Sonntag, 1. Juni 2008

The Malta Experience

Abgelegt unter: Tagebuch, Reisen — Juergen Langenberg @ 23:35

02.05.08
Die Reise, die Claudia und ich mit Ralf und Julia unternahmen, begann, wie jede Flugreise, in einem Dorf, dem Düsseldorf.
Alles lief präzise wie ein schweizer Uhrwerk. Einchecken, Zoll, Bording, alles verliefen ziemlich zügig.
Einzig bei der Zollkontrolle musste ich meinen Gürtel ausziehen, der sich im Anschluss daran in alle Einzelteile zerlegte.
In den Duty-Free Boutiquen gab es zwar neue Gürtel, aber was um alles in der Welt kostet an einem Gürtel 60 Euro? Und dann noch zollfrei.
Gibt es da nicht auch was von Ratiopharm?
Wie auch immer, im Flieger werde ich schon nicht die Hose verlieren.
Pünktlich um 14.15 Uhr ging es dann Richtung Mittelmeer los.
Leider war mir kein Fensterplatz vergönnt, so konnte ich mir diesmal nicht unser schönes Rheinland und den Rest der Welt aus der Vogelperspektive anschauen.
Kurz nach dem Start begannen die Flugbegleitungsmäuse dann mit dem Bordservice.
Ich frage mich immer wieder, wie es Leute schaffen, diesen in Zellophan eingewickelten Müll herunterzubekommen. Wieder und wieder beschäftigt mich die Frage, ob man nicht mit der tiefgefrorenen Butter einen Menschen mehr verletzen kann als mit einem normalen Messer. Wenigstens war der abschließende Kaffee halbwegs erträglich. Besser jedenfalls als das, was noch kommen sollte.
Am Airport von Malta legte der Pilot nach knapp dreistündigem Flug meiner Ansicht nach eine nahezu perfekte Landung hin. Chapeau, Hut ab.
Anschließend kam dann richtiges Casablanca-Feeling auf, als wir ganz altmodisch die Maschine über eine echte Gangway verließen und über das halbe Rollfeld zum Terminal marschierten. Wo gibt es das heute noch?
Der Abtransport zum Hotel war von der Reisegesellschaft perfekt organisiert.
In einem Kleinbus wurden wir in das ca. 25 km entfernte Suncrest Hotel in Qawra transportiert.
Der sonnenbebrillte und haargegeelte Busfahrer legte zum Einstand erst einmal eine standesgemäße Vorstellung hin; da, wo Michael Schumacher bremst, hat er noch einen Gang höher geschaltet. Sehr souverän.
Das 1988 erbaute Suncrest Hotel machte von außen auf den ersten Blick einen guten Eindruck, soll es doch dem Vernehmen nach in 2006/2007 komplett renoviert worden sein. Wie auch immer, vermutlich hat das Geld nicht mehr für einen Fensterputzer gereicht. Obwohl es augenscheinlich nicht unter Denkmalschutz stand, erweckten die Fenster den Anschein, als ob sie seit ihrer Inbetriebnahme weder Lappen, Wasser und/oder Putzmittel gesehen hatten. Vielleicht ein aktiver Beitrag zum Umweltschutz auf Malta.
Ein kleiner Schönheitsfehler, jedoch sind wir beim besten Willen nicht nach Malta gereist, um aus dem Fenster zu gucken. Der Ausblick auf die Bucht von Qawra bot jedoch einen gewissen Ausgleich.
Als erstes musste ich jedoch einen neuen Gürtel kaufen. Dazu begaben wir uns in der Ort, der nahtlos in das angrenzende Bugibba übergeht, der wiederum nahtlos in San Pawl il Bahar übergeht.
Augenfällig war sofort die dichte Besiedlung und die wilde Bebauung der Ortschaft(en). Jeder deutsche Baudezernent hätte hier diesbezüglich jede Menge Spaß im Glas. Mitglieder dieser Berufsgruppe sollten daher andere Reiseziele ins Auge fassen.
Langsam überfiel uns der „kleine Hunger“ und wir suchten eine passende Lokalität. Auf einem hauptsächlich durch britische Touristen bevölkerten Eiland kein simples Unterfangen. Wie würde Jogi Löw jetzt diesbezüglich sagen: „Hökschte Konzentration“. Schließlich sind wir keine 2000 km gereist, um den Tag mit Fish and Chips zu beenden.
Wir wurden jedoch schnell fündig und es gab ein gelungenes Lamm-Kebap.
So neigte sich der erste Tag auf dem kleinen, sonnigen Mittelmeer-Eiland langsam dem Ende.

03.05.08
Bezüglich des Bettes in unserem Hotelzimmer hatte ich ehrlich gesagt die allergrößten Befürchtungen was den Schlafkomfort anbelangt. Bei der ersten Sitzprobe konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, man fällt in einen Trog mit Wackelpudding. Wahrlich schlechte Aussichten, wenn man „Rücken“ hat.
Doch die erste Nacht (und auch die folgenden) gerieten sehr kommod auf diesem dotterweichen Schlafutensil.
Der Schock folgte jedoch beim ersten Frühstück. Wirklich „very British“. Was haben wir bloß verbrochen? Wir haben den Briten doch freiwillig Ballack überlassen, oder vielleicht lag es gerade daran, wer kennt schon die Wahrheit.
Labberige Brötchen, Toasts, die die Konsistenz von Briketts hatten und Wurst, die nach allem schmeckte, nur nicht nach Wurst. So ist man halt gezwungen, Kompromisse einzugehen.
Dieser Kompromiss bestand aus Bratkartoffeln, wahlweise mit Spiegelei oder Rührei und Bacon.
Bacon muss „well done“ sein, doch dieser war noch seichter als „medium“, um nicht zu sagen, roh. Wenn man in der Schüssel jedoch tief genug popelte, kam auch etwas halbwegs Brauchbares zu Tage, was mir jedoch dann und wann irritierte Blicke der britischen Gäste einbrachte.
Das größte Verbrechen war jedoch der Kaffee. Der kam aus dem Automaten und hatte täuschende Ähnlichkeit mit Muckefuk. Das ist so ziemlich der Super Gau, wenn es morgens keinen anständigen Kaffee gibt. Immerhin spuckte, dieser Automat auch heißes Wasser aus, so dass wir in einem nahe gelegenen Geschäft löslichen Espresso bunkerten. Auch nur ein Kompromiss, aber zweifelsohne ein Besserer …
Nach diesem fürstlichen Mahl begaben wir uns an die Hotelrezeption um zu schauen, ob irgendwelche Ausflüge zu den diversen Sehenswürdigkeiten des putzigen Eilandes feilgeboten wurden.
Das Angebot war schier unüberschaubar, wahrscheinlich gab es sogar geführte Touren an den hauseigenen Swimming Pool. Ich glaube, auf Malta gibt es nichts, was sich nicht besichtigen läßt.
Die servile Dame an der Rezeption empfahl und schließlich zwei Tagesausflüge: eine „Island Cruise“ (mit dem Schiffchen um das ganze Inselchen herum) mit Zwischenstop in der Blauen Lagune von Comino und eine Rundfahrt auf Gozo.
Dürfen es auch 100 Gramm mehr sein? Klar, denn als Dreingabe gab es noch eine kostenlose Rundfahrt durch den Grand Harbour von Valetta. Na, wenn das nix ist …
Zu ersten Erkundungen machten wir uns im folgenden vom nahe gelegenen Busbahnhof nach Valetta auf.
Die Busse auf Malta sind zum Niederknien. Oldtimerliebhaber kommen hier voll auf ihre Kosten. Busfahren ist hier noch ein sehr ursprüngliches Erlebnis, der Komfort ist bisweilen sehr rudimentär, um es höflich auszudrücken. Die Logik der Fahrpreise und der Abfahrtzeiten habe ich bis dato leider nicht begreifen können, es macht aber eigentlich auch keinen Sinn, hier tiefer in die Materie einzudringen. Busse sind immer irgendwo greifbar und billig sind sie auch.
Der Bus, der die ehrenvolle Aufgabe hatte, uns nach Valetta zu transportieren, war wahrscheinlich der älteste noch im Einsatz befindliche Bus auf der Insel.
Als es Richtung Mosta die Berge hinauf ging, dachte ich, dass gleich die ganze Mannschaft aussteigen muss und das antike Gefährt den Berg hinaufschieben muss.
Unter Aufbieten der letzten Motorkraft blieb uns das jedoch erspart.
Der Busbahnhof von Valetta befindet sich in einem riesigen Kreisverkehr um den Triton-Brunnen. Streng genommen gehört er nicht einmal zu Valetta, sondern zur Stadt Floriana. Dies für die Leute, die es ganz genau wissen wollen.
Feste Haltepunkte sind hier Fehlanzeige, ausgestiegen wird, wo gerade Platz ist.
Durch das nahe gelegene Stadtor betritt man nun das UNESCO-Weltkulturerbe Valetta.
Wirklich imposant und ein wenig an San Francisco erinnernd. Nur die Lombard Street und die Golden Gate Bridge sucht man hier vergebens. Dafür gibt es in den unzähligen „Pastizzerias“ mindestens ebenso göttliche Donuts und anderes süßes Zeugs, genau wie in oben genannter Bay City.
Zum standesgemäßen Beginn einer Reise suchten wir „The Malta Experience“ auf, eine Filmvorführung in einem unterirdischen Kino unmittelbar am Grand Harbour.
In knapp 45 Minuten wird hier ein kurzer Abriss der über 5000 Jahre alte Geschichte der Insel gegeben.
Anschließend war er wieder da, der kleine Hunger. Ein adäquates Restaurant fanden wir in der Nähe der Upper Barakka Gardens mit einem stilvollen Blick über den Grand Harbour, Vittoriosa und die Hafenstadt Marsa.
Im Anschluss daran fuhren wir mit einer kleinen Fähre über den Marsamxett Harbour nach Sliema. Wer einmal Baukräne in all ihrer Pracht sehen will, ist hier richtig. Abgesehen davon herrscht in Sliema ein buntes Treiben und es gibt zur Mittelmeerseite hin eine schöne Uferpromenade mit einer traumhaften mediterranen Aussicht.
Wir wollten uns noch etwas die alten Gassen von Sliema anschauen und anschließend mit dem Bus nach Hause fahren. Doch anstatt am Busbahnhof kamen wir jedoch im Nachbarort St.Julian aus. Stadtmenschen haben halt bisweilen einen wenig ausgeprägten Orientierungssinn. Also mussten wir fast die gleiche Strecke wieder zurücklatschen. Was uns jedoch hier, wie auch anderenorts immer wieder aufheiterte waren die wirklich schönen Oldtimer, die am Straßenrand parkten. Hauptsächlich waren dies alte englische Modelle.
Vom Busbahnhof in Sliema traten wir dann die Rückreise nach Qawra an.
Kurz vor unserem Hotel befand sich ein kleines indisches Restaurant, das sehr gut aussah. Wir bemühten uns gar nicht erst, den Namen dieses Etablissements in Erfahrung zu bringen oder gar zu behalten. Im folgenden wird es deshalb nur „Ranjid“ genannt. Was nicht ganz unbegründet war, da der Besitzer tatsächlich eine gewisse Affinität mit Kaya Yanar in der Rolles des „Ranjid, dem Roseninder“ aufwies.
Der Vorspeisenteller und das anschließende „Chicken Tandoori“ gelangen dem Koch zu meiner vollsten Zufriedenheit.
„Ranjid“ bekam dann auch mit, das wir aus Germany kamen. Ja, da wäre es sehr schön, vor allem die Autobahnen. Es ist immer die gleiche Leier, wenn man im Ausland sagt, dass man Deutscher ist.
Er lebte auch mal dort und konnte mit seinem BMW nur mit 250 km/h über die Autobahn fahren. Um schneller zu fahren, hätte er damals nicht den entsprechenden Führerschein gehabt. Wie meinen?
Ich entgegnete ihm, dass in Deutschland der Führerschein nicht an bestimmte Geschwindigkeiten gebunden ist. Lediglich bestimmte Luxus-Schlitten der selbstbewussten Preisklasse mit entsprechender Motorleistung sind in der Endgeschwindigkeit auf 250 km/h gedrosselt. Ich bemerkte eine gewisse Verwunderung in seinen Augen. Wenn er jedoch schneller fahren möchte, empfahl ich ihm, seinen B(aader) M(einhof) W(agen) zu verscheuern und sich anstatt dessen einen Porsche zu kaufen, da dieser geschwindigkeitsmässig keiner unnötigen Regulierung unterliegt. Diese Äußerung stürzte ihn augenscheinlich in eine tiefe Sinnkrise.
Wir fanden es amüsant. Wolle schneller fahren, müsse Porsche kaufen. Völlig unbescheiden.

04.05.08
Stahlblauer Himmel, Sonne satt. Was will man mehr.
Wer kennt noch Popeye? Das war im vorigen Jahrhundert zu meiner Kindheit eine Zeichentrickserie über den kleinen Seemann ohne Furcht und Tadel, die wir gebannt am Fernseher verfolgten. Im Jahr 1979 ist das ganze auch verfilmt worden. Natürlich auf Malta, in einem eigens dafür gebauten „Popeye-Village“, welches sich in Anchor Bay im Nordosten der Insel befindet. Dazu bestiegen wir in Bugibba den Bus, der bis zum Fähranleger nach Gozo fährt. Lustigerweise endete dort auch unsere Fahrt. Ja, und wo ist jetzt das Popeye-Dorf?
„Da hättet ihr eher aussteigen müssen“, sagte der Busfahrer. Also, niemals bis zum Ende nach Cirkewwa fahren. Aussteigen muß man an der wunderschönen Melieha Bay mit einem der wenigen Strände Maltas. Nun ist man nach dem Ausstieg dort noch lange nicht in Sweethaven bei Popeye, man muß noch ca. anderthalb Kilometer durch die hügelige Landschaft stiefeln. Was soll’s, wozu hat uns der liebe Gott Füße geben. Nach ca. 45 Minuten erreichten wir dann unser Ziel.
Ein lustiges Dorf, dieses Popeye-Village. Von weitem überhaupt nicht zu orten. Steht man jedoch davor, sieht es aus als wenn es aus den steilen Felsen gemeisselt wäre.
Einen Rundgang durch das Dorf haben wir uns aus zwei Gründen erspart. Erstens war dort unten ein Terror wie in einem niederländischen Vergnügungspark und zweitens hatte man von oben eindeutig die bessere Aussicht, sowie den geeigneteren Standort zum Anfertigen der unvermeidlichen Erinnerungsfotos.
Nach deren Fertigstellung gingen wir noch etwas weiter in Richtung der Klippen und wurden mit einem wahrhaft königlichen Blick über das weite Mittelmeer belohnt. Was für eine Weite, was für eine undendliche Weite …
Nach knapp einer Stunde traten wir wieder den Rückweg an. Der Strand von Melieha Bay ließ uns das Wasser im Mund zusammenlaufen und machte und Lust auf einem faulen Nachmittag mit Wasser und Sonne. Die Sache hatte nur einen Haken; wir hatten keine Badesachen im Marschgepäck. Und Nacktbaden gehört nicht zu unseren persönlichen Präferenzen und ist im christkatholischen Malta allerstrengstens untersagt. Diese Tatsachen zwangen uns dann dazu, die Rückreise ins Hotel anzutreten um den Rest des Nachmittages am Pool des Hotels abzuhängen. So etwas gibt natürlich Raum, sich der Literatur zu widmen. Ein Juwel dieser Literatur ist zweifelsohne „White Line Fever“, die Autobiographie des Ian Fraser Kilmister. Der Schwermetalfraktion und vielleicht einigen Leuten, die in den späten siebziger und den frühen achtziger Jahren groß geworden sind, ist der Mann gewiß unter dem Namen Lemmy Kilmister bekannt. Dieser ehrenwerte Herr ist der unumschränkte Boß der wildesten und lautesten Kapelle der Welt, der Rockband Motörhead.
In „White Line Fever“ erfährt der Leser alles über 60 Jahre Rock’n'Roll, sehr unterhaltsam und leicht zu lesen. Genau das richtige für einen sonnigen Nachmittag am Pool. Lemmy philosophiert darüber, dass die Rolling Stones Memmen sind, das Mick Jagger ein Schlappschwanz ist und das der Mensch aufgrund der Struktur seines Gebisses nicht zum Vegetarier geboren ist, da das unter anderem Blähungen verursacht. Adolf Hitler war übrigens auch Vegetarier. So etwas sollte man wissen. Marcel Reich-Ranicki wird das Werk gewiß in einem anderen Licht sehen, aber das sollte uns an Tagen wie diesen nicht allzusehr belasten.
Sonntag ist Pizzatag, also beendeten wir den Tag standesgemäß. Maltesiche Pizza, durchaus gelungen, jedoch nicht zu vergleichen mit der im La Mirage in Livigno, dem winterlichen Pilgerort für unseren Skiurlaub.

05.05.08
Unser erste Ausflug, die Rundfahrt um die Insel stand an. Um 7.45 Uhr sollte uns der Bus abholen und zum Schiff nach Sliema bringen. Die Abfahrt verzögerte sich jedoch um eine halbe Stunde, was mir als Morgenmuffel äußerst gelegen kam.
Um 9.00 Uhr betraten wir dann ein Schiff der „Captain Morgan Cruises“. Um uns herum wieder jede Menge Briten, die frühstücksmäßig offenbar noch schlechter dran waren als wir, da sie um diese Zeit bereits Bier tranken. Vielleicht war es ja auch das zweite Frühstück und ich habe es nur nicht verstanden.
Ein paar Minuten später hat der Kapitän (ob er Morgan hieß, war abschließend nicht zweifelsfrei in Erfahrung zu bringen) dann grünes Licht gegeben und der Kahn legte ab.
Wir konnten noch einen schönen Blick in den Grand Harbour von Valetta sowie auf die Hafenstädte Marsaskala, Marsaxlokk und auf den Containerhafen von Birzebugga werfen, bevor es fast zwei Stunden entlang an einer atemberaubenden Felsenküste zur Insel Comino ging.
Wer sich jetzt wundert, warum hier so viele Orte mit „Marsa“ beginnen (Marsa, Marsamxett, Marsaskala, Marsaxlokk), der muss wissen das Marsa das maltesiche Wort für Hafen ist. Für die Erklärung der restlichen Silben reichen meine Kenntnisse der maltesischen Sprache leider nicht aus. Maltesisch ist neben Englisch die Amtsprache in Malta. Es handelt sich um eine der ältesten Sprachen Europas und zählt zu den semitischen Sprachen. Sie hat sich aus einem arabischen Dialekt herausgebildet und hat italienische, französische, spanische und englische Einflüsse. Maltesisch ist übrigens die einzige semitische Sprache, die lateinische Schriftzeichen verwendet. Ich finde, das sollte für ein erstes, profundes Halbwissen ausreichen.
Gegen 12.00 Uhr erreichten wir dann die Blaue Lagune in Comino. Die hat jedoch nichts mit dem amerikanischen Kino-Schinken aus dem Jahr 1980 mit dem Hungerhaken Brooke Shields in der Hauptrolle zu tun.
Vielmehr definiert sich hier der Begriff „Blau“ neu. Zur Erklärung möchte ich hier einmal die drei rheinischen Steigerungsformen zu Hilfe nehmen.
„Blue Curacao“ ist sicher das blaueste Wasser, das wir kennen. Am allerblauesten ist vermutlich das Wasser der Blauen Grotte auf Capri. Am allerblauesten überhaupt ist jedoch das Wasser der Blauen Lagune auf Comino. Blauer geht’s wirklich nimmer mehr.
Doch bevor wir in kleinere Kähne umgebootet wurden, hat der Veranstalter uns eine schwere Prüfung auferlegt. Der Lunch.
Was soll ich sagen, very British natürlich. Serviert wurde in einer Art Brechschale; alles, was es gab, kam darauf, nur der Nachtisch nicht (den schenkten wir uns aus Gründen der Pietät). Kalte Nudeln mit Knoblauchsosse, kalter Kartoffelsalat, kalter Schinken. Dazu gab es gekühlten Rotwein, wahlweise auch Weißwein und kalten Orangensaft mit leichter Chlornote.
Ich entschied mich für Letzteren, da der Wein garantiert kein Ondarre Gran Reserva war und auch mit Sicherheit nicht die notwendigen 18,5 Grad Celsius für einen uneingeschränkten Genuss hatte. Vergessen wir das Ganze also so schnell wie möglich.
Nach diesem abschreckenden Beispiel für Esskultur ging es dann in die besagten kleinen Boote, die uns durch die Lagune fuhren. Winzige Buchten mit atemberaubend klarem und wirklich allerblauestem Wasser überhaupt.
Gemächlich klapperte unser Skipper jeden Winkel der Lagune ab. Als es zum Schiffsanleger zurück fuhr, fragte er, ob er mal etwas schneller fahren solle. Logo, ich sagte ihm, er soll mal ordentlich Gummi geben. Dann gab er grünes Licht, das Boot bäumte sich auf und mit forcierter Geschwindigkeit ging es dann zurück. Wirklich schnell war das jedoch nicht, doch einigen an Bord anwesenden englischen Ladies wurde bestimmt etwas schwindelig. In manchen Situationen muss man eben tapfer sein. Großer Spaß!
Nach dieser kleinen Kreuzfahrt spazierten wir noch etwas über die knapp 3 Quadratkilometer große Insel und verkrochen uns am Ufer einer kleinen Bucht, die wir bereits vorher vom Boot gesehen hatten. Eine himmlische, blaue Ruhe. Einfach nur blau. Bis ein Schiff mit Touristen angelsächsischer und niederländischer Herkunft just da angelegt hat, wo wir uns die Zeit vertrieben. Rückzug muss kein Zeichen von Feigheit sein, aber diesen Rummel wollten wir uns dann doch nicht geben. Wir spazierten noch ein Stück über die felsige Insel und genossen den Ausblick auf das weite Meer und die benachbarte Insel Gozo.
Um 16.00 Uhr legte unser Schiff wieder Richtung Sliema ab. Kurz vor der Hafeneinfahrt überholten wir einen alten Schoner, der mit Motorbetrieb lief und der auch von Comino kam.
Unser Kapitan manövrierte das Schiff so dicht an den Schoner, dass ich dachte, wir müssen uns jeden Moment zum Entern bereit machen. Die augenscheinlich vorwiegend britischen Gäste auf dem Schoner bedienten sogleich die niederen Instinkte und ließen synchron die Hosen in unsere Richtung herunter. Eine wunderbare Geste der Völkerverständigung. Aus Pietätsgründen habe ich selbstverständlich keine Fotos dieser Seemannsgrüsse angefertigt.
Aufgrund des britischen Mittagsmahles war es an der Zeit, etwas handfestes Essen zu gehen.
Die kongeniale Lokalität dazu fanden wir in Bugibba in einem Restaurant mit mongolischem Buffet. Wer das nicht kennt, braucht nicht zu erschrecken. Es geht recht zivilisiert zu. Man wählt aus dem Buffet zwischen diversen Fleisch- und Fischsorten, gewürzt das ganze, wählt eine Soße und eine Beilage. Das kommt alles in einen Pott (Vergleiche zum Lunch erübrigen sich jetzt bitte). Dieses Gefäß übergibt man dann dem Koch, der alles auf eine riesege Kochplatte kippt. Anschließend wird das fürstliche Mahl dann am Tisch serviert.
Was soll ich sagen, just the way I like it. Das ganze mit Chilisoße so scharf gwürzt, dass anscheinend ein Magendurchbruch unmittelbar bevorsteht. Ganz hervorragend und äußerst empfehlenswert. Zu einem späteren Zeitpunkt sollte es uns noch einmal dort hinführen.

06.05.08
Langsam wurde es eng. Auf der Speicherkarte meiner Kamera. Da ich als dümmster anzunehmender User im RAW-Format fotografiere, um nachher mehr Nachbearbeitungsmöglichkeiten zu haben und beim Fotografieren einfach draufhalten kann, ist eine 2 Gigabyte-Karte natürlich ein sonderlich geeignet.
Ich hatte zwar noch eine 1 Gigabyte-Karte bevorratet, doch das erschien mir angesichts der vielen interessanten Motive etwas wenig. Natürlich gab es weit und breit nur 1 Gigabyte-Karten zu kaufen. Um jedoch genügend Sicherheit zu haben, bevorzugte ich eine 2 Gigabyte-Karte. Leute mit Bausparverträgen brauchen Sicherheit .
Diese fand ich dann in einem winzigen Laden in Valetta.
Zuvor begaben wir uns jedoch nach Birkirkara, quasi einem Vorort von Valetta, sofern man hier davon reden kann. Im Grunde ist es in Valetta wie im Ruhrgebiet; man kann keine klaren städtischen Strukturen erkennen, alles geht ineinander über. Nur Herbert Knebel oder Adolf Tegtmeier sind uns nicht begnet.
Dort gab es ein Antiquitätengeschäft, das auch in unserem Reiseführer beschrieben wurde.
Muß ich erwähnen, dass es geschlossen war?
Immerhin hing eine Telefonnumer und eine Adresse an der Tür, wo man den Inhaber finden kann.
In der nahegelenen Post fragten wir, wo sich diese Adresse befindet.
Malta scheint ein Dorf zu sein, denn ein Typ, der am Postschalter lehnte, sagte, dass er den Besitzer kennt und ihn mal anruft. Er hat ihn jedoch nicht erreicht. Wir unterhielten uns ein wenig mit ihm und Ralf sagte ihm, dass er vornehmlich auf der Suche nach alten Schellack-Platten sei.
Der Typ, der übrigens im bürgerlichen Leben Arthur heißt, bot uns an, zu einem anderen Antiquitätengeschäft zu fahren, welches einer Bekannten von ihm gehört. Er selbst restauiert alte Möbel, macht aber auch in Elektrik und Installation. Ein wahres Multitalent also.
Er sagte, wir sollen an der nächsten Straßenecke warten, er müsse noch seinen Wagen holen und dann sollte es losgehen. Bevor wir einsteigen konnten, musste er jedoch erst mal jede Menge Gedöns von der Rücksitzbank in den Kofferraum räumen.
VW Golf übrigens, Diesel, alt und klapprig, rostig. Wenn so etwas trotzdem noch fährt, nennt man es bei Volkswagen in der Werbung „Das Auto“.
Nach ein paar Minuten Fahrt ins benachbarte Attard erreichten wir ein wunderschönes altes Haus, welches von oben bis unten mit den sonderbarsten Antiquitäten vollgestopft war. Bezüglich der Schellack-Platten wollte Arthur ein paar seiner Kumpane anrufen und wir vereinbarten, uns am Donnerstag um 11.00 Uhr wieder in dem Antiquitätenladen zu treffen.
Den restlichen Vormittag über bummelten wir dann noch durch ein paar Geschäfte in Valetta und mittags nahmen wir dann die Fähre nach Sliema. Von dort wollten wir nach Paceville, da sich laut unserem Reiseführer dort ein sagenwobenes Formel1-Geschäft befinden sollte.
In St.Julian kehrten wir dann bei dem zweifelsohne am schönsten (eigentlich am allerschönsten überhaupt) gelegenen McDonalds-Restaurant ein, das mir bekannt ist. Dort kann man sich im ersten Stock auf den Balkon setzen und von dort hat man einen ganz hervorragenden Ausblick über die ganze St.Julian’s Bay. Ausgesprochen stilvoll.
So schwer es uns fiel, aber wir mussten aufbrechen, da unser Ziel der Formel1-Laden in Paceville war. In St.Julian hatten wir streckenmäßig erst Halbzeit.
In Paceville haben wir nach etwas Suchen dann das Einkaufszentrum gefunden, in dem sich der Laden befinden sollte.
Dort gab es alles, sogar ein Hardrock-Cafe und Souvenirläden jeglicher Schattierung, nur kein Formel1-Laden. Der, so sagte man uns, hat letztes Jahr dichtgemacht. Wenigstens hatte ich zum Trost noch einen Donut, den ich mir in Valetta gekauft habe, im Handgepäck.
Ziemlich frustriert traten wir den Heimweg an, auf dem wir uns jedoch mal wieder kläglich verlaufen haben. Aus irgendeinem Grund gingen wir weiter in Richtung Norden zur St.George’s Bay. Von dort fuhr natürlich nur ein Bus, und zwar in Richtung Valetta. Falsche Richtung. Also gingen wir ca. einen Kilometer zurück zu der Landstrasse, die Richtung Bugibba führt. Dort konnten wir den Bus Richtung Hotel nehmen.
Rechtzeitig zur „Blauen Stunde“ (hier ist fast alles Blau) kamen wir in Bugibba an. Da es zur Bucht nur ein Katzensprung ist, beschloss ich noch ein paar romantische Sonnenuntergänge zu fotografieren. Sonnenuntergänge sind immer Hingucker in der digitalen Fotosammlung. Bewaffnet mit Stativ und frischer Speicherkarte stand diesem Unterfangen eigentlich nichts nennenswertes im Wege.
Der Fotoapparatismus war aufgebaut und es konnte losgehen. Auf einmal kam ein englisches Pärchen vorbei und der Herr verwickelte mich in eine Konversation über Fotografie. Er war auch Hobbyfotograf und macht auch gerne HDR-Bilder. Über diese Unterhaltung hat sich dann leider die Sonne fast hinter den Hügeln auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht verkrochen. That’s the way the cookie crumbles, aber immerhin sind mir noch ein paar Aufnahmen gelungen.
Zum Dinner wollten wir dann mal einen Exkurs in die regionale Küche unternehmen. Die passende Lokalität fand sich ein paar Meter von der Bucht im Zentrum von Bugibba. Es war ein wirklich kleines Restaurant und die ältere Dame, die wir liebevoll „Rouladen-Omi“ tauften, die einzige Bedienung, war augenscheinlich die Inhaberin. Eine Spezialität der maltesichen Küche sind Bragioli. Das sind Rindfleischrouladen mit einer pikanten Füllung aus Speck, Ei, Oliven und Kräutern. Wirklich extrem empfehlenswert.

07.05.08
Um 06.30 Uhr war an diesem Tag wieder die Nacht zu Ende, denn heute fand die Exkursion nach Gozo statt. Um 07.45 Uhr holte uns der Bus am Hotel ab. Er klapperte noch ein paar andere Hotels ab, um mehr Gäste an Bord zu nehmen. Erstes Ziel war Cirkewwa, von wo aus die Fähre nach Gozo geht.
Es war ein eigentümliches Ritual. Wir mussten den Bus verlassen und zu Fuß auf die Fähre gehen. Warum der Bus nicht auf die Fähre gefahren ist, weiß der Geier. Von der Höhe dieses Gefährtes hätte es gepasst, da auch LKW’s die Fähre benutzten. Aber irgendwie muß man ja die Zeit tot bekommen und die 45 Euro für diesen Tagesausflug brauchen ihre Berechtigung.
Die Überfahrt dauerte eine knappe halbe Stunde. In Mgarr, dem Fährhafen (übrigens dem allereinzigsten überhaupt) von Gozo stiegen wir in einen frischen Bus ein. Es sollte eine Reisegruppe mit einer Führerin sein, die Deutsch und Englisch spricht. Es gesellten sich jedoch noch Italiener und Franzosen dazu, da sich die Führerin dieser Reisegruppe beim Ausstieg aus der Fähre angeblich eine Haxe verrenkt hatte. Unsere besten Wünsche zu Genesung an dieser Stelle.
Wie dem auch sei, nach ca. 15 Minuten Fahrt erreichten wir die Tempelanlagen von Ggantija in der Nähe der Ortschaft Xaghra. Dort machten die Italiener und Franzosen erst einmal den Lauten, weil die Führung ja nur auf Detusch und Englisch war. Unsere Reiseleiterin schob die Franzosen in eine andere Gruppe ab und wir behielten die Italiener, da sie auch Italienisch sprach.
Ggantija ist eine der ältesten halbwegs erhaltenen Anlagen der Welt, älter als die ägyptischen Pyramiden, die auch auf der UNESCO-Liste der Weltkulturerbe steht.
Diesmal fielen nicht die Engländer aus der Rolle, sondern die italienischen Kollegen. Die italienischen Ausführungen unserer Reiseführerin begegnete die Herrschaften mit einer gehörigen Portion Ignoranz und ein Dame besaß sogar die Frechheit, über Mobiltelefon einige vermutlich nicht aufschiebbare Gespräche zu führen. Unsere Reiseführerin meinte zu uns augenzwinkernd, dass es zu gegebenen Zeitpunkten vorteilhafter ist, wenn man nur Maltesisch sprechen kann.
Absolut verständlich.
Weiter ging unsere Inselrundfahrt in das pittoreske Xlendi (das x im maltesischen wird übrigens wie das deutsche sch ausgesprochen, auch wenn’s lustig klingt).
Ich glaube, so einen winzigen Ort mit noch kleinerer Bucht und einem kaum zu erwähnenden etwas von Strand gibt es nirgendwo auf dieser Welt. Wenigstens hat das den Vorteil, dass man sich nicht verlaufen kann, wie es uns gelegentlich zuvor passiert ist.
Während in heimischen Gefilden auf solchen Exkursionen gelegentlich Heizdecken verschachert werden, liegt der Fall hier auf Grund der allgemeinen Witterungsverhältnisse Gott sei Dank etwas anders. Der Bus machte auf dem Weg zur gozitanischen Hauptstadt Victoria (eine Hommage an die britische Königin gleichen Namens) einen ausgedehnten Halt in einem kleine Kaff, das vornehmlich aus Souvenirläden bestand. Hier gab es allerlei Gedöns und einen riesigen Laden mit Selbstgeklöppeltem.
Zeit, sich etwas von dem Tross abzusondern und in Ruhe eine Zigarette in Brand zu setzen.
Gegen 13.30 erreichten wir dann Victoria, wo wir beinahe im Verkehrschaos versunken sind. Die Strassen sind so eng, dass sie bei uns gerade mal als Radweg durchgehen würden. In Victoria nennt man so etwas Durchgangsstraße. Mitten in so einer schmalen Straße ließ der Busfahrer uns dann in die freie Wildbahn, begleitet von der Kakophonie eines prächtigen Hupkonzertes der Autos, die er mit seiner Parkerei am Weiterfahren hinderte. Großartig. Stoppt den Verkehr für den König und sein Gefolge.
Als nächstes erklommen wir dann die Zitadelle von Victoria, besichtigten dann kurz die Kirche und machten einen kleinen Rundgang. Da auch in dieser Tour ein Lunch inbegriffen war, hatte ich aufgrund der Erfahrungen von vor zwei Tagen meine allergrößten Befürchtungen. Aber es sollte nicht so schlimm kommen. Wir wurden in ein nettes Restaurant mit schönem Innenhof geführt. Für uns war jedoch ein kleiner, stickiger Raum reserviert.
Dem Auftreten der leicht untersetzten Kellnerin zu urteilen, sind hier wohl des öfteren hörgeschädigte Menschen zu Gast. Sie hatte ein Organ, das man vermutlich über die ganze Insel hören konnte. Vielleicht besaß sie ja auch zu Hause kein Telefon. Ansonsten gab es hier jedoch nichts auszusetzen – das muss auch mal sein.
Nach dem Lunch war eine Filmvorführung über Gozo in einem nahegelegenen Kino anberaumt worden. Der unmittelbar neben dem Kino gelegene Marktplatz erschien uns jedoch wesentlich lustiger, zumal die Sonne gerade so schön über uns lachte. Also desertierten wir für die Zeit der Vorstellung von der Gruppe und bummelten etwas über diesen kleinen, mediterranen Markt. Es ist schon erstaunlich, was hier alles verhökert wird. Vor allem weiß ich jetzt, wo Atze Schröder vermutlich seine modischen Sonnenbrillen erwirbt.
Zum Abschluss unserer Rundfahrt über dieses putzige Eiland ging es dann zur Dwejra Bay mit dem weltberühmten Blue Window, einem Felsenvorsprung, der sich wie ein Fenster über das Meer spannt. Dort konnte man auch eine kleine Bootstour machen, die entlang der Küstenfelsen an besagtes Blue Window führte. Sehr empfehlenswert, da es hier wunderschöne Korallen zu sehen gibt und das Wasser, wie immer, unglaublich blau ist. Die Felsen haben hier sogar die Form eines Gesichtes und eines Krokodils. Man muß nur mal genau hinschauen.
Abschließend fuhr uns der Bus zurück nach Mgarr, wo wir wieder die Fähre Richtung Cirkawwa bestiegen.
Die Junggesellen seien noch darauf hingewiesen, dass die Population von Gozo eine sehr hohen Frauenanteil aufweist. Glaubt man unserer Reiseführerin, hat sogar ein Mann einmal die Reisegruppe aus just diesem Grund verlassen. Aber das sind gewiß Geschichten, die mit „es war einmal“ beginnen. Der Ordnung halber sei es aber hier erwähnt.
Zum Dinner durfte sich „Ranjid“ wieder über unsere Besuch freuen. Die indische Küche soll ja dem vernehmen nach sehr scharf sein, wovon hier jedoch nicht so viel zu spüren war. Vielmehr wurde hier „hot“ mit heiß verwechselt, was uns doch etwas verwunderte. Ralf hatte sein Essen „hot“ bestellt. Kurz nach dem Servieren erkundigte sich Ranjid, ob es denn auch wirklich „hot“ sei. „Not really“, sagte Ralf. Dann hat er das Zeugs genommen und hat es wohl nochmal in die Mikrowelle geschoben, denn es dampfte kurze Zeit später unübersehbar.
Aber es war mal wieder ausgesprochen lecker.

08.05.08
Den Tag der Kapitulation der deutschen Wehrmacht begannen wir damit, dass wir heute vormittag etwas getrennt unternahmen. Ralf und Julia wollten zu dem zuvor beschriebenen Treffen in den Antiquitätenladen nach Attard fahren und Claudia und ich wollten nach Ta’Qali ins Craft Village fahren. Dieses Craft Village ist ein kleines Dorf, das hauptsächlich aus alten Flugzeughangars besteht und viele kleine Kunsthandwerksbetriebe beherbergt, sowie ebensoviele Kitschläden.
Dort fanden wir als allererstes ein wunderschönes Glasgeschäft, in dem man auch die Werkstatt besichtigen konnte. Es gab dort wirklich großartige Sachen, Vasen, Bilder aus Glas und all das ganze Gedöns, was man sonst noch aus diesem Werkstoff machen kann.
Für meine Mutter kauften wir ein wunderschöne, kleine Vase. In Blau natürlich.
Das nächste Geschäft, das wir aufsuchten, war ein Schmuckhersteller. Seine Arbeit verrichtete der gute Mann mitten im Geschäft. Seine Gattin begnügte sich derweil ausgiebig und voller Konzentration mit dem Studium des maltesischen Fernsehprogramms. Die Leute waren jedoch ausgesprochen freundlich und zeigten uns nahezu ihr ganzes Inventar. Fast sämtlicher Schmuck wird aus dünnen Silberdrähten in filigraner Arbeit hergestellt. Mir fehlt leider der Sachverstand, mich darüber näher zu äußern.
Jedenfalls fanden wir ein passendes Muttertagsgeschenk für meine Mutter. Ein sehr schöner Kettenanhänger in der Form einer Blume.
Um einige Euronen erleichtert traten wir den Weg ins nahegelene Mdina an, das fast schon bedrohlich aus knapp anderthalb Kilometer Entfernung auf das Craft Village herabschaut.
Nach knapp 45 Minuten erreichten wir die „Stille Stadt“, wie Mdina auch genannt wird. Zu mehr als einem hastigen Stadtrundgang reichte es jedoch nicht, da wir uns um 14.30 Uhr mit Ralf und Julia in Valette am Busbahnhof treffen wollten.
Also trafen wir kurz vor Zwei an der Bushaltestelle in Mdina ein. Dort sollte auch tatsächlich um 14.00 Uhr ein Bus nach Valetta fahren. Da er schon bereitstand, stiegen wir ein.
Heute sollte es eine besondere Vorstellung unsere britischen Freunde geben.
Kurz nach uns betrat ein kleiner rundlicher Mann, der unübersehbar und unüberhörbar Engländer war, den Bus. Der Buskutscher fragte ihn, wieviel Fahrkarten er den haben will. Darauf hin spähte der kleine Brite den Bus von vorne bis hinten aus und sagte nach kurzem Zögern, dass er gerne zwei Fahrkarten hätte. Sonderbar, reiste er doch offensichtlich alleine. Wahrscheinlich war es eine Hommage an den Film „Mein Freund Harvey“. Mir kam das schon sehr unheimlich vor. Er setzte sich schließlich ein paar Reihen hinter uns.
Kurz vor der Abfahrt schaltete der Busfahrer noch obligatorisch das Radio ein. Übrigens läuft dort permanent ganz wunderbare Musik aus den achtziger Jahren. Man hat den Eindruck, hier ist diesbezüglich die Zeit stehen geblieben.
Natürlich musste das Radio noch auf eine dem Motorengeräusch abgestimmte Lautstärke justiert werden, was der Busfahrer auch unmittelbar nach dem einschalten vornahm.
Unser britscher Fahrgast brüllte daraufhin ziemlich rüde: „It’s too noisy“. So, so ….
Den Busfahrer juckte das wenig, er strebte wohl die 85 db-Marke an.
Wie gesagt, der Bus sollte um 14.00 Uhr abfahren. Um 14.15 fuhr er dann auch pünktlich los und die halbe Strecke bis Valetta verhielt sich der Brite mit den zwei Fahrscheinen auch ruhig und wir konnten die schöne Musik geniessen.
Danach schien es ihm wirklich „too noisy“ und er begann, englische Volksweisen zu intonieren.
Da der Busfahrer aus Sicherheitsgründen keine Hand frei machen konnte, konnte er auch das Radio nicht leiser drehen, was den Engländer dazu veranlasste, noch lauter zu trällern.
An einer Ampel kurz vor Valetta begann dann der „loudness war“. Der Kutscher hatte eine Hand frei und gab an seinem Radio so richtig Gummi.
Auch davon ließ sich der kleine Brite mit den zwei Fahrkarten nicht irritieren; er legte auch noch eine Schippe drauf. Es war herrlich. Der Kerl war bei der Ankunft in Valette garantiert vollkommen heiser.
Leider kenne ich die Texte von „Rule Britannia“ und „It’s a long way to Tipperary“ nicht auswendig, sonst hätte ich vermutlich dagegen gehalten.
Beim Verlassen des Busses gab ich dem Fahrer nocht den dringenden Rat, sich in allernächster Zeit nach einem wesentlich lauteren Radio zu bemühen, was er mit einem breiten Grinsen quittierte.
Ralf und Julia sind leider erst um kurz nach 12.00 Uhr an dem Antiquitätengeschäft eingetroffen, da der Bus Verspätung hatte. Es muß leider erwähnt werden, dass der Laden pünktlich um 12.00 Uhr zur Mittagaspause schließt. Ihr Ausflug nach Attard war also für die Katz’.
Ein Gutes hatte es jedoch, Ralf hatte in Valetta ein winziges Geschäft mit Modellautos entdeckt.
Es war jedoch bis 16.00 Uhr geschlossen. Also vertrieben wir uns sehr zur Freude unserer Damen die Zeit bis dahin mit Window-Shopping.
Pünktlich, wie wir Deutschen nun mal sind, standen wir um 16.00 Uhr vor besagtem Laden. Allein die Schaufensterauslagen ließen meine Augen rollen.
Gott sei Dank war nebenan ein Benetton-Laden, in dem wir unsere Frauen „parken“ konnten.
Wir warteten eine geschlagene halbe Stunde, doch der Laden öffnete nicht.
Aus einem anderen Geschäft kam ein Mann und fragte, auf wen oder was wir hier warten würden. Natürlich darauf, dass der Laden endlich aufmacht.
Er meinte, der Laden gehört einem alten Opi, der nur sporadisch aufmacht. Da es jetzt schon 16.30 Uhr war bestand seiner Meinung nach die berechtigte Hoffnung, dass er heute wohl nicht mehr geneigt sei, den Laden zu öffnen. Aber wir könnten ja warten. Wenn wir einen alten Mann mit einem Moped sehen, dann wäre er der Richtige.
Kaum 10 Minuten später kam ein schweres Motorad um die Ecke gebogen. Ein Opi stieg ab und nahm seinen Helm ab, da wußten wir, wir haben unseren Mann gefunden. „A bisserl was geht allerweil“, wie der Bayer sagt.
Er schloß den Laden auf und wir durften eintreten. Er hatte sehr viele wunderschöne Modelle, die mir die Tränen in die Augen trieben. „So you are from Germany, I have something for you“, sagte er. Er zauberte einen traumschönen blauen (natürlich, was sonst) Lloyd Alexander mit weißem Dach hervor. Daran, sowie einem Peugeot konnte ich nicht vorbeigehen.
Der Vorteil war, das heute das Portemonnaie sehr viel leichter war und ich damit nicht so schwer zu tragen hatte. Kleiner Scherz.
Nach einem standesgemäßen Einkauf war es wieder Zeit für ein standesgemäßes Abendessen. Erneut fiel unsere Wahl auf den Mongolen, was nicht zuletzt seiner weit und breit schärfsten Chilli-Soße zu verdanken war. Es war, wie bei unserem ersten Besuch wieder ein fürstliches Mahl.

09.05.08
Die Nacht über ging ein ziemlicher Wind um unser Hotel. Am Morgen mußten wir zur Kenntniss nehmen, dass einige Wolken die Sonne versuchten zu verstecken.
Claudias Wunsch war es heute, einmal zur Golden Bay zu fahren. Wie der Name Bay vermuten läßt, handelt es sich hier um eine Bucht, und zwar um eine ausgesprochen güldene. Dort gibt es eigentlich nur ein ziemlich elitär wirkendes SAS Radisson Hotel, was uns jedoch nicht abschreckte.
Abgeschreckt hat uns nur ein kurzer Regenschauer bei unserer Ankunft. An der Bucht gab es jedoch ein Restaurant, welches Segafredo Espresso feilbot. Der beste Grund, sich damit über den Regenschauer hinwegzutrösten. Anschließend lachte uns dann die Sonne wieder an (oder aus, wie man es will) und wir konnten noch einen schönen Spaziergang durch den Sand und das seichte (blaue) Wasser machen.
Anschließend sind wir wieder nach San Pawl zurückgefahren um dort in den Bus nach Mdina umszusteigen. Wir wollten uns die „Stille Stadt“ noch etwas genauer anschauen.
Neben den unvermeidlichen Souvenirläden gibt es hier viele enge Gassen, die den Eindruck erwecken, jeden Augenblick komm hier ein buckeliger Glöckner um die Ecke gebogen, der nach Esmeralda sucht.
Am Ende der Stadt ist ein Aussichtspunkt, über den man einen herrlichen Blick Richtung Mittelmeer und Valetta hat. Zeit, um ein paar schöne Panoramafotos zu schießen.
Am Busbahnhof nahmen wir noch einen kleinen Snack und sind dann Richtung Ta’Qali aufgebrochen, da wir Julia und Ralf das Craft Village zeigen wollten, das wir am Vortag besucht hat. Leider gab es diesmal im Bus keine musikaliche Untermalung mit angelsächsischen Volksweisen.
In Ta’Qali angekommen, bemerkten wir, dass leider die Hälfte aller Läden bereits geschlossen hatte.
Mit den Öffnungszeiten scheinen es die Leute hier allzu genau zu nehmen.
In dem Glasladen, in dem wir am Tag zuvor die Vase für meine Mutter gekauft hatten, kehrte man uns förmlich heraus, da wir die letzten Besucher waren.
Nun ja, wenn sie unser Geld nicht wollen, dann müssen wir es halt woanders lassen. Hätte ich den Mund mal nicht so voll genommen …
Auf dem Rückweg zum Hotel machten wir einen Halt in Mosta, welches sich durch eine einigermassen überdiminsionierte Kirche auszeichnet, die sogenannte Rotunda. Die Kuppel dieses Gotteshauses gehört zu den größten in Europa.
Nach einer kurzen Besichtigung gingen wir noch etwas die Hauptstrasse hinunter und es kam, wie es kommen mußte: Die Damen setzten sich in einem Modegeschäft fest. Ralf und ich warteten ziemlich gelangweilt eine ganze Weile vor dem Laden.
Damit die alten Knochen nicht einrosten, gingen wir ein Stück die Strasse hinab. In einer Querstrasse, der Triq Il-Wied (zu deutsch: Talstrasse) gab es dann die Rettung: ein kleines Schild wies auf einen „Toy Shop“ hin. Die einzigen „Toys“, die es da gab waren Modellautos jeglicher Farbe und Größe. Warum haben wir das erst jetzt entdeckt?
Die Auswahl übebot bei weitem das, was der „Motorad-Opi“ tags zuvor in Valetta zu bieten hatte.
Alle guten Dinge sind drei, also wechselten drei Modelle den Besitzer. Ein wunderschöner Käfer-Cabrio mit Lufthansa-Lackierung, ein 59er Cadillac Cabrio und ein absolutes Highlight: Ein schneeweißer Borgward Isabella (Limousine). Zum Niederknien schön.
Hier konnte man so richtig schön stöbern, und auf einmal waren wir gar nicht mehr böse, dass unsere Damen sich im Modetempel festgefahren hatten.
Immerhin hatte Claudia dort zwei sehr schöne Hosen erstehen können, die ihr ausgezeichnet stehen.
Nach Ende unserer Einkaufsorgie beschlossen wir, nach Qawra zurückzukehren.
Zum Dinner wollten wir mal was Neues suchen und sind in einem sehr schönen Restaurant gelandet, da die Mehrheit Hunger auf Pizza hatte. Zur Abwechslung gab es mal kein „Pint of Local Beer“, sondern einen sehr schlönen Valpolicella, der ganz hervorragend war, wenn auch ca. ein halbes Grad zu warm. Dem allgemeinen Hang zur Pizza setzte ich mich mit einer lokalen Spezialität zur Wehr: Rabbit, Hase also. Äußerst schmackhaft, aber solche Viecher haben wirklich erbärmlich viele Knochen. Was soll’s, da muß man halt tapfer sein. Die Zeit, in der wir alles, was wir essen, vorher durch den Mixer geht, kommt früh genug.

10.05.08
Das Wetter schien eindeutig schlechter zu sein als in der Heimat. Getreu dem rheinischen Grundsatz „ett kütt, wie ett kütt“ (es kommt, wie es kommt) ließen wir uns dadurch die Laune nicht vermiesen. Heute stand ein Besuch der Hafenstadt Marsaxlokk auf dem Programm. Dazu mußten wir jedoch zunächst wieder nach Valetta, um dort umzusteigen.
Am Busbahnhof in Valetta schien gerade ein mittelschweres Chaos auszubrechen. Unser Bus fand nur unter massivem Einsatz der Hupe einen Standplatz.
Irgendwie herrschte ein gewisse Unruhe. Eine Einfallstrasse nach Valetta war gesperrt. In dieser Strasse postierte eine kleine Reiterstaffel mit Soldaten, die lustige Tropenhelme aufhatten.
Ca. 200 Meter dahinter stand ein schwarzer Schlitten, vermutlich ein Rolls Royce. Ob die wegen uns diesen ganzen Aufwand betrieben ?
Ralf fragte höflich einen Polizisten, ob die Queen in dem Rolls sitzt. Um Gottes Willen, es war der Präsident der Republik Malta, wurden wir belehrt.
Wie schön.
Auch schön ist es festzustellen, dass die Leute hier keinerlei Berührungsängste zu haben scheinen. Wir konnten uns bis auf wenige Meter der Präsidentenkalesche nähern und unsere Fotos machen, ohne dass wir von schwarz gekleideten Schiffschaukelbremsern höflich daran gehindert worden wären. Das nenne ich mal Volksnähe. Dann setzte sich der Troß in Richtung Innenstadt in Bewegung und alle Polizisten am Wegesrand machten fein Männchen. Sogleich war der Spuk vorbei und es schien wieder eine gewisse Normalität einzukehren.
Auf der anderen Seite des Platzes stand dann auch unser Bus nach Marsaxlokk. Die Fahrt dorthin schien unendlich lange zu dauern, was wohl daran lag, dass wir diese Strecke zum ersten Mal gefahren sind.
In der kleinen Hafenstadt angekommen, hatten wir gar keine andere Möglichkeit, als zuerst über den kleinen Markt am Hafen zu laufen. Es gab wunderschöne selbstgeklöppelte Tischdecken, die hätten sich gut auf meinem Gartentisch gemacht. Jedoch war mir dessen Durchmesser nicht bekannt, ich vermutete 1,40m, worauf die servile Verkäuferin antwortete, dass das Teil, das ich in der Hand hielt, zweifelsohne passen würde. Nun, sie hätte vermutlich auch gesagt, dass die Decke passen würde, wenn ich beabsichtigen würde, damit ein Marmeladenglas abzudecken.
Immerhin hatte sich der Trip nach Marsaxlokk gelohnt, denn dort fanden wir ein Modellauto des typischen Malta-Busses (in gelb, die in Gozo sind grau und früher waren die in Malta grün).
3,50 Euro war der bei weitem uns bekannte, niedrigste Preis für dieses putzige Spielzeug. Zieht man jedoch die Buskarte nach Marsaxlokk ab, haben wir vermutlich kein Geschäft gemacht.
Ausser einem kleinen Hafendrundgang, bei dem man viele putzige Fischerboote besichtigen konnte, gab es jedoch hier nicht viel zu holen.
Die schöne, alte Kirche des Ortes folgte der Sitte vieler deutscher Kirchen, sie war nämlich abgeschlossen. Da war es an der Zeit, den Rückweg nach Valetta anzutreten und es war an der Zeit, etwas für die Kultur zu tun. Zu diesem Zweck besuchten wir ein Museum in Valetta, welches uns über die Frühgeschichte der Insel aufklären sollte. 2,50 Euro Eintritt erschienen uns im Vergleich mit einheimischen Preisen äußerst günstig.
Nach dem gut 30-minütigen Rundgang kannten wir den Grund: Das Museum hatte lediglich die Hälfte der Größe der Damenoberbekleidung im KaDeWe in Berlin.
Da der Nachmittag bereits recht weit fortgeschritten war und es für weitere Museen zu spät war, haben wir noch einen ausgedehnten Schaufensterbummel unternommen. Bedauerlicherweise wurde der Himmel über Malta immer dunkler, was nicht an der Tageszeit lag, sondern am Aufziehen böser Regenwolken. Als wir im Bus Richtung Hotel saßen, begann es ziemlich heftig zu regnen.
Zum Abendessen wollten wir dann die Vorzüge eines großen Hotels nutzen. Auf der anderen Strassenseite befand sich eine Pizzeria, die man durch einen unterirdischen Gang vom Hotel aus trockenen Fußes erreichen konnte.
Die Bequemlichkeit hat jedoch ihren Preis in einer äußerst mittelmäßigen Lasagne. Sie konnte ihre Herkunft aus der Tiefkühltruhe nie ganz verleugnen und lief mir die ganze Nacht hinterher. Außerdem war das Lokal ziemlich laut. Andererseits liefen auf diversen Fernsehschirmen ganz hervorragende Musikvideos aus den späten 70er und frühen 80er Jahren. Aus irgendeinem kühlen Grunde war jedoch der Ton abgedreht, was ich überhaupt nicht komisch fand.

11.05.08
Der letzte Tag, Sonntag, Muttertag. Die Wetterlage hatte sich offensichtlich entspannt, wobei sie bei weitem nicht an die in der Heimat heranreichte.
Wie dem auch sei, wir beschlossen, an diesem Tag unseren Gutschein für eine Hafenrundfahrt einzulösen.
Zuvor besuchten wir jedoch in Valetta einen Trödelmarkt, der sich rund um die Stadtmauer drapierte. Es war ein sehr fortschrittlicher Trödelmarkt, denn bisweilen konnte man DVD’s finden, die bis dato noch nicht mal im Kino liefen. Man mußte zwar Abstriche bei der Qualität der Cover machen und Booklets gab’s wahrscheinlich auch nicht, aber es unterstrich den Fortschritt dieses Landes, zumindest auf diesem zweifelhaften Sektor.
Also peilten wir nach kurzem Aufenthalt auf dem Marktplatz unsere Hafenrundfahrt an. Dazu gingen wir an die Bucht von Marsamxett, da dort die Fähre nach Sliema ging, von wo aus der bereits bekannte Captain Morgan die Hafenrundfahrten machte.
Der Platz vor dem Fähranleger war wie leergefegt und nach kurzen Erkundigungen sahen wir uns mit der Tatsache konfrontiert, dass an diesem Sonntag sämtliche Fahrten nach Sliema storniert waren. Einzig eine alte Tür schwamm im Wasser vor dem Fähranleger. Ralf machte sogleich den Vorschlag, es zu versuchen, mit der Tür nach Sliema zu kommen. Also, wenn nix mehr geht, nehmt die Tür!
Es wäre ja auch zu schön gewesen. Den Gutschein habe ich übrigens immer noch im Portemonnaie, also, wer sich berufen für eine Hafenrundfahrt fühlt, kann sich bei mir melden; das Datum in dem Schein ist offen.
Immerhin hatte das Wetter ein Einsehen mit uns, den es wurde schlagartig sonnig, was uns zu der Idee verleitete, noch einige Stunden am Pool zu verbringen. Die Rechnung ging auf, wir wurden mit ca.2 Stunden Sonne belohnt, danach kamen dann wieder ein paar nicht so nette Wolken.
Der Rest der Siesta wurde dann spontan ins Hotelzimmer verlegt und ich hatte Gelgenheit, einen großen Teil von Lemmy’s „White Line Fever“ zu lesen. Eine adäquate Entschädigung für das Wetter, ich kann es nur immer wieder betonen.
Nach der Pleite mit der Pizzeria am Vortag wollten wir eine andere Pizzeria ausprobieren. Da sich auf die schnelle nix passendes fand, kehrten wir in dem Restaurant eines Nachbarhotels ein. Brav stellte sich der Kellner vor und sagte, „I’m from Hungary“. Gewiß, „we are hungry too“. Kleiner Scherz am Rande.
Die Lasagne war um Längen besser als am Vortag, aber immer noch nicht perfekt.

12.05.08
Abpfiff.
Da unser Flieger erst nach 17.00 Uhr ging und uns der Bus erst um 14.45 am Hotel aufpicken sollte, nutzten wir die Gelegenheit, uns endlich das „Malta Classic Car Museum“ anzuschauen. Wer glaubt, am letzten Urlaubstag kann man nichts mehr erleben, sieht sich hier ganz klar eines Besseren bestätigt.
Im Grunde hatten wir nicht viel erwartet, da es sich bei dem Museum um ein ganz ordinäres Wohnhaus handelte und die Ausstellungsräume sich im Keller befanden.
Man soll sich jedoch niemals von Äußerlichkeiten täuschen lassen, denn auf der halben Treppe merkten wir schon, welche Schatzkammer wir hier betreten würden. Von dort aus konnte man bereits ein lindgrünes Jaguar Cabriolet, E-Type natürlich, erkennen, und das in einem Zustand, der mich kurzzeitig in Erwägung ziehen ließ, den Rest der Treppe im Knien zurückzulegen.
Hier gibt es wahnsinnige Schätze zu bewundern, Jaguar, Lancia, Mercedes, Chevrolet und Ford (britisch und amerikanisch). Alle Fahrzeuge machten den äußerlichen Anschein, als ob sie gerade erst die Fabrik verlassen hätten. Zum Niederknien schön. Absolut unüblich für ein Museum war hier, dass man nach Herzenslust fotografieren konnte. Gott sei Dank hatte ich noch eine 1 Gigabyte Karte für meine Kamera im Gepäck, die sich am Ende des Besuches fast komplett gefüllt sah,
Dieses Museum ist eine absolute Empfehlung für alle Oldie-Fans. Der Eintrittspreis lag hier bei selbstbewußten 6 Euro, aber davon lohnt sich jeder Cent.
Nach einem kurzen Imbiss war dann der Zeitpunkt der Abreise gekommen. Auffällig pünktlich holte uns der Bus vom Hotel ab und brachte uns zum Flughafen, wobei der Busfahrer meiner Ansicht nach nicht unbedingt streckensicher war. Ich wäre vermutlich anders gefahren, aber ich bin auch kein ortskundiger, maltesicher Busfahrer.
Beim Einchecken passierte nichts Nennenswertes, außer dass ich versehentlich meine Sonnencreme im Rucksack gelassen habe. So etwas darf natürlich nicht sein, kann so eine Flüssigkeit doch hochkonzentrierten Sprengstoff enthalten. Wer glaubt, dass ein Beduine auf Dialyse in einer Felshöhle ein paar Studenten anstiftet, mit Teppichmessern ein Flugzeug zu kaperen, der glaubt auch daran. Was soll’s, ich sagte der Sicherheitsbeamtin: „Leave it for sunny days“. Irgendwie war die Dame ziemlich humorlos und hat sich noch nicht mal für das großzügige Geschenk bedankt. Dabei war die Creme wahnsinnig gut, Faktor 50. Bei meiner artkitschen Polarbräune ist das eben notwendig.
Bedingt durch die Tatsache, dass der Flieger nach Düsseldorf ging, waren, wie nicht anders zu erwarten, in erheblichem Ausmaß Deutsche Fluggäste an Bord. „Gott schütze mich vor Regen und vor Wind und vor Deutschen, die im Ausland sind“, heißt ein ziemlich zutreffendes Zitat. In der Reihe hinter mir saß ein Herr neben zwei alten Tanten und vermutlich hat er ihnen auf dem ganzen Flug die Ohren vollgejammert, dass er froh ist wieder zu Hause zu sein. Mir hat der Anfang der Konversation, bzw. des Monologes gereicht. Das Wetter wäre zu Hause ja um Längen besser und Maltesisch ist ja eine gar sonderbare Sprache. Da ich jedoch von Sprachen jeglicher Art begeistert bin, fand ich auch diese höchst interessant. Wenn man Grundkenntnisse in romanischen Sprachen und im Englischen hat ist das schon einmal die halbe Miete.
Ich überließ den Herren seiner Konversation und widmete mich meinem iPod, genauer gesagt „Pulse“ von Pink Floyd, live 1994 im Earl’s Court in London. Wer genau hinhört, der entdeckt sogar eine deutsche Stelle in „Another Brick In The Wall“. Wenn man sich aufs Äußerste, wirklich aufs Äußerste konzentriert, hört man im Refrain die Stelle „Hängt ihn, hängt ihn, hängt ihn, hängt ihn hoch unter’m Dach“*. Sehr mysteriös.
Der Flieger hatte beim Start schon zwanzig Minuten Verspätung, doch der Pilot hat ordentlich Gummi gegeben, so dass er zehn Minuten wieder rausholen konnte.
Beim Anflug auf das Düsseldorf hatte ich jedoch den Eindruck, dass der Pilot, wie bereits der Busfahrer zuvor, etwas ortsunkundig gewesen ist. Die Landung geriet etwas zur Achterbahnfahrt. Die Landung war jedoch ausgereift, wenn auch nicht so perfekt wie auf dem Hinflug.

Da waren wir nun wieder in der Heimat, den Koffer voller schmutziger Wäsche und den Kopf gefüllt mit schönen Erinnerungen.
Macht man ein paar Abstriche beim Komfort und vor allem beim Frühstück, kann man auf Malta einen sehr schönen Urlaub verbringen und sich prächtig erholen, was mit zunehmendem Alter augenscheinlich in der persönlichen Prioritätenliste einen immer größeren Stellenwert einnimt.
Wer einen Badeurlaub mit ordentlich Hully-Gully, viel Bier aus Eimern und ähnlichem Kinderkram bevorzugt, ist hier offensichtlich an der falschen Adrese und sollte andere Destinationen in Betracht ziehen.
Wer jedoch eine wunderbare Natur und alte Orte (und alte Autos und Busse natürlich) mag, der ist hier vorzüglich bedient.
Und wenn mal kein Schiff kommt, nehmt unbedingt die Tür.

*Das ist alles erstunken und erlogen, aber ich habe Euch jetzt beim Singen ertappt …

Donnerstag, 15. Mai 2008

Malta-Urlaub

Abgelegt unter: Tagebuch, Reisen — Juergen Langenberg @ 18:35

In meinem Bilderbuch gibt es schon einmal vorab ein paar Bilder von unserem Malta-Urlaub vom 2.5. bis 12.5.08.

Ein Reisebericht folgt in nicht absehbarer Kürze …

Freitag, 13. Juli 2007

Kalifornien

Abgelegt unter: Reisen, Kalifornien — Juergen Langenberg @ 13:29

Warum fliegt man im Winter, und dazu noch über Weihnachten und Silvester nach Kalifornien? Meistens hat so etwas familiäre Hintergründe. So auch bei uns. Claudia’s Eltern haben vor genau 50 Jahren in Ventura, Kalifornien geheiratet.

Grund genug, dort mit der ganzen Familie, die zu einem großen Teil dort ansässig ist, eine anständige Fiesta zu feiern. Diese war für den 28.12.2005 anberaumt.

17.12.2005

Wie immer, wenn es in die Ferne geht, beginnt die Reise in einem Dorf, nämlich dem Düsseldorf. Um kurz nach 6.00 Uhr ging es zuerst einmal mit der Lufthansa nach Frankfurt. Dort sollten wir gegen 14.00 Uhr einen Maschine der Air India entern, die uns nach Los Angeles fliegt. Doch wo findet man am „Fraport“, wie sich der Flughafen in Frankfurt neuerdings schimpft, den Air India-Schalter?

Aus unerklärlichen Gründen konnte uns das hochqualifizierte Flughafenpersonal leider keine ausreichende Auskunft geben. Also orientierten wir uns an den sorgfältig versteckten Hinweisschildern, die uns immerhin verrieten, dass wie eine Pilgerreise zu Terminal A unternehmen mussten.

Doch auch dort fanden wir keinen Air India Schalter. Nach gut 20-minütigem Durchfragen erfuhren wir, dass der Schalter erst gegen 11.00 Uhr öffnet. Also hatten wir genügend Zeit, um auf Claudia’s Eltern zu warten, mit denen wir zusammen fliegen solten und die mit einer Maschine aus München kommen sollten.

Kurz nach 11.00 Uhr checkten wir dann am Air India-Schalter ein. Von Claudia’s Eltern weit und breit keine Spur, aber das beunruhigte uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Gegen 12.00 Uhr spannten sich die Nerven dann etwas an. Eine Frage am Info-Schalter ergab, dass die Maschine aus München auf Grund der Witterungsverhältnisse Verspätung hatte. Also sind wir schon einmal ans Gate gegangen, wo schon die 747 der Air India zum Einsteigen bereit war.

Äußerlich machte der Flieger den Eindruck einer Leihgabe des Technikmuseums in Sinsheim, in dem unter anderem eine alte Concorde und eine noch ältere Tupolev ausgestellt sind. Von Claudia’s Eltern weiterhin immer noch keine Spur. Alle 5 Minuten fragten wir nach, ob sie schon am Schalter eingecheckt hatten. Negativ.

Schließlich bestiegen wir voller Sorgen als letzte die Maschine. Augenscheinlich hatten sie ihren Flug ab München verpasst. Aber wer wusste das schon. Leute, die ihre Goldene Hochzeit feiern sind im allgemeinen nicht mehr im jugendlichen Alter, da macht man sich schon gewisse Sorgen.

Der Flug verlief also in einer dementsprechend gedämpften Atmosphäre. Daran konnten auch die niveauvollen Bollywood-Filmkunstwerke an Bord der Air India nichts ändern. Wenigstens gab es etwas scharfes zu Essen.

Um 17.30 Uhr Ortszeit landeten wir dann auf dem Tom Bradley International Airport von Los Angeles. Nirgendwo anders habe ich es erlebt, dass die Einreiseformalitäten zügiger gingen als hier. Trotz eines aufgeblähten Ministeriums für Heimatschutz.

Claudia’s Vater war so freundlich, uns am Flughafen von Los Angeles einen Mietwagen zu reservieren. Leider hatte er die diesbezüglichen Unterlagen bei sich und leider war er nicht mit uns am Flugzeug. Das einzige, was wir wussten war, dass er über holidayauto.de reserviert hatte. Diese haben vor Ort eine bestimmte Autovermietung als Partner. Am Flughafen von Los Angeles gibt es gleich zwei Dutzend davon. Also irrten wir planlos umher. Ein freundlicher Flughafenangestellter half uns jedoch und meinte, wir sollten es bei Alamo versuchen. „Alle Deutschen mieten da ihre Autos …“.

Treffer. Wir hatten Glück; unsere Namen waren dort schon gespeichert und wir kamen ohne Probleme an ein Auto. Ein schneeweißer Chevrolet mit aller Ausstattung, die reinpaßt. Sehr gediegen.

Unser erstes Ziel waren Autn Josie und Uncle Gilbert in Ventura. Ein Anruf dort bestätigte unsere Vermutung: Claudias Eltern hatten schlicht und ergreifend den Flieger verpasst. Weil in Frankfurt niemand sagen konnte, wo die Air India abfliegt.

Nun waren wir doch sehr erleichtert und konnten mit unserem Auto losfahren. Vorbei am hell erleuchteten Sunset Boulevard auf den Ventura Freeway – was für eine Kulisse. Nach knapp 90 Minuten Fahrt hatten wir dann endlich unser Ziel erreicht, den Appian Way in Ventura. Wir konnten gerade noch einen Teller Pasta essen und sind dann hundemüde ins Bett gefallen.

Ein ereignisreicher Tag ging zu Ende.

18.12.2005

Auf Grund der Zeitumstellung sahen wir uns leider genötigt, bis 11.00 Uhr zu schlafen. Zur Feier des Tages gab es Pancakes zum Frühstück – ein Gedicht. Der amerikanische Kaffee ist nicht gerade dafür bekannt, dass er sehr erlesen ist. Aber bei Aunt Josie gab es Haselnut Cream, der diesen Kaffee in ein Gedicht verwandelt.

An diesem Tag war leider außer Essen keine weitere Aktivität angesagt. Am Nachmittag kamen Sirie, die Enkelin von Aunt Josie und Uncle Gilbert, mit ihrem Sohn Kadon vorbei. Später kamen noch Gina und ihr Freund Nick vorbei – das Unheil nahm seinen Lauf. Nick brachte nämlich eine gewaltige Portion Tamales mit. Bei Tamales darf man keine Gefangenen machen. Aufessen, bis nichts mehr da ist – das ist Pflicht!

Für die folgenden zwei Tage haben wir uns im Vagabond Inn einquartiert, unmittelbar an der Ventura Pier. Gegen 18.00 Uhr geleiteten uns Gina und Nick dorthin un wir bezogen unsere Zimmer. Wenig später fuhren wir dann wieder zu Aunt Josie und Uncle Gilbert, wo wir auch Claudia’s Eltern trafen. Gott sei Dank sind sie heil angekommen. Natürlich gab es erst einmal Abendessen. Lange, reichlich und gut.

19.12.2005

An diesem Tag mußten wir noch ein paar Besorgungen für die Goldene Hochzeit machen. Im Empfang des Hotels gab es ein Frühstücksbuffet mit einem „Continental Breakfast“. Würden wir hier auf dem Kontinent so frühstücken, wir wären ein Volk von Diabetikern.

Gott sei Dank war auf dem Hotelgelände ein Restaurant, wo es ein hervorragendes amerikanisches Frühstück gab. Heißer Kaffee, Würstchen und Bratkartoffel. Vergessen wir einen Moment unseren Cholesterinspiegel.

Anschließend hatte Claudia noch etwas zu erledigen und ich bewaffnete mich mit meinem iPod und machte an der Pier und am Strand einen ausgedehnten Spaziergang. „Take a jumbo, cross the water, like to see America …“ - Supertramp’s „Breakfast In America“ lieferte den perfekten Soundtrack.

Am Nachmittag fuhren wir mit Claudia’s Mutter zu Aunt Annie und Uncle Albert, die am anderen Ende von Ventura wohnt. Wenn man Englisch kann, ist das lange noch kein Garant dafür, daß man hier alles versteht. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich begriffen habe was „Leckföld“ bedeutet, wo Uncle Albert nach dem Krieg in Deutschland stationiert war. Lechfeld bei Augsburg …

Auf dem Rückweg fuhren wir ins „Pollo Loco“, einem Hähnchenschnellrestaurant in Ventura, um ein paar Federviecher fürs Abendessen zu holen. Die Teile waren schlicht der Hammer – alleine dafür lohnt der Weg nach Kalifornien!

20.12.2005

Der „Rest“ der in Europa ansässigen Familie sollte am 22.12., bzw. Am 23.12. anreisen. Auf dringendes Anraten von Gina und Nick nutzten wir die freien Tage bis dahin, um nach San Francisco zu fahren. Traumhaftes Wetter und Temperaturen um die 20 Grad erleichterten uns diese Entscheidung in erheblichem Maße. Wir verließen unser Zimmer im Vagabond Inn und brachten einen Großteil unseres Gepäcks zu Aunt Josie und Uncle Gilbert.

Dann ging’s los, ab auf den Freeway, vorbei an solch berühmten Orten wie Santa Barbara, Salinas, Cupertino (hallo iPod) und Silicon Valley. Die Fahrt nach San Francisco beansprucht gut und gerne 6 Stunden von Ventura aus. Kurz vor San Francisco machten wir noch Rast in einem verschlafenen Kaff und haben Burritos gegessen. Hätten wir es mal gelassen: Die Burritos haben mir am nächsten Morgen noch gesagt, dass ich besser die Finger davon gelassen hätte.

Nach dem „Abendessen“ reservierte Claudia für uns ein Hotel auf der ehrwürdigen Lombard Street. Ehe wir uns versehen hatten, waren wir auch schon an der Lombard Street in San Francisco. Allerdings am falschen Ende, weil wir bis an die Bay hinunter gefahren sind und das Hotel quasi „über den Berg“ lag. Nun ist es müßig in Betracht zu ziehen, man könne die Lombard Street einfach hinauf fahren. Einbahnstraße. Und rings herum ebenfalls ein enges Geflecht sorgfältig ausgewählter ebensolcher Einbahnstraßen. Vorbei an Vorzeigespielhöllen- und Bordellen der Stadt sind wir dann doch relativ schnell an unser Hotel gekommen.

21.12.2005

Ein Blick aus dem Fenster ließ mich Schlimmes erahnen. Habe ich das alles nur geträumt und wache ich jetzt im winterlichen Neuss auf? Alles grau in grau und Nieselregen. Egal. Auch wolkenverhangen hat San Francisco seine Reize.

„Continental Breakfast“ hatte man uns am Abend zuvor angedroht. Unser schlimmsten Befürchtungen wurden war, aber immerhin gab’s Donuts! Für das „richtige“ Frühstück gingen wir ein paar Blocks die Lombard Street hinauf in ein kleines unscheinbares Restaurant. Sofort umgarnte uns der Besitzer. „Ihr riecht wie Deutsche“, sagte er. Aha. Und wie riechen Deutsche? „Always good, very special. I love Germany“, schwärmte er weiter. Der Herr war Ägypter und lebte eine Zeit lang in München. Von dort wollte er in die USA ausreisen, hat jedoch unglücklicherweise seine ganzen Dokumente und sein Geld verloren. In New York wendete er sich dann an die Deutsche Bank. Und siehe da, Josef Ackermanns Truppe hat es geschafft, ihm Geld und Dokumente wiederzubeschaffen. Das ist der Stoff, aus dem Filme gemacht werden und aus dem Helden entstehen.

Anschließend gingen wir die Lombard Street hinunter bis zur Fisherman’s Wharf. Vom höchsten Punkt der Lombard Street hat man einen wunderschönen Ausblick auf die Stadt und auf die Gefängnisinsel Alcatraz. Das Treiben im Hafen schien noch nicht recht in Gang gekommen zu sein, worauf wir beschlossen, eine Schiffsrundfahrt durch die Bucht zu machen. Vorbei an der Insel Alcatraz ging es bis unter die Golden Gate Bridge. Leider war es so wolkenverhangen, dass man nicht bis zur Spitze der Brücke schauen konnte. Der Klang der Nebelhörner an der Brücke erzeugte jedoch bei diesem ausgesprochenen Sauwetter genau die richtige Atmosphäre. Pflichtgemäß tuckerte der Kapitän uns dann noch bis zur Bay Bridge und setze uns anschließend wieder an der Fisherman’s Wharf ab.

Nach einem kurzen Lunch im lokalen Hardrock Café mit einem gewaltigen Berg Nachos ging es weiter zur nächstliegenden Cable Car Station. Von dort fuhr uns dieses antiquierte Stück Straßenbahn nach Chinatown. Hier gibt es alle möglichen und unmöglichen Souvenirs Asiens zu kaufen, doch eine 2 Meter hohe Buddha-Statue macht sich schlecht im Reisegepäck auf interkontinentalen Flügen. Also waren etwas praktischere Dinge gefragt.

Da sich die Batterie meiner Videokamera bald dem Ende neigte, lag also nichts näher, als eine Zusatzbatterie zu erwerben. In einem Laden mit haufenweise elektronischem Zeugs wurde ich dann fündig, natürlich zu einem absolut individuellen Spezialpreis. Ein für China-Town typischer Verkäufer lateinamerikanischer Herkunft empfahl mir dann noch wärmstens ein zusätzliches Objektiv für meine Kamera mit einem Weitwinkel von nahezu 360 Grad und einem weltraumteleskopartigen Zoom, mit der Batterie zusammen selbstredend zu einem noch individuelleren Spezialpreis. Für 200$ wechselte der Kram zügigst seinen Besitzer und was soll ich sagen, alles funktioniert bis heute absolut prima. Dem Verkäufer schulde ich übrigens bis heute noch eine Postkarte aus „Dschörmanie“, für das Versrpechen konnte ich nochmals 20$ aus dem Kreuz leiern.

Später am Abend besuchten wir noch das Kaufhaus Macy’s mit seinem unfassbaren Warenangebot. Verlockender war jedoch der Hinweis, dass es in der Cafeteria Käsekuchen gab. Also nix wie hinauf mit dem Fahrstuhl in die oberste Etage zu der verheißungsvollen Kuchenstätte. Der Schock folgte auf dem Fuße: Ein Andrang wie in den DDR-seligen Intershops und eine Luft wie im Pumakäfig. Das ist nix für Vater’s Sohn mit seinen klaustrophobischen Neigungen. Also ging’s mit dem gleichen Fahrstuhl wieder abwärts.

Da der Regen immer schlimmer wurde, traten wir mit der Cable Car unseren Heimweg an, nicht ohne ein paar schöne Aufnahmen vom nächtlichen San Francisco zu machen. Im Hotel angekommen, vielen wir todmüde ins Bett.

22.12.2005

Der folgende Tag brachte wettermäßig nichts neues. Der Himmel der Stadt an der Bucht gab sich äußerst zugeknöpft.. Was noch fehlte war das Foto vom Alamo-Square mit seinen viktorianischen Häusern, welches in San Francisco so ziemlich jede Kitschpostkarte ziert und eine Fahrt über die Golden Gate Bridge. Anschließend machten wir noch eine Fahrt um die ganze regenschwangere Bucht bis Oakland und von dort über die Bay Bridge wieder zurück und dann nach Süden Richtung Los Angeles.

Irgendwann, so dachten wir, muss dieser Regen doch einmal aufhören. In der Nähe der Geburtsstätte meines geliebten iPods, in Cupertino, wurde es allmählich etwas freundlicher. Nach einer kurzen Rast in einem ziemlich schlechten „Subway“ beschlossen wir, in Richtung Monterrey zu fahren, um dort dem sagenumwobenen Highway 1 nach Süden zu folgen. Diesen Entschluss quittierte das Wetter jedoch mit prompter Eintrübung und unvermittelt einsetzendem Regen.

Die Fahrt auf dem Highway 1 glich dann auch eher einem Blindflug denn einem Erlebnis. Streckenweise konnte man vor lauter Nebel nicht die Hand vor Augen sehen. Immerhin konnte man bei (gezwungenermaßen) langsamer Fahrt und geöffneten Seitenscheiben das aurale Erlebnis des rauschenden Pazifik geniessen.

Versöhnlich stimmte uns dann wieder eine in typisch dezentem amerikanischen Weihnachtsschmuck gehaltene Raststätte am Highway 1, die unweigerlich Erinnerungen an Ike Godsey’s Gemischtwarenladen mit Poststation und Tankstelle in Walton’s Mountain hervorrief. Schön, dass es solche Kleinode noch gibt. Um Mitternacht trafen wir schließlich in unserem Hotel in Ventura ein.

23.12.2005

An diesem Tag sollte der „Rest“ von Claudias Familie in Los Angeles eintreffen. Zuvor bezogen wir noch unsere Zimmer im gediegenen „Clocktower Inn“ auf der East Santa Clara Street in Ventura. In diese Herberge luden Claudias Eltern für das Weihnachtsfest und die anstehende Goldhochzeit die gesamte Familie ein. Wie dieses Hotel habe ich mir immer das von den Eagles besungene „Hotel California“ vorgestellt. Claudias Vater und ich übernahmen den Transfer der Familie vom Flughafen nach Ventura. Verteilt auf zwei Maschinen der kommoden „Air India“ waren dann alle gegen 16.00 Uhr zusammen. Am Abend schließlich trafen wir uns alle im Haus von Aunt Josie und Uncle Gilbert.

24.12.2005

Heiligabend. Anders als sonst. Warm, sonnig, Shopping.

Einer ausgedehnten Einkaufstour in der Plaza von Ventura folgte ein schöner Spaziergang auf dem Ventura Pier mit leichtem Hochnebel über dem Küstenstreifen und milden 25 Grad. Gekrönt wurde der Nachmittag mit ziemlich genialen Burritos bei einem lokalen Mexikaner, der leider gegen 16.00 Uhr unvermittelt seine Lokalität schließen wollten. Na ja, es ist halt Weihnachten, „than have a god one“ - der lokale Weihnachtsgruß bar jeder religiösen Anspielungen.

Gegen Abend versammelten wir uns dann alle im italienischen Restaurant des „Clocktower Inn“ in Ventura. Sofort schallte uns ein alteuropäisches „Benvenuti“ entgegen, echte Italiener waren hier also am Werk. Das Dinner war hervorragend, jedoch wurde die Freude im Anschluß etwas getrübt. Wie gewöhnlich orderte ich nach dem Essen einen Espresso. „Sorry, we don’t have Espresso, do you like a Capuccino“, flötete die an Jahren junge Kaltmammsel. Autsch. Capuccino ist ein Frühstücksgetränk, solche Fragen sollten bei einem „richtigen“ Italiener unbedingt ausbleiben. Aber man kann nicht alles haben und das Leben ist kein Ponyhof.

25.12.2005

Unverändert mildes kalifornisches Winterwetter, will heißen , um die 25 Grad Außentemperatur und ein sonniger Himmel. Ideal für einen ausgedehnten Strandspaziergang mit der ganzen Familie. Zur Weihnachtszeit verliert auch der hektische amerikanische Alltag etwas an Dynamik, was richtige Urlaubsstimmung aufkommen ließ.

Den Nachmittag verbrachten wir mit Claudia’s Cousin Bobby und dessen Sohn Amadeo in einem typischen amerikanischen Restaurant der Kette Denny’s. Bis dato ungeschlagen bleibt der „Hot Fudge Brownie“ mit kanonkugelgroßem Vanilleeis und mindestens einem Hekotliter klebrigster Schokladensauce.

Anschließend besuchten wir den Friedhof auf dem Claudias Großeltern mütterlicherseits begraben sind. Selbstredend fuhren wir mit dem Wagen bis an die Grabstelle.

Zur Dämmerung gegen 17.00 Uhr machten wir noch einen kleinen Ausflug in den Yachthafen von Ventura, der mit seinen weihnachtlich geschmückten Booten und Yachten ein stimmungsvolles Bild bot.

Gegen Abend traf sich dann unsere ganze Familie bei Aunt Josie und Uncle Gilbert, wo deren Kinder, Enkel und Urenkel ebenfalls anwesend waren.

26.12.2005

An diesem Tag feierten wir den Geburtstag von Claudia’s Uncle Tony. Am Morgen gegen 9.00 Uhr brachen wir zu ihm nach Arroyo Grande, südlich von San Luis Obispo, auf. Nach einem gemeinsamen Brunch feierten wir in einem Clubhaus in der Siedlung, in der Uncle Tony und Aunt Betty leben bis in den Abend hinein und sahen über den Hügeln von Arroyo Grande einen wunderschönen „Californian Sunset“.

27.12.2005

„Yeah, … let’s go to the beach“. Was ist hipper als Venice Beach in Los Angeles. Nicht viel.

Als nichts wie hin. Die anfängliche Bewölkung wich einem strahlenden Sonnentag. Wir genossen den Strand und fuhren eine Stunde lang mit einem Beachcruiser (für Daheimgeblieben: Strandfahrrad) den berühmten Ocean Front Walk entlang. Hier gibt es die kuriosesten Leute und Läden. Besonders angetan waren wir von einem Geschäft mit knallbunten, gewaltigen Sonnenbrillen. Fast glaubte man, Liberace biegt gleich um die Ecke und probiert ein paar dieser Exemplare an.

Nach einem sukkulenten Burger-Mahl war es dann soweit: Gone Hollywood. Ab in die Stadt der Träume.

Routenplanungstechnisch perfekt mit einem Taschenreiseführer vom ADAC ausgestattet, traten wir die Suche nach dem berühmten Walk of Fame auf dem Hollywood Boulevard an. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Noch hoffnungsloser ist es jedoch, in den USA irgendjemanden nach dem Weg zu fragen. Reine Zeitverschwendung. „Hollywood Boulevard? Never heard“, bekamen wir in einem Fastfood-Restaurant zu hören, was von auffällig vielen Menschen mit offensichtlich jüdischer Religionszugehörigkeit frequentiert wurde. War wohl koscher. Eine ziemlich heruntergekommene Frau auf dem Parkplatz dieses Gourmet-Tempels erklärte uns schließlich den Weg, nicht jedoch ohne den Hinweis, dass die nächste Auskunft nur gegen einen Becher Kaffee erfolgen sollte.

Nach ein paar Minuten und einem Häuserblock weiter waren wir dann am Ziel, dem Hollywood Boulevard. Wir parkten ganze in der Nähe des legendären Gebäudes von Capitol Records, welches jahreszeitgemäß mit einem dezenten Weihnachtsbaum geschmückt war.

Vorbei an Läden, die abwechselnd die Bezeichnung kultig und sonderbar trugen, vorbei an der Scientology Zentrale und vorbei an Kinos, die längst bessere Zeiten sahen erreichten wir den Walk of Fame mit dem weltberühmten Mann’s Chinese Theatre und das benachbarte Kodak Centre, in dem alljährlich diese kleinen goldenen Tropäen namens Oscar verteilt werden.

Alles lebt hier vom Glanz längst vergangener Zeiten; Elvis, James Dean, die Monroe und Spider Man animieren hier für ein paar Dollar die Touristen und sind vor allem Fotodekoration für Menschen aus dem Land der aufgehenden Sonne mit scheckkartengroßen Digitalkameras. Sogar Rambo mit einer überlebensgroßen Maschinenkanone patrouilliert hier.

Immerhin kam Heimatgfühl am Boulevard der Träume auf. Ein Schwarzer gab eine Breakdance-Einlage zu dem Kraftwerk-Titel „Nummern“ aus dem Jahr 1982. Technokratische deutsche Musik aus dem alten Europa als stilprägendes Element in der neuen Welt. Vergessen wir für ein paar Minuten die geistige Diarrhoe des Herrn Rumsfeld und genießen diese musikalische und tänzerische Symbiose der Kulturen. Wieder hat es mich ein wenig mit stolz erfüllt, dass diese stilprägenden Musiker ihre Werke nur ein paar Kilometer von meiner Heimatstadt ersonnen haben.

Nun gehört zu jedem Hollywood-Besuch mindestens ein Foto des berühmten Schriftzuges in den Hollywood Hills. Besonders toll soll es sein, wenn dieser des Nachts von den grellen Lichtern angestrahlt wird. Doch wie gelangt man in Reichweite dieses begehrten Fotoobjektes. Einen besonderen Blick soll man vom Griffith Observatory dorthin haben. Dort wurden auch einige berühmte Szenen aus „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean gedreht. „Holy ground“ also.

Doch wieder einmal schien kein einziger Einwohner Hollywoods auch nur einen Hauch der Ahnung zu haben, wo sich dieses berühmte Observatorium befindet, geschweige denn, wie man dort hinkommt. Ein probates Mittel, das auch in der neuen Welt hilft ist, an einer Tankstelle nachzufragen. Ebenfalls Fehlanzeige. Immerhin wies uns der Tankwart den Weg in die Hollywood Hills. Den Zahn mit dem Foto des beleuchteten Hollywood-Schriftzuges zog er uns jedoch sofort. Die Lichter sind zur Zeit abgeschaltet. Eigentlich war es vermessen, etwas anderes zu erwarten. Trotzdem sind wir in die Nähe des Schriftzuges gekommen und sind durch verwinkelte Straßen und traumhaften Villen vorbeigefahren. Ein Bild für das Fotoalbum für die Lieben daheim gab es nicht, weil es bereits stockdunkel war.

Wie auch immer, wir haben wenigstens ein paar Umrisse gesehen. Müde vom Tag und vom Erlebten traten wir die Heimreise über den Ventura Freeway, vorbei am Sunset Boulevard und am Mulholland Drive nach Ventura an.

28.12.2005

Der große Tag. Die Goldhochzeit von Claudia’s Eltern. „It never rains in Southern California“ war an diesem Tag wieder mal eine unbewiesene Behauptung. Leichter Sprühregen begleitete uns in die Missonskirche von Ventura.

Irgendein Beten wurde vermutlich vom kalifornischen Wettergott erhört und zum abschließenden Gruppenfoto vor der Kirche gesellte sich auch die Sonne zu uns. Anschließend ging es zum Empfang mit folgendem Lunch zurück ins wenige Meter entfernte „Clocktower Inn“.

Am Nachmittag folgte eine Erholungspause und gegen 18.00 Uhr begann das Dinner. Mit viel Musik und ein paar sorgfältig vorbereiteten Showeinlagen zu Ehren des Jubelpaares bis in die Nacht hinen klang dieser schöne Tag aus.

29.12.2005

An diesem Tag mussten wir das gastliche „Clocktower Inn“ leider verlassen, der „offizielle Teil“ der Reise war zu Ende. Claudia’s Bruder musste leider wieder abreisen und wir begleiteten ihn nach Los Angeles. Wir nahmen den Freeway über Santa Clarita und Glendale nach L.A., der wesentlich reizvoller als der Ventura Freeway ist. Das Auge ißt schließlich mit.

Unser nächstes Ziel war El Monte R.V. Rental in Santa Fe Springs/Los Angeles. Dort standen für unsere Familie drei Wohnmobile bereit, mit denen wir in der folgenden Woche Südkalifornien erkunden wollten. Die Gefährte waren sehr komfortabel und begrüßten uns beim Starten mit dem herzlichen Grollen aus acht Zylindern. Benzinmotor selbsverständlich. Die hatten Hubraum, die hatten PS, die hatten alles. Somit war beim Blick in das Cockpit natürlich äußerste Vorsicht geboten um den Sekundenzeiger der Zeituhr nicht mit der Tankanzeige zu verwechseln. Nach dem Einräumen des Gepäcks und der Ausrüstung und nach ausführlicher Unterweisung durch einen hollywoodgleichen Lehrfilm über das Fahrzeug ging es los: „Go West, to the open skies“.

Erstes Ziel war Anaheim südlich von Los Angeles, die Heimat des sagenumwobenen Disneyland. Ein Lebensziel der mitgereisten Kinder. Nur mit viel Glück haben wir einen Platz für 3 Wohnmobile bekommen. Die Weihnachtszeit ist auch bei unseren amerikanischen Freunden Reisezeit.

30.12.2005

Die ganze Familie mit Ausnahme einiger Unbelehrbarer war bereit für Disneyland. Die Unbelehrbaren waren Claudia, ihre Schwester, ihre Nichte und meine Wenigkeit. Wir zogen es vor, uns Los Angeles anzuschauen. Wir beabsichtigten, mit dem Zug in die Stadt der Engel zu reisen. Kein leichtes Unterfangen für verkehrsverbundverwöhnte Mitteleuropäer.

Im nahe gelegenen Fullerton befand sich ein Bahnhof. Ich war der irrigen Ansicht, man könne dort mit einem Nahverkehrsexpress nach L.A. fahren. Weit gefehlt, dieser Express bedient nur morgens und abends die Rush-Hour. Also mussten wir den „Surfliner“ der Bahngesellschaft Amtrak nehmen. Dieser fährt jedoch annähernd nur alle sieben Pfingsten, so dass wir in Fullerton bereits anderthalb Stunden außerplanmäßigen Aufenthalt hatten.

Aus „security reasons“ gab es das Bahnticket nur gegen Vorlage des Reisepasses, für uns Europäer sehr seltsam.

Dann grollte das dieselbetriebene Schienengefährt in den Banhof. Vom Interieur her erinnerte der „Surfliner“ in etwa dem vor mehr als 30 Jahren ausgemusterten Trans-Europ-Express der Deutschen Bundesbahn; die Geschwindigkeit entsprach in etwa einer mittelmäßig erhaltenen, Ostberliner Straßenbahn. Oft hatte man den Eindruck, dem Dieselaggregat würde jeden Moment die Puste ausgehen.

Nach ca. 1 Stunde fahrt erreichten wir dann die Union Station in Los Angeles. Ein wirklich sehr sehenswerter Bahnhof. Erster Anlaufpunkt war die Olvera Street mit dem Avila Adobe, dem ältesten Haus von Los Angeles, um das herum sich ein wunderschöner mexikanischer Markt drapierte. Stilechte Tortillas mit jeder Menge scharfen Ingredenzien machten uns den Aufenthalt sehr angenehm und stillten den Hunger auf das Angenehmste.

Vorbei an der Missionskirche gingen wir zu der von Frank Gehry erbauten Walt Disney Concert Hall, einem architektonischen Meisterwerk. Zwischen den Häuserschluchten von Downtown L.A. gab es wieder diesen famosen „Californian Sunset“.

Vielmehr sehenswertes gibt es in Downtown L.A. leider nicht und wir traten mit dem „Surfliner“ wieder die Heimreise nach Fullerton an. Von dort erlaubten wir uns den Luxus eines Taxis zurück zum Campingplatz nach Anaheim, freilich nicht ohne dem Taxifahrer den Weg dorthin zu erklären. Hätten wir ihn so fahren lassen, wie er es wollte, so wären wären wir vermutlich in Las Vegas oder in Chicago gelandet, aber mit Sicherheit nicht auf „unserem“ Campingplatz.

31.12.2005

Der letzte Tag des Jahres, unrasiert und fern der Heimat. Unser nächstes Ziel war ein Campingplatz an der Mission Bay in San Diego, etwa 4 Autostunden von Anaheim entfernt. Wieder einmal versank Südkalifornien im Regen. Gegen Abend erreichten wir dann unser Ziel an der Mission Bay.

Am späteren Abend trafen wir uns dann mit Claudia’s Eltern um den letzten Tag des Jahres gemeinsam zu vergringen. Das Sylvesterdinner fand in einem örtlichen Denny’s Restaurant statt, freilich nicht ohne den unerreichten Hot Fudge Brownie zum Nachtisch. Anschließend ging es zurück zum „Campground on the bay“, welches für den Sylvesterabend ein atemberaubendes Höhenfeuerwerk verprach.

Gegen Mitternacht versammelte sich der gesamte Campingplatz an der Bucht, um das angekündigte Spektakel zu bewundern. Auf einem Boot ca. 100 Meter vom Ufer entfernt brach das Feuerwerk pünktlich los. Nach ca. 10 Raketen war der Reigen plötzlich zu Ende. Nach ca. 15 Minuten folgte der zweite Teil der gigantischen Pyromanie. Wieder ca. 10 Raketen. Danach Ende, Happy new year, felíz año nuevo, gute Nacht.

Selten haben wir uns so amüsiert – es war mit Abstand das kürzeste Feuerwerk meines Lebens und das hier, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Maßlose Enttäuschung machte sich breit. Im Stillen hatten wir mit Tivoli-Lichterspielen gerechnet, die Nero zu einem Waisenknaben machen würden. Aber da war wohl der Wunsch der Vater des Gedanken. Willkommen im Land der unbegrenzten Widersprüche.

Egal, ob es nun ein bengalisches Feuerwerk war oder ein paar Ladykracher waren, Claudia und ich durften eines unserer ungewöhnlichsten Sylvesterabende zusammen verbringen und nur das zählt.

01.01.2006

Happy new year, felíz año nuevo, frohes neues Jahr, welcome ‘06. Ein Shuttle-Bus des Campingplatzes brachte uns nach San Diego, Old Town. Old ist hier ja nichts wirklich, zumindest nicht in unseren Augen. Was sind schon 120 Jahre. Ein Wimpernschlag in der Zeitgeschichte des geliebten Rheinlandes.

Von Old Town aus machten wir in den originellen Trolly-Bussen eine Stadtrundfahrt durch San Diego. Vorbei am Flugzeugträger USS Midway erreichten wir das berühmte Gaslamp Quarter, das Amüsierviertel von San Diego. Lunchtime in Jim Croce’s Restaurant. Sehr empfehlenswert.

Danach setzten wir unsere Stadtrundfahrt fort, hinaus nach Coronado Island. Dort befindet sich das bekannte Hotel del Coronado, in dem Größen wie Frank Sinatra logierten und Billy Wilder „Manche mögen’s heiß“ drehte. Leider blieb uns keine Zeit zum Aussteigen. Endpunkt der Rundfahrt war wieder Old Town, wo wir noch einen mexikanischen Markt besuchten.

02.01.2006

Strengste Geschlechtertrennung. Die Damen frönten dem Einkaufen - „shop ’til you drop. Die Herren samt Kindern beschlossen, die USS Midway zu besichtigen, freilich nicht ohne vorherige Sicherheitskontrolle.

Dieser Flugzeugträger war im Koreakrieg eingesetzt und dient nun als Museumsschiff. Highlight war zweifelsohne ein Flugsimulator, der der Wirklichkeit erstaunlich nahe kam. Achterbahnartig durchflog man irakische Schluchten, jagte irakische Schurken und bombardierte irakische Stellungen. Wir hatten damals beim Bund auch kein Feindbild, aber der Angriff kam immer aus Richtung Osten.

Im Anschluss an unsere Besichtigung und der Teilnahme an der Koalition der Willigen trafen wir unsere Frauen in der Horton Plaza, einem knall bunten Konsumtempel. Der Regen meinte es zu diesem Zeitpunkt wieder besonders gut mit uns. Es stellte sich die Frage nach dem weiteren Tagesablauf, was angesichts des Niederschlages wenig Alternativen offen ließ.

Ich erinnerte Claudia’s Schwager daran, dass er unbedingt in Coronado Island einen Sonnenuntergang sehen wollte und stellte zu Disposition, nach dort aufzubrechen. Dieser Vorschlag diente angesichts des Wetters der allgemeinen Erheiterung und brachte mir das ein oder andere mitleidige Schmunzeln entegegen. „Wenn wir da sind, dann gibt’s für uns auch einen Sonnenuntergang“, sagte ich, was den Grad der Erheiterung steigerte. Trotzdem sind wir geschlossen nach Coronado aufgebrochen.

Als wir dort ankamen, gab es, wie versprochen, unseren Sonnenuntergang. Hab ich doch gleich gesagt, aber mir wollte ja keiner glauben.

03.01.2006

Wieder Aufbruchstimmung. Nicht jedoch ohne ein angemessenes Frühstück mit Claudia’s göttlichen Pancakes. Der Geruch dieser Pancakes ließ jedenfalls die Sonne zum Vorschein kommen. Da sieht man wieder einmal, zu was Frauen alles anrichten können.

Unser heutiges Ziel war der Anza Borrego Desert State Park, ca. 5 Autostunden von San Diego ins Landesinnere entfernt. Es war eine malerische Fahrt dorthin. Ein kleine Rast, um die nötigen Einkäufe für die am Abend geplanten Hot Dogs fanden im weltberühmten Städtchen Julian statt. Dort hatte man den Eindruck, als ob die Zeit stehen geblieben ist und dass jeden Moment Matt Dillon aus dem Saloon gestolpert kommt. Wilder Westen inklusive.

Nach einer weiteren Stunde fahrt auf einer menschenleeren Wüstenstraße erreichten wir Agua Caliente Hot Springs, ein Campingplatz mitten in der Wüste im Schatten einer kleinen Bergkette. Selbstverständlich mit geheiztem Schwimmbad, es war ja schließlich Winter. Unsere Frauen schafften es, scheinbar aus dem Nichts die wunderbarsten Hot Dogs zu zaubern, die es auf diesem Planeten gibt. Der Abend klang gemütlich aus und Ritas Kassette mit den Country-Schinken musste ein erhebliches Maß an Überstunden leisten. „Like a Rhinestone Cowboy“, Wildwestromantik pur.

04.01.2006

Um Punkt sieben Uhr morgens erfolgte der Weckruf. Claudia’s Schwager und ich wollten den nahe gelegenen Berg besteigen. Als wir starteten, war es saukalt – 15 Minuten später brannte die Sonne bereits erbarmungslos auf unser greises Haupt. So ist’s eben in der Wüste.

Der beschwerliche Aufstieg belohnte uns jedoch mit einem unvergesslichen Ausblick über die weite Wüstenlandschaft des Anza Borrego Desert State Parks. Unsere Campingbusse nahmen unterdessen die Gestalt von Miniaturmodellen an. Bei unserem Abstieg wurden wir dann Zeuge südkalifornischer Reinlichkeit. Pünktlich um 9.00 Uhr reinigte eine Kehrmaschine die Sandpisten des Campingplatzes. Ein surreales Bild.

Nach unserem Abstieg setzten wir unsere Reise fort und programmierten die Zielkoordinaten auf den Joshua Tree National Park. Nach stundenlanger Fahrt durch eine grandiose Landschaft erreichten wir am Nachmittag den Eingang zum Joshua Tree National Park. Da der Tag langsam begann, sich dem Ende zu neigen, hatten wir nur Zeit für ein Gruppenfoto am White Tank Monument und ein kurzen Spaziergang am Barker’s Dam, einem kleinen See mitten in der Wüste.

Nun war es Zeit, unser Nachtquartier in Yucca Valley aufzusuchen. Auf Grund der Reisezeit reservierten wir natürlich wieder den Campingplatz. „Enough space for you“, hieß bei der Reservierung lediglich. Was auch nicht weiter verwunderlich war, verfügte der Campingplatz lediglich über zwei Plätze mit Stromanschluss. Diese befanden sich jedoch noch in einer Art „Erprobungsphase“ und waren nicht zugänglich. Am schlimmsten wog hier, dass ich meinen iPod und meine Videokamera nicht aufladen konnte. Alles andere war und ist entbehrlich. Aus der Not machten wir jedoch eine Tugend und entzündeten ein Lagerfeuer, was an Leuchtkraft das Feuerwerk an der Mission Bay bei weitem übertraf und den Kindern die Möglichkeit eröffnete, Marsh-Mellows zu machen.

05.01.2006

Dieser Tag führte uns nach Palm Desert in der Nähe von Palm Springs. Dort wohnt eine Bekannte von Claudia’s Eltern, die sich freundlicherweise anbot uns durch „The Living Desert“, einen Wüstenzoo, zu führen. Auffallend ist, das Palm Desert voll und ganz auf die Bedürfnisse von Rentnern zugeschnitten ist. Anstatt Radwegen gab es Wege für Golfkarren. Vermutlich haben wir mit unserer Reisegruppe beim Befahren der Stadt den Altersdurchschnitt mit unserem statistischen Alter von 40 Jahren um Lichtjahre nach oben katapultiert. „The Living Desert“ bot reichlich Interessantes aus der Wüstenwelt und ein Tierkrankenhaus, das so manchem Humanmediziner den Neid in die Augen treiben würde.

Am frühen Nachmittag brachen wir zu unserem letzten Ziel auf, einem Campingplatz in Pomona, einem Vorort von Los Angeles. Einkaufsmäßig sind unsere Frauen in den letzten Tagen eindeutig zu kurz gekommen. Nächster planmäßiger Halt war ein Outlet-Center zwischen Palm Springs und San Bernadino, der sich jedoch mit einem Aufenthalt von knapp zwei Stunden für uns Männer relativ human gestaltete.

Im Angesicht des Endes der Reise machte sich eine etwas gedrückte Stimmung breit. Die vergangenen Tage waren ein wirkliches Erlebnis gewesen und mussten erst einmal adäquat verarbeitet werden.

06.01.2006

Final Lap. Letzte Runde.

Am Morgen machten wir unsere Campingbusse startklar und brachen Richtung Los Angeles auf, da wir bis zum Mittag unsere rollenden Blechkisten bei El Monte abgeben mussten. Die hochfrequentierten Freeways machten diese Fahrt zu einer nervenaufreibenden Punktlandung. Ein Bus von El Monte sollte uns zum Flughafen am anderen Ende der Stadt nach Inglewood bringen. Gott sei Dank waren wir die einzigen Fahrgäste, so dass der Bus auf uns wartete.

Am Tom Bradley International Airport hatten wir dann eine Menge Zeit, da unser Flug erst für 19.00 „geschedult“ war, wie es neudeutsch heißt. Es war genug Zeit für ein größeres Quantum Donuts und den Einkauf zollfreier Tabakwaren.

An der Sicherheitskontrolle nötigte man mich, mein Feuerzeug abzugeben. Neben meinem iPod und den Zigaretten ein Utensil, welches ich eigentlich grundsätzlich nicht aus der Hand gebe. Aber was tut man nicht alles für die Flugsicherheit in Zeiten wie diesen. Etwas unschön war noch der Verlust der Uhr von Claudia’s Neffen bei der Zollkontrolle. Die Sicherheitsbediensteten meinten nur, das dieser Verlust wohl sehr schicksalhaft sei. Das Ding war zwar nichts wert, aber hier geht es ums Prinzip. Ebenfalls willkürlich wurde die Nichte von Claudia kontrolliert, oder besser gesagt, schikaniert. Ein terroristischer Hintergrund wurde vermutet, als man in einer ihrer Cremes auf der Ingredenzienliste etwas von Nitroglyzerin fand. War hier der europäische Arm der Al-Quaida unterwegs ? Nach minutenlangen Beratungen untereinander kamen die Sicherheitsbediensteten jedoch zu der Ansicht, dass das junge Mädel wohl keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellte und man ließ die gnädigerweise in Richtung Flugsteig passieren. Dort fand dann zur absoluten Sicherheit noch einmal eine Handgepäckkontrolle statt, die sich jedoch darauf beschränkte, dass die Sicherheitsfachkraft mit einem absolut sterilen Hygienehandschuh noch nicht einmal bis zum Ellenbogen in die Tasche griff.

Das perfekte Chaos entstand, als unsere Maschine eine Stunde Verspätung hatte und zur gleichen Zeit am gleichen Gate eine Maschine nach Melbourne eingecheckt wurde. Das Personal war hoffnungslos überfordert und wusste nicht, welche Passagiere es wohin dirigieren sollte. Melbourne oder Frankfurt, ist doch eigentlich kein großer Unterschied, beides ist ziemlich weit weg.

Gegen 20.30 Uhr hob die 747 der Air India dann ab und wir sagten nicht „lebwohl, Kalifornien“, sondern „auf Wiedersehen, Kalifornien, bis bald“ Ich muss noch einmal „Hotel California“ von den Eagles bemühen: „You can check out anytime you like but you can never leave“.

Wir konnten uns an Bord des indischen Jumbo endlich wieder den reizenden Bollywood Filmen widmen, die auf einer Großleinwand unmittelbar vor unserer Nase liefen und uns schon auf dem Hinflug maßlos auf die Nerven gingen. Wenigstens gab es den Ton nur über Kopfhörer. Ich rechnete jedoch jeden Augenblick damit, dass neben mir ein Inder auftaucht, der mir eine Rose verkaufen will.

In Frankfurt mussten wir dann ein letztes Mal Gas geben, um unsere Anschlussmaschine ins Düsseldorf zu erreichen. Ein Hinweisschild sagte, dass es ca. 40 Minuten zu unserem Gate wären. Ja, für Gehbehinderte vielleicht, dachte ich. Also setzten wir uns zügigen, jedoch nicht zu schnellen Schrittes in Bewegung. Die angepeilten 40 Minuten waren meiner Auffassung nach dann doch nicht für Gehbehinderte, sondern wohl eher für austrainierte Marathonläufer gerechnet.

Nachdem wir im Flughafen eine gewisse Prominenz erreichten, da man uns bereits aufrief, kamen wir ziemlich außer Atem an unserem Flugsteig an, um dann im Flugzeug zu erfahren, dass sich der Abflug auf Grund eines klitzekleinen Triebwerkproblems um noch klitzekleinere 15 Minuten verschieben würde. Aber wir hatten Vertrauen in die Technik der Lufthansa-Maschine, die auch nicht enttäuscht wurde.

Willkommen zu Hause, am Flughafen Düsseldorf. Als erstes blickten wir in das Gesicht eines Zöllners, der, wenn er Hannibal Lecter hieße, eine Gesichtsmaske hätte tragen müssen. Der Gesichtsausdruck legte die Vermutung nahe, dass sich dieser Mensch ausschließlich von rohem Fleisch ernährt. Wir waren wohl nicht seine Geschmacksrichtung und er winkte uns unkontrolliert durch. Nicht einmal unsere Pässe wollte er sehen. Nach den Sicherheitskontrollen in Los Angeles wähnten wir uns erstmals nicht im Dunstkreis irgendwelcher dubiosen Terrororganisationen.

Dies ist nun das Ende einer außerordentlich interessanten und erlebnisreichen Reise, auf der wir vielen interessanten Menschen begegnet sind, außergewöhnliche Orte besucht haben vieles gemeinsam erlebt haben. „Life is a series of hellos and goobyes, I’m afraid it’s time for gooodbye again“.


Dienstag, 10. Juli 2007

Kalifornien 2005/2006

Abgelegt unter: Kalifornien — Juergen Langenberg @ 21:43

Bilder aus Kalifornien