Schiffe in einem Hafen sind sicher, aber für einen Platz im Hafen sind Schiffe nicht gebaut. Welcher Hafen ist nun gemeint ? Richtig, der Hafen der Ehe. In solch einen Hafen bin ich auch einmal eingelaufen, es war sicher dort, aber ich habe mich dort nicht heimisch gefühlt, nicht gebaut dafür. Das ist jetzt kein Abgesang auf die Ehe, im Gegenteil.
Im Frühjahr des Jahres 1995 fand ich mich nach einer gescheiterten Ehe in meiner jetztigen “Juggesellen-Wohnung” wieder. Nun gut, das Leben geht weiter, keine Zeit für Erinnerungen oder Sentimentalitäten. “Just like a boxer in a title figth, you got to walk in that ring all alone” - wie ein Boxer im Titelkampf, ich mußte alleine in den Ring gehen. Wird es mir gelingen, brauche ich Hilfe ? Wer kann mir dabei helfen ? “Lucky me” - es gab und gibt Leute, mit denen ich über alles reden konnte und immer noch kann. Dafür bin ich sehr dankbar.
Doch es gibt auch Dinge im Leben, die einem kein Mensch, kein Freund, keine Freundin geben kann. Es sind Dinge, die man ganz alleine erlebt, erfährt und für sich selbst nutzen sollte.
Im Herbst 1995 machten meine Eltern Urlaub an der Nordsee, in Friedrichskoog, in der Nähe von Husum. Dort habe ich sie für eine Woche besucht. Was würde in Friedrichskoog passieren ? Würde ich mich zurückerinnern, an das, was ich zurückgelassen habe ? Nein. Ich habe mich nicht daran zurückerinnert, jedenfalls nicht in sentimentaler Weise. Am Strand von Friedrichskoog gab es einen Damm, der ca. 2 km weit in die Nordsee reichte. Dieser Damm war begehbar. Dieser Damm weckte meine Neugier. Was ist am Ende des Dammes ? Eines Tages beschloß ich, alleine diesen Damm entlangzugehen, bis zum Ende. Zuerst war der Weg noch relativ gut begehbar, im Laufe des Weges wurde er aber immer steiniger und ich wußte nicht, was mich am Ende erwartete. Ein paar Mal drehte ich mich um, und die Konturen des kleinen Dorfes am Land wurden immer kleiner, verschwommener. Rechts und links, vorne und hinten war nur noch Wasser, das Meer. Am Ende des Dammes ging es ein Stückchen hinunter, direkt ans Meer. Dort setzte ich mich auf einen Stein, drehte mich um und sah von dem Dörfchen am Land nichts mehr. Das letzte Stück Land war verschwunden, um mich herum nur Meer.
Kein Blick auf das Land. Kein Blick in die Vergangenheit. Nur ein Blick auf ein Meer, daß sich langsam zurückzog. Wohin auch immer. Denn es war Ebbe an der Nordsee. Doch nach jeder Ebbe kommt eine Flut. Und die Flut wird kommen, so sicher, wie auch ich von diesem einsamen, ruhigen, menschenleeren Stück Erde wieder “an Land” gehen werde. Doch an diesem Stück Erde, mitten im Meer, fernab jeder menschlicher Zivilisation habe ich ein klein wenig gelernt. Ich war ganz alleine dort, doch ich habe mich nicht einsam gefühlt. Da fuhren in der Ferne Schiffe vorbei; meine Gedanken gingen zu den Menschen auf den Schiffen. Da flogen Vögel vorbei, Wesen, die hier ihren Lebensraum hatten. Und ich war mittendrin in diesem Lebensraum. Also im Grunde nicht alleine. Es war halt nur kein Mensch da, mit dem ich reden konnte. Aber ich brauchte ins diesem Moment gar keinen Menschen. Ich fühlte mich wohl hier, obwohl ich ganz auf mich alleine gestellt war.
Irgendwann trat ich den Rückweg über den Damm an. Ja, ich war sehr alleine dort. Aber es war auch eine wunderbare Einsamkeit. Es war ein Ort, an dem ich mich mit mir selbst beschäftigen konnte. Und dort habe ich gemerkt, daß ich im Prinzip überhaupt nicht einsam bin. Dort an Land habe ich meine Eltern, die auf mich gewartet haben. An Land waren meine Freunde, meine Kollegen, die darauf gewartet haben, daß ich wieder zurückkomme. Das war ein Ziel.
Dieses Meer, diese schöne Einsamkeit habe ich nie aus dem Gedächtnis verloren. Dieses Meer muß jedoch nicht zwangsläufig eine weite, offene See sein. Es ist vielmehr ein Ort, an dem Mann zu sich selbst findet, an dem man einmal “face-to-face” mit sich selbst ist.
Diesen Ort habe ich immer wieder gesucht und auch gefunden. Diesen Sommer. In den schweizer Bergen. An einem See, 1800 m über dem Meeresspiegel. Umrandet von kahlen Felsen. Nur ein kleiner Wanderweg beschrieb den Weg um den See. Auch dieser Weg wich wieder einem steinigen Weg, hinauf in eine fast unwirkliche Landschaft. Keine Menschen, kein Lärm, kein Verkehr, nur Stille. Dieser Weg führte an eine entlegene Alp-Hütte, an der man wunderbar relaxen konnte. Wirklich relaxen, nicht nur körperlich, sondern auch geistig.
Da saß ich nun, weitab von “meiner Welt”. Kein Mensch, dem ich davon erzählen konnte, jetzt und hier. Nicht einmal mein mobiles Telefon funktionierte. Also mußte ich mir alles merken, was ich sah, um es denen zu erzählen, die mir am Herzen liegen. Aber man kann es nicht erzählen, man muß es erlebt haben.
Doch hier wie dort habe ich gemerkt, daß es Menschen in meinem Leben gibt, denen ich davon erzählen möchte. Also kann ich nicht einsam sein. Alleine zwar, aber nicht einsam. Doch erzählen kann ich es nicht wirklich, jeder, dem ich es versucht habe, zu erzählen, muß es selber erleben. Jeder, der einmal dort war, an einem Meer, der ist nicht einsam. Der Mensch, der mir erzählt hat, er fährt manchmal nur für 10 Minuten dorthin, der ist nicht einsam. Weil er mir davon erzählt hat und ich es nachvollziehen kann, es erlebt habe, es teilen kann. Dann sind es nämlich schon zwei, die diese Erinnerung teilen können. Und bei zwei Menschen ist der einzelne Mensch nicht mehr einsam. Der Mensch hat etwas, das er mit einem Anderen teilen kann.
Denn nur teilen bewahrt uns vor der Einsamkeit. Deshalb ist ein Schiff in einem Hafen nicht sicher, es muß auslaufen, um zu erleben, um zu teilen …
Für Ocean und einen Bewohner des Paradises