strecke gleich ganz still und rurale Pendlerschar soll doch gefälligst gucken, wie sie in die Urbanität gelangt.

“My home is my castle” - scheiß doch was auf die Bahn !
Jetzt will das Muttchen in die Stadt fahren, was jedoch eine unzumutbare Tortour ist, da das öffentliche Nahverkehrsnetz der Bahn immer besch… wird.

Die Einstellung mancher Leute IST besch…, sorry !
Wasch mich, aber mach mich nicht naß.

Dienstag, 19. August 2003

Deutschland-Allergie

Abgelegt unter: Tagebuch — Juergen Langenberg @ 22:20

Die Deutschland-Allergie ist momentan in aller Munde, weil so ein Durchgeknallter meint er könnte in Florida seine deutsche Sozialhilfe auf’n Kopp hauen. Jetzt will er sogar noch’n Auto haben …
Anyway, seine Deutschland-Allergie kann ich verstehen. Dazu braucht man eigentlich nur einmal zwei Schritte vor die Tür zu setzten.

So geschehen am letzten Samstag. Immerhin hat Herr Gorny sein Versprechen gehalten, die Popkomm aus Köln weg nach Berlin zu holen.
Die Kölner als geselliges Volk lassen sich jedoch das parallel laufende Ringfest nicht so einfach wegnehmen, das soll`s auch nächstes Jahr noch geben.
So war auch dieses Jahr wieder der Ring zwischen Rudolf-Kreuzung und Hansa-Allee eine riesige Flaniermeile mit viel Krach und noch mehr Fressbuden. Gut, es muss nicht jedem gefallen, wenn irgendwelche Gören Britney Spears-Karaoke Parties feiern, man bracht ja nicht hinzuhören. Man muss auch “jönne könne”, wie man hierzulande sagt - “Gönnen können”.

Also was spricht dagegen, an so einem herrlichen Samstag einen ausgedehnten Einkaufsbummel zu unternehmen.
Erst der obligatorische Besuch beim Saturn, wo wir wieder viel zu viel Kohle für CD’s rausgeschmissen haben.
Dann anschließend gemütlich bis zum Friesenplatz zurückschlendern und hier und da vielleicht noch `ne Kleinigkeit kaufen.

VON WEGEN !

Auf dem Weg kamen wir an einem Möbelgeschäft vorbei, das sich wohl für ziemlich hip hält. Draußen saßen ein paar Jungs und Mädels und haben vor dem Fenster im Schatten gesessen. Nur da gesessen, nichts geraucht, keine Pillen eingeworfen und nix getrunken (auch das gibt`s noch !).
Das hielt aber irgend so eine Prada-Muschi, die anscheinend die Geschäftsführerin von diesem Laden darstellte jedoch nicht davon ab, aus dem klimatisierten Ambiente des Möbelgeschäftes herauszutreten und die Jugendlichen aufzufordern, doch bitte WOANDERS hinzugehen.
Ja, … woanders hin, nur wohin sagt keiner. Wir behandeln unsere Jugend wie Scheisse und wundern uns dann, dass das Klo verstopft ist.

DEUTSCHLAND-ALLERGIE …

Ich hatte schon die Lust am Einkaufen verloren, aber meine Freundin wollte noch in ein Geschäft gehen.
“Wegen des Ringfestes heute geschlossen”, prangerte auf einem hastig in WORD geschrieben Zettel an der Eingangstür. So sah es fast auf dem ganzen Ring aus. “From all of these signs saying sorry but we´re closed, … all the way down the Telegraph Road”.
Anscheinend haben wir Deutschen nun auch die Lust verloren, Geld zu verdienen. Oder wir haben reichlich. Das wohl eher, denn wie ist es zu erklären, dass im größten Trubel auf dem Ring die Geschäfte schließen ?
Nur wer keinen Durst hat, säuft nicht einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Oder wer erst gar keinen Appetit hat.

Aber was regen wir uns auf, es waren ja eh zu 90% nur Jugendliche dort unterwegs. Sollen etwa die Geschäfte ihre edlen Pforten für diese Spaßgesellschaft öffnen, bloß damit sich ein paar Backfische ein T-Shirt für 10,- Euro kaufen und vielleicht noch ‘ne Stunde den Laden belagern ?
Da können`s die Geschäftsleute und Verkäufer doch zu Hause viel bequemer haben und ihren Muttis die Ohren von der Krise vollheulen.

Früher stand an manchen Geschäften “Kauft nicht bei Zensur“. Hier kommt das böse Wort, weshalb Möllemann nicht den Notfallschirm gezogen hat.
Heute steht an den Geschäften “Wir schließen wegen der Horde vorbeiziehender Jugendlicher”.
Deutschland erstarrt nicht mehr nur im Stillstand, sondern findet “back to the roots”.
Kein gutes Zeichen …
Wir sollten lieber der Jugend sagen, dass sie willkommen ist. Aber wir leben so die Freizeitgesellschaft vor, die wir bei denen anprangern.
Ich möcht` gar nich mehr jung sein !