Dienstag, 3. Juli 2001

In welchem Jahr leben wir?

Abgelegt unter: Tagebuch — Juergen Langenberg @ 22:42

“Die Mehrheit in Deutschland will dieses schreiende Gesindel nicht sehen! Es wird Zeit, dass Sie mal wieder Arbeit bekommen!”

Jeder, dem die deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts etwas sagt, soll nun einmal überlegen, von wem der Satz wohl stammen
könnte …
Nein, es waren nicht die Worte des letzten Deutschen Kaisers während der Matrosenaufstände 1918, es war nicht Josef Goebbels, der Reichspropagandaminister. Es war auch niemand aus der Führungsclique der ehemaligen DDR. Erst recht war es keiner der heute so zahlreich auftretenden glatzköpfigen “guten” Deutschen.

Es war der Fraktionsvorsitzende einer großen, christlichen Volkspartei - Friedrich Merz von der CDU. Wer hätte das gedacht, dass solche Worte von einem demokratischen Politiker im Jahre 2001 kommen ? Gesagt hat er diese Worte, als er und seine Kollegen Merkel, Stoiber, Glos und Steffel bei einer Wahlkampfveranstaltung auf dem Alexanderplatz von Randalierern mit Eiern und anderen Gegenständen beworfen wurden.

Sicher gehören solche Randalierer nicht in das Bild eines Deutschland im Jahre 2001; ihre Taten müssen geahndet werden. Andererseits muss man sich in die Emotionen der Leute versetzen. Gerade im “Ostteil” der Stadt Berlin (der meiner Meinung viel interessanter ist als der Westen). Dort wird eine Partei wie die PDS von ungefähr 20% der Bevölkerung gewählt, teilweise auch unterstützt. Helmut Kohl hat sich unter anderem auch von diesen Leuten zum Kanzler der Einheit wählen lassen - heute sind es für ihn nur “rotlackierte Faschisten”, über die dann noch der Spruch hallt, endlich zu arbeiten. Viele von ihnen würden liebend gerne arbeiten, wenn man sie lassen würden, ebenso viele werden mit Sicherheit keine “rotlackierten Faschisten” sein. Wie mag es in den Leuten aussehen, mit denen man seitens “christlicher” Politiker so umgeht ? Wie mag ihre Einstellung zu einem demokratischen System sein ? “Wählt uns, aber lasst uns mit Euren Problemen und Eurer Vergangenheit in Ruhe” - so muten diese Aussagen an.
Wasch mich, aber mach mich nicht nass.

Man kann nicht alles haben, man muss sich auch mal fair auseinandersetzten können und Kompromisse schliessen, auch mit der eigenen Vergangenheit, so schmerzlich die auch manchmal ist. Und nun entspannen wir uns wieder, denn immerhin ist noch kein
ehemaliger SED-Funktionär in einem Regierungsamt und betreibt eine marxistisch-leninistische Revolution. Aber immerhin hatten wir mal `nen ehemaligen NS-Marinerichter als Ministerpräsidenten, der sich keiner Schuld bewußt ist, gell Herr Filbinger …